Merkel, Steuern, Bankgeheimnis, Netzneutralität, und Rundfunkgebühren als Bonus noch dazu

27. Mai 2013

Unsere Bundeskanzlerin sagt:

„Wenn wir die Menschen ermutigen wollen, ehrlich die Steuern zu  zahlen, dann ist es wichtig, dass entschieden gegen Steuerbetrug  vorgegangen wird“

Frau Merkel, das Wort, das Sie suchten, lautet „einschüchtern“, „bedrohen“ oder „zwingen“. „Ermutigen“ ist was ganz anderes. Ja, ich weiß, eine Politikerin hat einen Euphemismus benutzt, stop the presses.

Es wäre mir auch kein weiteres Wort wert gewesen, wen ich nicht den Eindruck hätte, dass dieses Missverständnis bei den Befürwortern des Staates weit verbreitet ist: Das Missverständnis, dass staatliches Handeln und staatliche Regeln per se etwas sehr Zivilisiertes wären, etwas ungemein Rationales und Moralisches, regelmäßig erkennbar an Formulierungen wie „Wir haben uns darauf geeinigt“ oder „Die Gesellschaft will“, oder so. Aber staatliches Handeln und staatliche Regeln sind das Gegenteil; sie sind der Zusammenbruch der Zivilisation und das Ende der Moral, weil sie gemäß ihrer Natur nicht (nur) mit Argumenten, sondern mit der Waffe durchgesetzt werden und sich nicht (nur) auf die Überzeugung derer gründen, die sie befolgen sollen, sondern auf die Drohung mit gewaltsamem Zwang.

Nun werdet ihr sicher denken, dass ich da oben mit dem Zusammenbruch der Zivilisation doch ein bisschen zu hoch gegriffen habe, und doch vielleicht die Kirche im Dorf lassen sollte. Dazu muss ich sagen, dass ihr natürlich recht habt, aber hey, es schrieb sich so schön schwungvoll, und wer meine mehrteilige Atlas-Shrugged-Rezension verfolgt hat, weiß, dass ich durchaus auch mal für einen zu pointierten Soundbite empfänglich bin. Also noch mal mit aktivierter intellektueller Integrität: Natürlich ist es nicht per se unzivilisiert (und man kann sogar drüber streiten, ob Zivilisiertsein überhaupt was Erstrebenswertes ist, aber das machen wir heute nicht) oder irrational, Gewalt anzuwenden. Ich bin kein Pazifist. Gewalt ist ein Mittel, um Ziele zu erreichen, und manchmal kein schlechtes. Ich gebe Frau Merkel zum Beispiel in gewisser Weise recht, und ich begreife nicht ganz, wie man als Befürworter unserer heutigen Staatsform anderer Meinung sein kann, denn natürlich muss ein Steueranspruch auch durchsetzbar sein, wenn wir ihn ernst nehmen.

Aber sie hat Konsequenzen, und ihre Legitimation als Mittel zum Erreichen bestimmter Ziele hat Konsequenzen, und wenn wir sie hinter Formulierungen verstecken, wie zum Beispiel Frau Merkel sie da oben benutzt, dann machen wir es uns leichter, das zu vergessen, und schwerer, uns aufrichtig mit der Frage auseinander zu setzen, ob Gewalt für das von uns verfolgte Ziel ein angemessenes Mittel ist.

Ist es legitim, Gewalt gegen einen Menschen einzusetzen, um einen anderen Menschen vor ihm zu schützen? Gut vertretbar, denke ich.

Ist es legitim, Gewalt gegen Menschen einzusetzen, um ein menschenwürdiges Mindesteinkommen für alle Menschen zu gewährleisten, damit niemand hungern muss und niemand auf notwendige medizinische Behandlung verzichten muss? Als letztes Mittel wohl schon, aber man sollte vorher die anderen ausgeschöpft haben.

Ist es legitim, Gewalt einzusetzen, um den Bau von Straßen zu erzwingen, um das Fernsehprogramm zu machen, das wir gerne hätten, um Opern zu finanzieren und zu gewährleisten, dass alle die Pissoirs in ihren Waschräumen in der von uns für richtig befundenen Höhe aufhängen? Hier muss ich jetzt sagen, dass ich schon die Frage unbegreiflich albern finde.

