Lange nicht mehr FAZ gebasht

6. Juni 2013

Um das gleich aus dem Weg zu haben: Qualitätsmedien, Demokratieabgabe, Kostenloskultur, haha. Zur Sache:

Das Bundesverfassungsgericht ist fast am Ziel

Dam-dam-daaa, schreibt Reinhard Müller auf faz.net und konstatiert sachlich beinahe richtig, dass nun nur noch das gemeinschaftliche Adoptionsrecht zur völligen Gleichbehandlung der Lebenspartnerschaft mit der Ehe fehle.

Wer sollte etwas dagegen haben?

fragt er in einem raffinierten rhetorischen Kniff, der natürlich darauf hinleitet, dass wir alle etwas dagegen haben sollten, denn

der [Gesetzgeber] hat die völlige Gleichsetzung von Ehe und gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaft bisher mitnichten beschlossen.

Hm. Ist das noch Wahnsinn, oder hat es Methode, dass die FAZ offenbar gerne mit dem Inhalt eines Gesetzes für dessen Inhalt argumentiert? Nee, Herr Müller, wenn der Gesetzgeber die schon beschlossen hätte, müsste das Bundesverfassungsgericht sie ja nicht erzwingen. Deswegen machen die das.

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Bundesverfassungsgericht erklärt willkürliche Diskriminierung im Rahmen willkürlicher Diskriminierung für unzulässig

6. Juni 2013

Karlsruhe. Für die Bundesregierung völlig überraschend hat das Bundesverfassungsgericht heute entschieden, dass eine erhebliche Reduktion der Steuerlast aufgrund der vertraglichen Verpflichtung, mit einem anderen Menschen in einer monogamen sexuellen Beziehung zusammenzuleben, zwar nicht zu beanstanden ist, dass von dieser willkürlichen und sinnlosen Vergünstigung allerdings nur bestimmte Arten von monogamen sexuellen Beziehungen willkürlich und sinnlos ausgeschlossen werden dürfen.

Der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Thomas Oppermann, bezeichnete den Beschluss als eine Ohrfeige für die Bundesregierung. Frau Merkel wolle nicht wahrhaben, dass

die Zeit längst reif ist für eine weitgehend gleichberechtigte willkürliche Bevorzugung monogamer sexueller Partnerschaften, natürlich mit Ausnahme einiger bestimmter Formen solcher Partnerschaften, für die wir nach wie vor Freiheitsstrafen verhängen.

Andrea Nahles warf der Regierung ein

homophobes, die falschen monogamen sexuellen Partnerschaften willkürlich steuerlich bevorzugendes Weltbild

vor.

Volker Beck (Die Grünen) freute sich, dass das Urteil klargemacht habe:

Niedrigere Steuern für Personen, die sich verpflichtet haben, auf von uns akzeptierte Weise regelmäßig den Beischlaf zu vollziehen, das heißt auch gleiche Ehe. […] Ich hoffe, dass nun in der Union der Widerstand gegen die Gleichstellung nicht vollständig zusammenbricht, sondern nur soweit, dass nun nicht mehr nur hetero-, sondern auch homosexuelle monogame Paare willkürlich vom Staat bevorzugt werden.

Renate Künast (Ebenfalls die Grünen) bot an:

Wir können gleich nächste Woche auf diese neue Form willkürlicher Diskriminierung umstellen, denn der grüne Gesetzentwurf dazu liegt fertig vor.

Einigkeit herrschte unter allen Fraktionen des Bundestages, dass auch in einem neuen Modell gleichberechtigter willkürlicher Bevorzugung das bisherige Grundprinzip des Ehegattensplittings erhalten bleibt, dass monogame hetero- und homosexuelle Paare nur dann von den steuerlichen Vorteilen profitieren, wenn einer der beiden Partner mehr verdient als der andere, solange das gemeinsame Einkommen eine bestimmte Grenze nicht übersteige. Diese einhellige Überzeugung begründeten Vertreter aller Parteien in seltener Harmonie mit

Weil … naja, weil … also … Wir finden halt … naja … Artikel 6, und also, Kinder, zum Beispiel, irgendwie, weil, muss zwar nicht, aber ist ja oft, und kann ja auch ruhig, und … also … Hm … Naja … Oh, schon so spät … Ich muss weg!


