#gehtnichtwählen

26. Mai 2019

Ich habe heute, wie ich das halt so mache, mit ein paar Leuten diskutiert, die meinten, wir sollten alle wählen gehen, und es gibt keinen Grund, das nicht zu tun, und wenn wir nicht wählen, dann dürfen wir uns aber hinterher auch nicht beschweren, weil wir ja die Möglichkeit hatten, uns einzubringen und mitzubestimmen, und sie nicht genutzt haben, und bla.

Nun ist es so: Ich habe hier vor diversen Jahren schon einmal was zu dem Thema gesagt, mich dabei aber darauf konzentriert, zu sagen, warum ich persönlich für mich Wählen für Quatsch halte und das nicht mitmache, wenn ich mich richtig erinnere. Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass ich den Mist noch mal lese, bevor ich ihn verlinke? Pah, da hab ich echt Besseres zu tun.

Was ich damals vernachlässigt habe, sind andere Gründe, warum ich diesen Sprüchen gerne leidenschaftlich widerspreche, und das möchte ich jetzt gerne einmal nachholen. Das sind nämlich diese hier:

  1. Es fängt schon mal mit dem unreflektierten Privileg an, das daraus spricht. Ja ich weiß, das spricht auch aus meiner Haltung. Wir können hier über viel streiten, aber nur ganz schlecht darüber, dass ich irrsinnig privilegiert bin. Bin ich nämlich. Und dass mir das immer komplett bewusst ist, behaupte ich auch ganz sicher nicht, ich bin ja nicht bescheuert. Da, seht ihr, da sieht mans sogar schon. Egal. Hier geht es nämlich um die Privilegien der anderen, und die sehen zum Beispiel so aus, dass sie keine Gründe sehen, nicht zu wählen, und die von anderen vorgebrachten Gründe gerne „Ausreden“ nennen. Nun ist es aber so, dass es Leute gibt, die zum Beispiel psychisch nicht besonders gesund sind und nicht die Kraft aufbringen, irgendwohin zu gehen und diesen blöden Zettel auszufüllen, oder Briefwahlunterlagen zu beantragen und sich dann durch den kleinen bürokratischen Albtraum zu kämpfen, der daraus folgt, fragt mich nicht nach Details, ich hab noch nie gewählt, ich kenn das nur grob vom Zuschauen, aber es sah anstrengend aus. Und es gibt Leute, die zwei Jobs haben, und Kinder groß ziehen und neben bei noch ihre Eltern pflegen, und so. ICH bin das nicht. Ich habe all diese Probleme nicht. Ich könnte wählen gehen, und das wäre ungefähr so aufwändig wie einzukaufen. Aber es gibt halt auch Leute, denen es anders geht, und wir haben das verdammt noch mal zu respektieren, insbesondere, weil man ja vielleicht über den grundsätzlichen Sinn der Beteiligung an diesem Ritual noch streiten kann, aber
  2. Es nervt einfach, dass der Akt des Ausfüllens dieser Zettelchen so oft zur ultimativen Heldentat des gesellschaftlichen Engagements hochgespielt wird, zur obersten Bürgerpflicht und zum einzigen Kriterium für die Berechtigung zur Teilhabe am politischen Diskurs oder so. Wenn du der Meinung bist, Leuten, die vielleicht jedes Jahr Hunderte oder Tausende Stunden opfern für soziales und politisches Engagement, für Umweltschutz oder sonstwas (Noch mal: Ganz sicher nicht ich. Ich rede nicht von mir selbst.) das Recht absprechen zu können, sich politisch zu äußern, weil sie anders als du ein paar Kreuze nicht gemalt haben, dann leg dich bitte gehackt und halt selbst die Fresse, wenn es um Politik geht, bis dus verstand hast, danke. Ich meine, ihr könnte das ja so sehen, dass Wählen irgendwie was Gutes ist, aber es ist doch nun wirklich unstreitig, dass es (für die einzelne Person) eine sehr kleine, sehr einfache und nicht besonders wirkungsvolle Möglichkeit ist. Ich verweise dazu auf den Link oben, der näher auf das scheinbare Paradoxon eingeht, dass natürlich die Wählenden insgesamt großen Einfluss haben, aber halt nicht als einzelne Personen.