Und ich habe den Verdacht, dass für viele Unterzeichner der Petition für Netzneutralität dieses Missverständnis auch eine gewisse Rolle spielt. Denn ich sehe nicht, wie irgendjemand im Ernst vertreten kann es sei legitim, jemanden gewaltsam zu zwingen, seine Leistung, die ich gerne in Anspruch nehmen möchte, nicht zu den für ihn akzeptablen Konditionen anzubieten, sondern zu Konditionen, die ich für richtig halte und ihm deshalb oktroyieren will. Die Telekom will einen Tarif anbieten, bei dem die Datenübertragung bei Erreichen eines gewissen Volumens gedrosselt wird? Ja, okay, finde ich auch doof. Ich finde es auch doof, dass das Popcorn im Kino so teuer ist, aber deshalb bitte ich nicht jemanden mit einem Gewehr mit mir ins Kino zu kommen und den Popcornverkäufer zu zwingen, mir den Jumbo-Becher für zwei Euro zu verkaufen statt für acht.

Und das meine ich mit der überzogenen Formulierung vom Zusammenbruch der Zivilisation und dem Ende der Moral oben: Zivilisation und Moral sind das geordnete Zusammenleben von Menschen, das Befolgen bestimmter Regeln aus der Einsicht heraus, dass wir alle von einer kooperativen Gesellschaft profitieren (und wie!), und dass diese wiederum bestimmte Regeln voraussetzt.

Unser Staat aber versucht nicht (nur), andere Menschen zu überzeugen, etwas freiwillig zu tun. Er versucht nicht (nur), ihnen zu zeigen, warum es auch in ihrem Interesse liegt, dass sich alle an bestimmte Regeln halten. Er arbeite nicht (nur) mit den Werkzeugen der Vernunft und der Moral. Er schafft einen elementaren Interessenkonflikt, indem er seine Bürger bedroht und damit zwingt, gegen ihre eigenen Interessen zu handeln, wie sie sie wahrnehmen. Das ist die Kapitulation der Moral und des kooperativen Zusammenlebens zum gegenseitigen Vorteil. Es ist die Unterordnung der Interessen anderer unter meine eigenen, einfach nur durch überlegene Macht. Morality ends where a gun begins.

Das mag manchmal erforderlich sein. Wenn jemand seinen Vorteil darin sieht, mich zu erschlagen und meine Leber zu verspeisen, am Ende noch ohne Fava-Bohnen, dann ist es sicher angemessen, ihn davon mit Gewalt abzuhalten, wenn ich kann. Dann ist da eben ein elementarer Gegensatz unserer Interessen, der sich wohl nicht anders auflösen lässt, wenn ich ihm nicht gerade eine Hühnerleber als Alternative anbieten kann, die dem Vernehmen nach übrigens sowieso wesentlich besser zu Fava-Bohnen pass- aber ich schweife ab.

Wenn jedenfalls jemand mir eine Leistung anbietet, und mir seine Konditionen nicht schmecken, wenn jemand anbietet, mir beim Umzug zu helfen, aber sagt, dass er nur vier Stunden lang Zeit hat, dann ist das in meinen Augen einfach keine solche Situation, die den Einsatz gewaltsamen Zwangs rechtfertigt. Dann kann ich eben ohne ihn umziehen, oder jemand anderen fragen, oder ich kann ihm eine Gegenleistung anbieten, die dazu führt, dass es doch in seinem Interesse liegt, mir länger zu helfen, oder sonstwas. Dann gibt es diesen elementaren Konflikt erst einmal nicht, es sei denn, ich führe ihn herbei, indem ich meine Pistole ziehe und ihm sage, dass der Umzug aber sieben Stunden dauert und er gefälligst so lange mitzuschleppen hat. Und genau das macht in meinen Augen die Petition für Netzneutralität.

Ihr seht da einen grundlegenden Unterschied? Fein. Dann erklärt ihn mir bitte.