Endlich

24. Mai 2013

Grapevine, Texas. Wie heute bekannt wurde, haben die Boy Scouts of America in einem Beschluss, den ihr Vorsitzende als „mitfühlend, rücksichtsvoll, und freundlich“ bezeichnete, ihre lange etablierte Politik aufgegeben, nur Mitglieder aufzunehmen, die den Anblick von weiblichen Brüsten sexuell erregend finden. Die Entscheidung, der lange Jahre des Widerstandes und interne Querelen vorausgingen, gilt als Meilenstein für die traditionsreiche Organisation.

Konservative Eltern und Freiwillige hatten der Entscheidung vehement widersprochen und sogar angekündigt, nicht länger Mitglied eines Pfadfinderverbandes sein zu wollen, dem auch Menschen angehören, die kein Interesse daran haben, eine Vagina zu penetrieren. Auch diverse Kirchen warfen den Boy Scouts vor, durch diese Entscheidung ihren Eid zu verletzen, sich stets moralisch zu verhalten, und befürchten nun einen Rechtsstreit darüber, ob die Organisation auch Gruppenführer akzeptieren muss, die den Gedanken an Geschlechtsverkehr mit einer Frau nicht geil finden. Robert Schwarzwalder, ein Funktionär des Family Research Council, befürchtet:

Diese großartige Institution wird nun vergiftet werden durch die Einführung einer politischen Agenda, obwohl wir doch alle wissen, nach welcher Art von Einführung ein echter Boy Scout zu trachten hat.

John Sternberger, ein evangelikaler Führer aus Florida, rief Eltern und Gleichgesinnte dazu auf, sich an einem Treffen zur Gestaltung einer neuen Organisation zur Charakterbildung von Jungen zu beteiligen, da bei den Boy Scouts nun nicht mehr die Wertschätzung der Schönheit und sexuellen Attraktivität von Frauenärschen im Vordergrund stehe.

Allison Mackey, eine Mutter von fünf Kindern, hat die veränderte Situation mit ihrer Familie diskutiert, mit dem Ergebnis, dass alle ihre Kinder willens wären, die Boy Scouts zu verlassen, sobald diese Mitglieder aufnehmen, die kein sexuelles Interesse an Frauen haben. Mackey sagte dazu:

Wir hatten viel Freude an den Boy Scouts, weil sie Männlichkeit und Führungsvermögen zelebrieren, aber mein Ehemann und ich erziehen unsere Söhne dazu, ihren Penis in eine Vagina stecken zu wollen. Zu unseren Prinzipien und vaginalem Geschlechtsverkehr zu stehen, ist nicht einfach, aber wir müssen hier nein sagen. Diese Organisation hat die Freiheit aufgegeben. Und Freiheit gehört nun einmal zu den Werten, auf denen diese wundervolle Nation errichtet wurde. Freiheit, und mörderdicke Tüten.


Diskriminierung ist nicht immer falsch.

1. November 2012

Das Thema Racial (oder sonstiges) Profiling hatten wir ja eigentlich schon mal. Und eigentlich habe ich meiner damaligen Stellungnahme auch nichts hinzuzufügen, aber aus aktuellem Anlass erinnere ich noch mal daran und ergänze sie ein bisschen. Der aktuelle Anlass ist eine Entscheidung des OVG Rheinland-Pfalz, oder eigentlich zwei Blogartikel zu dieser Entscheidung, denn die Entscheidung selbst gibt so gut wie gar nichts her. A propos.

[Exkurs: Findet es eigentlich noch jemand traurig, dass es weder die FAZ noch die Süddeutsche geschafft haben, in ihren jeweiligen Artikeln zu dem Fall klar zu machen, dass das Gericht keine Entscheidung in der Hauptsache getroffen hat? Zumindest behauptet das Gericht selbst das in seiner Pressemitteilung:

Nachdem sich die Vertreter der Bundespolizei bei dem Kläger für die Kontrolle im Zug entschuldigt hatten, erklärten die Verfahrensbeteiligten den Rechtsstreit in der Hauptsache für erledigt. Das OVG erklärte das erstinstanzliche Urteil für wirkungslos und legte der Beklagten die Kosten des Verfahrens auf.

