Die essen unsere Träume auf

3. Mai 2012

Ich frage mich ja manchmal, ob so Leute, die Facebook gerne mit der Stasi vergleichen, sich wirklich nicht darüber im Klaren sind, dass die Stasi noch ein bisschen mehr gemacht hat, als Daten zu sammeln, die ihr freiwillig zur Verfügung gestellt wurden. Und ob so Leute, die Angst haben, dass Google ihre Daten missbraucht, wirklich eine konkrete Vorstellung davon haben, wie dieser Missbrauch aussehen sollte. Und ob so Leute, die mitleidig und mit ein bisschen Abscheu auf meine Paybackkarte herabblicken, weil ich damit ja mein Einkaufsverhalten offen lege, plausibel erklären können, wo genau der Nachteil darin liegen soll.

Am meisten frage ich mich allerdings in letzter Zeit, was all diese unfassbar niederträchtigen Konzerne eigentlich mit diesem Unmengen kostbarer Daten anfangen, die ich denen über mich zur Verfügung stelle. Auf meine Interessen zugeschnittene Angebote erstellen sie damit jedenfalls bestimmt nicht.

Gläserner Konsument, am Fuß!


Ich verstehe das mit dem Datenschutz nicht. So richtig.

14. September 2011

Ich meine… Ich weiß ja, dass ein größeres Problem ein kleineres Problem nicht weniger problematisch macht, und mir gehen ja diese Leute auch auf den Geist, die einem sagen, man solle nicht jammern, weil man seinenen Roboterstaubsauger zwei Tage verspätet bekommt, solange Kinder auf dieser Welt verhundern (btw: Fuck the poor!), aber trotzdem: Wir leben in einem Land, in dem es unter Strafe verboten ist, überregionalen Linienbusverkehr anzubieten. Wir leben in einem Land, in dem ich nicht selbst entscheiden darf, auf wie viele Toiletten ich in den Waschräumen meines Restaurants aufstelle, und ob ich überhaupt Waschräume einrichten will, und wie hoch die Urinale hängen. Ein Richter kann eine Freiheitsstrafe gegen mich verhängen, wenn ich ohne Erlaubnis mehr als eine bestimmte Menge Betäubungsmittel mit mir herumtrage, und als Arbeitgeber muss ich eine bestimmte Anzahl meiner Mitarbeiter komplett von der Arbeit freistellen und ihnen PCs, Seminare und Büros bezahlen, damit sie mir das Leben schwermachen können. Ich muss ein Bußgeld bezahlen, wenn ich mich im Auto nicht anschnalle. Wir bestrafen sogar Leute dafür, dass sie mit den falschen Personen auf die falsche Weise Sex haben!

All das nimmt der Großteil der Bevölkerung selbstverständlich hin oder hält es sogar für völlig unverzichtbare Regeln in einer sozialen Marktwirtschaft.

Aber wenn es darum geht, dass Fingerabdrücke in einem Personalausweis gespeichert werden, oder wenn irgendwo jemand auf einem öffentlichen Platz Kameras aufstellen will, oder wenn die Regierung gerne möchte, dass Netzbetreiber Verbindungsdaten eine Weile speichern, dann ist das plötzlich eine unerträgliche Einschränkung unserer Freiheit? Das können wir dann plötzlich nicht mehr hinnehmen? Dagegen demonstrieren wir?

Ich verstehe die ganze Aufr… Ich meine, warum ist uns denn gerade da unsere Freiheit plötzlich so wichtig? Ich sage ja nicht, dass ich es gut finde, wenn der Staat ohne vernünftigen Grund meine Daten abfragt und speichert. Ich behalte manche Sachen auch lieber für mich. Aber im Vergleich dazu, dass der Staat mich unter Strafandrohung dazu zwingt, Steuern zu zahlen, mit denen er dann unter anderem Kirchen und Bischöfe finanziert, scheint es mir doch noch ein nicht nur relativ milder, sondern auch noch einigermaßen sinnvoller Eingriff in meine Grundrechte zu sein, wenn er sich die Möglichkeit offen hält, irgendwann mal abzufragen, mit wem ich wie lange telefoniert habe. Ich sehe auch wirklich nicht die große Gefahr, die mir aus dieser Richtung droht.

