Vom Mutigsein

12. Februar 2017

„Lasst uns mutig sein“, beendet [Steinmeier] seine erste Rede als gewählter Präsident. „Dann ist mir um die Zukunft nicht bange.“

Wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, ist mir das mit dem Mutigsein sowieso schon nicht ganz klar, und gerade im Zusammenhang mit einer Bundespräsidentenwahl kommen mir derlei Formulierungen immer besonders absurd vor, weil ich jede solche als ein Fanal der Mutlosigkeit von allen Seiten empfinde, solange keine der Beteiligten es über sich bringt, diese immer noch übliche ehrfurchtsvolle Untertanenhaltung fallen zu lassen und über das unwürdige Spektakel so zu berichten, wie es angemessen wäre, nämlich weit hinten an unauffälliger Stelle, und möglichst spöttisch. Aber ich schätze, darüber können wir lange streiten, und ich bin gerade gar nicht so streitlustig, deswegen setze ich den Fokus dieses Posts mal woanders hin, wo wir mutmaßlich einen Konsens erreichen, nämlich darüber, dass Thorsten Denkler beim Verfassen seines Beitrags für die Süddeutsche Zeitung anscheinend der Mittextremismus soweit durchgegangen ist, dass er die Kontrolle über seine Denk- bzw. Schreibprozesse großteilig verloren hat. Von der oben zitierten Stelle leitet er nämlich über zu:

Wir [sic] schwer das manchen fällt, zeigt sich zwei Stunden zuvor, als Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Eröffnungsrede seinen Dank an den scheidenden Bundespräsidenten Joachim Gauck richtet. Sofort brandet spontaner Beifall auf. Irgendwann stehen alle. Alle, bis auf die Entsandten von AfD und Linken.

Und obwohl ich sicherlich äußerst unverdächtig bin, zu einer dieser beiden Gruppen besondere Sympathie zu hegen, regt sich in diesem Moment doch ein bisschen davon, und ich denke: Immerhin. Herr Gauck ist zwar sicher nicht der schlimmste Mensch der Welt, aber ich wüsste auch nicht, womit er stehenden Applaus verdient hätte, und ich finde, man entwertet diese besondere Beifallsbekundung, wenn man sie an so Leute wie Bundespräsidenten vergibt.

Herr Denkler sieht das anders, und zwar, wie ich finde, wirklich spektakulär originell anders:

Es war ist [sic] merkwürdiges Bild, wie sich da diese beiden Parteien am linken und rechten Rand des politischen Spektrums in der Abneigung zu Gauck vereint zeigen. Sie sind offenbar nicht mal mutig genug, sich aus purer Höflichkeit von den Plätzen zu erheben.

Alter.

Herr Denkler.

Ist es jetzt in Ihren Augen wirklich schon so weit, dass wir unter „mutig“ verstehen, sich so wie alle anderen zu verhalten, nicht aus der Reihe zu tanzen, sich „aus purer Höflichkeit“ dem Gruppenzwang zu beugen und Begeisterung zu heucheln für eine Sache, der man ablehnend bis feindlich gegenüber steht?

Ich will nicht unken, aber ich habe den Verdacht, dass das durchaus die Art Mut sein könnte, an die auch Herr Steinmeier in seiner Rede gedacht hat.

Aber ich hoffe, dass ich ihm Unrecht tue, und dass wir jedenfalls der derzeit doch eher nicht nur strahlend aussehenden Zukunft mit einer anderen Haltung entgegentreten, die meinetwegen nicht mal übermäßig mutig sein muss, aber doch bitte auch nicht so duckmäuserisch, angepasst, unkritisch und mitläuferisch wie manche – Ja, SZ, dich guck ich an! – es sich anscheinend wünschen. Ich würde jedenfalls ganz gerne in einer Gesellschaft leben, in der es als okay und manchmal geboten gilt, sitzen zu bleiben, auch wenn alle anderen stehen, und in der man aufrichtig sagt, wenn man Kasperkram für Kasperkram hält, und sich dafür entscheiden kann, ihn nicht mitzumachen, ohne dafür öffentlich als Feigling beschimpft zu werden.


Wer braucht eigentlich Würde?

17. November 2013

Und wozu? Echt jetzt. Ich kann mich nicht erinnern, wann mir das Konzept mal im Rahmen einer sinnhaften Argumentation untergekommen oder auch nur schlüssig definiert worden wäre. Würde als Beschreibung eines bestimmten Habitus‘ kann ich gerade noch durchgehen lassen, aber in ihrer nebulös-magischen Anrufung etwa als „Menschenwürde“ ist sie mir schon lange nicht mehr nur suspekt.