Projekt 52 Bücher (6)

24. Februar 2013

Na logo. Lebt Frank Zander eigentlich noch? Ich habe ihn ja mal persönlich kennengelernt. War profund gruselig.

Unser heutiges Thema lautet

Zitronen können nicht nur sauer sein…

Und es scheint die Meinung vorzuherrschen, das sei eine schwierige Augabe.

Kann ich gar nicht verstehen.

Und das geht so:

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We hold these truths to be self-evident

31. Mai 2012

Einerseits verstehe ich gut, woher dieser Drang kommt, Rechte objektiv begründen zu wollen. Wenn etwas objektiv wahr ist, spare ich mir (im Idealfall) eine Menge Diskussion, denn jeder, der es anders sieht, hat eben Unrecht, und das kann ich demonstrieren, und fertig. Evolution ist eine Tatsache, und wer das bestreitet, irrt sich und kann das ganz leicht für sich selbst feststellen. Wäre doch toll, wenn man genauso sagen könnte: Ich habe ein Recht auf Leben und du darfst mich nicht versklaven und unterdrücken, schau her, ich zeig dir warum.

Andererseits verstehe ich nicht, warum es nicht für jeden offensichtlich ist, dass Rechte sich nicht (in diesem Sinne) objektiv begründen lassen. Rechte sind nicht irgendwo objektiv überprüfbar vorhanden. Sie sind Konventionen, auf die wir uns einigen, oder nicht, und wenn wir uns nicht einigen, dann gibt es sie nicht. Mein Recht auf Leben (oder irgendwas anderes, es spielt keine Rolle) hängt ausschließlich davon ab, ob andere Menschen bereit sind, es zu respektieren. Deswegen störe ich mich traditionell auch ein bisschen an diesem berühmte Ausdruck „unalienable rights“ in der Unabhängigkeitserklärung der USA. Es gibt keine unalienable rights.

Aber ich schweife ab.

Eigentlich geht es darum, dass mir CK von lforliberty gerade erklären wollte, warum Objektivismus (Die Älteren werden sich erinnern, dass ich Ayn Rands Meisterwerk Atlas Shrugged nicht besonders wohlwollend besprochen habe.) gar nicht so dämlich ist, wie ich dachte. Wir haben uns dafür das Beispiel der Rechte ausgesucht. CK schrab:

Das Recht auf Leben ist das Ur-Grundrecht, alle anderen Grundrechte sind eigentlich nur Derivate dieses Rechtes.

Ich hielt das zunächst für eine gar nicht so bedeutende Meinungsverschiedenheit, weil ich nicht sofort auf Ayn Rand kam (Ich verdränge ihren Stuss mit wechselndem Erfolg.) und wies darauf hin, dass ich das nicht gan so sehe. Vor allem erkenne ich nicht, wie sich weitere Rechte aus dem Ur-Grundrecht auf Leben ableiten lassen sollten. CK wollte darüber nicht ausführlich diskutieren (was sein gutes, naja, Recht ist), wies mich aber doch auf Folgendes hin:

Der Mensch muss um leben und überleben zu können, seinen Verstand benutzen. Zwang und Gewalt behindern den Verstand. Nur wer frei von der Willkür seiner Mitmenschen ist, wer also frei denken und entsprechend den dabei erlangten Erkenntnissen handeln darf, kann würdevoll als Mensch leben. Freiheit ist geradezu überlebensnotwendig und das ist eine objektive Tatsache.

 […]

 Nun kannst Du fragen ob das Recht auf Leben nicht auch willkürlich gesetzt ist. Nein, leben zu wollen (und somit ein solches Recht für den Menschen zu postulieren) ist das natürliche Wesen des Lebens.

[…]

 Jeder Versuch das Recht des Einzelnen auf Freiheit ethisch zu begründen führt unweigerlich zum Recht auf Leben zurück.

und ergänzte zum Abschluss noch aus dem Ayn-Rand-Lexikon die Quelle dieses Gedankens:

There is only one fundamental right (all the others are its consequences or corollaries): a man’s right to his own life. Life is a process of self-sustaining and self-generated action; the right to life means the right to engage in self-sustaining and self-generated action—which means: the freedom to take all the actions required by the nature of a rational being for the support, the furtherance, the fulfillment and the enjoyment of his own life.

