Wer braucht eigentlich Würde?

17. November 2013

Und wozu? Echt jetzt. Ich kann mich nicht erinnern, wann mir das Konzept mal im Rahmen einer sinnhaften Argumentation untergekommen oder auch nur schlüssig definiert worden wäre. Würde als Beschreibung eines bestimmten Habitus‘ kann ich gerade noch durchgehen lassen, aber in ihrer nebulös-magischen Anrufung etwa als „Menschenwürde“ ist sie mir schon lange nicht mehr nur suspekt.

Ein zugegebenermaßen sehr zu Gunsten meiner Position ausgewähltes Beispiel: Der Bundespräsident. Dessen Würde war gerade vor ein paar Tagen Thema in einer FAZ-TV-Kritik, und ich würde das gerne einmal mit euch durchsprechen, um zu sehen, ob ich es nur einfach nicht raffe, oder ob das wirklich alles Quark ist.

Frank Lübberding schreibt dort:

Maybrit lllner fragte nämlich: „Präsidenten vor dem Richter. Gerechtigkeit für Wulff und Hoeneß?“ […] Offenkundig kommt kaum noch jemand auf die Idee, zwischen einem Manager aus der Unterhaltungsindustrie und dem Staatsoberhaupt dieses Landes zu unterscheiden.

Und man muss zugeben: Ja gut. Das sind schon zwei sehr unterschiedliche Positionen. Der eine von den beiden hat einen echten Job, von dem viel abhängt, er muss echte Leistung bringen für sein Geld, und trägt eine hohe Verantwortung, wohingegen der andere … Staatsoberhaupt dieses Landes ist.

Ja, pardon, ich weiß, aber das musste sein, und ist doch so, und wird man doch wohl noch sagen dürfen.

Aber mal im Ernst: Was meint Frank Lübberding? Welche Unterscheidung fordert er ein? Es gibt vielleicht einen Kontext, in dem diese Unterscheidung einen gewissen Sinn ergäbe: Der Bundespräsident ist ein Staatsorgan. Er bekommt sein Geld vom Staat und muss sich damit vor der gesamten Bevölkerung verantworten, wenn er die damit verbundene Aufgabe, worin auch immer die bestehen mag, nicht angemessen erfüllt, wie immer er das auch machen sollte. Der Funktionär eines Unternehmens ist vielleicht eher nur den Leuten verantwortlich, denen dieses Unternehmen gehört, vielleicht auch noch dessen Kunden und Mitarbeitern und sonstigen Stakeholdern, aber irgendwann ist halt Schluss. Aber auch das finde ich nicht recht überzeugend, denn beide sollen gegen Strafgesetze verstoßen und damit etwas getan haben, das nach Auffassung des Gesetzgebers ein Vergehen gegen das gesamte Volk ist. Welcher Unterschied also?

Auch Lübberdings weitere Argumentation lässt Ungutes erahnen. Er schreibt, der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki habe zwar Hoeneß als „arme Sau“ betitelt, nicht aber Wulff, und meint dazu:

Kubicki gewährte Wulff damit jenen Rest an Würde, der einem ehemaligen Staatsoberhaupt zugestanden werden muss, sich nämlich nicht nur als Opfer zu begreifen. Das Amt verträgt sich nicht mit dieser Rolle des Wehrlosen.

Liegt es an mir, oder kann man das nur so lesen, dass einem ehemaligen Staatsoberhaupt ein „Rest an Würde“ zusteht, anderen Menschen aber nicht? Dass es okay ist, einfache Bürger „nur als Opfer zu begreifen“, und ihnen die „Rolle des Wehrlosen“ zuzuweisen, aber bei ehemaligen Staatsoberhäuptern plötzlich inakzeptabel wird?

Liegt es an mir, oder findet ihr das auch ziemlich eklig?

Für Wulff gilt protokollarisch nicht ohne Grund immer noch die Anrede „Herr Bundespräsident“.

Ahja. Nicht ohne Grund. Ich bin gespannt.

 Er übt das Amt zwar nicht mehr aus, aber der Ehrensold und die Büroausstattung gelten nicht ihm persönlich, sondern der Würde dieses Staates, den er immer noch repräsentiert.

Wie jetzt? Der Ehrensold gilt der Würde dieses Staates? Dann kriegt Wulff den gar nicht auf sein privates Konto? Naja, doch. Dann kann er persönlich nicht damit machen, was immer er für richtig hält? Naja, doch. Was genau soll das bedeuten, dass dieser Kram „nicht ihm persönlich“ gilt?

