Es sind oft gerade die kleinen Dummheiten, die mich maßlos aufregen.

10. Mai 2011

Herrgott noch mal. Ich finde es ja ähnlich sinnlos, sich für sein Land zu schämen, wie stolz darauf zu sein, aber jetzt gerade ist es mir doch ein bisschen peinlich, Deutscher zu sein.

Da hat also das Automatenaufstellunternehmen tobaccoland in unserem Parlamentsgebäude einen Zigarettenautomaten, in dem manche Zigarettenmarken sich nicht so gut verkauften. Das Unternehmen füllte die betroffenen Fächer deshalb stattdessen mit Kondomen, was unser journalistisches on- und offline-Leitmedium „Spiegel“ dazu bewegte, einen Artikel zu verfassen, den man ganz gut zusammenfassen kann mit: „Hihi, kuckt mal, die Leute im Bundestag haben Sex!“

Was zur Hölle ist denn bitte ungewöhnlich daran, dass Leute Kondome kaufen, die in unserem Parlament arbeiten? Das sind übrigens nicht nur und nicht einmal größtenteils die Abgeordneten, falls euch der Gedanke an Politikersex genauso abturnen sollte wie mich.

Allem Anschein nach hat Bundestagspräsident Lammert nun tobaccoland darauf hingewiesen, dass der Automat nur Zigaretten verkaufen darf, und die „abredewidrig angebotenen Kondome“ wurden wieder entfernt.

Lässt sich das Ausmaß der Unreife, die die Beteiligten (mit Ausnahme von Tobaccoland natürlich) hier an den Tag legen, noch in Worte fassen?

Wenn erster April wäre, würde ich die Sache wohl einfach nicht glauben. Und vielleicht ist das trotz des abweichenden Datums die richtige Entscheidung. Jetzt, da ich noch einmal drüber nachdenke: Welchen Grund habe ich denn eigentlich, diese blödsinnige Geschichte für wahr zu halten?

Sie steht ja bloß im Spiegel.


Dieser Artikel ist ein repetitiver Rant ohne neue Informationen

14. April 2011

Boah, die gehören alle geschlagen im Bundestag. Und ich meine nicht nur so eine mädchenhafte Ohrfeige mit flacher Hand auf die Wange. Und so ein comichafter Bratz-Bumm-Hieb, wie Bud Spencer sie austeilt, wäre auch nicht genug, denn der hinterlässt nie ernsthafte Schäden. Ich denke eher an einen soliden Real-Life-Kinnhaken, der auch ein paar der empfindlichen Knochen des Antlitzes des Getroffenen bricht. Und vielleicht auch ein paar in der Hand des Austeilenden, der Gerechtigkeit halber.

So viel zu meinen selbstverständlich ethisch völlig inakzeptablem Wunschträumen. Kommen wir zu ihrem Anlass. Es geht mir keineswegs um angehobene Grenzwerte für radioaktive Kontamination, noch um zu hohe Diäten, noch um zu hohe Steuern, noch um zu niedrige Strafen für Kinderschänder. Wer mich kennt, hat das schon vermutet. Es geht mir um Präimplantationsdiagnostik (PID).

Ich habe gerade im Radio die Ankündigung der heutigen Debatte gehört, und obwohl ich das eigentlich alles schon wusste, hätte ich ins Lenkrad beißen können. Es gibt (auch wenn das in der Berichterstattung manchmal anders klingt) keinen Antrag, der die PID grundsätzlich zulassen wollte. Es gibt nur drei verschiedene Varianten eines Verbotes mit unterschiedlich streng geregelten Ausnahmen.

Ich würde uns das gerne noch einmal ins Gedächtnis rufen:

PID findet naturgemäß nur bei künstlicher Befruchtung statt. Bei jeder In-vitro-Fertilisation werden mehrere Eizellen befruchtet, und meistens auch mehrere eingepflanzt. Im Erfolgsfall werden die überzähligen Embryonen vernichtet. Das ist so, schon immer und auch heute noch, und es ist unbestritten völlig legal.

