The best lack all conviction, while the worst are full of passionate intensity

22. April 2010

Ich hatte ja schon ein bisschen was von meinen Bewerbungserlebnissen geschrieben. Mir fällt dabei immer wieder auf, dass es im Grunde nur zwei Arten von Bewerbungen gibt, mit ein paar Abstufungen dazwischen: Die eine ist so lieblos geschrieben, dass man zweifelt, ob der Absender überhaupt Interesse an der Stelle hat. (Einige sind ja wirklich auf eine Ablehnung aus, um ihre Verpflichtung gegenüber der Arbeitsagentur formal zu erfüllen. Und bevor mich jetzt jemand mit Hitler vergleicht: Ich weiß das, weil einige es mir ausdrücklich gesagt haben.) Sie sind offensichtlich mehrfach kopiert, manchmal mit Kaffeeflecken oder handschriftlichen Korrekturen, die gefühlte Hälfte der Wörter ist falsch geschrieben und manche Sätze hören einfach mittendrin auf.

Die anderen klingen zum Beispiel so:

„Der Beruf des Raumpflegeassistenten war schon immer mein Wunschberuf. Ich habe große Freude am Umgang mit anderen Menschen und wäre durch meine Teamfähigkeit und selbstständige Arbeitsweise sicher eine Bereicherung für Ihr Unternehmen.“

Kein Inhalt, kein Schwung, keine Information, nur Gelaber.

Die erste Variante zeugt gewissermaßen von zu viel Selbstvertrauen, die zweite eher von keinem. Beides macht – zumindest auf mich – überhaupt keinen guten Eindruck. Ich weiß, dass es da draußen eine Menge Personalverantwortliche gibt, die genau die langweiligen, konformistischen, bornierten, bigotten, kleinkarierten und pedantischen Bleistiftschieber sind, für die die Bewerbungsberater sie halten. Deswegen bitte ich, dieses kleine Gedankenspiel hier nicht als Empfehlung zu nehmen, sondern eher als – ah, vielleicht eine Art Gedankenanstoß. Ich habe eine Bewerbung geschrieben, die mich wirklich beeindrucken würde und mich nahezu unabhängig von der Konkurrenz und der formalen Qualifikation des Bewerbers dazu brächte, ihn zu einem Gespräch einzuladen:

„Sehr geehrter Herr Silberstreif,

Ihre Stellenanzeige in der Warensbütteler Wochenblattfanfarenweltzeitungsrundschau habe ich mit verhaltenem Interesse gelesen. Ich kann mir noch nicht richtig vorstellen, worum es überhaupt geht, aber die Darstellung auf Ihrer Homepage fand ich ziemlich sympathisch, deswegen würde ich mich gerne vorstellen, um mal zu schauen, ob das was für mich ist.

Ich habe mich im Vorfeld noch nicht besonders eingehend über den Beruf des Löwendompteurfahrermundschenkassistenzgehilfen informiert, weil ich davon ausgehe, dass Sie mir im Bewerbungsgespräch ohnehin erzählen werden, was ich für Sie tun kann. Wenn wir uns gut verstehen, macht es mir vielleicht sogar Spaß, aber in der Hauptsache geht es mir darum, dass ich Geld brauche. Ich werde Ihnen jetzt nicht irgendwelchen Bullshit darüber auftischen, wie unbändig ich mich auf die Chance freue, bei Ihnen den Kopierknecht zu machen, weil Sie genauso gut wie ich wissen, dass mir spontan vier Dutzend Dinge einfallen, die ich lieber täte, als einer geregelten Arbeit nachzugehen, aber Dienst ist Dienst, und wenn ich schon mal da bin, dann mache ich auch was draus, versprochen.

Direkter Kundenkontakt geht mir ziemlich auf die Nerven, aber das halte ich schon aus, wenn es nicht überhand nimmt, und auch sonst mache ich eigentlich alles mit. Wenn es Sie nicht stört, dass ich es noch nie geschafft habe, mal eine Stunde am Stück zu arbeiten, ohne dass mein Google-Reader oder YouTube mich mit irgendeiner putzigen Kleinigkeit abgelenkt hätte, dann laden Sie mich doch ein, und wir schauen mal, ob wir uns einig werden.

Mit freundlichen Grüßen …“

Na gut. Hier und da müsste man noch ein bisschen feilen, und sicher könnte man diesem Bewerber auch mit Recht ein bisschen zu viel gesundes Selbstvertrauen vorwerfen, aber verdammt noch mal, er ist ehrlich, er hat sein Anschreiben frei verfasst, und er hat mich ein oder zwei Mal zum Schmunzeln gebracht. Damit fällt es schon kaum noch ins Gewicht, dass es auch hier vielleicht ein bisschen am Inhalt fehlt, denn damit ist seine Bewerbung auf Anhieb schon mal um Längen interessanter als buchstäblich jede andere, die ich bisher gelesen habe.