Angela Merkel zeigt alle zehn Finger

12. September 2013

Angela Merkel zeigt bei einem öffentlichen Auftritt ihre Hände. Kalkül oder peinlicher Fauxpas kurz vor der Wahl?

Schon kurz nach Bekanntwerden des Fotos wurde Merkel für ihre Geste teils heftig kritisiert. „Das kann doch wohl nicht der Stil einer Bundeskanzlerin sein“, twitterte der Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel stellte Merkels Eignung als Kanzlerin infrage. „Die Geste verbietet sich als Bundeskanzlerin. So etwas geht nicht“, sagte Gabriel am Rande des 

Nee. Ich kann nicht. Tut mir leid, ich dachte ich könnte, aber klappt nicht. Das ist von sich aus schon so dumm, das lässt sich nicht mehr verulken. Dazu fällt mir nichts ein. Aber zumindest einen kurzen Kommentar haben Leute wie Daniel Bahr und Philipp Rösler schon noch verdient, die der Meinung sind, eine alberne Geste entscheide über die Tauglichkeit als Kanzlerkandidat.

Finger


meine Nichtwahlempfehlung #BTW2013

27. August 2013

Es dürfte aufgefallen sein, dass ich Anatol Stefanowitsch sehr schätze.  Deshalb, und weil das Thema der Nichtbeteiligung an Bundestags- und ähnlichen Wahlen hier schon mal eine Rolle gespielt hat , freue ich mich umso mehr, ihm auch einmal widersprechen zu dürfen. Es geht um die bevorstehende Bundestagswahl, und um einen Dissens zu finden, muss ich nicht mal so weit gehen, dass für ihn anscheinend die Gründe, eine Partei zu unterstützen, ungefähr die gleichen sind, die mich zu dem Wunsch führen, jemand möge in deren Zentrale einen Sprengsatz deponieren ihnen stringent ihren Irrtum aufzeigen und sie zu sozialverträglichem Verhalten zurückführen. Das soll hier keine Rolle spielen, weil ich nicht nur grundsätzlich, sondern insbesondere jetzt gerade ausgesprochen faul bin und deshalb ein einfacheres Thema wählen möchte:

Ich habe nichts gegen Nichtwähler, einige meiner besten Freund/innen sind Nichtwähler, aber ich verstehe sie nicht und habe sie in den 25 Jahren, die ich jetzt an Wahlen teilnehmen darf, nie verstanden. 

Dem Manne kann geholfen werden. Es ist – wer mit einem Hammer umgehen kann und so, ihr wisst schon – auch hier wieder ein bisschen wie bei der Diskussion über Atheismus. Ich muss mit der Bemerkung einsteigen, dass der Versuch, Nichtwähler zu verstehen, ein bisschen dem Versuch gleicht, Nichtnazis oder (um einen etwas weniger verfänglichen Vergleich zu wählen) Nichtlakritzesser zu verstehen. Wir bilden keine irgendwie zusammenhängende Gruppe mit einer gemeinsamen Ideologie. Unsere Gemeinsamkeit beschränkt sich darauf, dass wir nicht wählen.

Die drei Standardargumente — „Ich lehne das Parteiensystem ab“, „Das bringt doch eh nichts“ und „Ich weiß nicht, wen ich wählen soll, die sind doch alle gleich“ — haben für mich nie einen Sinn ergeben. 

Nun ja. Ich gebe – wie beim Atheismus – gerne zu, dass man auch aus schlechten Gründen Nichtwähler sein kann. Diese drei finde ich jetzt an und für sich aber gar nicht so übel, wenn man sie nicht gerade so deutet, wie Anatol Stefanowitsch es tut. Oder vielleicht doch. Ist ein bisschen schwierig zu sagen. Schaumermal, und beginnen wir beim ersten.

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The wrong way to think about surveillance (1)

26. Juni 2013

Joker

Ich bin nicht gerne der Typ, der die Aufregung nicht versteht, und ich mag auch dieses Argumentationsmuster nicht, dass man sich nicht über was aufregen soll, weil was anderes viel schlimmer ist, aber – ihr wusstet, dass so ein Satz nur in einem Aber münden kann, oder? – ich verstehe zurzeit wirklich nicht ganz, wo man Aufregung darüber hernimmt, dass Geheimdienste geheime Überwachungsprogramme fahren. Ich meine, ja, einerseits: sicher Obama, voll nett und so, und so ein cooles Grinsen hat er, aber andererseits: Geheimdienste! Hallo? McFly? Jemand zu Hause?

