Liebe USA

3. Juli 2017

ich schreibe dir, um dir mitzuteilen, dass ich mit deinem aktuellen Präsidenten nicht zufrieden bin. Das geht so nicht. Klar, ich finds nicht übel, dass er im Gegensatz zu unserer Kanzlerin mit der Gleichstellung homosexueller Paare einverstanden ist, aber trotzdem … Wie erklär ich das?

Also, der Obama zum Beispiel. Der war so nett. Ich weiß, klar, der hat auch auf fragwürdiger rechtlicher Grundlage Leute deportieren lassen. Und misshandeln. Und umbringen. Und hat so Schulen und sowas bombardieren lassen. Weiß ich. Aber ja immer nur in so Ländern, wo Leute wohnen, die ganz anders sind als ich gegenüber Journalistinnen und so Leuten, die ihm einen Vorteil verschaffen konnten, war er immer total höflich. Und er hatte diese coolen Auftritte, wo er so lustig war, wisst ihr noch? DAS war mal ein Präsident. Hat immer gelacht und sich gaaaaanz doll schnieke angezogen, und hatte nicht diese peinliche Frisur und diesen orangen Hautton und hat sich überhaupt nicht wie so ein durchgeknallter Imperator benommen. Also. Nicht auf Twitter oder im Fernsehen zumindest, und das ist doch nun mal, worum es hier geht.

Und deshalb bitte ich euch: Können wir nicht wieder so einen Präsidenten haben? Der kann ja von mir aus auch weiter gegen Völkerrecht und alles mögliche verstoßen und diesen Quatsch mit exterritorialen Gefangenenlagern weiter machen und Bomben auf Zivilisten werfen. Das ist mir eigentlich alles ziemlich egal, solange es nicht zu weit vorne in der Zeitung steht, wisst ihr, die Bilder sind immer so traurig, aber ich schweife ab. Das kann er jedenfalls alles machen. Aber wenn ich Twitter aufmache, oder einen Auftritt von ihm sehe, dann hätte ich schon ganz gerne, dass er sich zumindest benehmen kann wie jemand aus der Oberklasse, verdammt noch mal. Dem Trump, dem nehm ich nicht mal ab, dass er überhaupt studiert hat. Wie soll ich den denn als Präsidenten respektieren? Und dann postet der immer so komische Sachen, wisst ihr… Nee. Ehrlich. Was ist denn zum Beispiel aus Bernie geworden? Der hat SO NETT geguckt immer, wie so ein freundlicher Opa. Und da hat auch niemanden gestört, dass er den Krieg gegen den Terror weiterführen wollte. Den mochte ich. Nehmt doch den. Der schreibt auch immer voll schöne Sachen auf Twitter. Okay? Fein. Dann bis bald!

Mit herzlichen Grüßen aus Deutschland

Ein besorgter Europäer

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Nach unten treten

11. Juni 2017

ist nicht nur ein Privileg der Reichen und Mächtigen. Es ist andererseits vielleicht auch gar nicht immer was Schlechtes. Aber es sieht peinlich aus, und außerdem beschreibt es auch nur einen Teil dieses Phänomens, über das ich reden will.

Ich nehme als dominantes Beispiel mal Donald Trump, aber mir kommt es vor, als wäre es zum Beispiel auch ziemlich direkt auf Theresa May und die AfD zu übertragen.

Ich nehme eine Tendenz wahr, sowohl unter Privatleuten, als auch in den großen Medien, sich darüber lustig zu machen, dass Donald Trump hässlich ist. Dass er dumm ist. Dass er ungeschickte Sachen sagt. Dass er sich nicht an die üblichen Regeln hält.

Und das verstehe ich nicht so richtig.

Gerade an Donald Trump gibt es doch so viel wirklich Kritisierenswertes. Und trotzdem kommt mir nur ausnahmsweise mal ein Kommentar unter, der sich wirklich inhaltlich mit seinem Verhalten und seiner Politik auseinandersetzt. Gefühlte 80% spotten über seine Frisur, seine Hautfarbe, dass er irgendwann mal gesagt hat, er habe „the best words“ (Ja gut, das ist auch lustig, aber trotzdem.) oder zeigen uns ein Video, in dem es ein bisschen so aussieht, als würde er kein Headset tragen.