Solange unser Gesetzgeber mir vorgibt, was ich essen darf, welche Drogen ich nehmen darf, zu welchen Konditionen ich einkaufen darf, wie ich mich versichern muss, und unter welchen Bedingungen ich einen verf*&$§! Zwergpudel halten darf, sehe ich ganz ehrlich keinen Anlass, mich darüber aufzuregen, dass er irgendwo am Potsdamer Platz oder auf der A2 ein paar Kameras aufhängt.

Warum ist es völlig in Ordnung, wenn der Staat meine Handlungsfreiheit wieder und wieder und wieder und wieder beschneidet, aber wenn er dann außer unserem Foto, unseren besonderen Merkmalen, unserem Geburtsdatum, unserem Geschlecht, unserem Einkommen, unserer Zugehörigkeit zu religiösen Vereinigungen, der Anzahl der Rundfunkempfangsgeräte in unserem Haushalt und [Liste beliebig erweiterbar, aber ich denke, das Prinzip kommt rüber] außerdem noch unsere Fingerabdrücke speichern will, dann ist plötzlich das Ende der Toleranz erreicht, und wir gehen auf die Straße?

Wieso?


Aber ich fürchte, der hier meint es total ernst.

12. August 2010

Ich sage das nicht leichtfertig, ich habe gründlich darüber nachgedacht, und ich rechne damit, dass einige von euch mir widersprechen könnten, aber doch: Nachdem ich mich gerade noch über Peter Richters Alkoholverbotsartikel geärgert gewundert habe, bin ich nun auf den mit hoher Wahrscheinlichkeit dümmsten, melodramatischsten, borniertesten, peinlichsten und, ja, menschenfeindlichsten Artikel gestoßen, den ich je bei faz.net gelesen habe. Es handelt sich um „Die Menschenleser“ von dem Direktor der Nordrhein-Westfälischen Landesanstalt für Medien Norbert Schneider. Er lässt sich ganz gut so zusammenfassen, wie faz.net das auch unter der Überschrift getan hat:

„Wer sich im Netz preisgibt, wird zu einem Menschen zweiter Schöpfung: Er gibt den digitalen Göttern Gelegenheit, jede Kontrollmöglichkeit auszunutzen. Es ist an der Zeit, eine vernünftige Regulierung für die Kontrolleure zu finden.“

Und da steht auch gleich schon alles drin, was ich so albern finde an Herrn Schneiders Werk: Schwülstiger Ausdruck bis weit über die Grenze der Selbstparodie hinaus, sinnlose religiöse Anspielungen, ein Habitus, als warnte er vor dem unmittelbar bevorstehenden Herabfallen des Himmels, und die feste Überzeugung, dass wir alle seinen Schutz brauchen, weil wir sonst unsere Individualität, unsere Würde und unseren freien Willen verlieren. Bloß gut, dass es da so selbstlose Menschen wie ihn gibt, die uns in ihrer Güte vorschreiben, wie es richtig geht. Und uns deutlich sagen, wie es falsch ist, nämlich so, wie es zurzeit läuft:

„Konjunktur hat das Öffentliche. Man isst im Freien und telefoniert dabei ungeniert. Statt Gärtchen – der Biergarten. Die Mode veröffentlicht menschliche Körper. Public viewing breitet sich aus. Exhibitionismus wird chic. In der Talkshow, in der Castingshow, im Container von Big Brother“

Wahnsinn. Herr Schneider hat den Exhibitionismus und die Freude an der Öffentlichkeit als neuen Trend ausgemacht. Wie wird er wohl reagieren, wenn er den Buchdruck entdeckt?

