„ja, eh…“-Woche: Nichts für das doppelte D

5. Januar 2012

Nur wenige Menschen fühlen sich dieser Tage berufen, Christian Wulff in Schutz zu nehmen. Wer es so zielstrebig und effizient schafft, sich jeglicher öffentlicher Sympathie zu entledigen, sollte sich darüber auch nicht wundern, und ich war ja auch wild entschlossen, die ganze Sache weitgehend zu ignorieren, aber nun ist Herr Broder unserem Bundespräsidenten zu Hilfe gekommen, indem er einen seiner typisch dummdreisten Artikel über das gestrige Interview geschrieben hat. Und beim Lesen dieses Artikels (auf den Daniel Drungels bei Facebook hinwies und von dem er gar nicht wissen wollte, was mir daran nicht gefällt, daher die Überschrift) fiel mir auf, dass Henryk Broder in diesem Blog bisher schmählich wenig Beachtung erfahren hat. Das möchte ich hiermit ändern:

Wulff will Präsident von einem Land sein, in dem man sich Geld von Freunden leihen darf. Aber die, die dieses Land tragen, haben selten Freunde mit einer halben Million Euro.

Joah, ne? Man ahnt schon das Muster der folgenden Argumentation. Aber dafür sind solche Anreißer ja auch da.

Broder konstatiert:

Ganz gleich, wie die Causa Wulff ausgehen wird, eines kann man jetzt schon sagen: Auch Christian Wulff gehört zu Deutschland. Fragt sich nur, zu welchem.

Fragt sich das? Wozu denn? Wer bisher der Meinung war, spätestens seit 1990 gäbe es nur noch eins, wird eines besseren belehrt:

Denn Deutschland ist ein tief gespaltenes Land. Nicht nur zwischen Arm und Reich, Bio-Deutschen und Deutschen mit Migrationshintergrund, Ost und West, sondern vor allem zwischen jenen, die arbeiten und denjenigen, die ihr Geld arbeiten lassen.

„Vor allem“ heißt wahrscheinlich, dass diese Spaltung aus seiner Sicht größer und wichtiger ist als die anderen drei. Broder wird wissen, woher diese Erkenntnis stammt, aber uns verrät er es nicht. Nach einem kurzen Seitenhieb auf die „Gutmenschen“ – was wäre ein Broder-Artikel ohne? – kommt schon die nächste solche frei Hand geschöpfte Erkenntnis:

Dass dieses Land noch so erstaunlich gut funktioniert, hat es nicht den „Freunden“ von Christian Wulff zu verdanken, sondern den Müllmännern und den Feuerwehrleuten, den Polizisten und den Krankenschwestern, den Handwerkern und den Malochern auf dem Bau, den Arbeitern bei Ford und den Kassiererinnen bei Aldi.

Christian Wulff hat also nur „Freunde“, was wohl heißen soll: keine echten, und von denen wiederum trägt keiner dazu bei, dass unser Land funktioniert. Dafür sind nur Müllmänner, Kassiererinnen und sonstige „Malocher“ verantwortlich. Zu welcher der beiden Gruppen zählt eigentlich Broder selbst?

Ich will jetzt nicht die Ayn Rand in mir wecken und spare uns den kindischen Vergleich, welcher Art von Menschen dieses Land nun mehr zu verdanken hat, sondern beschränke mich auf die Kritik an Broders sonderbaren Stil: Woher weiß er, dass sich unter Wulffs „Freunden“ keine Malocher befänden? Woher weiß er, dass Wulffs „Freunde“ nichts für dieses Land leisten, und was in aller Welt tut das überhaupt zur Sache?

Also „den Menschen, da draußen“, wie es die Politiker „da drinnen“ sagen, die es für ein verbrieftes Menschenrecht halten, bei ihren reichen Freunden übernachten zu dürfen.

Hä? Was? Herr Broder? Halten Sie es etwa nicht für ein Menschenrecht, bei Freunden übernachten zu dürfen, solange die damit einverstanden sind? Und noch mal: Reden wir eigentlich noch über Christian Wulff, oder regen wir uns jetzt nur noch drüber auf, dass es in Deutschland Leute gibt, die keine reichen Freunde haben? Ich meine, ich find’s auch doof, dass mir keiner sechsstellige Kredite aufdrängt, aber wollen wir nicht mal versuchen, bei der Sache zu bleiben?