Ich finde das schade, weil wir damit zu verschiedenen unerfreulichen Aspekten der öffentlichen Debatte beitragen:

  • Gewicht auf kurzfristige Skandalisierung statt auf langfristige Verhaltensmuster bzw. politische Pläne. Ihr könnt mir widersprechen, aber ich finde es wirklich bedauerlich, dass ein großer Teil der Berichterstattung und des Austauschs über Politik und Politiker(innen) sich darauf beschränkt, zu fragen, ob sie in einer bestimmten Situation einmal „Jehova“ gesagt haben oder nicht, statt zu analysieren, wofür sie wirklich langfristig stehen, was sie planen, wie ihr bisheriger Track Record ist, und so weiter.
  • Wir legitimieren diese Verhaltensweise damit auch für andere Bereiche des Lebens. Wenn es okay ist, auf Donald Trumps Frisur herumzuhacken, ist es doch bestimmt auch okay, mich über die Frisur von diesem anderen komischen alten Mann lustig zu machen, der morgens immer mit mir im Bus fährt. Und wenn es okay ist, mich überlegen zu fühlen, weil Donald Trump mal einen Tweet mit (zugegebenermaßen dramatischem) Tippfehler veröffentlicht hat, dann kann ich das doch sicher auch in Diskussionen mit anderen Leuten als Hauptmittel der Auseinandersetzung bedienen. Das meine ich mit „nach unten treten“. Mir wird zu selten kritisiert, was Trump tatsächlich falsch macht, und zu oft, was uns das Gefühl gibt, er wäre weniger gebildet, weniger geschickt im Ausdruck, weniger stilsicher und rundum weniger attraktiv als wir. Ihr erinnert euch doch sicher an dieses Cover, auf dem er als Wurstsalat dargestellt ist? Jede dieser Äußerungen sagt: „Es ist okay, Leute für ihre von uns wahrgenommene Unterlegenheit zu verspotten. Es ist okay, sich für was Besseres zu halten.“
  • Fast der gleiche Punkt, aber: Wir verspotten andere Menschen mit diesen Merkmalen gleich mit. Das hab ich zum Beispiel bei dem „Nazi-Schlampe“-Gag gedacht. Den find ich vom Ansatz her gar nicht schlecht, als konsequente Reaktion auf die Forderung nach einem Ende der politischen Korrektheit. Aber muss es denn unbedingt eine misogyne Beleidigung sein, die Sexarbeiter(innen) desavouiert? Ich meine, das war ja keine spontane Reaktion von irgendwem, sondern ein schriftlich ausgearbeiteter Gag von professionellen Komikschreiber(inne)n. Wäre denen echt keine Beleidigung eingefallen, die halbwegs auf ihr Ziel zutrifft und etwas weniger Kollateralschaden produziert?
    Ich will dafür als Beispiel mal J.K. Rowling zitieren, auch wenn es kein tolles Beispiel ist, weil sie ihre Referenz nicht benennt, aber andererseits hab ich so selten Gelegenheit, mal was gut zu finden, was sie schreibt, und außerdem hat sie es immerhin unter dem ersten Tweet noch sehr schön erklärt:

  • Wir verspielen unseren moralischen Anspruch. Ja, Donald Trump ist ein Arsch. Ich bin mir da auch ziemlich sicher. Das erkennt man an so ziemlich allem, was er sagt. Wenn wir uns aber im Gegenzug auch wie Ärsche verhalten, dann … verhalten sich halt beide Seiten wie Ärsche, und darin sehe ich keine Verbesserung. Das ist doch, hoffe ich zumindest ein wesentlicher Bestandteil unserer Message (Bevor ihr fragt: Ich weiß auch nicht genau, wer „wir“ gerade sind. Können wir in den Kommentaren besprechen.): Dass wir uns eine Gesellschaft wünschen, in der Leute sich eben gerade nicht wie Ärsche verhalten. In der wir fair miteinander umgehen und Leute nicht dafür verachten, dass sie anders sind, dass wir sie hässlich finden, oder dümmer als uns selbst, oder sich nicht genug anpassen. Ehrlich, ich hab kürzlich einen Tweet gelesen, in dem Trump mit der Bemerkung kritisiert wurde „All the others knew when to shut up and play along“, und mal ehrlich, ist das ein Verhalten, das wir fördern wollen? Oder (letztes Beispiel, versprochen):