Und ich begreife es einfach nicht. Ich meine, ich sehe, warum dieser Gedankengang auf den ersten Blick oberflächlich schlüssig aussieht. Aber ich sehe nicht, wie man darüber etwas länger nachdenken und die gähnenden Löcher übersehen kann. Andererseits übersehe ich wahrscheinlich selbst genug gähnende Löcher, um darüber nicht staunen zu sollen. Menschen machen sowas. Und deshalb will ich erklären, was mich stört, in der Hoffnung, dass ihr mir im Gegenzug erklärt, wenn ich mich irre. (Auf das Grundproblem, dass es sinnlos ist, Rechte oder Ethik objektiv herleiten zu wollen, gehe ich dabei nicht vertieft ein. Das habe ich hier schon mal besprochen.)

Ich sehe hier in der Argumentation (um es kurz zu fassen) zwei Probleme, die das ganze völlig ad absurdum führen.

Das erste ist der Versuch, aus dem, was „natürlich“ ist, abzuleiten, was richtig ist:

leben zu wollen (und somit ein solches Recht für den Menschen zu postulieren) ist das natürliche Wesen des Lebens

Das ist der gleiche Gedanke, der hinter der Idee steht, es wäre falsch, schwul zu sein, womit ich CK nicht vorwerfe, er wäre homophob, sondern nur das Problem veranschauliche. Alles, was passiert, ist natürlich, denn wir leben in der natürlichen Welt. Mord ist natürlich. Und sogar wenn wir „natürlich“ etwas enger definieren in der Richtung von „üblich“ oder „die Regel“, führt von dort immer noch kein rationaler Schluss zu „… also ist es auch richtig so“.

Das zweite Problem ist die versteckte Zusatzannahme. Im Rand-Lexikon wir die Taschenspielerei besonders dreist durchgeführt, deswegen zitiere ich das noch einmal:

Life is a process of self-sustaining and self-generated action; the right to life means the right to engage in self-sustaining and self-generated action

Hier passiert es jetzt gleich, genau hier, passt auf: Equivocation fallacy würde man wohl auf Englisch sagen, und auf Deutsch kenne ich den Begriff nicht. Es stimmt, man könnte Leben als selbsterhaltend und selbstgenerierend bezeichnen, wenn man es wollte, obwohl „action“ für meinen Geschmack viel zu sehr eine Intention unterstellt. Bakterien und Pilze und Pflanzen sind auch am Leben, aber sie führen keine „Actions“ aus, oder? Aber das ist noch nicht alles:

which means: the freedom to take all the actions required by the nature of a rational being for the support, the furtherance, the fulfillment and the enjoyment of his own life.

Habt ihr’s gemerkt? Ich mache es noch mal in Zeitlupe:

Zunächst mal gibt es das Recht auf Leben, weil [Hust, Räusper, Murmel], und Leben schließt Freiheit mit ein, weil … Leben Freiheit mit einschließt. Und weil daraus folgt, dass Leben Freiheit mit einschließt, lässt sich aus dem Recht auf Leben das Recht auf Freiheit ableiten! Ta-daaa!

Das Recht auf Leben wird also zunächst einmal mittels naturalistischen Trugschlusses aus dem Hut gezogen, um anschließend per petitio principii „Leben“ zu definieren als „selbstbestimmtes, freies […] Leben“, und schon können wir stolz präsentieren, dass wir aus unserer vorweggenommenen Schlussfolgerung unser Schlussfolgerung schlussgefolgert haben. Und die Equivocation fallacy verwischt das Ganze noch ein bisschen, indem sie den Eindruck erweckt, Leben als chemische Reaktion (self-sustaining und so weiter) sei identisch mit dem, was Mensch tun, um sich selbst am Leben zu erhalten (also arbeiten, Brot backen und so).