Pardon. Ich höre jetzt auf mit dem Quatsch und komme zum zweiten Teil, dem Teil, in dem ich wirklich ein bisschen was zu sagen habe. Nicht viel, ihr kennt mich, aber ein bisschen mehr als Hallo McFly, jemand zu Hause hab ich immerhin.

Zuerst mal: Ich verstehe natürlich, wenn jemand bestimmte Dinge geheim halten will, und verärgert ist, wenn sie gegen seinen Willen ans Licht kommen. Geht mir mit manchen Sachen auch so. Und natürlich kann man es unverschämt von der NSA finden, Zugang zu den Daten von Facebook und Google und Amazon und so zu wollen. Völlig okay. Ich bin ja der letzte, der der Regierung irgendwelche Befugnisse zugestehen will.

Aber die Argumentation, die manche Befürworter des Datenschutzes und der Achtung privater Geheimnisse bringen, verstehe ich manchmal gar nicht. Ich habe da zum Beispiel gerade zwei Artikel gelesen, anhand derer ich das mal exemplarisch verdeutlichen will. Der erste ist aus der Zeit und trägt den unheilsschwangeren Titel

Für Algorithmen ist jeder verdächtig

Ein seriöses Medium wie die meisten Blogs, die ich lese, würde sich vielleicht daran stören, dass das schon ein bisschen reißerischer Nonsens ist, aber einem billigen Boulevardblättchen wie der Zeit wollen wir es durchgehen lassen. Wenn wir zu kleinlich sind, werden wir nämlich heute nicht mehr fertig.

Kai Biermann erklärt uns zunächst wortreich, was Rasterfahndung ist und stellt dann fest:

Was auf den ersten Blick logisch klingt, birgt zwei Gefahren.

Gleich zwei für Katja. Da sind wir aber mal gespannt.

 Zum einen macht diese Form der Ermittlung jeden zum Verdächtigen. Es gibt keine Unschuld mehr.

Bullshit, und Bullshit. Was meint er denn damit? Natürlich ist für einen guten Ermittler in gewisser Weise jeder ein Verdächtiger, und das ist auch gut so. Und was soll das heißen, es gebe keine Unschuld mehr? Nur weil prinzipiell jeder als möglicher Täter in Betracht gezogen wird? Was soll denn daran falsch sein? Sollten wir einfach bestimmte Gruppen von Leuten vorn vornherein aus…

Selbst berühmte Schauspieler wie der Bollywood-Star Shah Rukh Khan sind nicht davor gefeit, bei der Einreise in die USA allein aufgrund ihrer Hautfarbe stundenlang verhört zu werden.

Waaaaaas? Möge Gott uns allen gnädig sein! Sogar berühmte Schauspieler müssen unter Umständen nur wegen ihrer Hautfarbe ein Verhör erdulden? Herr Biermann, ich will zu Ihren Gunsten mal vermuten, dass Sie sich da nur in Ihrer Argumentation verfranst haben und nicht im Ernst der Meinung sind, es wäre okay, Leute nur wegen ihrer Hautfarbe stundenlang zu verhören, solange man berühmte Schauspieler aus dem Spiel lässt, aber wenn wir diese Missverständnismöglichkeit mal ausschließen, bleibt nicht mehr viel übrig. Natürlich sollten wir Leute nicht nur wegen ihrer Hautfarbe stundenlang verhören. Aber das ist kein Argument gegen Rasterfahndung an und für sich. Es ist ein Argument gegen Rasterfahndung mit blödsinnigen Kriterien. Das Problem in Ihrem Beispiel ist nicht, dass für den Algorithmus jeder verdächtig ist, sondern dass der Algorithmus Blödsinn ist.

An sich harmlose Verhaltensweisen können genügen, um überwacht und verfolgt zu werden. Es reicht, ähnliche Dinge getan zu haben, wie ein Verbrecher. Stundenlange Verhöre sind dann noch eine vergleichsweise harmlose Folge.