Ihr müsst den Thread nicht lesen, wenn euch nicht danach ist. Ihr könnt mir auch einfach so glauben, dass die Kritik an dem Tweet sich nur selten, ausnahmsweise mal darum dreht, dass er Quatsch über die Klimaveränderung schreibt und sich dabei auf ein altes Buch beruft. Der Großteil (so weit, wie ich halt scrollen mochte) dreht sich stattdessen um die Tippfehler des Verfassers (bzw. der Verfasserin?), darum, dass es jawohl lächerlich ist, dem Papst was über die Bibel erklären zu wollen, und darum, dass man den Papst jawohl mit „Eure Heiligkeit“ anzureden hat, wenn man mit ihm spricht.

Ich will damit jetzt nicht sagen, dass ich komplett gegen Spott über Fehler bin. Ihr kennt mich. Das könnte ich schlecht glaubwürdig vertreten. Kürzlich habe ich einen Tweet der Linkspartei zitiert, in dem sie sich als „Partei gegen Antirasismus“ [sic] positionierte (Leider inzwischen gelöscht), und ich finde sowas einfach lustig, genau wie Trumps Spruch „I have the best words“. Aber man kann sich auf unterschiedliche Arten über sowas lustig machen, und man sollte seine Beispiele auch passend wählen. Zum Beispiel sollten sie tatsächlich lustig sein, und man sollte nicht versuchen, sie als ernsthaftes Argument für oder gegen was zu benutzen. Ich mag die Linke nicht, aber das liegt nicht daran, dass sie sich manchmal vertippen.

Wie seht ihr das? Nehmt ihr diese Tendenz auch so wahr, oder findet ihr, dass es an mir liegt? Seht ihr da auch ein Problem, oder eher nicht so?


Diesmal schreib ich sogar seinen Namen richtig

5. Juni 2017

James Kirchick hat wieder zugeschlagen. Und während er sich beim letzten Mal noch auf ein recht triviales Porträt des Opportunisten Donald Trump beschränkt hat, darf er diesmal für die FAZ ein ganz heißes Eisen anpacken:

Äh. Nee. Pardon. Tatsächlich lautet die Frage, die Kirchick stellen und beantworten darf:

Oder… Halt, entschuldigt bitte, schon wieder vertan. Richtig muss es natürlich heißen:

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Niemand hat die Absicht, einen Vergleich zu errichten.

29. April 2017

Ich war seit Jahren nicht mehr bei MediaMarkt. Deshalb müsstet ihr mir sagen, ob auf den Geräten dort immer noch diese blödsinnigen Beschriftungen kleben, die ein bisschen so aussehen, als würden sie informieren wollen und uns ermöglichen, die vielen verschiedenen Produkte miteinander zu vergleichen, die aber in Wahrheit genau dies nicht tun. Auf dem einen Kühlschrank steht „Fassungsvermögen 230 Liter, Türöffnungsalarm, Stromverbrauch maximal 120 Watt“, auf dem anderen steht „Stromverbrauch pro Jahr 164kWh, 28 Liter Gefrierfach, Biofresh-Zone“, und auf dem dritten meinetwegen noch „Luftschallemission maximal 40dB, freistehend, 37kg Gewicht“.

Ich fand das immer doppelt ärgerlich, weil es erstens rein sachlich so doof ist, und zweitens weil ich auch den Verdacht habe, dass es nicht nur der Unfähigkeit der verantwortlichen Personen geschuldet ist, sondern dass ich in irgendeiner Weise auch verschaukelt werde. Mag sein, dass ich der MediaMarkt-Führung da zu viel zutraue, aber so wars jedenfalls immer.

Daran musste ich gerade denken, als ich James Kirchiks Text über Donald Trump auf faz.net las. „Der Gelegenheitsfaschist“ heißt das gute Stück, und es enthält neben viel anderem Schmarrn und einigen sicherlich zutreffenden Beobachtungen den folgenden eigenartigen Absatz:

Natürlich will ich Eisenhower und Trump nicht miteinander vergleichen.