Ein zugegebenermaßen sehr zu Gunsten meiner Position ausgewähltes Beispiel: Der Bundespräsident. Dessen Würde war gerade vor ein paar Tagen Thema in einer FAZ-TV-Kritik, und ich würde das gerne einmal mit euch durchsprechen, um zu sehen, ob ich es nur einfach nicht raffe, oder ob das wirklich alles Quark ist.

Frank Lübberding schreibt dort:

Maybrit lllner fragte nämlich: „Präsidenten vor dem Richter. Gerechtigkeit für Wulff und Hoeneß?“ […] Offenkundig kommt kaum noch jemand auf die Idee, zwischen einem Manager aus der Unterhaltungsindustrie und dem Staatsoberhaupt dieses Landes zu unterscheiden.

Und man muss zugeben: Ja gut. Das sind schon zwei sehr unterschiedliche Positionen. Der eine von den beiden hat einen echten Job, von dem viel abhängt, er muss echte Leistung bringen für sein Geld, und trägt eine hohe Verantwortung, wohingegen der andere … Staatsoberhaupt dieses Landes ist.

Ja, pardon, ich weiß, aber das musste sein, und ist doch so, und wird man doch wohl noch sagen dürfen.

Aber mal im Ernst: Was meint Frank Lübberding? Welche Unterscheidung fordert er ein? Es gibt vielleicht einen Kontext, in dem diese Unterscheidung einen gewissen Sinn ergäbe: Der Bundespräsident ist ein Staatsorgan. Er bekommt sein Geld vom Staat und muss sich damit vor der gesamten Bevölkerung verantworten, wenn er die damit verbundene Aufgabe, worin auch immer die bestehen mag, nicht angemessen erfüllt, wie immer er das auch machen sollte. Der Funktionär eines Unternehmens ist vielleicht eher nur den Leuten verantwortlich, denen dieses Unternehmen gehört, vielleicht auch noch dessen Kunden und Mitarbeitern und sonstigen Stakeholdern, aber irgendwann ist halt Schluss. Aber auch das finde ich nicht recht überzeugend, denn beide sollen gegen Strafgesetze verstoßen und damit etwas getan haben, das nach Auffassung des Gesetzgebers ein Vergehen gegen das gesamte Volk ist. Welcher Unterschied also?

Auch Lübberdings weitere Argumentation lässt Ungutes erahnen. Er schreibt, der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki habe zwar Hoeneß als „arme Sau“ betitelt, nicht aber Wulff, und meint dazu:

Kubicki gewährte Wulff damit jenen Rest an Würde, der einem ehemaligen Staatsoberhaupt zugestanden werden muss, sich nämlich nicht nur als Opfer zu begreifen. Das Amt verträgt sich nicht mit dieser Rolle des Wehrlosen.

Liegt es an mir, oder kann man das nur so lesen, dass einem ehemaligen Staatsoberhaupt ein „Rest an Würde“ zusteht, anderen Menschen aber nicht? Dass es okay ist, einfache Bürger „nur als Opfer zu begreifen“, und ihnen die „Rolle des Wehrlosen“ zuzuweisen, aber bei ehemaligen Staatsoberhäuptern plötzlich inakzeptabel wird?

Liegt es an mir, oder findet ihr das auch ziemlich eklig?

Für Wulff gilt protokollarisch nicht ohne Grund immer noch die Anrede „Herr Bundespräsident“.

Ahja. Nicht ohne Grund. Ich bin gespannt.

 Er übt das Amt zwar nicht mehr aus, aber der Ehrensold und die Büroausstattung gelten nicht ihm persönlich, sondern der Würde dieses Staates, den er immer noch repräsentiert.

Wie jetzt? Der Ehrensold gilt der Würde dieses Staates? Dann kriegt Wulff den gar nicht auf sein privates Konto? Naja, doch. Dann kann er persönlich nicht damit machen, was immer er für richtig hält? Naja, doch. Was genau soll das bedeuten, dass dieser Kram „nicht ihm persönlich“ gilt?

Und inwiefern repräsentiert Christian Wulff die Bundesrepublik Deutschland? Was genau bedeutet das? Wenn Wulff wehrlos wäre, verurteilt würde, eine arme Sau wäre, was würde das über unseren Staat aussagen, den er repräsentiert?