Wie gesagt: Ich freue mich, wenn ihr mir erklären könnt, wo ich mich irre. Ich fände es toll, wenn sich herausstellen sollte, dass wir alle ein objektiv unbestreitbares Recht auf Leben und Freiheit und Gummibärchen haben (Ich finde, ein Leben ohne Gummibärchen ist keins.). Aber bis dahin fürchte ich, dass wir den harten Weg gehen müssen: Wenn wir andere davon überzeugen können, dass es ganz subjektiv in ihrem Interesse ist, wenn Menschen einander bestimmte Rechte zugestehen, dann können wir auf diese Weise unser Forderungen rechtfertigen. Und wenn die anderen andere Interessen haben, oder das zumindest glauben, dann haben wir mit Zitronen gehandelt und hätten vielleicht immer noch gerne unsere Rechte, aber wir haben sie nicht. Jedenfalls nicht objektiv.

Oder?


You’re either good at running the mills, or you’re good at running to Washington

9. Mai 2012

„It’s a moral imperative, universally conceded in our day and age, that every man is entitled to a job.“ His voice rose. „I’m entitled to it!“
„You are? Go on, then, and collect your claim.“
„Uh?“
„Collect your job. Pick it off the bush where you think it grows.“
„I mean-“
„You mean that it doesn’t? You mean that you need it, but can’t create it? You mean that you are entitled to a job which I must create for you?“
„Yes!“
„And if I don’t?“

Ich mag Ayn Rand ja wirklich nicht besonders, aber ein weiser Professor hat mir mal gesagt, dass jedes Buch irgendwo auch etwas Gutes und Wahres enthält, wenn man nur Willens ist, es zu finden. Und wenn jemand ein so langes, langes, langes, langes, laaaaaaaanges, laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanges Buch schreibt wie „Atlas Shrugged“ dann kommt sie offenbar trotz multipler Inkompetenz nicht ganz umhin, dabei auch ein paar ganz treffende Dinge einzustreuen. Und so kommt es öfter mal vor, dass mich Aspekte aktueller Politik an Atlas Shrugged erinnern. Meistens verschweige ich die Assoziation, weil mir peinlich ist, dass ich das das Buch gelesen habe, aber heute mache ich mal eine Ausnahme.

Dabei geht es vielleicht zu eurer Überraschung nicht direkt um das Recht auf Arbeit, wie es zum Beispiel in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht, noch um deutsches Arbeitsrecht, über das ich möglichst wenig schreibe, weil es doch doof wäre, wenn ich in meinem zarten Alter bereits von einem Herzinfarkt dahingerafft würde, oder von explosivem Brechdurchfall, und es geht nicht mal um den Mindestlohn. Der Bezug zu unserem heutigen Thema ist wesentlich raffinierter subtiler cleverer abwegiger: Es geht um Verbraucherschutz.

Es gibt zwar sicher andere Politikbereiche, die nach objektiven Maßstäben weitaus schädlicher sind, wie etwa unsere vielen Kriege, ob gegen Terror oder Drogen, aber an schierer Würdelosigkeit kann es meiner Meinung nach kaum ein Aspekt unserer Gesetzgebung mit dem Verbraucherschutz aufnehmen.

 „Die Bundesregierung muss die Dispozinsen endlich gesetzlich deckeln“, fordert der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbandes, Gerd Billen. 

Genau, denn wo kämen wir hin, wenn wir einfach andere Leute entscheiden ließen, was sie als Gegenleistung dafür fordern, dass wir ihr Geld ausgeben? Das Verbraucherschutzministerium sieht das verständlicherweise ähnlich, denn erstens beziehen diese Leute ja ihre ganze Daseinsberechtigung daraus, andere zu entmündigen, und zweitens tun sie den ganzen Tag nichts anders, als ohne Gegenleistung das Geld anderer Leute auszugeben.

Ein Sprecher des Bundesverbraucherschutzministeriums sagte am Dienstag in Berlin, die enormen Unterschiede zwischen den niedrigen Leitzinsen, von denen die Banken profitieren, und den vergleichsweise hohen Dispozinsen seien „ein Ärgernis“. 