  3. Leute, die sich an dieser Hochspielung beteiligen, erwecken damit oft (sicherlich unabsichtlich und nur implizit, aber schon) den Eindruck, dass die Wahl die einzige Möglichkeit ist. Indem sie so tun, als würden andere Formen von Engagement nicht zählen, unterstützen sie diese „Ich mach nix, aber einmal alle paar Jahre mal ich diesen Zettel voll, also bin ich voll engagiert“-Haltung und demotivieren andere, etwas zu tun, was wirklich etwas nützt, wie zum Beispiel Nazis mit Milchshakes zu bewerfen. DAS ist Antifaschismus, der mir schmeckt!
  4. Und aus dem gleichen Grund ist es einfach unanständig, Leute zu dissen, die nicht wählen. Es gibt ja sogar Erfahrungsberichte von Leuten, die gar nicht wählen dürfen (mangels Staatsbürgerschaft zum Beispiel hallo nationalistisches Dreckseuropa und -deutschland aus dem gleich folgenden Punkt 5!) und trotzdem dauernd doof angemacht werden, weil sies nicht tun. Wir könne ja durchaus drüber reden, dass wir alle eine gewisse Verpflichtung haben, was für andere Menschen zu tun, soweit es uns möglich ist, aber warum sollen nicht alle für sich entscheiden können, wie sie das tun, warum dissen wir Leute fürs Nichtwählen, aber zum Beispiel nicht oder zumindest viel weniger dafür, dass sie nicht widersprechen, wenn andere misogyne Witze machen, um ein völlig willkürliches Beispiel rauszusuchen. Ja ich weiß, dafür werden Leute auch gedisst, aber es ist VIEL weniger in der Mehrheitsgesellschaft angekommen. Wer halt nicht wählt, muss sich dafür nicht rechtfertigen, und es steht uns nicht zu, dafür über sie zu urteilen, und die Entscheidung, nicht zu wählen, kann völlig okay sein, find ich.
  5. Durch die Wahl validiere ich ein kleines bisschen sowieso schon das System. Das ist Mist. Und es wird schlimmer durch all diese Aufrufe, die jetzt gerade zum Beispiel die EU sonstwie hochjubeln und betonen, wie toll das ist, dass wir in diesem weltoffenen, freien Europa mit viel sozialer Sicherheit und Dings leben könne, und dass wir durch die Wahl dafür sorgen sollen, dass es so bleibt. Hier wie oben: Wer das sagt, mag bitte erst mal nachgucken, was Frontex ist, wie die europäische Flüchtlingspolitik aussieht, und wie die EU Rassismus und überhaupt so ziemlich alle ismen perpetuiert und fördert und überhaupt in vieler Hinsicht ein widerliches Monstrum ist, und dann vielleicht wiederkommen und auf einer vernünftigen Ebene drüber diskutieren, ob wir an einer Wahl teilnehmen sollten, oder vielleicht doch lieber den ganzen Mist einfach anzünden ja ich bin ein bisschen sauer warum?
  6. Bestimmt fallen mir noch ganz viele gute Gründe ein, wenn ich noch weiter drüber nachdenken würde, aber ich kann ja schlecht so tun, als würde ich aus voll rationalen Gründen im Sinne einer optimalen Kosten-Nutzen-Abwägung meines Zeitmanagements nicht wählen gehen und dann Stunden für so einen honkigen Blogpost raushauen, den eh niemand liest, deshalb ist hier jetzt Feierabend, und ihr könnt ja in den Kommentaren noch ganz viele weitere Argumente aufzählen, warum ich Recht habe, dafür ist die Kommentarspalte ja schließlich da. Schönen Sonntag, und danke für eure Unterstützung, ich weiß das echt zu schätzen!
  7. Ach so, Nachtrag, jetzt ist mir doch noch was eingefallen: Besonders gerne mag ich natürlich die Variante „Leute, geht wählen, egal was!“, manchmal sogar noch mit dem ausdrücklichen Zusatz „Auch wenns die AfD ist!“, und … Also erstens natürlich die allgemein damit verbreitete Wurstigkeit, die Implikation „Wenn du wählst, reicht das, damit hast du was für die Gesellschaft getan, mir doch egal, wen du damit untersützt, mach dir darum keine Gedanken, du hast keinerlei Verantwortung für irgendwas, solange du die formalen Anforderungen erfüllst, indem du die kleinen Kreise bemalst!“, und natürlich konkret, weil NEIN, wenns die AfD ist, geh bitte nicht wählen, dann bleib zu Hause und mach dir eine schöne große Tasse Zyankali warm.