„Doch an diesem Punkte wird die neue Anthropologie prekär. Der Mensch als Datenträger wird, indem er lesbar gemacht wird, auch steuerbar, vorhersehbar, kontrollierbar. Er wird, ohne davon irgendetwas zu wissen, zum Objekt einer auf Dauer gestellten Rasterfahndung“

Und das ist dieser Schritt, den er uns nicht so richtig erklärt und der mir auch nicht einleuchtet. Herr Schneider meint, wenn ich im Netz etwas über mich verrate, dann werde ich dadurch unweigerlich „steuerbar“, verliere also meine Fähigkeit, für mich selbst Entscheidungen zu treffen. Ich denke bei dieser Art der Argumentation immer mit einem Schmunzeln an die Gnome in South Park. Schritt 1: Unterhosen klauen. Schritt 2: ? Schritt 3: Profit! Und damit sind wir auch gleich beim Thema:

„[Unsere Daten] werden zur Grundlage von Geschäftsmodellen“

Gütiger Himmel, ja! Man stelle sich vor: Unternehmen nutzen das, was wir ihnen über uns verraten haben, um uns möglichst attraktive Angebote machen zu können! Heilige Marktwirtschaft, Batman, auf zum Medienanstaltmobil!

„Wieder einmal steht nicht weniger als die Würde des Menschen auf dem Spiel.“

Genau. Ich vermute, wenn Herr Schneider vergisst, den Reißverschluss an seiner Hose hochzuziehen, steht für ihn auch jedes Mal nicht weniger als die Würde des Menschen auf dem Spiel. Wieder einmal. Klar, wenn man will, kann man jeden Quatsch irgendwie auf die Würde des Menschen zurückführen. Ich finde aber, dass man ruhig erst mal versuchen sollte, ein paar Stufen niedriger anzusetzen, wenn man nicht ausgelacht werden will.

„Zum Menschenbild der ersten Schöpfung gehört der freie Wille – mit allem, was daraus werden kann. Es ist dafür zu sorgen, dass in einer zweiten Schöpfung dieser freie Willen nicht faktisch ausgelöscht wird.“

Falls das für euch zu schnell ging, noch einmal zum Mitschreiben: Herr Schneider ist der Meinung, dass wir unseren freien Willen auslöschen, indem wir Sachen ins Internet schreiben. Natürlich nur, wenn wir uns dabei nicht an seine Regeln halten. Und hier schimmert meiner Meinung nach das Gefährliche an dieser Denkweise durch:

Herr Schneider sieht, dass wir freiwillig unsere Daten anderen zur Verfügung stellen, und er findet das anscheinend irgendwie anstößig. Außerdem glaubt er, dass wir uns damit schaden. Ich persönlich finde das ein bisschen albern, aber wer weiß, vielleicht hat er ja Recht, und es steht ihm auf jeden Fall zu, uns davor zu warnen, wenn er es nun einmal so sieht.

Das reicht ihm aber nicht. Er weiß so genau, was gut für uns ist, dass er es per staatlichem Zwang herbeiführen will. Natürlich nur zu unserem Besten. Er meint es gut. Und das wird auch nicht besser dadurch, dass seine konkreten Vorschläge (Transparenz des Datenverkehrs und weitgehende Eigentumsrechte an den eigenen Daten) zunächst mal gar nicht besonders bedrohlich daherkommen. Dennoch geht es hier um eine Einschränkung individueller Freiheit, und der völlig überzogene Alarmismus, mit dem er argumentiert, lässt mich durchaus vermuten… Was? Wie? Sie wollen noch was sagen, Herr Schneider? Nur zu.

„Geht es so weiter wie bisher, dann wird eine Pointe der zweiten Schöpfung sein, dass die digitalen Götter sich dadurch an der Macht halten, dass sie eine Kontroll-Lücke schließen – indem sie eine Videokamera auch noch auf den Baum der Erkenntnis richten.“

Oh… Schon gut. Kann dem Mann bitte mal jemand ein kaltes Tuch bringen, oder seine Pillen, oder ein Schmetterlingsnetz?

Ich könnte dazu noch so vieles sagen, aber zum Glück gibt es einen, der das alles viel besser ausdrücken kann, als ich es mit Worten je könnte.