Und inwiefern repräsentiert Christian Wulff die Bundesrepublik Deutschland? Was genau bedeutet das? Wenn Wulff wehrlos wäre, verurteilt würde, eine arme Sau wäre, was würde das über unseren Staat aussagen, den er repräsentiert?

Und was zur Hölle ist eigentlich die „Würde dieses Staates“? Unser Staat ist ein Abstraktum. Er ist eine Organisation, eine Struktur. Wie kann sowas Würde haben? Und was genau bedeutet das, wenn es sie hat? Und inwiefern hängt diese Würde einer abstrakten Organisationsform an der Büroausstattung von Christian Wulff?

Begreife ich das nur nicht, weil ich in meinem anarchistischen Totalitarismus die Augen verschließe vor der praktischen Realität der Demokratie? Könnt ihr mir das erklären? Irgendjemand?

Ich wäre sehr dankbar.


Man kann sich drehen wie man will, der Arsch bleibt immer hinten.

7. Januar 2013

Es ist ein bisschen schwierig, Seriosität zu bewahren bei dem Versuch, darüber zu berichten, dass man es nicht statthaft hält, über ein bestimmtes Thema zu berichten. Ich habe in dieser Hinsicht zwar nicht viel zu verlieren, aber über die Trennung der Wulffs hätte ich aufgrund der monumentalen Egalheit der ganzen Geschichte wahrscheinlich trotzdem geschwiegen, hätte ich da nicht zufällig bei Spiegel Online diesen bemerkenswerten Beitrag Stefan Kuzmanys gelesen, der von dem putzigen kleinen Spruch da oben offenbar noch nicht gehört hat. Er beginnt durchaus vielversprechend:

Es geht uns nichts an. Wir wissen nichts.

Darauf folgt sogar noch ein ganzer Absatz, in dem Kuzmany uns erklärt, warum es uns nichts angeht. Und dann beginnt natürlich das unvermeidliche Aber, seinen unheilvollen Schatten über Kuzmanys bis hierhin noch durchaus zustimmungsfähige Argumentation zu werfen:

Es wird am Tag dieser Nachricht keinen Abendbrottisch in diesem Land geben, an dem nicht über diese Trennung geredet wird.

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Haushaltsausschuss plant Umbenennung Christian Wulffs in Barack Obama

9. November 2012

Berlin. Wie heute bekannt wurde, hat der Haushaltsausschuss des deutschen Bundestages eine Lösung für das PR-Problem um den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff gefunden. Nachdem  Kritik daran laut geworden war, dass Wulff trotz seiner erheblichen persönlichen Verfehlungen wie jeder ehemalige Bundespräsident nach seinem Rücktritt den Ehrensold und sämtliche sonstigen Bezüge in voller Höhe erhalten sollte, verkündete der stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses Herbert Frankenhauser (CSU):

„Wir sind der Meinung, dass durch eine Umbenennung Christian Wulffs alle Schwierigkeiten beseitigt sein dürften. Die Kontroverse um seine Person ist damit hinfällig, und wegen der enormen Beliebtheit Obamas in Deutschland wird auch niemand ein Problem damit haben, ihm jährlich 200.000 Euro zu zahlen, nebst Kosten für Büro und Mitarbeiter und gepanzertes Fahrzeug. Niemand hier kann sich erklären, warum wir darauf nicht schon früher gekommen sind.“

Völlig unabhängig davon teilte Regierungssprecher Steffen Seibert überraschend mit, dass die Bundesregierung in Kürze eine endgültige Lösung für die Euro-Krise, die Haushaltsprobleme der PIGS-Staaten sowie die Kriege in Afghanistan und Syrien präsentieren wird. Seibert dazu wörtlich:

„Sie werden sich wundern, wie einfach das alles ist.“


„ja, eh…“-Woche: Nichts für das doppelte D

5. Januar 2012

Nur wenige Menschen fühlen sich dieser Tage berufen, Christian Wulff in Schutz zu nehmen. Wer es so zielstrebig und effizient schafft, sich jeglicher öffentlicher Sympathie zu entledigen, sollte sich darüber auch nicht wundern, und ich war ja auch wild entschlossen, die ganze Sache weitgehend zu ignorieren, aber nun ist Herr Broder unserem Bundespräsidenten zu Hilfe gekommen, indem er einen seiner typisch dummdreisten Artikel über das gestrige Interview geschrieben hat. Und beim Lesen dieses Artikels (auf den Daniel Drungels bei Facebook hinwies und von dem er gar nicht wissen wollte, was mir daran nicht gefällt, daher die Überschrift) fiel mir auf, dass Henryk Broder in diesem Blog bisher schmählich wenig Beachtung erfahren hat. Das möchte ich hiermit ändern:

Wulff will Präsident von einem Land sein, in dem man sich Geld von Freunden leihen darf. Aber die, die dieses Land tragen, haben selten Freunde mit einer halben Million Euro.