Und diese „Menschen, da draußen“, die niemand haben, der ihnen schnell mal eine halbe Million leiht, müssen sich verarscht fühlen, wenn sie Christian Wulff sagen hören, er „möchte nicht Präsident in einem Land sein, in dem man sich nicht von Freunden Geld leihen kann“.

Müssen sie das? Keineswegs. Oder genauer: Ja, klar müssen sie das, aber aus einem völlig anderem Grund als dem, über den Herr Broder hier schreibt. Natürlich ist Verarsche, wenn Christian Wulff so etwas sagt. Das liegt aber nicht daran, dass manche Leute niemanden haben, der ihnen eine halbe Million leiht, sonder daran, dass es darum überhaupt nicht geht. Niemand will verbieten, dass man sich von Freunden Geld leiht. Dass Herr Broder unserem Bundespräsidenten auf diese falsche Fährte folgt, um sich dann genüsslich im Honig des Wullffschen Fliegenfängers zu suhlen, ist natürlich nur eine von vielen intellektuellen Fehlzündungen dieses Artikels, aber für mich die ärgerlichste. Und ich hoffe, dass all diese „Menschen, da draußen“, die Broders Bullshit lesen müssen, sich endlich mal ausreichend verarscht fühlen, um beim nächsten Mal die Welt einfach nicht mehr zu kaufen.

Broder schreibt nun noch darüber, dass ein Bundespräsident genug verdient, um nicht auf „Tipps und Gefälligkeiten angewiesen“ zu sein (Meine Damen und Herren, solche Rechercheergebnisse liefern eben nur kostenpflichtige Qualitätsmedien.) und schließt mit der Feststellung:

Ja, Christian Wulff gehört zu Deutschland, zu dem Deutschland der Partygänger und Schnäppchenjäger, dem Deutschland der Eventmanager und Spesenritter, dem Deutschland der Aufsteiger, die voller Bewunderung zu Aufsteigern hinauf schauen, die es noch weiter gebracht haben.

Und das war für Herrn Broder anscheinend der springende Punkt. Was kümmert es ihn schon, ob und in welcher Form Herr Wulff sich falsch verhalten hat? Entscheidend ist doch am Ende, dass er zu einer Gruppe von Menschen gehört, die Broder nicht leiden kann. Schön, dass wir das geklärt hätten.

Wer es sogar dann noch schafft, sich meinen Widerspruch einzutragen, wenn er einen Rant gegen Christian Wulff schreibt, der muss wirklich ein ganz besonderer Mensch sein. Broder ist so einer. Aber das wissen wir natürlich alle sowieso schon lange.

Ja, eh.


Fast eine Drittelstunde mit Super Mario 3D Land und Christian Wulff

5. Januar 2012

Das passt doch eigentlich ganz gut. Einerseits suche ich schon lange einen Kontext, der unbedeutend genug ist, um doch mal über unsere aktuelle Bundespräsidentenkrise zu sprechen, weil das ja gerade alle tun und es deshalb bestimmt auch von mir erwartet wird, und andererseits habe ich gerade große Freude an Super Mario 3D Land, eine neue Kamera und schon lange kein Let’s-Play-Video mehr veröffentlicht. Deshalb gibt es das jetzt alles auf einmal.

Viel Spaß.

(Und obwohl das ja noch nie jemand gemacht hat, wofür ich euch ausdrücklich loben will: Das hier ist das Internet, deswegen ist wohl der Hinweis angebracht, dass der erste, der sich über die Videoqualität beschwert, einen Drohanruf von mir auf seine Mailbox kriegt, der sich gewaschen hat, Rubikon und alles. Das ist ein gottverdammter Handheld, den ich mit einer Kompaktkamera abgefilmt habe. Nuff said.)


Vielleicht machen wir es ja zu einer Serie

14. August 2011

Der „überschaubare Relevanz“-Doppelpack oder sowas. Vielleicht auch nicht. Aber heute gibt es jedenfalls noch einmal zwei Ärgernisse zum Preis von einem. Wer das als Mogelpackung empfindet, weil es zwei ziemlich mickrige Ärgernisse sind, wende sich bitte an eine Verbraucherschutzorganisation seiner Wahl. Es gibt ja reichlich von dem Gewürm.