Ausstieg Großbritanniens aus der EU ist natürlich ein scheußlicher Begriff

16. Januar 2019

aber Brexit find ich noch schlimmer. Ich mag diese Schmelzwörter nicht. Und einerseits schäme ich mich ein bisschen für den Wolfschneiderismus, der da durchschimmert, aber ich finde, solange die Yellow Press noch von Brangelina spricht, ist es okay.

Was? Das tut sie gar nicht mehr, weil die beiden schon lange nicht mehr zusammen sind?

Mist.

Dann lasst uns schnell über was anderes reden.

Image result for theresa may

Den Rest des Beitrags lesen »


Da ist man mal ein paar Wochen weg

10. Juli 2016

Heieiei, Leute. Ich dachte ja, es ist nicht so schlimm, wenn ich eine Weile nicht so viel schreibe, und die wirklich treuen Leserinnen und Leser werden wissen, dass ich irgendwann schon zurück komme und sie erlöse. Aber jetzt muss ich doch sagen, dass ohne meinen leitenden und ordnenden Einfluss die öffentliche Meinung ziemlich aus dem Ruder gelaufen zu sein scheint. Ich kann mich deshalb nicht länger meiner Verantwortung entziehen und habe entschieden, mal wieder ein paar Worte fallen zu lassen, um die Dinge zurück in geordnete Bahnen … äh, was? Wie bitte? Zweistellig? Naja, aber wenn die dann ihren Freunden und ihrer Familie …? Nee? Na gut, also… Ach, jetzt hab ich mir aber schon was überlegt, jetzt schreib ichs auch, oder? Kann ja nicht schaden.

  1. Ausstieg Großbritanniens aus der EU. Ihr habt das schon richtig gelesen, ich meine das, worüber alle gesprochen haben. Ich weigere mich nur halsstarrig, es so zu nennen. Ich schreib ja auch nicht BrAngelina. Wer bin ich denn? Zur Sache: Ja gut, das war natürlich schade, aber ich fands andererseits nicht verblüffend, und war von den Reaktionen der anderen Seite eigentlich viel enttäuschter. Weil ich denke, sicher, es ist wahrscheinlich für Großbritannien nicht so richtig schlau, die EU zu verlassen, weil die Mitgliedschaft da natürlich verschiedene nicht zuletzt wirtschaftlich sehr relevante Vorteile hat, aber … Also man kanns halt auch übertreiben, oder? Es gibt ja nach meinem Informationsstand erwiesenermaßen Länder außerhalb der EU, in denen die Bevölkerung nicht darauf angewiesen ist, die eigenen Nachkommen zu verspeisen, um zumindest die ärgste Not zu lindern, und die schon eine ganze Weile keine Angriffskriege gegen Deutschland mehr geführt haben. Etwas ernsthafter: Ja, ich sehe natürlich auch, dass es einfach ein mieses Signal ist, dass jetzt so ein eigentlich ganz zivilisiertes Land aus so blödsinnigen Gründen, zu denen offenbar ganz maßgeblich auch schlichte Xenophobie gehört, dieses vielversprechende Projekt verlässt, aber erstens muss man doch auch sagen, dass an der EU wirklich ein paar Sachen nicht so gut geregelt sind, und dass es deshalb zweitens ein ganz interessantes Experiment ist, mal zu sehen, was passiert, wenn jemand rausgeht, weil das ja auch für die anderen Mitglieder anschaulich demonstrieren könnte, wie wertvoll das Ganze entweder ist, oder dass sie sich vielleicht doch noch mal überlegen sollten, wie sie es organisieren. Drittens finde ich so ganz prinzipiell, dass es jedem Club ganz gut tut, wenn ihm bewusst ist, dass seine Mitglieder ihn verlassen können. Und viertens … Ja, viertens:

Zum ersten Mal begrenzt eine Generation die Chancen der Nachfahren, statt sie zu erweitern.

Before the end of this year, the Brexit will be seen as the worst decision in the history of the UK.

I don’t think I’ve ever wanted magic more.

Den Vogel abgeschossen hat in meiner Wahrnehmung dieser Kommentar von Martin Walker, zu dem ihr meine Meinung praktischerweise auch gleich drüben bei Facebook lesen könnt, wenn ihr mögt. Aber der Wettstreit darum, wer die Protagonisten des Ausstiegs am nachdrücklichsten zu den schlimmsten Menschen der Welt erklären kann, ist auch spannend anzusehen.