Und ihr könnt euch sicher vorstellen, was Herr Kirchik unmittelbar danach, also wirklich direkt, ohne was dazwischen, schreibt:

Eisenhower half, die westliche Zivilisation vor der Barbarei zu retten, und war Präsident einer erstklassigen Bildungseinrichtung (der Columbia University), bevor er zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, während Trump nur ein ordinärer Egomane ist, der sich einst vor dem Militärdienst drückte.

Und ich verstehe natürlich, wie er das meint, deswegen will es auch natürlich nicht weiter kommentieren. Es ist halt extrem albern, erst ausdrücklich zu schreiben, dass man etwas nicht tun will, und dann direkt im Anschluss doch genau das zu tun. Aber es kann auch großen Geistern mal passieren, hab ich gehört.

Was mich eigentlich stört, ist der Inhalt des Vergleichs, denn er ist völlig unsachlich und unfair.

Eisenhower hält er zugute, dass er Präsident einer Universität war (Ein guter? Ein schlechter? Wer weiß. Egal. Wir wollen ja eh nichts vergleichen.), während der Umstand, dass Trump ein großes privates Unternehmen geführt hat, völlig unter den Tisch fallen darf. Warum? Trump ist „nur ein ordinärer Egomane“. Hätte Herr Kirchik mehr Respekt für einen extraordinären Egomanen? Ist er qualifiziert, krankhafte Persönlichkeitsstörungen fernzudiagnostizieren?

Eisenhower „half, die westliche Zivilisation vor der Barbarei zu retten“. Hätten wirs noch ein bisschen großspuriger gehabt? Er war halt Soldat, und zu Endes des zweiten Weltkrieges General of the Army. Das kann man durchaus ambivalent bewerten, und es ist ja nun nicht so, dass es uns in dieser Welt an schwachsinniger Heldenverehrung für Leute mangelt, die die Tötung anderer Leute in mehr oder weniger großem Stil durchführen und oder organisieren, deswegen muss ich zwar zugeben, dass der Vergleich zu Trump, der „sich vor dem Militärdienst drückte“, zwar inhaltlich immerhin ein bisschen mehr Sinn ergibt als der andere, darf aber erklären, warum ich ihn trotzdem ganz und gar nicht in Ordnung finde: Erstens scheint das mit dem „drücken“ nicht ganz klar zu sein. Er wurde, wie ich das verstehe, wegen eines Fersensporns ausgemustert, auch wenn die Geschichte Trump-typisch ein bisschen … schwer zu konkretisieren scheint. Aber zweitens, jetzt mal ehrlich, wollen wir wirklich in eine Gesellschaft, in der wir den charakterlichen Wert von Leuten davon abhängig machen, dass sie mal für Geld auf andere geschossen haben?

Es gäbe doch so vieles, was man an Trumps Charakter bemängeln kann. Vieles davon zählt Herr Kirchik doch sogar auf. Warum muss dann da dieser unfaire Quatsch stehen, der nicht nur keinen Sinn ergibt, sondern auch ganz klar ein Menschen- und Gesellschaftsbild verrät, das aus meiner Warte gar nicht so viel weniger bekloppt und „ordinär“ sein dürfte als das, worüber er sich erheben will. Und falls ihr euch jetzt fragt: Soweit ich das erkennen kann, hat Herr Kirchik auch nie eine Uniform getragen, oder überhaupt irgendwas anderes gemacht als für Geld zu schreiben. Aber dafür kämpft er ja jetzt in der FAZ für die westliche Zivilisation gegen die Barbarei. Macht ihn das nun besser als einen durchschnittlichen Universitätspräsidenten, oder schlechter, und welche Rolle spielt das alles überhaupt?

Weiß ich auch nicht. Müsstet ihr James Kirchik fragen. Und falls ihr eine Idee habt: Ihr wisst ja, wo die hingehört.


Alle doof außer Tuvia Tenenbohm

21. November 2016

Ich habe hier ja schon mal über einen Beitrag von Tuvia Tenenbohm geschrieben, deshalb packte mich die Neugier, als mir sein Name auf zeit.de ins Auge fiel, zumal er offensichtlich

Hilfe!

brauchte, und ihr wisst ja, wie hilfsbereit ich bin, vor allem, wenn jemand wie Herr Tenenbohm überall kleine Diktatoren sieht, denn Freiheit ist mir wichtig.