  1. Unsere scheinliberale Partei hat mal wieder eine Möglichkeit gefunden, sich durch Verbotsforderungen hervorzutun. Und weil Herr Rösler offenbar damit rechnet, dass ihn schon morgen oder jedenfalls irgendwann demnächst nicht mehr nur Deutschland hört, sondern schon die ganze Welt, fordert er sogar ein weltweites Verbot der ungedeckten Leerverkäufe. Naheliegend, denn es ist ja offensichtlich, dass Zweifel an der soliden Finanzpolitik von Staaten nur durch diese verfluchten Spekulanten gesät sind und jeder realen Grundlage entbehren. Ich meine, man übertreibt sicher ein bisschen, wenn man jetzt schon Orwellsche Fantasien schürt, aber eine gewisse bedenkliche Tendenz zum Wahrheitsministerium lässt sich doch wohl nicht leugnen, wenn man mal sieht, in welche Richtung die Ideen unserer Regierungen zur Lösung der aktuellen Krise gerade gehen: Verbot von unerwünschter Spekulation, öffentliche Beschimpfung derer, die Zweifel am System äußernVerbot von schlechten Ratings. Ich warte auf erste Vorschläge zur Ausweitung des Tatbestands des Hochverrats auf Leute, die sich weigern, Investition in Staatsanleihen zu empfehlen.
  2. Und Herr Wulff hat eine Rede zum Gedenken an den Mauerbau gehalten. Über diesen sagenhaften Spruch „Am Ende ist die Freiheit unbesiegbar“ sehen wir mal hinweg. Es ist ja nicht so, als wäre der Bundespräsident nur da, um schöne Reden zu halten. Eigentlich hätte ich den Kram auch gar nicht gelesen, wenn ich nicht etwas Bestimmtes gesucht hätte, und natürlich wurde ich auch fündig:
    Es waren sehr oft Christen, die sich nicht abfanden mit den Zuständen. Es waren Pfarrer und Gemeinden, die Schutz und Raum boten für politische Gespräche und Gebete. Daran möchte ich erinnern, gerade in einer Zeit, in der nicht wenige Kirche und Religion ins Private zurückdrängen wollen.
    Herr Wulff, was ist denn das für ein Spruch? Ich kenne niemanden, der es Christen untersagen will, sich politisch zu äußern, und ich kenne auch niemanden, der ein Problem damit hätte, dass Pfarrer und Gemeinden Raum bieten für politische Gespräche und… Gebete? Was sind denn politische Gebete? Egal.
    Unser Bundespräsident hat leider nicht näher erläutert, war er sagen will, aber er muss doch eigentlich die Leute meinen, die eine strikte Trennung von Kirche und Staat fordern. Ich kenne nämlich wie gesagt niemanden, der öffentliche Äußerungen religiöser Menschen oder Organisationen generell untersagen wollte. Und so gesehen wird dieser sonderbare Einwurf von Herrn Wulff für mich noch aberwitziger, als er es sonst in diesem Zusammenhang wäre. Diese Trennung zwischen Kirche und Staat ist ja gerade ein Gebot der Freiheit, weil jede Bevorzugung bestimmter Religionen eine Einschränkung der Religionsfreiheit darstellt, ganz gleich, ob sie nun so scheinbar geringfügig daherkommt wie ein kleines Holzkreuz im Klassenzimmer, oder so offensichtlich und dummdreist wie ein Verbot der Errichtung von Minaretten, oder eben wie die Unterdrückung von Religion in den kommunistischen Staaten. Alles Seiten derselben Medaille.
    Oh. Ach so. So ganz stimmt das übrigens nicht, was ich oben geschrieben habe. Ich kenne doch jemanden, der tatsächlich gerne möchte, dass Religion vollständig ins Private zurückgedrängt wird. Hätte ich beinahe vergessen. „Und wenn du betest, sollst du nicht sein wie die Heuchler, die da gerne stehen und beten in den Schulen und an den Ecken auf den Gassen, auf daß sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin. Wenn aber du betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen
    Vielleicht hat Herr Wulff ja den gemeint. Ich glaube nämlich, er kennt ihn auch.

Endlich gute Regeln

2. Juli 2010

Hui, das ging schnell. Da ist Herr Wulff gerade erst vereidigt worden, und schon fängt er an, seiner Arbeit nachzugehen: Er redet irgendwelchen naiven Blödsinn, der nett klingt, den man aber nicht ernst nehmen kann und bemüht sich, möglichst nicht unangenehm aufzufallen.