Die Entscheidungsbegründung scheint nicht online zu sein, und ich habe die zwar gebeten, mir das Ding zuzusenden, aber das kann noch ein bisschen dauern, schätze ich. Bis auf Weiteres verlasse ich mich deshalb auf die Pressemitteilung (was man nicht immer darf, um das auch gleich dazu zu sagen) und halte es zwar für möglich, dass das Gericht während des Verfahrens oder in der Kostenentscheidung zur Hauptsache deutlich Position bezogen hat, sehe aber selbst ernannte Qualitätsmedien in der Pflicht, ihren Lesern das zumindest ansatzweise zu erklären, statt den Eindruck zu erwecken, das OVG Rheinland-Pfalz hätte irgendwas verboten.

Voraussichtlich werden ich nach Erhalt der Entscheidungsgründe oder sonstiger neuer Erkenntnisse noch mal dazu Stellung nehmen und gegebenenfalls reumütig zu Kreuze kriechen, falls sich herausstellen sollte, dass ich mich irre.

Nachtrag, 2. November 2012: Das Gericht hat mir inzwischen geantwortet, und zwar, dass in der Hauptsache keine Entscheidung getroffen wurde, und dass man ansonsten nur auf die Pressemitteilung verweisen könne. Auch auf erneute Nachfrage meinerseits mit Verweis auf die Presseberichte, die das Verfahren völlig anders darstellen, bekam ich nur einen weiteren Hinweis auf den Wortlaut der Pressemitteilung. Ich fühle mich dadurch in meiner Kritik bestätigt und halte daran fest.

Exkurs Ende]

Aber letztlich tut die Entscheidung für uns ja auch wenig zur Sache, denn wir wollen über das Prinzip diskutieren, statt die Rechtslage zu erörtern. Wie sieht Rayson von den bissigen Liberalen ohne Gnade (Er hat sich diesen Titel mutmaßlich ausgesucht oder zumindest billigend in Kauf genommen, jetzt muss er damit leben, finde ich.) die Sache?

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Taschentuch? (5)

26. März 2012

Okay. Queer.de hat also völlig korrekt darüber berichtet, dass das Steak mit der Aufschrift „Tofu ist schwules Fleisch“ nicht im Rahmen einer Maredo-Kampagne erschienen ist, und Maredo drohte daraufhin mit einer Klage, falls Queer.de das Motiv weiterhin abbildet. Das war wahrscheinlich doof von Maredo. So viel dazu.

Mir soll es statt um diesen albernen Streisand-Fauxpas  eher um das Motiv als solches gehen, denn es trifft ziemlich genau den Aspekt von Humor, in dem ich mich auch desöfteren mal angreifbar mache, nämlich das Spiel mit stupiden Vorurteilen. Dazu aber gleich mehr, nachdem wir was anderes Offensichtliches abgekaspert haben: Volker Beck redet natürlich dummes Zeug.

„Das Motiv ist homophob und spielt mit antihomosexuellen Vorurteilen. Schwule seien keine richtigen Männer, Lesben keine richtigen Frauen, Tofu kein richtiges Fleisch und wer so etwas denkt ist demokratisch nicht ganz bei Trost.“ So eine Entgleisung dürfe einer der führenden Marketing-Agenturen in Deutschland nicht unterlaufen, so Beck. „Ich erwarte eine aktive Wiedergutmachung, etwa in Form einer Spende an die Hirschfeld-Eddy-Stiftung oder durch eine kostenlose Beteiligung an einer Kampagne gegen Homophobie und Ausgrenzung.“

  1. Ich weiß nicht genau, ob es was anderes ist als sonst, demokratisch nicht ganz bei Trost zu sein, aber jedenfalls kann jemand, der glaubt, Tofu sei kein richtiges Fleisch, durchaus bei Trost sein, und sogar Recht haben, denn Tofu ist kein richtiges Fleisch.
  2. Ist „so eine Entgleisung“ Scholz & Friends überhaupt unterlaufen? Das Motiv wurde nicht verwendet, es wurde verworfen und geleakt.
  3. Es steht Herrn Beck zu, den Spruch doof und homophob zu finden, und Scholz & Friends dafür zu kritisieren, dass sie ihn entworfen haben. Für einen dummen Spruch eine „aktive Wiedergutmachung“ zu fordern, finde ich aber schon wieder dreist, und dann auch noch vorzugeben, wie die Wiedergutmachung stattzufinden hat, nämlich durch Ablasskauf Spende, ist in einer Form dummdreist, für die sich auch jemand schämen sollte, der nicht aufgrund seiner Position eine besondere Verantwortung für seine Äußerungen innehat.