Und was zur Hölle ist eigentlich die „Würde dieses Staates“? Unser Staat ist ein Abstraktum. Er ist eine Organisation, eine Struktur. Wie kann sowas Würde haben? Und was genau bedeutet das, wenn es sie hat? Und inwiefern hängt diese Würde einer abstrakten Organisationsform an der Büroausstattung von Christian Wulff?

Begreife ich das nur nicht, weil ich in meinem anarchistischen Totalitarismus die Augen verschließe vor der praktischen Realität der Demokratie? Könnt ihr mir das erklären? Irgendjemand?

Ich wäre sehr dankbar.


Bundespräsident Gauck ärgert sich

1. Mai 2013

Vielleicht ist es nicht allen von euch gegenwärtig, aber es gibt da so einen Typen, der jedes Jahr 199.000 Euro bekommt, von uns allen, zuzüglich 78.000 Euro Aufandsentschädigung, sowie eine kostenlose, dem Vernehmen nach ganz angenehme Wohnung, Personenschutz, ein luxuriöses Dienstfahrzeug, und so allerlei anderes Brimborium, und dafür … Ja, man weiß nicht genau, was er dafür eigentlich tut, aber er wird zu vielen wichtigen Veranstaltungen eingeladen, und hin und wieder sagt er mal was, und das wird dann von allen Medien immer sehr dankbar aufgegriffen und sehr ernst genommen. Er repräsentiert halt, ne? Den größten Teil davon bekommt er übrigens nicht nur, solange er dieses etwas merkwürdige Amt, von dem keiner genau weiß, wofür es da ist, innehat, sondern der Einfachheit halber sein Leben lang, weil … Ehre.

Zurzeit wird das merkwürdige Amt von jemandem ausgeübt … Nee, das ist nicht der richtige Ausdruck, aber „wird innegehabt“ ist auch eine doofe Formulierung, sagen wir vielleicht: besetzt, der zum Beispiel überhaupt nicht begreifen kann, was alle gegen sexuelle Belästigung haben und warum es unter Umständen nicht okay sein könnte, einer Frau zu sagen, dass sie dicke Tüten hat, aber ich will nicht unnötig weit ausholen, jedenfalls gibt es mindestens eine Sorte von Fehlverhalten, zu der dieser Typ, der in mancher Hinsicht also bekanntlich weniger moralisch ist, als man es vielleicht erwarten würde, dann aber doch eine klare Meinung hat: Steuerhinterziehung nämlich, also das Nichtherausrücken von Eigentum an die Organisation, der besagter Herr sein deutlich sechsstelliges lebenslanges Salär verdankt. Kann man ja in gewisser Weise auch verstehen. Ihr wisst schon. Ehre.

Wer Steuern hinterzieht, verhält sich verantwortungslos oder gar asozial

sagt dieser Typ also. Begriffe, mit denen man vielleicht auch jemandem bedenken könnte, der ihm nicht näher bekannten Frauen offensiv auf die Brüste glotzt und lüsterne Kommentare dazu … Aber ich schweife schon wieder ab, und das tut hier ja wirklich nichts zur Sache. Verantwortungslos oder gar asozial also, und ihr wisst, dass ich das anders sehe, und ich weiß, dass ihr das albern findet, deswegen lasst uns keine Zeit damit verschwenden, drüber zu reden, und uns lieber einem anderen Verhalten zuwenden, von dem ich vermute, dass wir uns darauf einigen können, es ebenfalls verantwortungslos oder gar asozial zu finden:

In unserem Land darf es in rechtlichen und moralischen Fragen nicht zweierlei Standards geben, einen für die Starken und einen für die Schwachen. Niemand darf selbst entscheiden, ob er Steuern zahlt oder nicht.

Verantwortungslos oder gar asozial ist es nämlich auch, öffentlich so zu tun, als dürfe in diesem Land jemand selbst entscheiden, ob er Steuern zahlt oder nicht. Ich will uns auch die Diskussion ersparen, ob es die doppelten Standards gibt, den Herr Gauck bemängelt. In gewisser Weise gibt es die gewiss, manchmal so, wie er meint, und manchmal anders, aber ansonsten erzählt er einfach Quatsch, wenn er fordert, zu prüfen,

ob nicht auch strengere Gesetze nötig sind, die aus einer fragwürdigen Handlung einen Straftatbestand machen

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich finde beim besten Willen keine Interpretation dieser Forderung, die nicht impliziert, Steuerhinterziehung sei derzeit noch kein Straftatbestand, sondern nur eine fragwürdige Handlung.

