Wenn das Leben eine Folge Criminal Minds wäre

30. März 2013

Die Kamera schwebt von oben auf ein lange nicht mehr geputztes Fenster eines schlichten Bürogebäudes in einem industriell geprägten Gewerbegebiet zu.

Muriel [in nachdenklichem Tonfall, aus dem Off]: „Jean-Jacques Rousseau hat einmal gesagt: ‚Der Charakter offenbart sich nicht an großen Taten; an Kleinigkeiten zeigt sich die Natur des Menschen.'“

Durch das Fenster hindurch sehen wir drei Menschen in einem etwas zu großen Konferenzraum um einen für diesen etwas zu kleinen Tisch sitzen. Einer von ihnen ist ein recht korpulenter Mann mit einem weißen Bürstenhaarschnitt (Herr Müller) einer ist Muriel, und einer ist eine blonde Frau Mitte vierzig (Frau Gantner).

Muriel: „Wie Sie wissen, Frau Gantner, gibt es vier Arten von Rollstühlen: Pflegerollstühle, die typischerweise wegen ihrer Zusatzfunktionen recht groß und sperrig sind, Leichtgewichtrollstühle, die unsere Standardversorgung darstellen, Standardrollstühle, die wir trotz des Namens eigentlich nur selten ausliefern, und Aktivrollstühle als hochwertige Versorgung für mobilere Menschen mit Behinderung, die wir zwar gerne öfter verkaufen würden, für die uns aber das Klientel fehlt.“

Gantner: „Richtig, Herr Silberstreif. Wir handeln mit Rollstühlen.“

Müller: „Genau. Und mit Badewannenliftern. Und wenn wir mehr Aktivrollstühle ausliefern könnten, wäre das wirklich sehr vorteilhaft, denn da ist die Marge höher als bei den normalen.“

[Dramatische Musik beginnt langsam, sich aufzubauen.]

Muriel: „Wir sollten dringend über Maßnahmen reden, um…“

Die Tür öffnet sich, und eine vierte Person tritt ein, eine dunkelhaarige junge Frau (Frau Stein).

Stein: „Herr Silberstreif, das Pflegeheim Harpstorf hat angerufen.“

[Die Musik wird lauter und steuert entschlossen auf einen Höhepunkt zu.]

Gantner: „Mit diesem Pflegeheim arbeiten wir seit Jahren sehr erfolgreich zusammen.“

Muriel [Extrem-Close-up, mit entschlossen zusammengezogenen Augenbrauen]: „Worum geht es?“

Stein: „Sie haben überraschend eine Entlassung reinbekommen und brauchen ein AD-System.“ [musikalische Untermalung erreicht Höhepunkt] „Noch heute.“

Muriel [springt auf]: „Ein AD-System!“

Gantner: „Antidekubitusmatratzen und Matratzenauflagen dienen zur Druckentlastung des Gewebes. Viele Hersteller bieten unterschiedliche Systeme an. Der Auflagedruck soll dabei auf möglichst viele Quadratzentimeter verteilt werden. Grundsätzlich kann eine Antidekubitusmatratze eine regelmäßige Lagerung des Patienten nicht ersetzen!“

Muriel: „Danke Frau Gantner.“ [Stützt beide Hände auf den Tisch, blickt durchdringend zwischen seinen drei Gesprächspartnern hin und her.] „Sie wissen, was Sie zu tun haben.“ [Hebt ostentativ die linke Hand und stellt seine Armbanduhr.] „Wir haben zwei Stunden.“ [Drückt den Startknopf für den Countdown, die Kamera zoomt unter dramatischen Dam-dam-daaa auf die Anzeige.]

Die beiden Frauen eilen aus dem Raum, Muriel und Herr Müller bleiben zurück.

Müller: „Glauben Sie, wir schaffen das?“

Muriel: „Ich weiß nicht. Aber dies hier ist verdammt noch mal das beste Team auf der ganzen Welt. Wenn wir es nicht schaffen, wer dann?“

[Fade-Out, Schwarzer Bildschirm, Titel und Erkennungsmelodie]

Muriel [aus dem Off, wieder in demselben getragenen Tonfall]: „Albert Einstein sagte: ‚Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.'“

Die Kamera schwebt auf einen mit quietschenden Reifen durch die Straßen einer generischen deutschen Kleinstadt rasenden weißen Renault Trafic, in dem eng zusammengedrängt Muriel, Frau Gantner und Herr Müller sitzen. Frau Gantner fährt.

Muriel [auf die Uhr schauend]: „Wir haben noch fünfzehn Minuten.“

Gantner [Ohne ihren Blick von der Straße zu nehmen]: „Vertrauen Sie mir.“

Müller: „Viele Entlassungen werden durch die Kliniken sehr kurzfristig entschieden und müssen dann innerhalb von wenigen Stunden durch die Überleitung organisiert werden.“

Muriel [mit zusammengezogenen Augenbrauen und unheilschwangerer Stimme]: „Eine besorgniserregende Tendenz, die durch weitere Sparmaßnahmen der Kostenträger immer mehr verstärkt wird.“

Der Lieferwagen kommt mit abermals quietschenden Reifen vor dem Eingang eines Pflegeheimes zum Stehen, alle drei Insassen springen heraus. Muriel und Frau Gantner öffnen je eine eine Tür des Laderaums und ziehen unter hektischer musikalischer Untermalung eine zusammengerollte in Folie verpackte Antidekubitusmatratze daraus hervor. Muriel klemmt die Matratze unter den Arm und joggt damit in Richtung des Eingangs. Eine weiß gekleidete Pflegekraft tritt aus der automatischen Tür und begrüßt ihn ernsten Blickes.

Pflegekraft: „Sind Sie …“

Muriel [zieht ein Ausweisetui aus seiner Jacketttasche und klappt es für die Pflegekraft auf]: „Sanitätshaus. Wo ist der neue Bewohner?“

[Die Musik macht schon wieder Anstalten, dramatisch zu werden.]

Pflegekraft [stemmt die Arme in die Hüften]: „Wir haben ein Problem.“

Gantner: „Möge Gott uns allen gnädig sein!“

Müller: „Was ist los?“

[Die Musik schwillt schon wieder spannungsgeladen an.]

Pflegekraft: „Wir brauchen außerdem noch eine Toilettensitzerhöhung!“

Muriel [sich zu Frau Gantner umdrehend, die Finger bereits an seiner Armbanduhr]: „Sie wissen, was zu tun ist!“

[Fade-out, schwarzer Bildschirm, Werbung]