Das war lustig milde amüsant. Kommen wir zur sachlichen Auseinandersetzung: Das Motiv spielt ohne jede Frage mit antihomosexuellen Vorurteilen, da hat er Recht. Aber ist es homophob? Ist es eine Entgleisung? Ich weiß nicht. Aber ich bin da vielleicht nur nicht sensibel genug. Aus einer unvoreingenommenen Perspektive ist „Tofu ist schwules Fleisch“ für niemanden eine Beleidigung und diskriminiert auch niemanden, sondern ist einfach nur Blödsinn.

Das bringt uns aber freilich nicht weiter, denn kein Mensch sieht dieses Motiv unvoreingenommen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der „schwul“ immer noch als Schimpfwort gebraucht wird, und dafür sollten wir uns schämen. Der Anzeigentext ist deshalb für jeden Leser, der nicht einsam in einer Hütte auf der Alm lebt, sofort als Diss gegen Tofu erkennbar, der einfach als gemeinsamen Konsens voraussetzt, dass „schwul“ sowas wie „schwach“, „minderwertig“ oder „verweichlicht“ bedeutet. Und also solcher wäre er natürlich nicht nur dumm, sondern richtig widerlich.

Aber muss man das so verstehen?

Und jetzt sind wir bei dem Punkt, den ich am Anfang erwähnte: Ich mach sowas auch manchmal. Gerade habe ich keine Lust, ein Beispiel rauszusuchen, aber ich wette, dass ihr in den Philoso4-Podcasts mindestens ein Beispiel für einen homophoben, rassistischen, antisemitischen oder vergleichbar dummen Spruch findet, über den wir alle gemeinsam ganz sorglos lachen, weil wir uns damit nicht über Schwule, Ausländer oder Juden lustig machen, sonder über homophobe, rassistische und antisemitische Idioten, die so etwas im Ernst sagen. In diesem Sinne bin ich mir ziemlich sicher, dass ich das „Tofu ist schwules Fleisch“-Motiv mit einem wohlwollenden Schmunzeln zur Kenntnis genommen und nicht weiter drüber nachgedacht hätte, wäre es mir irgendwo in einem unverdächtigen Zusammenhang untergekommen.

Das Problem mit dieser Haltung ist offensichtlich: Ob ich meinen Spruch „Typisch Jude“ nun clever elegant und aufgeklärt ironisch meine oder stumpf stupide und borniert antisemitisch, ist bestenfalls aus dem Kontext erkennbar, und eventuell noch für Leute zu erahnen, die mich ein bisschen besser kennen. Es ist aber derselbe Spruch, und solange es noch genug Idioten in unserer Gesellschaft gibt, um derartige Vorurteile zu einem ernsten Problem zu machen, kann er sogar dann Schaden anrichten, wenn ich in Wahrheit gar nichts gegen Juden habe.

Insofern muss ich vielleicht zugeben, dass meine Wahrnehmung von „Tofu ist schwules Fleisch“ als putziges Spiel mit homophoben Vorurteilen, die wir aufgeklärten Rezipienten der Anzeige natürlich alle sofort als saudumm und unsinnig erkennen und über die wir deshalb wissend lachen, während wir unsere Pfeifen ausklopfen und unsere Cognac-Schwenker nachfüllen, eher die falsche sein könnte. Insofern muss ich vielleicht eingestehen, dass ich da auf denselben Leim gegangen wäre wie die Leute, die ironisch die Bildzeitung lesen.

Und wie seht ihr das?


Offensichtlicher Blödsinn

24. November 2011

Bei dem Unternehmen Bayer Healthcare AG werden auch in Zukunft Außendienstmitarbeiter, die auf blonde Frauen mit Sommersprossen stehen, grundsätzlich nicht mit ihren Partnerinnen gemeinsam ihren Dienstwagen nutzen dürfen.

