Davos weh tut (1)

29. Januar 2012

Skeptizismus und Liebe zur Wahrheit hin oder her, es gibt Themen, von denen ich mich besser fern halten sollte. Dinge, von denen ich eigentlich nichts wissen will. Die Berichterstattung zum Gipfel in Davos gehört dazu, aber wie so oft wusste ich nicht, was gut für mich ist und habe trotzdem ein bisschen drüber gelesen. Und jetzt will ich jemanden würgen, aber Keoni steht nicht auf sowas. Na gut. Muss ich eben schreiben.

Zuerst: Ich habe mich ja auf eine wütend vor mich hin grummelnde, halb resignierte, passiv-aggressive Art damit abgefunden, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der ich bestraft werde, wenn ich bestimmte Pflanzen mit mir herumtrage, wenn ich am falschen Wochentag arbeite, oder an einem Tag eine Tanzveranstaltung (Das Wort schon.) abhalte, an dem andere beschlossen haben, dass sie nicht tanzen wollen. Ich lebe damit, dass ich in dieser Gesellschaft als Verbraucher so weit entmündigt bin, dass ich keinen Gewährleistungsausschluss vereinbaren kann, wenn ich ein gebrauchtes Auto kaufe, und dass nicht wirksam auf mein vierzehntägiges Rückgaberecht verzichten kann. Ich habe mich an den Gedanken gewöhnt, dass wir Arbeitnehmer für so dumm und unreif halten, dass wir ihnen nicht zutrauen, selbst zu entscheiden, wie viel Urlaub sie pro Jahr brauchen, wie viele Stunden sie pro Tag, pro Woche, pro Monat arbeiten wollen, dass wir insbesondere weibliche Arbeitnehmer durch staatliche Zwangsmaßnahmen zu so unkalkulierbaren Risiken gemacht haben, dass es als Beleg für ihre bewundernswerte Leistungsfähigkeit zu gelten hat, dass überhaupt noch jemand sie einstellt, und dass wir unserer eigenen Zurechnungsfähigkeit so wenig vertrauen, dass wir Unternehmen vorschreiben, wie, wann, wie lange und auf welche Weise sie andere über ihre Produkte und Dienstleisungen informieren dürfen. Ich ärgere mich schon kaum noch drüber, dass ich für nahezu jeden Handschlag irgendeine Genehmigung brauche, irgendwo Pläne und Anträge und Formulare einreichen und mich von irgendeinem Prüfer oder Auditor oder… Naja, ihr wisst schon, das alles nehme ich mit einem Lächeln hin, das macht mir gar nichts aus… Ähem.

Aber wie müssen denn die Denkprozesse im Gehirn eines Menschen von statten gehen, der in derselben Gesellschaft lebt wie ich und deren Probleme dann im Ernst als Versagen des Kapitalismus oder der Marktwirtschaft anprangert? Welcher Kapitalismus denn, welche Marktwirtschaft? Wie muss man denn die Welt sehen, um eine Krise, die durch staatlichen Zwang und staatliche Regulierung, staatliche Fehlanreize und staatliche Misswirtschaft möglich wurde und perpetuiert wird, als einen Beleg für das Versagen „entfesselter Märkte“ anzuführen? Ich benutze doch auch nicht die Dekadenz des späten Römischen Reiches als Argument dafür, dass Sozialismus nicht funktioniert.