Säulen. Schon Scheiße.

16. Juni 2012

Ein Spruch, den mein Vater gerne und oft zitierte, wenn er bereits am Anfach einer Sache untrügliche Anzeichen sah, dass daraus nichts werden konnte. Niemand außer uns verstand diesen Spruch, und konnte auch niemand (Naja, die Grundaussage war natürlich klar.), weil er auf ein echtes Erlebnis zurückzufahren war. Er hatte in einem Theater irgendwas sehen wollen, ich weiß nicht mehr, welches Stück, und gerade als der Vorhang sich öffnete und für einen Moment Stille herrschte, kam verspätet noch ein älteres Ehepaar herein, dessen männlicher Bestandteil die Kulisse auf der Bühne mit eben diesen Worten recht laut und deutlich kommentierte. Die Schauspieler, die wenig später auftraten, hatten ihn nicht gehört und waren deshalb sehr verwirrt, von lautem Gelächter begrüßt zu werden.

Ich weiß nicht, ob das wirklich so passiert ist, aber der Spruch ist für mich jedenfalls eine stehende Redewendung, außerhalb meiner Familie aber meines Wissens völlig unbekannt. Falls ihr auch damit vertraut seid, wäre ich euch für einen Hinweis sehr dankbar. Ich lerne ja immer gern dazu.

Warum ich das schreibe: Ich bin gerade berufsbedingt in Augsburg, und in meinem Hotel lagen kostenlose Ausgaben der Augsburger Allgemeinen rum. Ich schlug eine auf, sah ein kurzes „Porträt“, verfasst von Birgit Holzer und überschrieben mit:

Die Provokateurin – Christine Lagarde, die Chefin des Währungsfonds, spricht gerne Klartext. Auch wenn es nicht jedem gefällt

Und ich dachte: Säulen. Schon Scheiße.

Ich weiß nicht viel über Frau Lagarde und ihren Währungsfond. Insbesondere weiß ich nicht, ob alles so schlimm ist, wie Michalis Pantelouris schreibt („Man weiß, dass man Recht hat, wenn der IWF sauer ist.„). Aber wenn Medien im Zusammenhang mit einer Person des öffentlichen Interesses den Begriff „Klartext“ verwenden, kann man erfahrungsgemäß hohe Wetten zu sehr ungünstigen Quoten abschließen, dass diese Person (mindestens) in ihrem öffentlichen Auftreten ein ausgesprochen scheußliches Verhalten an den Tag legt. So auch hier. Frau Lagarde habe nie das politische Phrasendreschen gelernt, verfüge aber über

ein souveränes Auftreten, Sachverstand und Verhandlungsgeschick. […] Und sie sprcht Klartext. Mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen, aber entschlossen.

Soso. Wie sieht das wohl aus, wenn Frau Lagarde charmant lächelnd im Klartext „den Griechen […] die Leviten“ liest (übrigens auch so eine Formulierung, die selten im Zusammenhang mit klugen Äußerungen verwendet wird)?

Mitgefühl habe sie für Dorfkinder in Niger, die zwei Stunden Unterricht pro Tag erhalten und sich zu dritt einen Stuhl teilen müssen [wtf? Verstehe ich das nur nicht, oder ist das vollkommen lächerlicher Blödsinn?]. Sie bräuchten mehr Hilfe als die Bevölkerung in Athen.

Wenn eine Journalistin so etwas für „Klartext“ hält, hat sie ihren Beruf verfehlt Arbeit nicht besonders gut gemacht. Das ist Bullshit. Bei der Frage, wie wir mit der Krise in Griechenland umgehen, geht es nicht darum, mit wem Frau Lagarde am meisten Mitgefühl hat (Ich zum Beispiel habe Mitgefühl mit Leuten, die gerade von hungrigen Bären zerrissen werden. Die brauchen mehr Hilfe als Dorfkinder im Niger.), und es geht auch nicht um die Hilfsbedürftigkeit einzelner Griechen. Es geht um ein Problem, das aufgrund der Konstitution der EU leider uns alle betrifft, und für das wir eine Lösung suchen. Wenn Frau Lagarde meint, diesen Prozess durch blödsinnige Vergleiche und Provokation verkomplizieren zu müssen, dann soll sie das von mir aus tun, es geht ja auch sonst niemand vernünftig mit der Sache um, aber man muss das als Zeitung nicht noch lobend hervorheben, als hätte sie eine mutige Großtat vollbracht.

Noch ein Beispiel für den Klartext, den die Augsburger Allgemeine so bewundert? Bitte sehr:

Wäre die US-Bank „Lehman Borthers“, deren Pleite 2008 die Finanzwelt erschütterte, eine von Frauen geführte Bank „Lehman Sisters“ gewesen, wäre es wohl nie so weit gekommen, meinte Madame Lagarde – männliche Maßlosigkeit trage mit Schuld an der Krise. […] Der Mangel an politischer Korrektheit [Bingo!] mag mit Lagardes Weg in die Politik zu tun haben […]

Das muss man doch wohl noch sagen dürfen.

1,70 € hätte diese Ausgabe der Augsburger Allgemeinen gekostet, wenn ich sie gekauft hätte. Für The Avengers haben wir (2D, mit Popcorn, Wasser und M&Ms) gestern Abend 38,50 bezahlt. Woran man erkennt: Hin und wieder gibt es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen höherem Preis und besserem Journalismus.