Joah, ne? Man ahnt schon das Muster der folgenden Argumentation. Aber dafür sind solche Anreißer ja auch da.

Broder konstatiert:

Ganz gleich, wie die Causa Wulff ausgehen wird, eines kann man jetzt schon sagen: Auch Christian Wulff gehört zu Deutschland. Fragt sich nur, zu welchem.

Fragt sich das? Wozu denn? Wer bisher der Meinung war, spätestens seit 1990 gäbe es nur noch eins, wird eines besseren belehrt:

Denn Deutschland ist ein tief gespaltenes Land. Nicht nur zwischen Arm und Reich, Bio-Deutschen und Deutschen mit Migrationshintergrund, Ost und West, sondern vor allem zwischen jenen, die arbeiten und denjenigen, die ihr Geld arbeiten lassen.

„Vor allem“ heißt wahrscheinlich, dass diese Spaltung aus seiner Sicht größer und wichtiger ist als die anderen drei. Broder wird wissen, woher diese Erkenntnis stammt, aber uns verrät er es nicht. Nach einem kurzen Seitenhieb auf die „Gutmenschen“ – was wäre ein Broder-Artikel ohne? – kommt schon die nächste solche frei Hand geschöpfte Erkenntnis:

Dass dieses Land noch so erstaunlich gut funktioniert, hat es nicht den „Freunden“ von Christian Wulff zu verdanken, sondern den Müllmännern und den Feuerwehrleuten, den Polizisten und den Krankenschwestern, den Handwerkern und den Malochern auf dem Bau, den Arbeitern bei Ford und den Kassiererinnen bei Aldi.

Christian Wulff hat also nur „Freunde“, was wohl heißen soll: keine echten, und von denen wiederum trägt keiner dazu bei, dass unser Land funktioniert. Dafür sind nur Müllmänner, Kassiererinnen und sonstige „Malocher“ verantwortlich. Zu welcher der beiden Gruppen zählt eigentlich Broder selbst?

Ich will jetzt nicht die Ayn Rand in mir wecken und spare uns den kindischen Vergleich, welcher Art von Menschen dieses Land nun mehr zu verdanken hat, sondern beschränke mich auf die Kritik an Broders sonderbaren Stil: Woher weiß er, dass sich unter Wulffs „Freunden“ keine Malocher befänden? Woher weiß er, dass Wulffs „Freunde“ nichts für dieses Land leisten, und was in aller Welt tut das überhaupt zur Sache?

Also „den Menschen, da draußen“, wie es die Politiker „da drinnen“ sagen, die es für ein verbrieftes Menschenrecht halten, bei ihren reichen Freunden übernachten zu dürfen.

Hä? Was? Herr Broder? Halten Sie es etwa nicht für ein Menschenrecht, bei Freunden übernachten zu dürfen, solange die damit einverstanden sind? Und noch mal: Reden wir eigentlich noch über Christian Wulff, oder regen wir uns jetzt nur noch drüber auf, dass es in Deutschland Leute gibt, die keine reichen Freunde haben? Ich meine, ich find’s auch doof, dass mir keiner sechsstellige Kredite aufdrängt, aber wollen wir nicht mal versuchen, bei der Sache zu bleiben?

Und diese „Menschen, da draußen“, die niemand haben, der ihnen schnell mal eine halbe Million leiht, müssen sich verarscht fühlen, wenn sie Christian Wulff sagen hören, er „möchte nicht Präsident in einem Land sein, in dem man sich nicht von Freunden Geld leihen kann“.