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Und er bürdete dem Buckel der weißen Wahl die Summe der Wut und des Hasses der ganzen Menschheit auf.

9. November 2016

Ja, gut, ich weiß, ich bin auch nur einer von rund sieben Milliarden Leuten, die mit der Wahl von Donald Trump jetzt ungefähr alles bestätigt sehen, was sie schon immer über Politik und Gesellschaft und Diskurs wussten. Aber ich sags trotzdem. Ich machs auch kurz. [Spoiler: Mach ich nicht.]

Donald Trump hat die Wahl gewonnen. Diejenigen von euch, die das nicht wussten, machen jetzt vielleicht erst mal eine kurze Pause und erholen sich… Okay. Danke. Jetzt aber wirklich, ganz kurz und pointiert. Ich kann das. Ihr werdet sehen. [Spoiler: Ich kanns nicht. Werdet ihr gleich sehen.]

Donald Trump hat die Wahl gewonnen, und ich habe dazu kluge und nützliche Kommentare gelesen, aber ich habe auch sehr, sehr viele hasserfüllte und eher schlimme Kommentare gelesen, und ich kann das einerseits verstehen, weil es natürlich wirklich in vieler Hinsicht ein schockierendes Ergebnis ist, aber ich denke, wir (jetzt mal lose als Gemeinschaft der Leute gemeint, die ihn aus guten Gründen lieber nicht als Präsident gehabt hätten) sollten uns doch noch mal gründlich überlegen, ob das jetzt wirklich unsere Antwort sein soll. Ob unser Standpunkt wirklich sein soll „Was habt ihr blöden Amis denn jetzt gemacht, ihr habt diesen orangen Drecksack im Ernst zum Präsidenten gewählt, ich will nicht mehr auf diesem Planeten leben, jetzt geht hier alles in die Binsen, wir sind SOWAS von enttäuscht von euch, wir hassen euch, ihr solltet euch schämen, meine Güte, seid ihr dämlich, wie kann man denn so einen behinderten Idioten wählen, ihr dämlichen Kälber, wäre mein Körper eine Kanone, ich würde mein Herz auf euch schießen!“. Ob unsere Antwort wirklich Hass und Spott und Verachtung sein soll. Oder ob wir uns vielleicht von der Pack-Idee verabschieden und dem Gedanken nahe treten, der uns doch eigentlich von den Trump- und AfD-Wählern unterscheiden soll: Dass wir alle eine Gemeinschaft sind, und dass wir Dialog und Offenheit brauchen, und dass die die Grundeinstellung erfordern, dass mein Gegenüber, so sehr ich seine Einstellung verachten mag, ein Mensch ist wie ich, und mein potentieller Partner.

Und dieser Einschub ist natürlich wichtig. Klar. Mich regt das alles auch auf und macht mich wütend. Ich habe eigentlich auch keinen Bock, mit Leuten zu diskutieren, die im Ernst glauben, eine Mauer wäre eine gute Idee, um Flüchtlingsprobleme zu lösen, und die im Ernst vorschlagen dass man die Familien von Terroristen ausrotten müsste, um ihnen zu zeigen, wo Barthel den Most holt. Intuitiv liegt mir auch die Reaktion nahe: „Ih, geh weg und lass mich in Ruhe.“ Mich macht es auch wütend, dass wir wirklich noch drüber diskutieren müssen, ob Frauen anziehen dürfen, was sie wollen, und ob Leitkultur nicht doch eine Spitzenidee ist.

Aber es ist die falsche Reaktion. Denn wir müssen, ganz offensichtlich. Und (Da sind wir jetzt bei dem angedeuteten Punkt von oben, dass ich es wie alle anderen auch schon immer wusste.) ich glaube, dass es uns dabei auch in Zukunft nicht gegen Phänomene wie Trump, Pegida, die AfD oder die CSU helfen wird, sie Pack zu nennen, ihnen den Mittelfinger zu zeigen, und uns dann hinterher dazu zu beglückwünschen, was für coole Säue wir sind, die den Nazis mal gezeigt haben, wie so coole Säue wie wir mit Nazis umgehen.