Und was braucht der moderne Rechtsstaat sonst noch, um in die Freiheit seiner Untertanen einzugreifen, als ein Ärgernis? Der EU genügt es als Begründung für Zwangsmaßnahmen ja auch, wenn sie mit der Preisentwicklung nicht zufrieden ist, warum sollte die Bundesregierung da andere Maßstäbe anlegen?

Ich würde vorschlagen, dass Frau Aigner dann doch einfach selbst jedem Bedürftigen zu einem von ihr als angemessen empfundenen Zinssatz das benötigte Geld ohne Bonitätsprüfung oder sonstige Informationen zur Verfügung stellt. Sie scheint ja der Meinung zu sein, dass das ein profitables Geschäft wäre, und ich würde ihr das Zusatzeinkommen gönnen. Andererseits halte ich mich da vielleicht lieber zurück, denn ich sehe die Gefahr, dass sie es wirklich tut. Natürlich nicht mit ihrem eigenen Geld, sondern mit unserem.


Ach ja, Atlas Shrugged 100%, und alle so: „Meh.“

15. Februar 2012

Es ist eigentlich schon lange her, dass ich das verfemte Ding zu Ende gelesen habe. Wochen. Monate, glaube ich. Aber ich konnte mich einfach nicht durchringen, was dazu zu schreiben, weil ich nicht wusste, was.

Lange dachte ich, ich könnte eine Parodie schreiben wie damals zu Twilight, aber allmählich wurde mir klar, dass keine jemals die Albernheit des Originals übertreffen könnte. Und dann dachte ich, irgendwas würde mir schon noch einfallen. Aber nichts.

Ganz ehrlich, und bewusst formuliert: Ich glaube nicht, dass ich jemals ein so unreifes, peinliches, lächerliches Buch gelesen habe wie Atlas Shrugged. Es kommt zu keiner Zeit sowas wie Spannung auf, es gibt keinen Humor, es gibt keine Charakterentwicklung, es gibt eigentlich nichts, außer ein paar ganz brauchbaren Zitaten. Rand selbst nimmt ihre Antagonisten zu keiner Zeit ernst, genau wie die Charaktere selbst, und da hat man als Leser natürlich keine Wahl, sich anzuschließen.

Naja, „kein Humor“ stimmt nicht ganz. Es gibt Humor, aber nur unfreiwilligen. Das beste Beispiel für mich war John Galts große Radioansprache. Die libertäre Volksfront kapert nämlich zeitweise die Radiosender der USA, damit Galt sein Anliegen erklären kann. Ich war zunächst sehr aufgeschlossen, denn Rand hat wie erwähnt durchaus ein Talent dafür, libertäre Positionen eloquent in Worte zu fassen.

„Mr Thompson will not speak to you tonight. His time is up. I have taken it over. You were here to hear a report on the world crisis. That is what you are going to hear.“

Aber dann stellte ich mit schnell nachlassender Fassung fest, dass diese Ansprache kein Ende nimmt. In der Kindle-Ausgabe, die ich gelesen habe, geht sie über 52 Seiten. Zweiundfünfzig! Galt erwähnt später, dass sie 3 Stunden gedauert hat. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Rand das ernst meinte. Und natürlich enthält diese Ansprache so schicke Soundbites wie „Morality ends where a gun begins„, aber man kann ja auch kaum so eine gewaltige Textwand verfassen, ohne ein paar schicke Soundbites reinzuschreiben. Affen und Schreibmaschinen, ihr wisst schon.

Aber sie enthält auch den typischen Rand-Blödsinn wie

„My morality, the morality of reason, is contained in a single axiom: Existence exists“

oder

„Happyness is possible only to a rational man.“

Mir drängt sich gerade der Verdacht auf, dass Thomas in Ayn Rand den Strohmann finden könnte, den er in seinem relativistischen Manifest stellenweise anzugreifen scheint. Aber das ernsthaft zu behaupten, wäre wahrscheinlich beiden gegenüber unfair, deswegen wenden wir uns schnell wieder Atlas Shrugged zu und bringen diesen diese unsägliche Schnarchtour zu Ende:

