Wo kämen wir denn da hin? Das wäre ja noch schöner! Da könnte ja jeder kommen.

8. Juli 2010

Ich bin ein bisschen spät dran und fasse mich ein bisschen kurz, aber ich hoffe, dass ihr das versteht. Ich bin immerhin im Urlaub. Aber darüber mag ich mich dann doch ein bisschen aufregen:

Der BGH hat entschieden, dass die so genannte Präimplantationsdiagnostik (PID) nicht unter das geltende Embryonenschutzgesetz fällt und deshalb nicht verboten ist. So weit, so gut. Ich könnte zwar auch einiges zum Embryonenschutzgesetz an sich erzählen, und erklären, warum das sowieso gründlich überarbeitet gehört, aber das lasse ich mal lieber. Ihr wisst schon, Urlaub. Zum Thema also:

Für alle, die es nicht wissen: PID ist die Untersuchung von Embryonen bei der künstlichen Befruchtung vor der Implantation. Dabei könnte man zum Beispiel feststellen, ob die Kinder aufgrund ihrer genetischen Anlagen eine Behinderung entwickeln würden, oder ob er die Anlagen für irgendeine Erbkrankheit trägt, und dann kann man entscheiden, welchen Embryo man wirklich implantiert haben will, oder ob es vielleicht doch keiner von ihnen sein soll. Aus meiner Sicht ist es dabei wichtig zu beachten, dass die Embryonen zur Zeit der PID in der Regel aus ca. 4-8 Zellen bestehen. Und vielleicht sollte man außerdem wissen, dass künstliche Befruchtung nur eine Erfolgsquote von um die 30% hat, dass es also mehr oder weniger zum Prozess gehört, dass viele Embryonen sich nie zu Menschen entwickeln.

Der BGH hat nun wie erwähnt entschieden, dass das nicht verboten ist. Und die CDU und die Kirchen finden dieses Ergebnis natürlich ganz fürchterlich, weil  die CDU und die Kirchen grundsätzlich alles, was gut und sinnvoll ist, ganz fürchterlich finden sie der Meinung sind, dass PID die Menschenwürde der betroffenen Blastocysten beeinträchtigt. Sie sagen, es würde „zwischen wertem und unwertem Leben“ unterschieden, und dass durch Legalisierung von PID „der Rechtfertigungsdruck auf behinderte Menschen und deren Eltern“ wachsen würde, und lauter so Zeug. Und deshalb wollen sie, dass PID verboten wird, damit es weiterhin nicht möglich ist, vorab zu erkennen, ob ein Kind möglicherweise mit Spina Bifida, Trisomie 21 oder mit amyotropher Lateralsklerose zur Welt kommen wird.

Ich finde das zutiefst unmoralisch. Ich gehe sogar so weit, zu sagen, dass ich das widerwärtig finde. Natürlich haben auch Kinder mit diesen Krankheiten ein Recht auf Leben, und sie können sogar ein sehr erfülltes Leben haben und ihre Familie durch ihre Gegenwart maßlos bereichern. Trotzdem muss man doch anerkennen, dass die Geburt eines schwer behinderten Kindes für seine Familie eine furchtbare Katastrophe darstellen kann, und dass mitunter auch das Leben dieses Kindes selbst von unerträglichem Leid beherrscht wird. Wer PID umfassend verbietet, nimmt der Menschheit damit eine Möglichkeit, derartiges Leid zu verhindern, und trägt deshalb – wenn auch mutmaßlich mit den besten Absichten – eine Mitverantwortung daran.

Darüber hinaus kann PID dazu beitragen, ethisch und medizinisch ungleich kompliziertere Schwangerschaftsabbrüche in späteren Stadien zu vermeiden, beispielsweise dann, wenn ein Schaden, der die Gesundheit der Mutter gefährden würde, bereits vor der Implantation festgestellt wird. Davon weiß ich aber leider nur sehr wenig. Über sachdienliche Hinweise in den Kommentaren würde ich mich freuen, natürlich nicht nur hierzu.

Es ist nicht leicht – wahrscheinlich ist es sogar einfach nicht möglich –, genau festzulegen, wo die Grenze zwischen nichtmenschlichem und menschlichem Leben verläuft. Ich maße mir auch ganz sicher nicht an, diese Grenze hier auch nur ungefähr bestimmen zu wollen. Aber man kann meiner Meinung nach ziemlich eindeutig sagen, dass ein Embryo wenige Tage vor seiner Geburt bereits ein Mensch ist und auch so behandelt werden muss, und dass im Gegenzug ein Zellhaufen wenige Tage nach der Empfängnis in keinem vernünftigen Sinne ein Mensch ist und keine Menschenrechte trägt. Das Potenzial ist kein Maßstab. Niemand käme auf die Idee, Samen- oder Eizellen Menschenrechte zusprechen zu wollen, aber wenn sich zwei davon vereinigen, ist plötzlich menschliches Leben vorhanden? Nein. Das ist genauso unsinnig vereinfacht und genauso falsch wie die These, dass menschliches Leben erst mit der Geburt beginnt.

Aus diesem Grund sollte meiner Meinung nach übrigens auch die Selektion nach weniger bedeutsamen Kriterien wie Haar- oder Augenfarbe nicht strafbar sein. Ich persönlich halte zwar nichts davon, finde aber nicht, dass es verboten gehört, schwarzhaarige Kinder zu wollen.

Und zum Schluss, nur der Vollständigkeit halber: Eine besonders unerfreuliche Rolle spielen in derartigen Diskussionen natürlich gerne auch die Kirchen. Weil sie die ohnehin schon schwierige Diskussion noch weiter verkomplizieren, indem sie von Seelen und göttlichem Willen und dem christlichen Verständnis des Menschen herumquaken. Wer selbst so etwas glaubt, den bitte ich ob der Härte meines Ausdrucks hier um Nachsicht, aber ich sehe das so. Natürlich darf jeder glauben, was er will, und niemand ist gezwungen, gute Gründe für seine Weltsicht zu haben. Die braucht man erst, wenn man sie anderen strafrechtlich aufzwingen will.