Es ist nicht leicht, mit Leuten kontrovers über sehr unterschiedliche Meinungen zu diskutieren. Ich weiß das. Ihr könnt hier in so ziemlich jedem längeren Kommentarstrang zusehen, wie ich es versuche, und dabei scheitere. Ich weiß deshalb, wie schwer und frustrierend das ist. Aber ich glaube trotzdem, dass es der einzige Weg ist. Wir können ja vielleicht unter uns heimlich trotzdem noch manchmal ein bisschen Witze drüber machen, wie doof die Leute bei Politically Incorrect sind, und uns drüber freuen, dass wir das mit dem Blackfacing und den Indianerkostümen als Problem verstanden haben. Aber vielleicht sollten wir versuchen, es ein bisschen weniger nach außen zu tragen und mit ein bisschen mehr Demut an die Aufgabe heranzugehen, diese Gesellschaft zu reparieren. Denn dass sie kaputt ist, ist nicht nur die Schuld der anderen. Das machen wir alle gemeinsam.

Oder meint ihr nicht?

[Nachtrag: Slackwidow hat sehr schön etwas Ähnliches gesagt, wenn auch natürlich unter anderen Vorzeichen, weil sie im Gegensatz zu mir an der Demokratie teilnimmt, und so.]


Politische Verrohung

9. Oktober 2016

Es ist schon vier Tage her, dass ich entschied, lieber keinen Post über Heribert Prantls Kommentar

Eine Minderheit darf Deutschland nicht hässlich machen

zu schreiben. Aber wie das so geht, hat eine Verkettung von an sich nicht besonders erheblichen Ereignissen dazu geführt, dass ich diese Meinung geändert habe. Mal sehen, ob das eine erfreuliche Verkettung war, oder eher nicht so.

Prantl beginnt eigentlich gar nicht so unangenehm. Den etwas sonderbaren Titel wollen wir nicht überdeuten, wahrscheinlich hat Herr Prantl nur aus Unachtsamkeit den Begriff „hässlich“ gewählt, statt eines passenderen, der weniger im ästhetischen Raum spielt und klarer macht, dass es ihm um ein gewaltbereites, feindseliges Klima der politischen Debatte geht und nicht um seine persönlichen Vorstellungen von Schönheit. Wir können von jemandem in Herrn Prantls Position nicht erwarten, dass er sowas problematisiert. Deshalb halten wir uns mit der Analyse dieser Wortwahl nicht auf und freuen uns, dass er mit etwas immerhin Friedlichem beginnt, nämlich Überlegungen zu Lichterketten und zu seinem Bedauern, dass man davon zuletzt nicht mehr viele sieht.

Darauf schildert er knapp an konkreten Beispielen die unerfreuliche Situation:

Ein dunkelhäutiger Mann, der zum Gottesdienst ging, wurde mit Affenlauten begrüßt; die politischen Repräsentanten der Bundesrepublik mit „Hau ab“ und zotenhaften Beleidigungen. Der Dresdner Politikwissenschaftler Hans Vorländer sprach von der „hässlichen Fratze der Politikverachtung“. Die Frau des sächsischen Wirtschaftsministers brach angesichts der aggressiven Flegeleien in Tränen aus.

Auch bis dahin habe ich noch keine nennenswerten Einwände, bestenfalls so Kleinkram wie dass die Frau des sächsischen Wirtschaftsministers vielleicht nicht das nächstliegende Beispiel für eine Person gewesen wäre, die unter der ekligen Stimmung zu leiden hat.

Aber dann, wenn Herr Prantl dazu übergeht, uns sein Konzept gegen jene Stimmung vorzuschlagen, dann wird es schnell unerfreulich für mich. Denn was ihm einfällt, ist … joa… nicht unbedingt auf dem Niveau von Lichterketten.

Die bösartige Verächtlichmachung „des Systems“ – das ist die Demokratie – hat rasende Fortschritte gemacht. Der Pegida-Anführer wurde für seine Hasspredigten trotz seiner Vorstrafen bisher nur zu Geldstrafen verurteilt. Das ist nicht Spezialprävention, das ist nicht Generalprävention; das ist beinahe eine Ermunterung. Die Menschenwürde, von Hassbürgern getreten, braucht aber Hilfe, auch von den Strafgerichten.

