Plain Wrong

8. März 2011

Ich lese gerade einen Roman über die Amish. Das ist eine christlich orientierte Gemeinschaft von sehr streng gläubigen Menschen, die viele Aspekten des technischen Fortschritts ablehnen (Elektrizität, Autos, und so weiter) und möglichst wenig mit Menschen interagieren, die nicht dazu gehören. Sie sind meines Wissens ausschließlich in den USA und in Kanada zu finden.

Soweit ich das beurteilen kann, stellt die Geschichte das Leben und die Bräuche der Amish sehr wirklichkeitsgetreu dar, und in gewisser Weise spricht es für sie, dass sie aus einer neutralen Perspektive erzählt wird, die weder die guten Seiten dieser Lebensweise verschweigt, noch die weniger guten. Die Autorin zeigt uns sowohl, wie zufrieden und glücklich die Amish mit ihrem Leben sind, als auch, wie sehr die Regeln sie einschränken, die ihre Religionen ihnen auferlegt.

Das ist einerseits lobenswert, aber andererseits stört mich die Haltung, die nach meiner Wahrnehmung nicht nur in diesem Roman, sondern in der Öffentlichkeit allgemein gegenüber den Amish vorherrscht: Sie sind zwar ein bisschen sonderbar, aber es ist schließlich ihre Entscheidung, und am Ende sind sie doch richtig gute Menschen, die niemandem etwas zuleide tun.

Nein! Es ist nicht einfach ihre Entscheidung, und sie schaden sehr wohl anderen Menschen. Ich erkenne an, dass die Amish in gewisser Weise sehr sympathische friedliche Leute sind, die es bestimmt gut meinen, aber ich finde ihre Lebensweise nicht nur ethisch inakzeptabel, ich finde sogar, dass sie ein Eingreifen des Staates erfordert.

Die Amish haben nämlich Kinder. Und diese Kinder wachsen in einer Gemeinschaft auf, die sie völlig von Menschen isoliert, die ihren Glauben nicht teilen. Sie werden nicht nur in ihren Familien, sondern auch in ihren Schulen religiös indoktriniert. Sie lernen nichts über Biologie oder sonstige aktuelle Wissenschaft, und es ist ihnen unter Strafandrohung untersagt, nach ihrer Amish-Schulzeit andere Bildungseinrichtungen zu besuchen.

Dawkins hat sich mit seinem bekannten Zitat weit aus dem Fenster gelehnt und Missverständnisse geradezu herausgefordert, aber ich gebe ihm Recht: Religiöse Indoktrination ist Kindesmisshandlung. Und die Gemeinschaft der Amish indoktriniert ihre Kinder ungefähr so gründlich, wie es möglich ist, ohne sie im Keller einzusperren, bis sie volljährig sind.

Jeder hat das Recht, auf Elektrizität und Verbrennungsmotoren zu verzichten. Jeder hat das Recht, zu glauben, was auch immer er glauben will. Und jeder hat das Recht, sich von anderen Menschen zu isolieren und nach seinen eigenen Regeln zu leben (solange er nicht anderen damit schadet). Ich persönlich finde das alles nicht richtig, aber es steht mir nicht zu, andere zu zwingen, nach meinen Vorstellungen zu leben.

Doch wer seine Kinder zwingt, dieses Leben mit ihm zu teilen, und ihnen dazu noch die Informationen vorenthält, die sie brauchen, um eine qualifizierte eigene Entscheidung darüber zu treffen, wie sie leben wollen, der misshandelt sie dadurch, egal, wie liebevoll er oberflächlich betrachtet mit ihnen umgeht. Und die Gesellschaft, die so etwas zulässt, macht sich mitschuldig.