Wenn der Anführer der üblen Kommunisten zum Ende hin selbst John Galt anfleht, ihm zu sagen, was er tun soll, und ihm alles verspricht im Gegenzu dafür, dass Galt einen Befehl erteilt;

(„We want you to take over! … We want you to rule! … We order you to give orders! … We demand that you dictate!“)

wenn ein bewaffneter Wachtposten am Ende so nachdrücklich darauf besteht, keine eigene Entscheidung treffen zu müssen, dass er sich lieber von Dagny erschießen lässt;

(Calmly and impersonally, she, who would have hesitated to fire at an animal, pulled the trigger and fired straight at the heart of a man who had wanted to exist without the responsibility of consciousness.)

dann zeigt das Buch damit eine Ideen- und Bedeutungslosigkeit, die diesen Abschluss meiner Rezensionsserie dann doch wieder irgendwie passend erscheinen lässt.

„I swear – by my life and my love of it – that I will never live for the sake of another man, nor ask another man to live for mine.“

Am Fuß.


Philoso1(2) / Ayn Rand kommt selten allein (65%) / Driving home for Christmas

24. Dezember 2011

Ja… Erklärt sich eigentlich von selbst, und ich fand es irgendwie passend, zu einer Zeit, zu der niemand im Internet unterwegs ist, etwas zu veröffentlichen, das niemand hören will.

Echt jetzt. Ist nicht schön. Nur für fanatische Fans, die gerne was hören wollen, um sich zu schämen, während sie Geschenke einpacken. Oder so.

Downloaden könnt ihr das Ganze natürlich auch, und mein Gesang stammt ursprünlich von Funny van Dannen und heißt natürlich „Das Gras vor meinem Fenster“. Wunderbarer Typ, Album kaufen, eignet sich auch prima als Last-Minute-Geschenk, finde ich.

Ich wünsche allen Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest.


Ayn Rand kommt selten allein: 32%

12. November 2011

So, jetzt ist natürlich schon ein bisschen mehr passiert als beim letzten Mal. Und eigentlich doch nicht. (Ich spreche keine Spoilerwarnung aus, weil ich die grundsätzlich nicht mag und es in dem Buch auch wahrhaftig nichts zu spoilen gibt, aber falls ihr das anders seht, betrachtet euch bitte als gewarnt.)

Hank Rearden und Dagny Taggart haben ihre Eisenbahnstrecke aus Rearden Metal gebaut, und es war ein spektakulärer Erfolg. Sie haben einen unvollständigen Prototypen eines Motors gefunden, der eine billige und unbegrenzte Energiequelle verwendet und die Menschheit auf eine völlig neue Entwicklungsstufe heben könnte. Es sah so aus, als wäre die trostlose Welt Ayn Rands auf dem Weg in eine glänzende Zukunft. Sie hatten sogar Sex. (Nebenbei: Eine sonderbare Einstellung scheint die Autorin zu dem Thema zu haben.

Hank: „[…]You’re as vile an animal as I am. I should loathe my discovering it. I don’t. Yesterday, I would have killed anyone who’d tell me that you were capable of doing what I’ve had you do.[…]“

Dagny: „[…] I am an animal who wants nothing but the sensation of pleasure which you despise […] You’ll have me any time you wish, anywhere, on any terms.“

Sicher, man sollte im Allgemeinen nicht unbedingt von den Worten der Protagonisten auf die Meinung der Autorin schließen, aber erstens bentutzt Rand ihre Figuren dauernd als Sprachrohr, um uns Vorträge darüber zu halten, wie der Hase zu laufen hat, und zweitens ist es doch einfach merkwürdig, dass die beiden – dazu gleich noch mehr – offensichtlichen, unangefochtenen, makellosen und penetrant ungebrochenen Helden dieses Romans ganz selbstverständlich Geschlechtsverkehr als etwas Niedriges, Schmutziges, Unappetitliches ansehen beschreiben [korrigiert auf CKs völlig berechtigten Hinweis, dass Dagny Sex eigentlich gar nicht schmutzig findet], und die völlige Unterwerfung der Frau unter den Mann dabei nebenbei voraussetzen, ohne dass man es auch nur explizit thematisieren müsste. Ja. Na gut, ich weiß, in den Zitaten da klingt es schon ziemlich explizit, aber eben nicht thematisiert, wenn ihr wisst, was ich meine. Wisst ihr? Naja.)