Und da kommen wir jetzt allmählich der Sache näher. Also, wir, im Sinne von ihr und ich. Herr Biermann nicht. Dem fällt anscheinend nicht auf, dass das Problem hier schon wieder nicht in der Anwendung der Algorithmen an sich liegt, oder in der Rasterfahndung, sondern erstens in der (potentiell) schlechten Rasterfahndung, und zweitens natürlich in der mangelnden Kontrolle. Wenn die Exekutive mich stundenlang verhören kann, ohne einen vernünftigen Grund dafür zu haben, dann ist das ein Problem. Wenn sie auch noch schlimmeres mit mir machen kann, ohne auch nur einen Richter fragen zu müssen, ist das noch ein größeres Problem. Und genauso ist es ja. Ich finde, man kann das gar nicht oft genug betonen: In den USA kann meines Wissens auch heute noch jeder Mensch jederzeit beliebig lange eingesperrt werden, solange nur der Präsident der Meinung ist, er könnte irgendwas mit Terrorismus zu tun haben. Das ist ein Unding. Das ist unfassbar. Das ist unerträglich für einen Rechtsstaat. Und da liegt das Problem. Da liegt das eigentliche Defizit. Wenn das nicht so wäre, dann wäre es zwar immer noch schade, wenn der Präsident ohne vernünftigen Grund irgendwelche Leute verdächtigen würde, Terroristen zu sein, aber es wäre keine Bedrohung mehr.

Natürlich wäre es trotzdem immer noch wünschenswert, dass die Exekutive beim Schutz ihrer Bürger möglichst rational vorgeht und sich nicht an unsinnigen Kriterien orientiert, aber darüber schreibt Herr Biermann ja gar nicht. Beziehungsweise nicht richtig. Wisst ihr noch, dass er oben zwei Probleme angekündigt hatte? Ich dachte erst, er hätte Nummer zwei vergessen, aber er braucht nur ziemlich lange, um dazu zu kommen:

Zum anderen hängt alles davon ab, was die Programmierer des Algorithmus als Vergleichsmuster angenommen haben.

Potztausend, sagen Sie bloß! Der Erfolg von Ermittlungen hängt davon ab, wonach die Ermittler suchen? Was finden diese crazy investigativen Journalisten von der Zeit wohl als nächstes raus?

Garbage in, Garbage out, heißt das in der Informatik – wer eine unsinnige Frage stellt, dem geben die Daten eine unsinnige Antwort.

Jup.

Und nu? Nix und nu.  Herr Biermann stellt nicht die Frage, ob und welche Rasterfahndung gut funktioniert, oder schlecht. Er nennt keine Erkenntnisse darüber, ob und unter welchen Bedingungen Rasterfahndung zu besseren oder schlechteren Ergebnissen führt als andere Methoden. Er stellt nur fest, dass sie zu schlechten Ergebnissen führt, wenn man sich doof dabei anstellt, und will das wohl als Fundamentalkritik verstanden wissen, als wäre das nicht bei jeder denkbaren Tätigkeit genauso.

In Wahrheit kann es also nicht das sein, was ihn stört. Ihn stört in Wahrheit … ja, was eigentlich?

dass die Prämisse des demokratischen Strafrechtes nicht mehr gilt. Unschuldig bis zum Beweis der Schuld? Dieses Konzept kennen Algorithmen nicht.

Nee. Das ist doch Unfug. Diese Prämisse (die übrigens nichts mit Demokratie zu tun hat, Himmel, wie es mir auf den Geist geht, wenn Leute diesen doch einigermaßen klar definierten Begriff der Demokratie mit allem aufladen müssen, was gut und richtig ist, ob es nun passt oder nicht) besagt ja nicht, dass wir nur gegen Menschen ermitteln dürfen, wenn ihre Schuld bewiesen ist, denn das wäre völliger Quatsch. Sie besagt, dass wir Menschen nicht bestrafen dürfen, nicht benachteiligen dürfen, bis ihre Schuld bewiesen ist. So ist sie in der Tat eine große Errungenschaft, die es sich lohnt zu verteidigen. Aber die hat dann nichts mehr damit zu tun, ob man ein berühmter Schauspieler ist, sondern damit, dass wir einfach jedem Menschen die gleichen Rechte zugestehen, dass wir fair sind, und unvoreingenommen, und das will ich auch eigentlich gegenüber Herrn Biermann sein, aber ich kann mir nicht helfen, für mich klingt sein Artikel, als würde ihn das stören. Für mich klingt das so, als hätte er ein Problem damit, dass nicht bestimmte Personen von vornherein als unverdächtig gelten, dass prinzipiell jeder als Täter infrage kommt. Und genau das finde ich eigentlich völlig in Ordnung, und ich würde das sogar einen Vorteil der Rasterfahnung nennen, denn es verhindert, dass Ermittler sich von Vorurteilen leiten lassen, und liefert ein prinzipiell faires Verfahren. Womöglich tue ich ihm da Unrecht und lese zuviel in seinen Text hinein.