Müssen sie das? Keineswegs. Oder genauer: Ja, klar müssen sie das, aber aus einem völlig anderem Grund als dem, über den Herr Broder hier schreibt. Natürlich ist Verarsche, wenn Christian Wulff so etwas sagt. Das liegt aber nicht daran, dass manche Leute niemanden haben, der ihnen eine halbe Million leiht, sonder daran, dass es darum überhaupt nicht geht. Niemand will verbieten, dass man sich von Freunden Geld leiht. Dass Herr Broder unserem Bundespräsidenten auf diese falsche Fährte folgt, um sich dann genüsslich im Honig des Wullffschen Fliegenfängers zu suhlen, ist natürlich nur eine von vielen intellektuellen Fehlzündungen dieses Artikels, aber für mich die ärgerlichste. Und ich hoffe, dass all diese „Menschen, da draußen“, die Broders Bullshit lesen müssen, sich endlich mal ausreichend verarscht fühlen, um beim nächsten Mal die Welt einfach nicht mehr zu kaufen.

Broder schreibt nun noch darüber, dass ein Bundespräsident genug verdient, um nicht auf „Tipps und Gefälligkeiten angewiesen“ zu sein (Meine Damen und Herren, solche Rechercheergebnisse liefern eben nur kostenpflichtige Qualitätsmedien.) und schließt mit der Feststellung:

Ja, Christian Wulff gehört zu Deutschland, zu dem Deutschland der Partygänger und Schnäppchenjäger, dem Deutschland der Eventmanager und Spesenritter, dem Deutschland der Aufsteiger, die voller Bewunderung zu Aufsteigern hinauf schauen, die es noch weiter gebracht haben.

Und das war für Herrn Broder anscheinend der springende Punkt. Was kümmert es ihn schon, ob und in welcher Form Herr Wulff sich falsch verhalten hat? Entscheidend ist doch am Ende, dass er zu einer Gruppe von Menschen gehört, die Broder nicht leiden kann. Schön, dass wir das geklärt hätten.

Wer es sogar dann noch schafft, sich meinen Widerspruch einzutragen, wenn er einen Rant gegen Christian Wulff schreibt, der muss wirklich ein ganz besonderer Mensch sein. Broder ist so einer. Aber das wissen wir natürlich alle sowieso schon lange.

Ja, eh.


Etwas umfangreicheres und meiner unmaßgeblichen Ansicht nach ungewöhnlich interessantes Restebloggen (79)