Aber die Schurken waren natürlich auch nicht untätig: Die Equalization of Opportunity Bill hat es illegal gemacht, mehr als ein Geschäft zu betreiben, und das Fair Share Law zwingt Rearden, jedem einen gerechten Anteil an seinem neuen Metall zu liefern, und schränkt auch Dagnys Möglichkeiten ein, die neue Strecke aus Rearden Metal auszunutzen, denn natürlich darf jetzt auch keine Eisenbahngesellschaft auf einer Strecke mehr Züge einsetzen als andere Gesellschaften auf anderen Strecken.

Weil sie deshalb jetzt nicht mehr genug von Ellis Wyatts Öl transportieren kann (und der eh nicht mehr so viel produzieren darf, denn das wäre ja unfair gegenüber den anderen Ölproduzenten), hat Wyatt genug, zündet seine Felder an und verschwindet.

Und so weiter.

Es ist also eine ganze Menge los, und irgendwie ist mir manches auch immer noch sympathisch. Diese vielen Gleichheits- und Gerechtigkeits- und Fairnessgesetze erinnern in ihrer Dummheit und Widerwärtigkeit natürlich schon an gewisse Tendenzen der aktuellen politischen Debatte (*Räusper*Frauenquote*Hust*“) oder auch bereits bestehender Regelungen (AGG, irgendjemand?).

Trotzdem macht das Lesen keinen Spaß, und trotzdem ist und bleibt Atlas Shrugged ein furchtbar dämliches Buch, denn obwohl ganz viel passiert, gibt es eigentlich keine Handlung, denn es gibt keine Entwicklung. Nach wie vor glänzen die Helden und sind fehlerfrei, und nach wie vor sind die Schurken finstere, korrupte, erbärmliche, rückgratlose, lächerlich dumme Gestalten, die nicht mal einen Satz sprechen können, ohne den unsinnigen Prämissen ihrer eigenen Scheinmoral zu widersprechen. Und natürlich sieht man ihnen sofort am Gesicht an, wes Geistes Kind sie sind.

The man who sat in front or Rearden’s desk had vague features and a manner devoid of all emphasis, so that one could form no specific image of his face nor detect the driving motive of his person.

Und dann sagen sie eben Sachen wie:

„At a time of desperate stell shortage, we cannot permit the expansion of a steel company which produces too much […] If Rearden Metal is not good, it’s a physical danger to the public. If it is good it’s a social danger.“

oder

„Motor? What motor, Miss Taggart? I had no time for details. My objective was social progress, universal prosperity, human brotherhood and love. Love, Miss Taggart. That is the key to everything.“

oder wie Reardens Mutter, als er sich weigert, seinem Bruder einen Job zu geben:

„You’re the most immoral man living – you think of nothing but justice!“

Hoho, wie entlarvend. Selbstentlarvend, sogar. Geht’s noch cleverer?

Und die Guten… Naja, ihr wisst schon:

He was an elderly man with a slow, firm manner and a look of bitterness acquired not in blind resentment, but in fidelity to clear-cut standards.

Und:

„No, Mr Rearden, it’s one or the other. The same kind of brain can’t do both. Either you’re good at running the mills or you’re good at running to Washington.“

Mit anderen Worten, und ich vermute, ich werde das noch oft sagen, und ziemlich bald werden mir die anderen Worte ausgehen: Ayn Rand macht genau die Fehler, die mir auch Terry Goodkind verleiden. Ihre Geschichte ist eine einzige Predigt, ihre Charaktere sind grobe Kartonschnitte, und jeder Satz in ihrem Text ist billigste, offensichtliche Exposition, die dem Leser erklärt, was gut ist, und was böse.

Wie wird das wohl alles enden?

Wer ist John Galt?

Und wer will das eigentlich noch wissen?