Widernatürlich und schöpfungswidrig: Sommersprossen

Alle vier Gesprächskreise des Pharmakonzerns kündigten am Dienstag in Leverkusen an, diesen Grundsatz nicht anzutasten und lediglich in Einzelfällen blonden, sommersprossigen Paaren das gemeinsame Fahren im Firmenfahrzeug zu eröffnen.

Am kritischsten zur gegenwärtigen Regelung äußerte sich der liberale Gesprächskreis «Offene Bayer AG». Dessen Voristzende Sabine Kreisker sprach sich für die Gleichbehandlung solcher Paare und die grundsätzliche Öffnung der Dienstwagen für diese Personengruppe aus. «Schweren Herzens» sei man aber bereit, im Interesse der betroffenen Außendienstmitarbeiter an der bisherigen Einzelfallregelung festzuhalten, sofern sie rechtssicher als Betriebsvereinbarung oder in einem Tarifvertrag festgeschrieben werde.

Hans Winter vom konservativen Gesprächskreis «Lebendige Bayer AG» wies darauf hin, dass er mal ein altes Buch gelesen habe, das die Zuneigung zu blonden Frauen mit Sommersprossen durchgängig negativ bewerte. Derartige Paare im Dienstwagen könnten keine betrieblich legitimierte Praxis sein. Winter warb dafür, dass die Bayer AG auch arbeitsmedizinische Initiativen für Menschen unterstützt, die ihre Neigung zu blonden, sommersprossigen Frauen nicht ausleben wollten.

Abteilungsleiter Heinz Gosen von der als gemäßigt geltenden Gruppierung «CSR und Bayer» sagte: «Es geht, wenn es im Betrieb geht.» Man stehe voll und ganz hinter dem Leitbild Familie im Dienstwagen, das werde auch auf Dauer so bleiben. Deshalb könne nur wie bisher im Einzelfall ausgelotet werden, welcher Handlungsspielraum für Mitarbeiter mit vorliebe für blonde Haare und Sommersprossen bestehe.

Karl Franz von der sich als Reformbewegung verstehenden «Bayer AG für morgen» sprach sich ebenfalls für die Einzelfallregelung aus. Diese sei «kein betriebswirtschaftlicher, sondern ein politischer Kompromiss». Da gelebte Liebe zu blonden Frauen mit Sommersprossen von den Kunden der Bayer AG unterschiedlich beurteilt werde, setze man sich für eine Regelung ein, die bei möglichst vielen Menschen Akzeptanz finde.

(Quelle: epd)


Wie war das? Hat da jemand „Hitler“ gesagt?

29. Dezember 2010

Der Vorschlag, an Flughäfen Passagiere unterschiedlich scharf zu kontrollieren, je nachdem, zu welcher Risikogruppe sie gehören, ist nicht neu. Schon vor vielen Monaten habe ich ihn in der NJW (Ihr wisst schon, die Juristenzeitschrift, die von 100% ihrer Leser gelesen wird.) gefunden, und auch wenn ich mich an die Einzelheiten des Artikels nicht erinnere, weiß ich noch, dass ich ihn prinzipiell überzeugend fand.

Rein sicherheitstechnisch leuchtet es ja auch ein: Terroranschläge werden (praktisch) nie von alten Damen mit Gehwagen verübt, und genauso wenig sprengen sich Mütter mit ihren Kindern in die Luft. Beides ist zwar entfernt denkbar, gehört aber wohl zum hinnehmbaren Restrisiko, das uns unser ganzes Leben lang begleitet. Wenn jemand durch ein Fenster im vierten Stock einbricht und dann zu Fuß flüchtet, fahnden Polizisten typischerweise auch nicht nach korpulenten 90jährigen Rentnern, und beidseitig Beinamputierte werden sie wahrscheinlich auch unbehelligt lassen. Das mag ein Fehler sein, weil der dicke Alte viel vitaler sein könnte, als er aussieht, und der Beinamputierte könnte seine Prothesen getragen haben, aber unsere Sicherheitsorgane verfügen nun einmal nur über begrenzte Ressourcen und müssen diese möglichst da einsetzen, wo der größte Nutzen zu erwarten ist. Die meisten Leute haben auch Verständnis dafür, dass die USA die Grenze nach Mexiko strenger überwachen als die nach Kanada, und werfen ihnen deshalb keinen Rassismus vor.