Und ganz egal, wie schlimm es jetzt wird, ganz egal, ob wir die EU für eine tolle Sache oder eher ein Ärgernis halten, ganz egal, ob wir demokratische Entscheidungen respektieren wollen oder nicht, einfach insgesamt ganz egal: So geht’s nicht. Das ist einfach schauderhafter Bullshit. Das ist einfach indiskutabel und ärgerlich. Wir reden über ein Land, das Sklaven gehandelt, ein weltumspannendes Imperium mit Gewalt und ihrer Androhung beherrscht hat, ein Land, das Kriege geführt und Hitler gegenüber eine Appeasement-Politik für eine gute Idee hielt, in einer Welt, in der jeden Tag Kinder verhungern, Millionen auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung sind, und … Ich muss nicht weiter schreiben, oder? Der Ausstieg aus der EU ist weder das Schlimmste, was Großbritannien je gemacht hat, noch ist er in der allgemeinen Verhältnismäßigkeit eine enorme Katastrophe. Und wer so was schreibt wie da oben, den kann ich nicht mehr ernst nehmen, und will ich auch gar nicht, weil ich meine Zeit gerne anders verschwende als mit dem Durchsteigen durch schwachsinnige Hyperbeln und Superlative und Panikmache.

  1. Roboter, ganz gleich ob von Tesla oder von der Polizei: Es ist halt einfach gerade eine Zeit, in der ich mich noch schwerer tue als sonst, meinen Respekt vorm Journalismus nicht insgesamt zu verlieren. Weil hier auch wieder so viel rumkrakeelt und clickgebaitet und mit Superlativen um sich geworfen wird, dass ich mich frage, ob unsere großen Veröffentlichungen vielleicht sogar bewusst nur noch kurzfristig Geld verdienen wollen und die Idee, ein langfristiges Geschäftsmodell auf dem Vertrauen ihrer Kundschaft aufzubauen, schon weitgehend aufgegeben haben. Weil doch letzten Endes die Fragen, die hier aufgeworfen werden, im Detail interessant sein mögen, insbesondere für die betroffenen Personen natürlich, aber doch weder fundamental noch neu sind. Eine Maschine übernimmt Aufgaben von Menschen, und manchmal verhält sie sich dabei so, wie die Menschen es sich gedacht haben, und manchmal nicht. Wer da ganz fundamental neue philosophische und juristische Probleme sieht, hat in meinen Augen ein sonderbares Verständnis von Philosophie und Jura. Aber abgesehen von der oberflächlichen Clickbait-Seite, die alles natürlich nicht besser macht, habe ich hier den Verdacht, dass es noch einen anderen Grund für die unangemessene Lautstärke der Äußerungen gibt: Den Kult, den unsere Gesellschaft meines Erachtens unvernünftigerweise um das Konzept von Schuld veranstaltet, ohne dieses überhaupt vernünftig zu Ende entwickelt zu haben. Denn ohne sie jetzt alle systematisch ausgewertet aufzählen zu wollen, habe ich den Eindruck, dass diese Frage die Schreibenden und Redenden an dem Thema besonders verwirrt. Wenn der Fahrer selbst gar nicht mehr fährt, wer ist denn dann schuld? Jemand muss doch Schuld haben? Wie soll das denn alles weiter gehen, wenn jetzt bald Dinge passieren, an denen wir niemandem die Schuld geben können? Und ich finde, dass das auf zwei Ebenen Blödsinn ist. Erstens, weil es wie gesagt nicht neu ist. Es passieren dauernd Sachen, an denen niemand in dem Sinne schuld ist. Tiere sind ein naheliegendes Beispiel, das nach meinem Eindruck sogar ganz gut übertragbar ist auf den aktuellen Stand von KI. Wenn jemandes Pferd einen Unfall verursacht, fragt ja auch niemand, ob jetzt das Pferd Schuld ist. Man guckt, ob jemand auf das Pferd hätte aufpassen müssen und ob der wiederum seine Pflichten schuldhaft verletzt hat, und so weiter. Zweitens ist das mit der Schuld in meinen Augen sowieso ein blödsinniges Konzept, von dem wir uns zumindest im metaphysischen Sinne dringend verabschieden sollten. Verantwortung kann und sollte man irgendwie zuordnen, und Pflichten muss man in einem funktionierenden Rechtssystem auch irgendwie statuieren, aber Schuld ist doch nur dafür da, dass Feuilleton-Autorinnen und -Autoren sich bedeutungsschwanger mit Anspielungen auf olle Philosophen was über Gehirnforschung und freien Willen zuraunen können. Pah. Und was ist denn eigentlich mit dieser Juraprofessorin los, die für den Guardian sagen darf: „we typically examine deadly force by the police in terms of an immediate threat to the officer or others. It’s not clear how we should apply that if the threat is to a robot„? Öh. Hm? Was ? Es ist für diese Rechtsexpertin unklar, ob tödliche Gewalt angemessen ist, wenn jemand eine Maschine bedroht? Sagt das nicht vor allem was Bedenkliches über ihren Status als Expertin aus?
  2. EM und Flaggen: Ich hab selten Gelegenheit, mit der Grünen Jugend einer Meinung zu sein, deswegen will ich diese weidlich nutzen, und weil Beate drüben in ihrem Blog meinen Kommentar nicht freischalten mochte, übernehme ich ihn einfach hier und finde, damit ist zum Thema Fußball und Nationalismus und so das Wesentliche gesagt.
    „Ja, aber nee. Anderen vorzuwerfen, sie würden die Welt ohne Komplexität sehen, und dann selber Fahnen für unproblematisch erklären und einfach behaupten, Fußball wäre ja nur die guten Dinge, und die schlechten wären halt keiner, das ist … in meinen Augen extrem unterkomplex.Natürlich sind Nationalfahnen problematisch, weil sie für Nationen stehen, und weil sie damit zwangsläufig mit Nationalismus assoziiert sind. Man kann sicher trotzdem entscheiden, dass man es manchmal lustig findet, eine zu schwenken. Ich persönlich finde das komisch, weil das Ding für so viel Scheußliches steht, aber meine Güte, Symbole sind ja nur welche, weil wir sie als solche sehen, und jedem sein Ding.Aber so wie hier gehts in meinen Augen echt nicht. Kritik an Fahnen und dem Nationalismus, der Turnieren wie der EM zwangsläufig inne wohnt, ist was sehr Berechtigtes, und gerade in der heutigen Zeit auch etwas Nötiges. Man muss sich deshalb nicht von allem abhalten lassen, was einem Spaß macht, aber die Kritiker so runterputzen muss und sollte man auch nicht.Find ich.“ Oder?