Dieses Gefühl gefährdet unsere Demokratie.

was in meinen Augen bekanntlich nicht notwendigerweise etwas Schlechtes ist, aber trotzdem: Herr Gauck, die Weigerung, Ihrem Arbeitgeber die von diesem festgelegten Summen zu zahlen, ist bereits strafbar, und zwar, falls Sie das interessiert, auch ganz ordentlich. Wer zum Beispiel eines anderen Kind entführt, mit Kindern handelt, einen anderen Menschen gegen dessen Willen mehrere Tage einsperrt, oder jemanden erpresst oder körperlich misshandelt, wird auf demselben Niveau bestraft wie jemand, der doch selbst entscheiden möchte, ob er Ihre Luxuslimousine, den Krieg in Afghanistan, Strafen für einvernehmlichen Sex oder das Gehalt von Bischof Marx bezahlt. Öffentlich so zu tun, als wäre es anders, gerade in einer besonderen Position wie der Ihren, finde ich ausgesprochen verantwortungslos.

Aber das ist bei Ihnen ja par for the course, wie man so sagt.


Haushaltsausschuss plant Umbenennung Christian Wulffs in Barack Obama

9. November 2012

Berlin. Wie heute bekannt wurde, hat der Haushaltsausschuss des deutschen Bundestages eine Lösung für das PR-Problem um den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff gefunden. Nachdem  Kritik daran laut geworden war, dass Wulff trotz seiner erheblichen persönlichen Verfehlungen wie jeder ehemalige Bundespräsident nach seinem Rücktritt den Ehrensold und sämtliche sonstigen Bezüge in voller Höhe erhalten sollte, verkündete der stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses Herbert Frankenhauser (CSU):

„Wir sind der Meinung, dass durch eine Umbenennung Christian Wulffs alle Schwierigkeiten beseitigt sein dürften. Die Kontroverse um seine Person ist damit hinfällig, und wegen der enormen Beliebtheit Obamas in Deutschland wird auch niemand ein Problem damit haben, ihm jährlich 200.000 Euro zu zahlen, nebst Kosten für Büro und Mitarbeiter und gepanzertes Fahrzeug. Niemand hier kann sich erklären, warum wir darauf nicht schon früher gekommen sind.“

Völlig unabhängig davon teilte Regierungssprecher Steffen Seibert überraschend mit, dass die Bundesregierung in Kürze eine endgültige Lösung für die Euro-Krise, die Haushaltsprobleme der PIGS-Staaten sowie die Kriege in Afghanistan und Syrien präsentieren wird. Seibert dazu wörtlich:

„Sie werden sich wundern, wie einfach das alles ist.“


Von Gauck und Geistern, Urteilen und Freundschaft, Grass und Israelkritik

29. Mai 2012

Ich verstehe vieles nicht am Amt des Bundespräsidenten: Seine Daseinsberechtigung so wenig wie die beklagenswerte Angepasstheit mit der die Menschen, die es bekleiden, sich weigern, die Privilegien ihrer Position wenigstens halbwegs sinnvoll zu nutzen, indem sie hin und wieder mal etwas sagen, also so richtig, mit Inhalt, irgendwas, was nicht sowieso jeder denkt. Der eine oder andere soll ja damit gerechnet haben, dass Gauck so etwas tun würde, und falls ich es noch nicht gesagt habe, hole ich das jetzt gerne nach: Ihr seid niedlich.

Herr Gauck hat jetzt mal wieder was gesagt, und natürlich verstehe ich es nicht so ganz.

„Ohne Umfragen überzubewerten: Als Freund Israels besorgen mich die Ergebnisse dennoch“, antwortete Gauck der Zeitung „Haaretz“ vom Dienstag auf eine Frage nach dem sinkenden Ansehen Israels in Deutschland.

[…]

Aus den Abgründen seiner Geschichte kommt Deutschland eine einzigartige Verantwortung gegenüber Israel zu

[…]

wir Deutsche sollten uns besonders kritisch fragen: In welchem Geist urteilen wir über israelische Politik? Doch bitte nur im Geist der Freundschaft. Da ist durchaus auch Platz für Kritik, nicht aber für Vorurteil“, sagte der Bundespräsident.

Er meint das sicher gut, aber… Wo gehört denn in diesem Gedanken die Freundschaft hin?