Und so allmählich fange ich doch an, mich zu fragen, ob das alles Zufall ist. Ob die vielen Kleinigkeiten nicht vielleicht doch eine Haltung verraten, die uns zu denken geben sollte. Herr Prantl will über Hass gegen Migranten schreiben, und über die Stimmung, die die AfD sich zunutze macht. Und was ihm dazu einfällt, ist (neben dem einen dunkelhäutigen Mann, den will ich nicht unterschlagen): Die Frau des sächsischen Ministerpräsidenten, die Verächtlichmachung „des Systems“, ein für Frau Merkel bestimmter Galgen, und dass diese Minderheit doch unser schönes Land nicht hässlich aussehen lassen soll. Was er nicht erwähnt: (Heute) brennende Flüchtlingsheime, physische Gewalt gegen Migrant(inn)en, die Bemühungen zum Beispiel der CSU als großer Mainstreampartei um Abwehr geflüchteter Menschen. Wenn man seinen Text liest, könnte man den Eindruck gewinnen, die AfD und die Gesinnung, für die sie steht, seien vor allem ein Problem für die Gefühlswelt und das Selbstbewusstsein unserer politischen Führungsriege. Die sind sicher auch schützenswert und auch Menschen, aber ich finde die Prioritäten merkwürdig gesetzt. Aber wie gesagt, vielleicht überinterpretiere ich da was. Weiter zu meinem Kernproblem:

Zwar schreibt Prantl am Anfang was von Lichterketten und friedlichem Protest und so, aber die Lösung, die er dann fordert, ist Gewalt. Wegsperren. Strafen. Und die Leute, die er für das Leid von Frau Merkel verantwortlich sieht, nennt er Hassbürger. Ja, gut, das ist ein kleines Spiel mit dem nicht ganz so pejorativen Begriff „Wutbürger“, schätze ich. Aber es ist trotzdem in meinen Augen eine unnötig persönliche Herabwürdigung von Leuten, und eine Tendenz die mich übrigens auch im Umgang mit Trump immer wieder nervös macht.

[Pardon, schon wieder kleiner Exkurs:] Was Trump und die AfD und solche Leute sagen, ist schlimm, und gefährlich, und widerlich. Keine Frage. Da gibt es sehr viel zu kritisieren. Hass gegen Migrant(inn)en, überhaupt gegen alles Fremde, und dabei auch Geringschätzung von Frauen, bei Trump ganz offensichtlich, und bei der AfD-Truppe auch oft, in Form von „unsere Frauen“, und in der Burka-Debatte, und so weiter. Aber viel zu oft wird nicht das kritisiert, oder zumindest nicht nur das, sondern es wird auch mit diesem ekligen Klassendünkel vermischt, mit einer Verachtung für Menschen, die sich nicht in die so bequem eingerichteten Rituale und Gepflogenheiten einfügen, und das wiederum rechtfertigt dann aus Sicht der Betroffenen das Gefühl, „die da oben“ wollten ja nur in Ruhe weiter ihre Kaviarhäppchen knabbern. Ich weiß gerade auch aufrichtig nicht, ob Trump plötzlich sogar für Republikaner offiziell inakzeptabel geworden ist, weil er Frauen verachtet (was ja nun wirklich nicht neu war), oder weil jetzt mal jeder hören konnte, wie er „Bitch“ und „fuck“ und „Pussy“ gesagt hat. Das finde ich schade, weil wir das meiner Meinung nach klar trennen sollten, aus vielen Gründen. Wenn wirs nicht tun, stärken wir nämlich dieses „Wir gegen die“-Weltbild dieser Leute, wir wiegen uns in unverdienter Selbstgerechtigkeit, und wir verwässern auch die Problematik von Sexismus und Fremdenhass und so weiter. Find ich. [Exkurs Ende. Und jetzt aber wirklich zum Kern der ganzen Sache.]

Nein, Schmähungen gehören nicht zur Meinungsfreiheit. Ja, das Wort „Volksverräter“ ist ein hetzendes und strafbares Wort.