Mehr Kriegsmetaphern!

14. Mai 2015

Stellt euch mal vor, ihr wärt Qualitätsmedien. Versetzt euch in die Position von jemandem, dem schon jeden Morgen beim Zähneputzen die Brust schwillt eingedenk der eigenen gar nicht überschätzbaren Bedeutung für die Demokratie, die Zivilisation, die öffentliche Meinung, den Fortbestand der Menschheit an sich, und der sich kaum die Nase putzen kann, ohne zu betonen, wie grundlegend der Unterschied ist zwischen seiner eigenen Seriosität, Investigativität, Objektivität und schieren Informationsgewalt und anderen interessengelenkten ahnungslosen völlig chaotischen und nur von uninformierter persönlicher Meinung getriebenen Medien wie diesem komischen Internet.

Und nun stellt euch vor, ihr wolltet darüber berichten, dass die EU mal bei der Bundesrepublik Deutschland nachgefragt hat, wie sie sich das eigentlich vorstellt, ihre Sonderregelungen zu den freien Berufen mit dem EU-Wettbewerbsrecht übereinzubringen, das genau solche Sonderregelungen eigentlich untersagt. Was denkt ihr, würdet ihr als angemessene Überschrift für einen solchen Artikel wählen?

Genau:

EU attackiert Steuerberater und Architekten

Und um die Art Leser, die ihr mit dieser Art Überschrift angelockt habt, nicht weiter zu irritieren, bringt ihr natürlich in dem Artikel auch keine Gründe für diese niederträchtige Attacke, abgesehen von einem kurzen Alibisatz, in dem ihr darauf hinweist, dass der Internationale Währungsfond auch meint, solche Regeln könnten irgendwie vage für das Wirtschaftswachstum schlecht sein, und dem natürlich sofort das Bundesfinanzministerium umfassend widersprechen darf. Weitere naheliegende Gründe für das Abschneiden dieses grässlichen alten Zopfes der Sonderregeln für Freiberufe wie etwa das Gleichbehandlungsprinzip erwähnt ihr nicht weiter, dafür dürfen aber alle Vertreter von Freiberuflerinteressenverbänden, die ihr vors Mikrofon bekommen habt, ihre alberne Panikmache – natürlich unwidersprochen – in eure Zeilen raunen, zum Beispiel so:

Ausländische Anbieter seien nicht an gleiche Qualitätsstandards gebunden.