Bella Block

10. November 2009

Letzten Freitag bekam meine Freundin einen Brief vom Fachbereich Recht und Ordnung der Landeshauptstadt Hannover. Sie wurde darin gebeten, doch einmal die Sachbearbeiterin Frau B anzurufen, weil sie im Zusammenhang mit einer Verkehrsordnungswidrigkeit als

() Halter/in
() Betroffene/r
(X) Zeugin

gehört werden sollte. (Kann mir jemand erklären, inwiefern dieses Ankreuzverfahren in solchen Behördenbriefen Sinn ergibt? Es wäre doch mindestens genauso einfach, jeweils eine Vorlage für jeden dieser Fälle anzulegen, oder? Und warum gibt es die Zeugin nur weiblich, die anderen aber in beiden Varianten?)

Wir wunderten uns über diesen Brief, weil Keoni sich nicht erinnern konnte, einer Verkehrsordnungswidrigkeit beigewohnt zu haben, und insbesondere hatte garantiert niemand ihren Namen und ihre Adresse notiert, um sie als Zeugin zu vernehmen. Dennoch rief sie im vollen Bewusstsein ihrer bürgerlichen Pflichten bei Frau B an und fragte, wie sie denn helfen könne. Was sie dort erfuhr, finde ich sehr befremdlich, aber vielleicht stelle ich mich ja auch bloß an…

Am 17. August war eine Geschwindigkeitsüberschreitung mit einem Fahrzeug des Unternehmens, bei dem ich arbeite, registriert worden. Der Fachbereich Recht und Ordnung hatte uns daraufhin Ende September angeschrieben, um zu erfragen, wer zur fraglichen Zeit den Wagen gefahren habe, hatte aber keine Antwort erhalten. Frau B sah daraufhin keine Alternative, als kurzerhand mal einen Blick in’s Telefonbuch zu werfen und uns anzurufen uns noch mal anzuschreiben und an ihre ursprüngliche Anfrage zu erinnern über unsere Firmenhomepage oder die Gelben Seiten schnell nachzusehen, ob sie die richtige Adresse hatte über das Melderegister meine Privatadresse herauszufinden, um dann einer anderen dort gemeldeten, mit mir weder verwandten noch verheirateten Person, die mit meinem Unternehmen nichts zu tun hat, einen Brief zu schreiben, um sich zu erkundigen, ob sie möglicherweise Näheres weiß, schließlich war auf dem Foto der Überwachungsanlage ja eine Frau zu erkennen.
Keoni wusste natürlich von gar nichts und verwies Frau B an mich. Die überwand sich daraufhin dann doch noch, mich anzurufen, woraufhin ich die Fahrerin des Wagens anrief und erfuhr, dass das Bußgeld vor zwei Wochen überwiesen worden war. Case closed.

Einen Penny für die Gedanken von Frau B.

[Update, 11. 11. um 12:19 Uhr] Ich habe offenbar gerade mit so jemandem wie einer Vorgesetzten von Frau B gesprochen. Die hat mir gesagt, dass Frau B keineswegs über das Melderegister auf meine Freundin gekommen ist. Vielmehr war sie persönlich bei mir zu Hause und hat dort den Namen auf dem Briefkasten gesehen.
Ein Versuch, die Sache vorher telefonisch zu klären, hätte natürlich einen völlig unverhältnismäßigen Aufwand bedeutet, da Frau B über keinen Internetzugang verfügt und außerdem eine Außendienstmitarbeiterin ist, deren Aufgabe nun einmal darin besteht, vor Ort zu ermitteln.
Dass sie trotzdem nicht versucht hat, einfach mal vor Ort bei dem Unternehmen vorbeizuschauen, dem das Fahrzeug gehört, liegt natürlich daran, dass es datenschutzrechtlich auch nicht ganz einfach ist, die Mitarbeiter dort zu befragen. Außerdem würden die ja vielleicht auch nicht die Wahrheit sagen, weil sie ihre Kollegen oder ihre Vorgesetzten nicht verraten wollen.
Meine Verbesserungsvorschläge für die Zukunft hat sie aber dankbar aufgenommen und wird sie auch an Frau B weitergeben.

Na, dann ist ja alles klar.