Ich würde zunächst mal sowieso bezweifeln, dass Freundschaft mit einem Staat, oder allgemeiner: mit einer abstrakten Institution, überhaupt möglich ist. Was ist denn Freundschaft? Eine Beziehung auf Basis gegenseitiger Zuneigung. Dass ein Staat keine Zuneigung zu irgendwem empfinden kann, ist wohl unumstritten, und Zuneigung gegenüber einer juristischen Person ist doch auch irgendwie komisch. Ich kann die Arbeit und die Ziele einer Institution unterstützen oder nicht, und ich kann Organisationen für nützlich halten oder für schädlich, aber ist Freundschaft hier der richtige Begriff? Hat die Deutsche Bank Freunde? Bin ich mit Amazon befreundet, oder mit Sennheiser?

Ja, ihr mögt das kleinlich finden, und sogar mit Recht, aber andererseits: Wir reden hier nicht über die Bemerkung eines Schülersprechers, dem überraschend jemand ein Mikrophon ins Gesicht gehalten hat. Wir reden über ein Amt, das unseren Staat jährlich einen Millionenbetrag kostet und dessen einziger wesentlicher Output in mehr oder weniger geschliffenen Reden besteht. Da finde ich solche Kritik nicht unangemessen.

Und sogar wenn wir über die merkwürdige Formulierung hinwegsehen und zu Herrn Gaucks Gunsten annehmen, dass er einfach nur Wohlwollen oder eine konstruktive Grundeinstellung meinte: Wozu? Und warum? Und warum wir Deutsche?

Können wir als Konsens voraussetzen, dass eigentlich nirgends Platz für Vorurteile (im engeren Sinne) ist, und dass Kritik im Idealfall immer konstruktiv sein sollte, nicht nur bei Freunden? Können wir uns vielleicht sogar darauf einigen, dass jedes Verhalten gegenüber Israel, das für deutsche Staatsbürger unangemessen ist, für Franzosen und Polen und Kanadier auch keine gute Idee sein dürfte?

Ich meine: Was soll das Rumgeeiere? Wenn Günter Grass (um jemanden als Beispiel zu wählen, bei dem ich mich nicht meinerseits dem Vorwurf der Voreingenommenheit aussetze) das Handeln des israelischen Staates als unangessen beurteilt, dann steht es ihm zu, das zu kritisieren. Und wenn er damit Unrecht hat, dann steht es anderen Leuten zu, ihm das zu sagen. Was hat das alles mit Freundschaft zu tun, oder damit, dass das Dritte Reich (oder vielleicht besser: sehr viele Bürger dieses Reiches) ein grauenvolles Verbrechen begangen hat.

Meinetwegen kann die Bundesrepublik haftbar sein für den Schaden, den ihre Rechtsvorgänger angerichtet haben. Die Übertragbarkeit einer moralischen Schuld, ob auf nachfolgende Staaten oder Generationen, halte ich schon für abwegig, aber zumindest für Grass können wir ja sogar eine gewisse moralische Schuld direkt zuordnen. Dennoch ändert das in meinen Augen nichts daran, wie und ob er Kritik vorbringen darf.

Wer Israel kritisiert, weil er Antisemit ist, ist ein Arschloch (oder verhält sich zumindest in diesem Moment wie eins), und wer Israel aus vernünftigen Gründen kritisiert, ist keins (oder zumindest nicht deshalb). Die Sache ist doch einfach und offensichtlich. Warum muss man die Wasser mit historischer Schuld, Freundschaft und ganz besonderer Verantwortung von Bürgern bestimmter Staaten trüben?

Oder was meint ihr?


Restebloggen (83)

1. März 2012
  1. Noch mal Jesus and Mo mit einer ganz wundervollen Variante von „What’s the harm?“
    sober
  2. Jemand, der ohne Gegenleistung für den Rest seines Lebens 200.000 Euro pro Jahr akzeptiert, von Leuten, die dieses Geld nicht freiwillig hergegeben haben, der hat vielleicht Sold, aber garantiert keine Ehre. (Ja, ich würde das Geld auch annehmen. QED.)
  3. Am 24. Februar 2012 war es schließlich soweit: „überschaubare Relevanz“ hat „Winter“ zum ersten Mal seit Erscheinen dieses schicksalhaften Beitrags als Top-Suchbegriff für mein Blog abgelöst.
  4. Falls ihr schon immer mal wissen wolltet, wie viel und welchen Schaden ihr mit einer Kernwaffe gegebener Größe an einem bestimmten Ort anrichten könntet, probiert doch mal Nukemap. You know you want to.
  5. Ich mochte Matthias Schumachers Gedichte ja immer irgendwie, und dieses hat sogar einen aktuellen hochbrisanten Bezug zur internationalen Politik: Zu leises Lied von einer Trauerzypresse bei Homs
  6. Es ist Acupuncture Awareness Week, und da will ich nicht zurückstehen und zu dem Bewusstsein beitragen, was für ein dummer Quatsch TCM ist. Weil sci-ence das aber viel besser kann als ich, mache ich keine großen Worte und verweise stattdessen auf den epischen Ghosts-of-Woo-Comic.
  7. Ich kenne Mystery Science Theater bisher nur aus wenigen kurzen Clips, aber weil die alle meinen Humor ziemlich präzise treffen, gedenke ich ganz ernsthaft, mich mal näher damit zu befassen. Wisst ihr Genaueres?