Aber sogar wenn wir von diesem Problem absehen, bleibt es dabei, dass Herr Biermanns Kritik an der Rasterfahndung und den Algorithmen haltlos ist. Er liefert uns kein Argument, das dagegen spricht, mit ihnen zu arbeiten, und alles, was er zu Recht kritisiert, hat seine Ursache woanders. Und als wäre das noch nicht genug, versucht er seinen Mangel an Argumenten hinter unnötigem Pathos zu verbergen. „Es gibt keine Unschuld mehr.“ Ich glaub auch.

[Ich merke gerade, dass dieser Post schon wieder ordentlich lang geworden ist, obwohl ich gerade mal einen von zwei angekündigten Artikeln besprochen habe. Deswegen lasst uns doch einfach einen Zweiteiler draus machen. Morgen geht es dann um einen Juraprofessor, um Lobster, und Mad Moxy. Ihr werdet schon sehen.]


Yay Obama!

8. November 2012

You know, American people, I know I’m a bit late, but I just gotta say this:

I’m so glad you picked Obama, and not the other one.

He’s such a great guy. Obama, I mean. I mean, yeah, he should probably stop killing innocent people, but apart from that, great guy. He has that unbelievably cute smile, don’t you think? Just can’t stay mad at him. And besides, they’re usually foreigners, so, like, who cares, right?

I’m just so excited we get to keep him as president, because … well… Yes, I guess war is not such a great thing, he might want to avoid that, but …. hey, do you remember the fly? When he caught the fly in the air? That was so cool, wasn’t it? Great guy.

And he even realized that gay people should probably be treated almost exactly like other citizens, just before the election. Isn’t that great?

Yes, sure, there’s that thing about imprisoning people without due process, but at least he’s stopped torturing them. He says. Mostly. That’s got to count for something. The other one wanted to torture them, I think, so Obama is obviously the better choice. No denying that, right? Imprisoning people is still better than imprisoning people and torturing them, isn’t it? I mean, duh, right?

And yes, like the other one, he talks to an invisible friend who tells him what’s right and wrong, but at least he’s not wearing that stupid magic underwear stuff, so if anyone should have the power to destroy the world and to just imprison and kill anyone he wants to, it should really be him and have you seen that video of him singing „Call me maybe“? Such a great guy.

So, American people, Lady Gaga is so right, you can be very proud of yourselves. Congratulations. I can’t imagine anyone I’d rather have as leader of the free world. Except maybe someone who doesn’t kill innocent people, doesn’t think it’s right to imprison someone without due process, doesn’t believe batshit crazy stuff without good reasons and doesn’t need the pressure of an election to understand that gay people are people. I might just rather have someone like that. But I guess you have to be realistic about such things.

So yay Obama!


47%

18. September 2012

In den USA gibt es ja diese beiden Leute, die sich um dasselbe Amt bewerben. Einer von ihnen ordnet jetzt schon auf sehr zweifelhafter rechtlicher Grundlage regelmäßig den Tod unschuldiger Menschen an, der andere hat das zwar bisher noch nicht getan, findet aber, dass der Amtsinhaber es zu wenig macht und würde jedenfalls auch gerne.

Beide Bewerber glauben, dass jeder einzelne Mensch es verdient hat, für alle Ewigkeit unfassbare Qualen zu erleiden, und einer von ihnen bildet sich außerdem ein, er wäre verpflichtet, magische Unterwäsche zu tragen. Im Gegenzug hat er die Hoffnung, selbst mal ein Gott zu werden. Der Amtsinhaber hält das für unmöglich, rechnet aber zumindest auch damit, ewig zu leben und den größten Teil dieser Ewigkeit in einem körperlosen Zustand endlosen, perfekten Glücks zu verbringen.

Beide Bewerber haben ihre Bedenken, was die Gleichberechtigung homosexueller Menschen angeht, allerdings hat der Amtsinhaber kürzlich eine Epiphanie erlebt und ist nun wohl doch dafür, nachdem klar wurde, dass das seine Chancen leicht verbessern könnte, seine Position zu behalten.