Um bei den obigen Beispielen zu bleiben: Die Einteilung in Risikogruppen hätte nicht nur Vorteile in Bezug auf die Sicherheit. Gerade für ältere Fluggäste und Mütter (oder Väter) mit Kindern sind die Sicherheitskontrollen oft eine erhebliche Belastung, und man kann wie gesagt ganz gut argumentieren, dass es sich dabei um eine unverhältnismäßige und unnötige Belastung handelt, die man ihnen ersparen sollte.

Was ich damit sagen will: Diskriminierung ist in meinen Augen grundsätzlich nur dann problematisch, wenn sie ohne sachliche Rechtfertigung erfolgt. Wenn ein Basketballteam nur Leute über 1,80m aufnimmt, ist das in Ordnung. Wenn ein Regisseur diskriminiert, indem er für die Rolle des Hamlet nur weiße Männer in Betracht zieht, muss er deshalb kein Rassist sein, und ein Sexist auch nicht.

Natürlich hat die Medaille auch noch eine andere Seite. Nicht erst seit den Anschlägen auf das World Trade Center herrscht in Europa, auch in Deutschland, ein kaum noch latent zu nennender Antiislamismus, und ich ertappe mich sogar selbst hin und wieder dabei, wie ich Sätze mit „Ich habe nichts gegen Muslime, aber“ beginnen möchte. Es ergibt also Sinn, bei solchen Sicherheitsmaßnahmen auch an die Wirkung zu denken, die sie in der Öffentlichkeit entfalten. Es wäre aus mehreren offensichtlichen Gründen nicht geschickt, aus jeder Gruppe von Flugreisenden nur die Männer mit Bart und Turban herauszuwinken und den Rest einfach einsteigen zu lassen. Zwar schlägt das so extrem auch niemand vor, aber das Grundproblem bleibt: Durch die – noch so gut begründete – Benachteiligung einzelner Bevölkerungsgruppen laufen wir Gefahr, Ressentiments gegen diese Gruppen zu legitimieren und zu verstärken.

Es sprechen also durchaus überzeugende Argumente sowohl für als auch gegen das Profiling am Flughafen. Die Aufgabe einer freiheitlichen offenen Demokratie wäre nun, diese gegeneinander abzuwägen und die Sache vernünftig zu diskutieren. Glücklicherweise haben wir Politiker, die hier mit gutem Beispiel vorangehen, wie

Dieter Wiefelspütz (SPD): „Schreiben Sie bitte ruhig: Das ist Selektion am Flughafen – gerade in Deutschland wird es das nicht geben“, sagt er mit Hinweis auf die jüngere deutsche Geschichte.

Ruprecht Polenz: (CDU): „Der Vorschlag ist politisch dumm, sicherheitspolitisch gefährlich und verfassungswidrig“ „Je schneller dieser Vorschlag in der Versenkung verschwindet, desto besser.“

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP): „Gezielte Differenzierungen nach Heimat und Herkunft bergen die Gefahr der Stigmatisierung“ (Na gut, das geht eigentlich sogar noch, aber ich wollte nicht den Eindruck erwecken, ich würde die Liberalen bevorzugen.)

oder unseren Datenschutzbeauftragten Peter Schaar, der möglicherweise den Vogel abgeschossen hat, auch wenn er sich da mit Herrn Wiefelspütz sicher ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefert: „Das wäre das Ende des freien Reiseverkehrs.“

Bloß gut, dass unsere Volksvertreter einen Vorschlag nicht einmal zu Ende hören müssen, um sofort in jedes verfügbare Mikrofon jodeln zu können, dass er nur einen Schritt von der Wiedereinführung gelber Sterne entfernt ist.

A propos: Israel nutzt diese Profiling-Methode und kommt damit anscheinend ganz gut zurecht. Andererseits muss ich wohl zugeben, dass Israel vielleicht auch kein Musterbeispiel für das friedliche Zusammenleben verschiedener Ethnien und Religionen ist…

[Weiterführender Hinweis: Rayson auch was ganz Gutes zu dem Thema geschrieben, das ich vorbehaltlos empfehlen kann, auch wenn wir uns aus religiösen Gründen persönlich gerade nicht so besonders lieb haben. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.]