Restebloggen am Wochenende (79)

7. Januar 2012
  1. Privatdetektiv schleicht sich nachts auf das Grundstück der Schurken und findet einen verschlossenen Container. Er will diesen nun heimlich öffnen, um unbemerkt herauszufinden, ob sich darin die entführten Personen befinden.
    Zunächst versucht er, das große, klobige Vorhängeschloss zu öffnen, indem er mit beiden Händen daran zieht.
    Die zweite Eskalationsstufe besteht darin, dass er mit seinen Turnschuhen kräftig dagegen tritt.
    Als beides zu seiner Überraschung nicht funktioniert, zieht er einen Revolver und schießt auf das Schloss. Anschließend sieht er sich gründlich in dem Container um, ohne sich auch nur einmal umzudrehen, denn wie könnte man auch auf die Idee kommen, dass jemand ihn bei seiner Elite-Undercover-Aktion stören würde?
    Wie denken eigentlich Drehbuchautoren? Und was muss ich nehmen, um auch so denken zu können?
  2. Manche Leute denken bei „Rechten“ eher an die Möglichkeit, ungestört etwas zu tun. Manche Leute meinen damit die Möglichkeit, andere zu etwas zu zwingen, was diese nicht wollen.
    Wer zur zweiten Gruppe gehört, sollte sich eher nicht als liberal bezeichnen.
  3. Dazu passend: Daniel Drungels kommentiert die Bemühungen von Herrn Niebel, einen marktwirtschaftlichen Mindestlohn zu erzwingen. Dieweil ein totgeschoss’ner Hase auf der Sandbank Schlittschuh lief.
  4. Felix Neumann hat in gewohnt sauberer Argumentation einen gar nicht mal dummen Weg gefunden, den Bundespräsidenten zu rechtfertigen:
    Ohne ein starkes Gegenüber der Regierung besteht die Gefahr, daß die Regierung auch die symbolische Macht zugesprochen bekommt. Wenn sie aber nicht mehr allein nach Kriterien der legalen Herrschaft, sondern nach denen charismatischer Herrschaft beurteilt wird, droht eine Überschreitung ihres rechtlichen Rahmens. 
    Nicht, dass ich ihm da zustimmen würde, aber ich finde es zumindest bedenkenswert.
  5. Eine Kamera, die pro Sekunde 600 Milliarden Bilder aufnimmt. Ich glaube, ich bin verliebt.
  6. Stefan Niggemeier hat über die neue Serie Tatortreiniger berichet, und ich kann nun bestätigen, dass sie sehr gelungen ist, nicht nur für deutsche Maßstäbe, sondern überhaupt. Na gut. Schon eher für deutsche Maßstäbe. Aber doch. Weil es sowieso schon zu spät ist, sich das anzusehen, ist für euch eigentlich nur noch der Werdegang interessant:
    Die erste Folge der neuen Serie läuft am heutigen Mittwoch um 22.25 Uhr. Wenn Sie das wissen und schon ein bisschen Erfahrung haben im Fernsehgucken — wann, würden Sie tippen, läuft die zweite Folge?Falsch. Sie läuft am morgigen Donnerstag um 22.30 Uhr.2 Und Folgen 3 und 4?Wieder falsch. Die laufen erstmal gar nicht. Weshalb der NDR die vierteilige Serie ohne erkennbare Ironie als „zweiteilige Serie“ ankündigt.[…]Nun könnte man denken, dass die Teile 3 und 4 vielleicht noch nicht fertig produziert sind. Oder dass sie nicht gut genug geworden sind, um sie auszustrahlen. Das stimmt aber nicht, denn der NDR hat sie bereits ausgestrahlt

    Dafür zahlen Sie Gebühren.

  7. „Liars sit in chairs, you know? Truth tellers just sort of hunker down.“
    Randall Flagg