Die Entscheidung, wem von den beiden die Bürger die Verantwortung zutrauen, die westliche Welt anzuführen und über ein Arsenal an Nuklearwaffen zu herrschen, das durchaus geeignet sein könnte, die Menschheit vollständig auszulöschen, war also bisher keine besonders leichte, obwohl ich eine gewisse Tendenz zu erkennen glaube, wer von beiden der etwas weniger Ungeeignete ist.

Zum Glück hat einer von den beiden jetzt aber gerade bei einem Abendessen was Ungeschicktes gesagt.

Damit ist die Sache wohl klar.

Demokratie ist was Wunderbares, oder?


You didn’t build that

13. August 2012

Machmal möchte man wieder zur Monarchie zurück, wenn man schaut, wie Demokratie funktioniert.

Das hat Obama gesagt:

Und das macht Romneys Kampagne daraus:

Und man kann wohl wirklich mit guten Argumenten vertreten, dass Romney Obamas Zitat aus dem Kontext gerissen und verzerrt hat, aber ich verstehe nicht, warum man das tun sollte.

Denn sogar so, wie Romney es aus dem Kontext gerissen hat, stimmt es doch noch: You didn’t get on your own. You didn’t build that. If you were successful, somebody along the line gave you some help.

Stimmt doch alles genau. Davon muss sich niemand beleidigt oder angegriffen fühlen, das ist einfach die Wahrheit. Da sind sich, wie schon andere aufgezeigt haben, Romney und Obama natürlich auch einig.

Warum muss darüber also irgendjemand streiten? Denn der entscheidende Punkt ist doch ein ganz anderer.

Der entscheidende Punkt ist doch: Na und?


Schlechte Nachrichten

24. Juni 2012

Liebe Leser,

es liegt mir fern, euch verunsichern und eures Vertrauens in die Zukunft berauben zu wollen. Ich möchte keine Panik und keinen Alarmismus verbreiten. Aber ich habe gerade etwas erfahren, das ich euch nicht vorenthalten kann:

Unsere Demokratie ist bedroht; unsere freiheitliche Gesellschaft; und unser Rechtsstaat. Es steht zu befürchten, dass eine neue Ära in der politischen Konstitution der Bundesrepublik, um nicht zu sagen: aller technologisch fortgeschrittenen Staaten angebrochen ist. Die Zeiten, in denen Politiker sich ausschließlich an rationalen Argumenten orientierten, in denen Regierungen sich auf Sachfragen konzentrierten und ihre Entscheidungen auf wissenschaftliche Erkenntnisse und solide Planung stützten, in denen Parlamente die Demokratie als wichtigsten Wert hochhalten und sich nicht dem Druck von Gruppen beugten, die ihre Partikularinteressen besonders nachdrücklich vertreten, die Zeiten, in denen wir uns darauf verlassen konnten, dass unsere Vertreter wirklich uns dienen und niemals in Versuchung geraten, sich billigem Populismus oder unreflektierten Aktionismus hinzugeben, die Zeiten, in denen Angehörige der Legislative nur über Gesetzentwürfe abstimmten, nachdem sie sich profund und umfassend informiert und sich nicht nur von den Folgen und Gründen des Entwurfs, sondern auch von der Meinung der gesamten Bevölkerung dazu überzeugt und analysiert haben, wie die neue Vorschrift in unser bisheriges Normengefüge und insbesondere die verfassungsmäßige Ordnung passt, diese Zeiten sind vorbei.

Ich hoffe, dass ihr euch von dieser Erkenntnis nicht zu unüberlegten Handlungen verleiten lasst, aber ich muss euch einfach darauf hinweisen, dass die Gefahr besteht, dass Politiker sich in Zukunft von der Macht einflussreicher Minderheiten zu unüberlegten Entscheidungen verleiten lassen könnten, die sich nicht immer am Wohl der gesamten Gesellschaft orientieren, sondern vor allem an dem Wunsch, in der Öffentlichkeit gut dazustehen.

Sicher wollt ihr alle euch eine solche Welt so wenig wie ich auch nur vorstellen, aber ich fürchte, dass wir uns der Realität stellen müssen, dass es so weit kommen könnte.

Und wer ist Schuld daran?

Das Internet natürlich.