[picapp align=“none“ wrap=“false“ link=“term=Christian+Wulff&iid=9270616″ src=“http://view2.picapp.com/pictures.photo/image/9270616/newly-elected-german/newly-elected-german.jpg?size=500&imageId=9270616″ width=“380″ height=“321″ /]

(Über den Zusatz „so wahr mir Gott helfe“ zum Amtseid könnte ich jetzt auch schon wieder ein paar Worte verlieren, weil ich es normalerweise irgendwie besorgniserregend finde, wenn Leute in sehr einflussreichen Positionen sich bei ihrer Inauguration auf die Unterstützung ihres unsichtbaren Skydaddys berufen, aber Herr Wulff übernimmt ja keine solche Position, deswegen spare ich mir das. Amtseid. So ein Blödsinn.)

Bei der Gelegenheit wies er dann auch gleich darauf hin, dass man „den Finanzmärkten endlich gute Regeln […] geben“ müsse, um „die Verursacher der Bankenkrise in Haftung zu nehmen“.

Ähm.

Herr Wulff, die Regeln, um die Verursacher der Bankenkrise in Haftung zu nehmen, gibt es schon lange. Man kann sie pauschal als marktwirtschaftliches System bezeichnen, und sie haben sich ziemlich hervorragend bewährt, aber – und das ist wichtig, passen Sie jetzt bitte gut auf – sie funktionieren nur, wenn Staaten nicht anfangen, die Verursacher der Bankenkrise mit Steuergeldern zu bewerfen. Und wenn Staaten nicht permanent an den marktwirtschaftlichen Regeln herumpfuschen, zum Beispiel, indem sie schwachsinnige Verbote bestimmter Geschäfte beschließen, weil die ihnen gerade politisch nicht in den Kram passen.

Aber machen Sie sich nichts draus, wenn Sie sich darum noch nicht so viele Gedanken gemacht haben. Es spielt ja eh keine Rolle, was Sie so erzählen.

Herr Wulff, ich wünsche Ihnen viel Erfolg in ihrem Amt. Mögen Mary Poppins und Optimus Prime Ihnen nach Kräften beistehen. Wobei auch immer.


Liveblog: Hart aber fair

2. Juni 2010

Eine fürchterliche Sendung auf einem fürchterlichen Sender mit einem fürchterlichen Thema und einem fürchterlichen Titel? Heiliger Plasberg, Batman! Auf zu CoveritLive!
(Ja, da müsst ihr draufklicken, und dann geht es, naja, ganz fürchterlich los.)

Für alle, die es nicht mitbekommen oder schon wieder vergessen haben: Ich blogge heute Abend live über Frank Plasbergs „Hart aber fair“ mit dem Thema: „Köhlers Rücktritt, Merkels Versagen: Scheitert jetzt die Regierung?“

Die Sendung beginnt um 21:45 Uhr, das Liveblog öffnet um 21:15 Uhr, damit ich mich schon mal ein bisschen mit der Technik vertraut machen kann.


Liveblog-Ankündigung: Hart aber fair

2. Juni 2010

not quite like beethoven, Andi und Maxi haben es quasi gemeinsam vorgeschlagen, und ich finde die Idee ausgesprochen apart. Obwohl es einigermaßen kurzfristig daherkommt: Ich blogge heute Abend live über Frank Plasbergs „Hart aber fair“ mit dem Thema: „Köhlers Rücktritt, Merkels Versagen: Scheitert jetzt die Regierung?“ Es ist übrigens das erste Mal, dass ich mir diese Sendung ansehe.

Das Liveblog findet prinzipiell hier vor Ort statt. Ich plane derzeit, „Coveritlive“ zu benutzen. Ihr müsst dafür dann einfach nur ein Popup-Fenster öffnen, und schon könnt ihr mir live beim Bloggen zusehen. Das wird dann ungefähr so aussehen:

Click Here
(Vorerst findet ihr dahinter nur die Möglichkeit, euch an den Beginn erinnern zu lassen, die ihr gerne nutzen dürft.)

Falls jemand noch einen besseren Vorschlag hat, das Ganze technisch umzusetzen, bin ich dafür natürlich offen.

Die Sendung beginnt jedenfalls um 21:45 Uhr, ich bin aber schon ab 21:15 Uhr hier, um die Feinheiten der Software kennenzulernen und mich insgesamt ein bisschen aufzuwärmen. Ich freue mich, falls sich ein paar Mitleser und Kommentatoren einfinden, natürlich könnt ihr das Ganze aber auch morgen oder irgendwann später noch live on tape nachlesen.