Ach ja, Atlas Shrugged 100%, und alle so: „Meh.“

15. Februar 2012

Es ist eigentlich schon lange her, dass ich das verfemte Ding zu Ende gelesen habe. Wochen. Monate, glaube ich. Aber ich konnte mich einfach nicht durchringen, was dazu zu schreiben, weil ich nicht wusste, was.

Lange dachte ich, ich könnte eine Parodie schreiben wie damals zu Twilight, aber allmählich wurde mir klar, dass keine jemals die Albernheit des Originals übertreffen könnte. Und dann dachte ich, irgendwas würde mir schon noch einfallen. Aber nichts.

Ganz ehrlich, und bewusst formuliert: Ich glaube nicht, dass ich jemals ein so unreifes, peinliches, lächerliches Buch gelesen habe wie Atlas Shrugged. Es kommt zu keiner Zeit sowas wie Spannung auf, es gibt keinen Humor, es gibt keine Charakterentwicklung, es gibt eigentlich nichts, außer ein paar ganz brauchbaren Zitaten. Rand selbst nimmt ihre Antagonisten zu keiner Zeit ernst, genau wie die Charaktere selbst, und da hat man als Leser natürlich keine Wahl, sich anzuschließen.

Naja, „kein Humor“ stimmt nicht ganz. Es gibt Humor, aber nur unfreiwilligen. Das beste Beispiel für mich war John Galts große Radioansprache. Die libertäre Volksfront kapert nämlich zeitweise die Radiosender der USA, damit Galt sein Anliegen erklären kann. Ich war zunächst sehr aufgeschlossen, denn Rand hat wie erwähnt durchaus ein Talent dafür, libertäre Positionen eloquent in Worte zu fassen.

„Mr Thompson will not speak to you tonight. His time is up. I have taken it over. You were here to hear a report on the world crisis. That is what you are going to hear.“

Aber dann stellte ich mit schnell nachlassender Fassung fest, dass diese Ansprache kein Ende nimmt. In der Kindle-Ausgabe, die ich gelesen habe, geht sie über 52 Seiten. Zweiundfünfzig! Galt erwähnt später, dass sie 3 Stunden gedauert hat. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Rand das ernst meinte. Und natürlich enthält diese Ansprache so schicke Soundbites wie „Morality ends where a gun begins„, aber man kann ja auch kaum so eine gewaltige Textwand verfassen, ohne ein paar schicke Soundbites reinzuschreiben. Affen und Schreibmaschinen, ihr wisst schon.

Aber sie enthält auch den typischen Rand-Blödsinn wie

„My morality, the morality of reason, is contained in a single axiom: Existence exists“

oder

„Happyness is possible only to a rational man.“

Mir drängt sich gerade der Verdacht auf, dass Thomas in Ayn Rand den Strohmann finden könnte, den er in seinem relativistischen Manifest stellenweise anzugreifen scheint. Aber das ernsthaft zu behaupten, wäre wahrscheinlich beiden gegenüber unfair, deswegen wenden wir uns schnell wieder Atlas Shrugged zu und bringen diesen diese unsägliche Schnarchtour zu Ende:

Wenn der Anführer der üblen Kommunisten zum Ende hin selbst John Galt anfleht, ihm zu sagen, was er tun soll, und ihm alles verspricht im Gegenzu dafür, dass Galt einen Befehl erteilt;

(„We want you to take over! … We want you to rule! … We order you to give orders! … We demand that you dictate!“)

wenn ein bewaffneter Wachtposten am Ende so nachdrücklich darauf besteht, keine eigene Entscheidung treffen zu müssen, dass er sich lieber von Dagny erschießen lässt;

(Calmly and impersonally, she, who would have hesitated to fire at an animal, pulled the trigger and fired straight at the heart of a man who had wanted to exist without the responsibility of consciousness.)

dann zeigt das Buch damit eine Ideen- und Bedeutungslosigkeit, die diesen Abschluss meiner Rezensionsserie dann doch wieder irgendwie passend erscheinen lässt.

„I swear – by my life and my love of it – that I will never live for the sake of another man, nor ask another man to live for mine.“

Am Fuß.