20. Dezember 2011
  1. Wir diskutieren jetzt über Christian Wulff? Im Ernst? Ja, aber… Wieso das denn?
  2. Dem Kunden ist ein von uns angenähter Gurt abgerissen. Wir haben ihn erneut angenäht. Jetzt will er von mir eine schriftliche Bestätigung, dass die Naht hält. Wahrscheinlich will er die dann dem Gurt vorlegen, falls der wieder auf dumme Ideen kommt.
  3. Christopher Hitchens und Kim Il-Sung  Jong-Il [Danke für den Hinweis an 19Uhr30. Manchmal bin ich echt so doof.] sind gestorben. Sie werden mir beide fehlen, irgendwie. Aber seinen eigenen Nachruf darf nur Herr Hitchens hier veröffentlichen:
    Dear fellow-unbelievers,
    Nothing would have kept me from joining you except the loss of my voice (at least my speaking voice) which in turn is due to a long argument I am currently having with the specter of death. Nobody ever wins this argument, though there are some solid points to be made while the discussion goes on. I have found, as the enemy becomes more familiar, that all the special pleading for salvation, redemption and supernatural deliverance appears even more hollow and artificial to me than it did before. I hope to help defend and pass on the lessons of this for many years to come, but for now I have found my trust better placed in two things: the skill and principle of advanced medical science, and the comradeship of innumerable friends and family, all of them immune to the false consolations of religion. It is these forces among others which will speed the day when humanity emancipates itself from the mind-forged manacles of servility and superstitition. It is our innate solidarity, and not some despotism of the sky, which is the source of our morality and our sense of decency.
    That essential sense of decency is outraged every day. Our theocratic enemy is in plain view. Protean in form, it extends from the overt menace of nuclear-armed mullahs to the insidious campaigns to have stultifying pseudo-science taught in American schools. But in the past few years, there have been heartening signs of a genuine and spontaneous resistance to this sinister nonsense: a resistance which repudiates the right of bullies and tyrants to make the absurd claim that they have god on their side. To have had a small part in this resistance has been the greatest honor of my lifetime: the pattern and original of all dictatorship is the surrender of reason to absolutism and the abandonment of critical, objective inquiry. The cheap name for this lethal delusion is religion, and we must learn new ways of combating it in the public sphere, just as we have learned to free ourselves of it in private.
    Our weapons are the ironic mind against the literal: the open mind against the credulous; the courageous pursuit of truth against the fearful and abject forces who would set limits to investigation (and who stupidly claim that we already have all the truth we need). Perhaps above all, we affirm life over the cults of death and human sacrifice and are afraid, not of inevitable death, but rather of a human life that is cramped and distorted by the pathetic need to offer mindless adulation, or the dismal belief that the laws of nature respond to wailings and incantations.
    As the heirs of a secular revolution, American atheists have a special responsibility to defend and uphold the Constitution that patrols the boundary between Church and State. This, too, is an honor and a privilege. Believe me when I say that I am present with you, even if not corporeally (and only metaphorically in spirit…) Resolve to build up Mr Jefferson’s wall of separation. And don’t keep the faith.
    Sincerely
    Christopher Hitchens
    Naja. Wenn ich ehrlich sein soll: Hätte Herr Kim einen geschrieben, hätte ich den vielleicht auch übernommen.
  4. Ars Libertatis schreibt über Adbusters‘ Ideen zur Transaktionssteuer und zum Buy-Nothing-Day genau das, was ich auch gern geschrieben hätte:
    „Ich kaufe mir ehrlich gesagt sehr selten etwas Unnützes. Ich habe zwar auch schon Fehlkäufe getätigt, aber ich hatte nie die Absicht, mir etwas zu kaufen, das mir keinen Nutzen spenden wird. Wenn die Adbuster-Leute dies aber häufig tun, dann ist es wohl gut, wenn sie mal einen Tag lang nichts kaufen und darüber nachdenken, wie sie Fehlkäufe vermeiden und ihren persönlichen Nutzen erhöhen können.“
  5. xkcd hat ein paar fantastische Ideen für optimierte Eselsbrücken. Besonders gefällt mir „Polycytic Ovarian Syndrome Does Cause Problems That Judicious Contraceptives Partially Negate“, aber „Karl Marx Gave The Proletariat Eleven Zeppelins, Yo“ ist auch ganz gut.
  6. Für alle die, die unzufrieden sind, weil Atheisten zu wenig auf dem Islam herumhacken, und die das ändern wollen, gibt es jetzt bei islamischerverein die ideale Hackvorlage: Warum greift der Atheismus (ilhad) immer weiter um sich?
    „Der Mangel an ernsthaften Bemühungen um Reflexion schlägt schnell in Nachlässigkeit, Achtlosigkeit und anschließend dann in Atheismus und gelegentlich sogar in Verachtung der Religion um. Atheismus ist also nicht das Resultat vernünftiger Überlegungen, unmittelbarer Erkenntnis und Erfahrung oder wissenschaftlicher Wahrheit, sondern die Konsequenz passiver Gleichgültigkeit oder aktiver und militanter Rebellion.“
  7. Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger,
    Anatol Stefanowitsch setzt sich im Sprachlog gerade mit dem generischen Maskulinum im Speziellen und desöfteren mit diskriminierender Sprache im Allgemeinen auseinander. Das Problem beschäftigt mich naturgemäß auch immer mal wieder, denn ich schreibe ja nun einmal, und gerade in erfundenen Geschichten stellt sich immer wieder die Frage, wie man mit gewissen Assoziationen und Vorurteilen umgeht, die gewisse Wörter mit sich bringen. Mir ist in dem Zusammenhang aus aktuellem Anlass (Bright Outlook) ein bestimmter Aspekt des Themas sehr präsent:Wie gehe ich als Autor mit der ethnischen Zuordnung meiner Figuren um? Schreibe ich bei hellhäutigen Charakteren immer dazu, dass sie hellhäutig sind, oder gehe ich davon aus, dass der Leser sich das schon denken wird, wenn ich nicht explizit erwähne, dass sie eine andere Hautfarbe haben? Wie mache ich das bei anderen Ethnien? Schreibe ich bei jedem Schwarzen gleich, dass er schwarz ist, oder erwähne ich es erst, wenn es eine Rolle spielt? In manchen Situationen ist die Antwort ganz einfach, aber in manchen auch gar nicht. Wie empfindet ihr das als Leser, oder vielleicht ja sogar als Autoren?

