Man kann sich von Nazis zu weit distanzieren

31. August 2015

, denke ich. Dieser Gedanke ist einerseits selbstverständlich, andererseits vielleicht doch nicht so naheliegend. Deswegen sollte ich ihn ein bisschen erläutern, und vorab sagen:

Ich glaube, dass es unsere moralische Pflicht ist, Menschen zu helfen, wenn wir zumutbar können, und dass alle, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und in Deutschland oder anderswo Zuflucht suchen, unsere Unterstützung, Gastfreundschaft und Sympathie verdienen. Wer diesen notleidenden Menschen mit Hass und Ablehnung begegnet, versteht weder ihre Situation, noch die eigene, und hat noch viel zu lernen.

Dennoch und gerade deshalb sollten wir uns vorsehen, diese Gruppe von irregeleiteten … Personen in unseren Gedanken zu dem Thema zu weit weg zu stellen. Anatol Stefanowitsch hat dazu diesen lesenswerten Beitrag geschrieben, der das Problem anhand des von Sigmar Gabriel gewählten Begriffs „Pack“ recht gut erläutert, wenn man sich sein wie üblich hier und da etwas zu sehr durchscheinendes Gefühl wegdenkt, durch die Richtigkeit seiner Sache zu so hemmungslosem Draufhauen legitimiert zu sein, dass das Draufhauen mitunter etwas auf Kosten der Richtigkeit geht.

Wenn wir so tun, als wären die Leute, die dagegen sind, Flüchtlinge bei uns aufzunehmen, oder sogar dafür, ihre Unterkünfte anzuzünden, gar keine Leute wie wir, sondern quasi … Untermenschen, dann schaden wir damit dem Anliegen, für das wir uns vorgeblich einsetzen. Ich habe das vor einer Weile schon mal in anderem Zusammenhang geschrieben:

Erstens ist es sachlich falsch. Menschen, die andere Menschen töten, sind Menschen. Sogar dann, wenn ihnen typische menschliche Eigenschaften fehlen, weil sie zum Beispiel unter antisozialer Persönlichkeitsstörung leiden, sind sie denkende, fühlende Lebewesen. Es ist verstehbar, warum sie so sind, wie sie sind, und sie sind in der Lage zu leiden. Die meisten von ihnen halten sich wahrscheinlich für gute Menschen (falls diese Bezeichnung überhaupt Sinn ergibt), und die meisten von ihnen halten ihre Taten für gerechtfertigt. Sie sind nicht einfach nur Monster, sie haben Gründe für ihr Handeln, und wir können diese Gründe verstehen, auch wenn wir sie vielleicht nicht immer nachfühlen können.

Und zweitens folgt daraus ziemlich offensichtlich: Wenn wir so tun, als wäre das alles anders, führt das sehr leicht dazu, dass wir falsch mit ihnen umgehen. Wenn wir nicht verstehen (wollen), warum Menschen schreckliche Dinge tun, dann nehmen wir uns damit ein wichtiges Werkzeug, sie davon abzuhalten, wenn wir anderen Lebewesen ohne guten Grund ihre Menschenrechte aberkennen (ob juristisch oder auch nur moralisch), dann führt das sehr leicht dazu, dass wir unmoralisch mit ihnen umgehen (“Todesstrafe für Kinderschänder!”), und es nimmt uns die Chance, herauszufinden, ob und wie wir sie in unsere Gesellschaft integrieren können. Idealerweise tun wir Letzteres natürlich schon, bevor sie etwas Furchtbares getan haben. Aber auch danach mag es noch möglich sein.

Und dann gibt es natürlich noch ein verbreitetes Problem, das bei derlei Äußerungen häufig mitschwingt, und das dieser Post hier ganz gut illustriert:

Ihr habt Angst Eure Kohle zu verlieren – dabei bekommt ihr sie von uns Gutmenschen als Hartz4 pünktlich jeden Monat.

Ihr wollt so gerne echte Deutsche sein – dabei schafft Ihr es nicht, auch nur einen Satz, fehlerfrei geradeaus zu sprechen.

Und ganz nebenbei, Eure Frisuren sind einfach Scheiße.
Kein Wunder dass Ihr damit keinen richtigen Frauen findet.

Dieses Problem ist ein bisschen anders gelagert, und ich denke, ich bin gerade zu faul, es besser formulieren zu wollen, als ich es vor Ort schon in meinem Kommentar getan habe:

Nazis sind nicht deshalb erbärmlich, weil sie keinen Job haben, oder keine Frau, oder weil sie von ALG 2 leben, oder weil wir ihre Frisuren nicht mögen.
Sie sind erbärmlich, weil sie Nazis sind.
Und Frauen sind keine Errungenschaften für würdige, da erfolgreiche Männer, sondern ganz eigenständige Personen.
Nun bin ich sicher, dass der Post auch gar nichts anderes sagen wollte. Aber zumindest zu mir hat er trotzdem.

Was ich damit sagen will, ist wohl etwas in der Richtung von: Die Leute, die da Unterkünfte von Vertriebenen anzünden, die Naziparolen rufen und demonstrieren, ebenso wie die Leute, die in irgendwelchen ekligen Blogs oder Zeitungen vorgeblich asylkritische Posts schreiben, sind Leute. Irregeleitete Leute, die Falsches denken, und Schlimmes tun, und zu denen wir deshalb sicher auch mal unhöflich sein dürfen, wenn die Situation es opportun erscheinen lässt. Aber sie sind doch Leute, und gerade wenn sie so laut schimpfen und gröhlen und pöbeln und zündeln wie jetzt, ist es in meinen Augen nicht der richtige Weg, zurückzuschimpfen und zu -pöbeln, und so zu tun, als wären sie gar keine wahren Schotten einfach irgendein scheußliches Gesindel, das versehentlich hier in unser eigentlich doch so schönes Deutschland gekrochen ist. Sondern zu erklären. Es besser zu machen. Die Ursachen des Problems zu bekämpfen. Das macht vielleicht nicht so viel Spaß und gibt uns weniger Gelegenheit, auf Leuten rumzuhacken, die in unseren Augen hässlich und asozial und nicht besonders eloquent sind, und uns überlegen zu fühlen. Aber es ist die Art, miteinander umzugehen, die wir doch eigentlich propagieren wollen, und von der wir der Meinung sind, dass sie der Weg zu einer besseren Gesellschaft ist.

Oder?