Das bedeutet nicht, dass wir den Amish sofort ihre Kinder wegnehmen sollten, um sie zwangsweise in die US-amerikanische Mainstreamgesellschaft zu integrieren. Ich denke aber zum Beispiel, dass der Staat verpflichtet ist, Bildung für alle Kinder zu gewährleisten, und zwar nach rational entwickelten Standards, die für alle gelten: Für öffentliche Schulen, für private Schulen, und für Leute, die ihre Kinder zu Hause selbst unterrichten wollen. Und mehr als heute sollten diese Standards auch Epistemologie beinhalten, und Grundlagen der wissenschaftlichen Methodik, um Kindern Werkzeuge in die Hand zu geben, mit denen sie selbst herausfinden können, was wahr ist, und was nicht.

Die konsequente Durchsetzung solcher Standards wäre schon ein erster Schritt, um es (zum Beispiel) Amish-Kindern zu erleichtern, auf vernünftiger Grundlage zu entscheiden, ob sie gerne leben möchten wie ihre Eltern, oder ob sie lieber Zugang zu moderner Medizin haben wollen, zu moderner Technologie und zu modernen Medien und all dem Wissen, das sie uns zugänglich machen. Zugang zur Wirklichkeit.


Vorurteile, oder nicht

3. Mai 2010

Letzten Freitag Abend habe ich etwas gesehen, über das ich seitdem nachdenke. Nicht ununterbrochen, aber immer wieder.

Ich war auf dem Weg zum Hamelner Bahnhof und sah am gegenüberliegenden Straßenrand einen dieser Pseudo-Sportwagen stehen, keine Ahnung, vielleicht war es ein alter Honda Civic, mit allerlei geschmacklosen Anbauten und einem riesigen Spoiler. Der Kofferraumdeckel des Honda Civic war aufgeklappt, und darin eingebaut waren zwei große Lautsprecher, die einen Technorhythmus in die Welt hinausdröhnten, der im Wesentlichen aus fünf sich stetig wiederholenden Tönen bestand. Auf der Kante des Kofferraums, halb sitzend, halb angelehnt, sah ich einen Mann ohne Oberbekleidung, der in der linken Hand eine Zigarette hielt und mit der rechten eine Dose Bier an seine Lippen. Ich schätzte, er müsste irgendwas um Ende zwanzig sein. Ich konnte sehen, dass er einen Ohrring trug, und so einen fürchterlichen Vergewaltigerschnurrbart. Über seinen Hosenbund quoll ein für sein Alter schon beeindruckend zu nennender bleicher Bierbauch.

Ich wollte mich gerade mit einem Kopfschütteln und einem Lächeln abwenden und sowas denken wie: „Naja, soll jeder sein Wochenende so verbringen, wie er möchte“, aber dann sah ich das kleine Mädchen auf dem Rücksitz des Autos. Es war vielleicht vier oder sechs Jahre alt, ich kann so etwas nicht gut schätzen, und schaute gelangweilt durch das Fenster in meine Richtung.

Mit Lächeln war nichts mehr. Ich weiß nicht, ob mich das zu einem bornierten, bigotten, elitären Spießer macht. Ich denke schon, dass der erste Anschein durchaus sehr täuschen kann. Ich weiß, dass ich aus dem kurzen Blick, den ich in das Leben dieser beiden Menschen geworfen habe, eigentlich keine sinnvollen Schlüsse ziehen kann. Aber ich könnte weinen, wenn ich darüber nachdenke, dass der Mann wahrscheinlich der Vater dieses Mädchens ist. Und dass es wahrscheinlich nicht nur ein außergewöhnlicher Sonderfall war, dass er sein Kind zu seiner kleinen Straßenrandsession mitgenommen hat.

Ich bin ein nachdrücklicher Befürworter individueller Freiheit, und niemand sollte anderen ungefragt in ihr Leben hineinreden, schon gar nicht der Staat Eltern in die Erziehung ihrer Kinder. Aber verdammt noch mal, Kinder sind in meinen Augen eine heilige Verpflichtung, und wer welche hat, und so mit ihnen umgeht, der gehört geschlagen.