Vielleicht machen wir es ja zu einer Serie

14. August 2011

Der „überschaubare Relevanz“-Doppelpack oder sowas. Vielleicht auch nicht. Aber heute gibt es jedenfalls noch einmal zwei Ärgernisse zum Preis von einem. Wer das als Mogelpackung empfindet, weil es zwei ziemlich mickrige Ärgernisse sind, wende sich bitte an eine Verbraucherschutzorganisation seiner Wahl. Es gibt ja reichlich von dem Gewürm.

  1. Unsere scheinliberale Partei hat mal wieder eine Möglichkeit gefunden, sich durch Verbotsforderungen hervorzutun. Und weil Herr Rösler offenbar damit rechnet, dass ihn schon morgen oder jedenfalls irgendwann demnächst nicht mehr nur Deutschland hört, sondern schon die ganze Welt, fordert er sogar ein weltweites Verbot der ungedeckten Leerverkäufe. Naheliegend, denn es ist ja offensichtlich, dass Zweifel an der soliden Finanzpolitik von Staaten nur durch diese verfluchten Spekulanten gesät sind und jeder realen Grundlage entbehren. Ich meine, man übertreibt sicher ein bisschen, wenn man jetzt schon Orwellsche Fantasien schürt, aber eine gewisse bedenkliche Tendenz zum Wahrheitsministerium lässt sich doch wohl nicht leugnen, wenn man mal sieht, in welche Richtung die Ideen unserer Regierungen zur Lösung der aktuellen Krise gerade gehen: Verbot von unerwünschter Spekulation, öffentliche Beschimpfung derer, die Zweifel am System äußernVerbot von schlechten Ratings. Ich warte auf erste Vorschläge zur Ausweitung des Tatbestands des Hochverrats auf Leute, die sich weigern, Investition in Staatsanleihen zu empfehlen.
  2. Und Herr Wulff hat eine Rede zum Gedenken an den Mauerbau gehalten. Über diesen sagenhaften Spruch „Am Ende ist die Freiheit unbesiegbar“ sehen wir mal hinweg. Es ist ja nicht so, als wäre der Bundespräsident nur da, um schöne Reden zu halten. Eigentlich hätte ich den Kram auch gar nicht gelesen, wenn ich nicht etwas Bestimmtes gesucht hätte, und natürlich wurde ich auch fündig:
    Es waren sehr oft Christen, die sich nicht abfanden mit den Zuständen. Es waren Pfarrer und Gemeinden, die Schutz und Raum boten für politische Gespräche und Gebete. Daran möchte ich erinnern, gerade in einer Zeit, in der nicht wenige Kirche und Religion ins Private zurückdrängen wollen.
    Herr Wulff, was ist denn das für ein Spruch? Ich kenne niemanden, der es Christen untersagen will, sich politisch zu äußern, und ich kenne auch niemanden, der ein Problem damit hätte, dass Pfarrer und Gemeinden Raum bieten für politische Gespräche und… Gebete? Was sind denn politische Gebete? Egal.
    Unser Bundespräsident hat leider nicht näher erläutert, war er sagen will, aber er muss doch eigentlich die Leute meinen, die eine strikte Trennung von Kirche und Staat fordern. Ich kenne nämlich wie gesagt niemanden, der öffentliche Äußerungen religiöser Menschen oder Organisationen generell untersagen wollte. Und so gesehen wird dieser sonderbare Einwurf von Herrn Wulff für mich noch aberwitziger, als er es sonst in diesem Zusammenhang wäre. Diese Trennung zwischen Kirche und Staat ist ja gerade ein Gebot der Freiheit, weil jede Bevorzugung bestimmter Religionen eine Einschränkung der Religionsfreiheit darstellt, ganz gleich, ob sie nun so scheinbar geringfügig daherkommt wie ein kleines Holzkreuz im Klassenzimmer, oder so offensichtlich und dummdreist wie ein Verbot der Errichtung von Minaretten, oder eben wie die Unterdrückung von Religion in den kommunistischen Staaten. Alles Seiten derselben Medaille.
    Oh. Ach so. So ganz stimmt das übrigens nicht, was ich oben geschrieben habe. Ich kenne doch jemanden, der tatsächlich gerne möchte, dass Religion vollständig ins Private zurückgedrängt wird. Hätte ich beinahe vergessen. „Und wenn du betest, sollst du nicht sein wie die Heuchler, die da gerne stehen und beten in den Schulen und an den Ecken auf den Gassen, auf daß sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin. Wenn aber du betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen
    Vielleicht hat Herr Wulff ja den gemeint. Ich glaube nämlich, er kennt ihn auch.