Ebenfalls legal ist es, wenn eine Frau sich in einem frühen Stadium ihrer Schwangerschaft entscheidet, diese abzubrechen. Sie kann dafür viele Gründe haben, zum Beispiel, dass das Kind einfach nicht in ihre Lebensplanung passt, dass sie sich nicht zutraut, es gut zu versorgen, oder dass sie einfach Kinder hasst. Auch das hält unser Gesetzgeber für in Ordnung.

Selbstverständlich ist es nicht nur legal, dass Leute, die wissen, dass sie die Anlage zu einer Erbkrankheit tragen, sich unter Umständen dagegen entscheiden, Kinder zu zeugen. Ich kenne keine Umfrageergebnisse, aber ich würde behaupten, dass ein Großteil der Bevölkerung es als verantwortungslos empfinden würde, wenn zwei Leute ein Kind zeugen, obwohl sie wissen, dass es voraussichtlich mit Progerie zur Welt kommen und nach ungefähr 14 Jahre langem Leiden sterben wird.

Aber wenn eine Frau im Rahmen einer In-vitro-Fertilisation nicht zufällig auswählen will, welche Eizelle implantiert wird, sondern vorher zum Beispiel solche aussortieren möchte, die wahrscheinlich bestimmte Fehlbildungen oder Krankheiten entwickeln werden, dann soll sie dafür bestraft werden.

Und was ist der Grund für diese Strafvorschrift, die der Bundestag gerne beschließen möchte?

Tja… Naja… Also… Irgendwie finden wir’s bedenklich, dass Leute sich vielleicht irgendwie selektiv aussuchen könnten, welche von mehreren Eizellen sie eingepflanzt haben möchten, weil das ja schließlich nicht nett ist gegenüber denen, die sie nicht will. Selektion ist unmoralisch. Weiß man doch. Klingt auch schon so fies.

Und Leute, die behinderte Kinder haben, könnten gefragt werden, warum sie die nicht bei der PID aussortiert haben. Und das wäre doch ziemlich frech, jemanden sowas zu fragen, oder? Sowas wollen wir nicht.

Was für ein Blödsinn. Letzten Endes laufen die Argumente unserer Parlamentsmitglieder hinaus auf: Wo kämen wir denn da hin?

Noch mal: Wir reden hier nicht über eine lockere Runde, die darüber diskutiert, was die Teilnehmer persönlich von PID halten und dann zu dem Ergebnis kommt, dass sich das irgendwie nicht richtig anfühlt. Wir reden hier nicht darüber, ob man die Idee emotional vielleicht erst einmal ein bisschen komisch findet.

Wir reden hier über ein gesetzgebendes Verfassungsorgan, das eine Norm diskutiert, die unter anderem auch Strafen vorsieht für Menschen, die sie nicht einhalten. Wir reden über staatlichen Zwang gegen Eltern, die versuchen, eine Familie zu gründen, und die es nicht komplett dem Zufall überlassen wollen, was für ein Kind sie bekommen.

Ich kann verstehen, wenn Menschen diese Entscheidung nicht treffen wollen. Ich kann verstehen, wenn Menschen sich bei der Idee unwohl fühlen. Aber Gesetze dürfen wir nicht auf Basis diffusen Unwohlseins erlassen, sondern auf Basis rationaler Abwägung, welche Entscheidungen ein demokratischer Rechtsstaat seinen Bürgern überlassen kann, und wo er eingreifen muss, um Schaden abzuwenden. Das ist die Verpflichtung eines Gesetzgebers.

Ich kenne kein einziges rational haltbares Argument gegen eine vollständige Legalisierung von Präimplantationsdiagnostik. Trotzdem wird der Bundestag sie untersagen.

Und dafür gehören die alle geschlagen. So richtig. Finde ich.

[Ich habe über dieses Thema schon mal geschrieben, und zwar das und das.]