Welche Leistung noch mal? (3)

11. Dezember 2012

Na gut, denkt vielleicht die eine oder andere von euch, beim Thema Leistungsschutzrecht ist die deutsche Presse also ein bisschen daneben, aber das kann man ja verstehen, schließlich geht es um deren Existenz. Aber ansonsten ist die Berichterstattung doch eigentlich schon gut gemacht.

Hm. Na gut, ich weiß, das denkt bestimmt niemand von euch im Ernst, aber es schien mir gerade eben noch ein ganz brauchbarer Aufmacher zu sein.

Egal.

Heute habe ich auf faz.net diesen Bericht mit der ulkigen Überschrift „Frigide Durchgeknallts Familienwerte“ gesehen und dachte mir, dass dieser Titel sogar für die FAZ reichlich eigenartig ist. Ich machte mich deshalb daran, zu ermitteln, worum es geht, und der Untertitel offenbar wie so oft schon die ganze Misere der Autorin:

Es sind keine Sittenwächter alter Schule, die in Frankreich gegen das Adoptionsrecht für Homosexuelle protestieren. Das Bündnis von Franzosen, die allen Kindern ihre Maman und ihren Papa sichern wollen, hat Präsident Hollande auf dem falschen Fuß erwischt.

Man muss nicht wie ich bereits ein ziemlich abgeschlossenes Urteil über die FAZ gefällt haben, um da die Voreingenommenheit herauszuhören, oder? Keine Sittenwächter alter Schule, sondern einfach nur Franzosen, die allen Kindern ihre Mama und ihren Papa sichern wollen. Ach so…

Aber wer weiß? Vielleicht hat Michaela Wiegel ja im Rest des Berichts noch ein bisschen Ausgewogenheit und Sachlichkeit gefunden. Das hier ist schließlich keine Glosse oder ein reiner Meinungstext.

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Vorurteile, oder nicht

3. Mai 2010

Letzten Freitag Abend habe ich etwas gesehen, über das ich seitdem nachdenke. Nicht ununterbrochen, aber immer wieder.

Ich war auf dem Weg zum Hamelner Bahnhof und sah am gegenüberliegenden Straßenrand einen dieser Pseudo-Sportwagen stehen, keine Ahnung, vielleicht war es ein alter Honda Civic, mit allerlei geschmacklosen Anbauten und einem riesigen Spoiler. Der Kofferraumdeckel des Honda Civic war aufgeklappt, und darin eingebaut waren zwei große Lautsprecher, die einen Technorhythmus in die Welt hinausdröhnten, der im Wesentlichen aus fünf sich stetig wiederholenden Tönen bestand. Auf der Kante des Kofferraums, halb sitzend, halb angelehnt, sah ich einen Mann ohne Oberbekleidung, der in der linken Hand eine Zigarette hielt und mit der rechten eine Dose Bier an seine Lippen. Ich schätzte, er müsste irgendwas um Ende zwanzig sein. Ich konnte sehen, dass er einen Ohrring trug, und so einen fürchterlichen Vergewaltigerschnurrbart. Über seinen Hosenbund quoll ein für sein Alter schon beeindruckend zu nennender bleicher Bierbauch.

Ich wollte mich gerade mit einem Kopfschütteln und einem Lächeln abwenden und sowas denken wie: „Naja, soll jeder sein Wochenende so verbringen, wie er möchte“, aber dann sah ich das kleine Mädchen auf dem Rücksitz des Autos. Es war vielleicht vier oder sechs Jahre alt, ich kann so etwas nicht gut schätzen, und schaute gelangweilt durch das Fenster in meine Richtung.

Mit Lächeln war nichts mehr. Ich weiß nicht, ob mich das zu einem bornierten, bigotten, elitären Spießer macht. Ich denke schon, dass der erste Anschein durchaus sehr täuschen kann. Ich weiß, dass ich aus dem kurzen Blick, den ich in das Leben dieser beiden Menschen geworfen habe, eigentlich keine sinnvollen Schlüsse ziehen kann. Aber ich könnte weinen, wenn ich darüber nachdenke, dass der Mann wahrscheinlich der Vater dieses Mädchens ist. Und dass es wahrscheinlich nicht nur ein außergewöhnlicher Sonderfall war, dass er sein Kind zu seiner kleinen Straßenrandsession mitgenommen hat.

Ich bin ein nachdrücklicher Befürworter individueller Freiheit, und niemand sollte anderen ungefragt in ihr Leben hineinreden, schon gar nicht der Staat Eltern in die Erziehung ihrer Kinder. Aber verdammt noch mal, Kinder sind in meinen Augen eine heilige Verpflichtung, und wer welche hat, und so mit ihnen umgeht, der gehört geschlagen.