Auch könnten gewerbliche Anteilsinhaber Kenntnisse aus der steuerlichen Beratung für die eigene Geschäftstätigkeit verwenden.

Dann beschließt ihr, dass es damit auch gut ist, weil alles Weitere ja tatsächlich sowas wie Recherche erfordern würde, und wenn zwei auf dieses Thema spezialisierte Wirtschaftskorrespondenten für so einen Artikel verantwortlich zeichnen, dann ist es ja eindeutig zu viel verlangt, dass sie den Leserinnen dabei irgendeine Information liefern, die über die unkommentierten Stellungnahmen der beteiligten Interessenverbände und Institutionen hinausgeht, und sei es auch nur irgendwas zu dem eigentlichen Inhalt der Regelungen, um die es geht.

Und weil damit ja Feierabend ist, könnt ihr jetzt gehen und euch frustriert fragen, warum so große Teile des blöden Plebs nicht einsieht, wie wichtig es ist, dass ihr für eure unverzichtbare Leistung im selbstlosen Dienst der Gesellschaft nicht angemessen reichlich bezahlt werdet.


Populisten! Populisten überall!

19. Mai 2014

Kathrin Haimerl hat sich für die SZ auf eine Spurensuche begeben, weil sie denkt, dass wir uns doch alle bestimmt dauernd fragen, wo eigentlich diese komischen Euroskeptiker alle herkommen, und dabei hat sie etwas ganz und gar Verblüffendes festgestellt: Es gibt unter deren Anhängern solche, die gar nicht richtig artikulieren können, was eigentlich ihr Problem ist, wenn man ihnen ein Mikrofon ins Gesicht hält!

Deren Anhänger sollten wissen, was Euroskepsis heißt. Oder? Nachgefragt bei den Rentnerinnen. „Was mir nicht gefällt – hier weiß keiner, was gespielt wird. Mein Geld ist kaputt. Und was die da, was die immer so erzählen …“ Wer sind die? „Na, die halt. Die Merkel und so.“ Die Dame, grüner Lodenmantel, schwarzer Hut, zieht empört davon. Die andere sagt: „Ich sehe nicht ein, dass die Deutschen so lange zahlen müssen, bis zum Ende … ein Rettungsschirm nach dem anderen …“ Musste sie persönlich schon mal was bezahlen? „Ich habe für zwei Mark einen Euro Rente bekommen. So sieht’s aus.“

Ja. Und das finde ich schon ein bisschen unanständig. Jetzt nicht, weil ich besondere Sympathien für die AfD hätte, oder für Rentnerinnen, oder für Leute, die politische Veranstaltungen besuchen, oder sich als Anhänger irgendeiner Partei … also, ihr wisst schon. Sondern weil Frau Haimerl diese Zitate bringt, um gezielt die AfD und ihre Anhänger als Populisten und deren Opfer darzustellen, zum Beispiel erkennbar an der darauf folgenden Bildunterschrift:

Populismus in Europa Das sind die Europaskeptiker

Dieses Ansinnen ist in meinen Augen so lächerlich, dass ich kaum weiß, wie ich es erläutern soll. Vielleicht so: Wir wissen doch sicher alle ungefähr, was ich herausfände, wenn ich eine Wahlkampfveranstaltung von SPD, CDU, Grünen oder Linken besuchte, mir dort Renterinnen herauspickte und sie fragte, warum sie die EU total super finden, und was sie ihnen persönlich gebracht hat, oder? Genau. Die würden natürlich alle sofort druckreif und sachlich einwandfrei nicht nur die Funktionsweise der EU und ihrer Organe erklären, sondern auch auf Euro und Cent beziffern können, was das ganze Projekt der Bundesrepublik allgemein und ihnen im Speziellen bringt. Meint ihr auch, oder?

Und das ist, jetzt wieder im Ernst, das Problem. Frau Haimerl impliziert, es gäbe auf der einen Seite die populistische AfD, die ihre Anhänger blendet, statt sie zu informieren, weshalb die alle in Wahrheit keine Ahnung haben, warum sie eigentlich gegen die EU sind, sondern nur dumpfes Ressentiment, und auf der anderen Seite die anderen Parteien, die für die EU sind, und keine Populisten, und deren Anhänger wohlinformiert die Wahrheit erkennen und deshalb die EU für die wunderbare Sache halten, die sie so offenkundig ist.