Und – ich verspreche, das ist das letzte Mal, das ich das mache – jetzt allmählich verdichten sich doch nun wirklich die Indizien, dass an Herrn Prantls Perspektive einfach was verzerrt ist. Wir alle müssen nur Facebook oder Twitter aufmachen und finden dann ganz leicht explizite Aufforderungen, Konzentrationslager wieder zu eröffnen, und ihm fällt als Beispiel „Volksverräter“ ein? Das verrät doch auch was über ihn und seine Prioritäten, oder meint ihr nicht?

Und denkt er im Ernst, die Ressourcen der Polizei und der Strafgerichte wären sinnvoll eingesetzt, wenn jede Formulierung auf dem Niveau von „Volksverräter“ verfolgt würde? Das ist sein Vorschlag in dem Artikel, den er einleitet mit

Es stimmt nicht, dass gegen die politische Verrohung kein Kraut gewachsen ist.

?

Und das ist anscheinend auch alles, was ihm einfällt. Den Abschluss seines Artikels bildet ein Aufruf an den Gesetzgeber, Beleidigungen auch dann zu verfolgen, wenn niemand Beleidigtes Strafantrag stellt, und die sowohl inhaltlich als auch stilistisch missglückte Dam-dam-daaah-Wendung

Es gab schon eine Weimarer Republik. Eine Dresdner Republik muss ihr nicht folgen.

Das finde ich traurig. Ich bin kein Fan von Herrn Prantl, aber sogar von ihm hätte ich bessere Ideen erhofft als die Forderung nach mehr und härteren Strafen für Leute, deren Meinung er inakzeptabel findet. Das heißt nicht, dass ich finde, es sollte gar keine Grenzen geben. Wenn jemand klar und ernsthaft zu Straftaten aufruft zum Beispiel, wie das zurzeit ja gar nicht so selten vorkommt, finde ich es überhaupt nicht abwegig, dass dagegen auch die staatlichen Organe vorgehen. Aber was Herr Prantl fordert – „Die einschlägigen Paragrafen heißen: Beleidigung, üble Nachrede, Verunglimpfung des Staats, Volksverhetzung“ -, das ist erbärmlich. Ich habe ja bekanntlich sowieso mein Problem mit dem Straftatbestand der Beleidigung, insbesondere gegenüber abstrakten Konzepten wie dem Staat, aber im Ernst zu glauben, eine ganze politische Strömung mit ihrer eigenen Ideologie könnte man einfach wegstrafen, finde ich ziemlich unfassbar. Ja, sicher, ich kann jemandem so lange jedes Mal aufs Maul hauen, wenn er was sagt, was mir nicht gefällt, bis er sich das nicht mehr traut. Aber das wird ihn weder davon abhalten, es weiterhin zu denken, noch davon, es weiterhin zu sagen, wenn ich es nicht höre. Wenn ich das erreichen will, muss ich ihn wirklich überzeugen. Das ist natürlich schwerer, und es lässt sich nicht einfach verordnen, sondern erfordert viel Anstrengung sowohl von Medien wie dem, für das Herr Prantl arbeitet, als auch von Politikerinnen, als auch von uns allen. Aber kann irgendjemand im Ernst glauben, dass es einen anderen Weg gibt? Kann irgendjemand im Ernst glauben, dass eine Partei, die bereits mit deutlich zweistelligen Wahlergebnissen in Landesparlamente eingezogen ist, sich noch sinnvoll mit den Mitteln des Strafrechts bekämpfen lässt? Insbesondere, wenn die Unterdrückung durch die herrschende Klasse zu den Erfolgskonzepten ihrer Propaganda gehört? Insbesondere, wenn wir bedenken, wie gut die gewaltsame Unterdrückung nicht genehmer Meinungen sich in anderen Situationen in diesem und anderen Ländern bewährt hat?

Wie gesagt, es kann und sollte wahrscheinlich durchaus irgendwo Grenzen geben, und insbesondere außerhalb strafrechtlicher Sanktionen sollten wir alle gründlich darüber nachdenken, welche Äußerungen wir von anderen akzeptieren. Mit Gewalt gegen Leute vorzugehen, die unseren Staat und seine Funktionäre mehr oder weniger beleidigen, das halte ich für eine unangemessene Reaktion, die vielleicht sogar eher geeignet ist, das Feuer noch weiter anzufachen.

Und was denkt ihr?