Damit verschleiert sie das eigentliche Problem, nämlich, dass die Anhänger aller Parteien die EU nicht verstehen, und dass niemand, einschließlich der informationsmächtigen SZ, eigentlich genau sagen kann, was sie bringt und was sie kostet, und dass so ziemlich alle ihre Position nur zufällig innehaben, weil irgendjemand ihnen mal gesagt hat, so sei das eben.

Und sogar wenn man sich, wie offenbar Frau Haimerl für die SZ, zutraut zu wissen, dass die eine Gruppe eben zufällig recht hat, und die andere nicht, dann stünde es einem als Organ der vierten Gewalt ganz gut an, das mit Argumenten und Tatsachen zu belegen, statt mit impliziten Unterstellungen, die auf beide Seiten gleichermaßen zutreffen, was man aber verschleiert, indem man sie nur gegen die eine erhebt und so tut, als sei die andere damit schon mal im Vorsprung. Man könnte ja schließlich als ein solches Organ seine Aufgabe darin sehen, seine Zielgruppe zu informieren und einen konstruktiven Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung zu leisten.

Oder was meint ihr?


It is dishonest to assert as fact that which is not evidently true.

1. Dezember 2012

Gerade lese ich auf FAZ.net (gratis übrigens) den Kommentar von Berthold Kohler, in dem er uns erklärt, warum es in seinen Augen unfair ist, die für die Griechenland-Hilfen verantwortlichen Politiker zu beschimpfen:

Folgt man dem dominierenden Meinungsbild an den Stammtischen des Internets, dann sind die 473 Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die am Freitag für die neuesten Griechenland-Hilfen stimmten, im besten Fall Dummköpfe, Feiglinge, Opportunisten.

Aber in seinen Augen sind sie „weder Vollidioten noch Verbrecher„, und zwar aus diesem Grund:

Den unumstößlichen Beweis dafür, welcher Schrecken kleiner wäre, kann keine Seite erbringen. Die Materie ist viel zu komplex, als dass man sich auf Vorhersagen absolut verlassen könnte. Und wie sollte der politische Schaden beziffert werden, der beim Auseinanderbrechen der Eurozone oder gar der ganzen EU entstünde – eine Gefahr, die auch beim Festhalten am bisherigen Kurs besteht?

Aha. Das ist das argumentum ad ignorantiam. Wir wissen nicht, was wir tun, und deshalb ist nichts falsch, sondern alles richtig, solange es nur mit guten Absichten passiert. Oder so.

Ich stimme Herrn Kohler zu, dass es nicht nur nicht hilfreich, sondern auch unfair und unangemessen ist, unsere Abgeordneten pauschal als Vollidioten oder Verbrecher zu beschimpfen, denn jeder von ihnen versucht nur, das aus ihrer Sicht beste aus einem idiotischen System zu machen, aus dem sie genauso wenig entkommen können wie du oder ich. Aber Kohlers Argumentation ist trotzdem kaputt.

Ich zum Beispiel werfe unseren Politikern nicht vor, dass sie nicht wissen, wie die derzeitige Krise optimal zu lösen wäre. Ich werfe ihnen nicht vor, dass die Materie zu komplex ist, als dass sie sie endgradig prognostizieren könnten. Ich werfe ihnen nicht vor, dass sie keinen unumstößlichen Beweis dafür erbringen können, dass ihr Kurs der bessere ist. Das kann man ihnen nicht vorwerfen, denn das ist nicht ihr Fehler, sondern es liegt in der Natur der Sache.

Vorwerfen sollten wir ihnen, dass sie es nicht zugeben. Dass sie so tun, als wüssten sie genau, wo die Reise hingeht. Als könnten sie genau berechnen, wie hoch das Risiko ist, und uns deshalb versprechen, dass unsere Betroffenheit auf [Summe A] begrenzt und außerdem [Verschlimmerung B] völlig ausgeschlossen und schließlich [Maßnahme C] alternativlos und umumgänglich ist.

Und da begreife ich wirklich nicht, wie Herr Kohler sich das denkt. Es ist unmöglich, den politischen Schaden zu beziffern, schreibt er. Deswegen sollten wir den Politikern keinen Vorwurf machen, wenn sie den Schaden falsch beziffern, schließlich wissen wir es auch nicht besser?

Verdammt noch mal, nein. Wer ein Verbrecher ist, und wer ein Vollidiot, das Urteil will ich Leuten überlassen, die die fraglichen Personen besser kennen als ich, obwohl ich natürlich auch bei der einen und dem anderen meine Vermutungen habe. Aber wer öffentlich als Tatsache behauptet, wovon er nicht einmal entfernt einschätzen kann, ob es wahr ist, der ist zumindest ein Lügner.

Kann ja sein, dass Herr Kohler das auch so sieht und einfach stillschweigend davon ausgeht, denn schließlich reden wir ja über Politiker, aber das finde ich dann auch wieder traurig, und – auch wenn es schwer fällt, muss ich das jetzt hier einfach mal sagen – das wäre in meinen Augen derzeit wirklich mal ein Sympathiepunkt für die Piratenpartei: Sicher wirkt sie unprofessionell, ahnungslos und in ihren Inhalten für mich völlig inakzeptabel. Das gilt aber bei den anderen Parteien genauso, und bei den Piraten habe ich immerhin manchmal das Gefühl, dass sie im Großen und Ganzen aufrichtig sind. [Bestimmt findet ihr in den Kommentaren für mich ganz viele Gegenbeispiele. Aber ich lerne ja gern dazu.]

Und wenn ich schon mal dabei bin, einen Haken zu schlagen, bringe ich ihn auch zu Ende: Das stört mich auch an der Berichterstattung über die Piratenpartei immer wieder, so sehr ich sie inhaltlich auch ablehne. Es ist ja in der Regel genau diese Ehrlichkeit und Transparenz, die ihnen hauptsächlich zum Vorwurf gemacht wird. Die Kaiser sind alle nackt, aber nur über den einen, der es offen zugibt, ergießt sich Hohn und Spott ob seiner Unbekleidetheit, und den anderen Nackten wird zugute gehalten, dass ja schließlich niemand endgradig beweisen kann, dass sie nicht doch unsichtbare Kleider anhaben? [Ach, was solls, machen wir das Themenbingo komplett.] Soll das die Leistung sein, für die unsere Nachrichtenmedien ein besonderes Schutzrecht verdienen?

Ich weiß ja nicht.


Alles klar, Herr Kommissar?

11. Mai 2010

Die Aggro-Wochen sind noch nicht zu Ende. Ich hätte hier gerne mal wieder was Unpolitisches geschrieben, oder einfach was Lustiges, aber was da gerade in Sachen EU läuft, mag ich dann doch nicht komplett ignorieren. Wenn ich ein bisschen melodramatisch sein wollte, würde ich sogar sagen, es macht mir Angst, aber vielleicht reicht es auch, wenn ich es bloß ziemlich ärgerlich finde.

Ich war schon nicht besonders glücklich mit der geplanten Unterstützung für Griechenland. Nicht, weil ich etwas gegen die Griechen hätte, sondern weil ich der Meinung bin, dass es lang- oder wahrscheinlich auch schon mittelfristig gesehen das falsche Signal ist, dass ein Staat, der sich quasi in die Zahlungsunfähigkeit manövriert (Und kommt mir bloß nicht mit „Die Spekulanten sind doch Schuld!“) und dabei noch so lange es eben ging seine wahre Situation verschleiert hat, die Konsequenzen dieser Fehler nicht tragen muss. Aber damit war zu rechnen. Insofern hat es nicht besonders weh getan.

Überhaupt nicht erwartet hatte ich aber, dass man bei der Gelegenheit dann auch gleich noch ein paar andere saudumme Fehler hinterher schiebt und sich dabei als tapferer Euroretter geriert. Herr Steltzner von faz.net hat treffende Worte gefunden:

„Die Europäische Union rüstet zum Kampf gegen den Markt.“

Und genauso klingt es auch, wenn ich von unserem Kommissionspräsidenten höre, er wolle „den Euro verteidigen, was immer es kosten mag“. Ähem, hallo, Herr Barroso? Was immer es kosten mag? Ich hab den Euro ja auch lieb, aber haben Sie das zu Ende gedacht? Und den nächsten kalten Schauer jagt mir dann gleich der französische Präsident über den Rücken. Herr Sarkozy ist ja immer mal für einen kalten Schauer gut, nicht wahr? Und nun will er also zur „Generalmobilmachung“ blasen, um „ohne Gnade gegen die Spekulation zu kämpfen“. Jawoll, denn wenn es dieses Drecksspekulantenpack nicht gäbe, könnte man als Staat endlich so hemmungslos misswirtschaften, wie man will, ohne dass man deshalb in Schwierigkeiten gerät. Geld kann man ja schließlich drucken. Hat doch früher auch immer funktioniert, oder? Oh, nee, doch nicht. Naja, egal. Diesmal wird’s klappen. Was kann denn schon schiefgehen?