#gehtnichtwählen

26. Mai 2019

Ich habe heute, wie ich das halt so mache, mit ein paar Leuten diskutiert, die meinten, wir sollten alle wählen gehen, und es gibt keinen Grund, das nicht zu tun, und wenn wir nicht wählen, dann dürfen wir uns aber hinterher auch nicht beschweren, weil wir ja die Möglichkeit hatten, uns einzubringen und mitzubestimmen, und sie nicht genutzt haben, und bla.

Nun ist es so: Ich habe hier vor diversen Jahren schon einmal was zu dem Thema gesagt, mich dabei aber darauf konzentriert, zu sagen, warum ich persönlich für mich Wählen für Quatsch halte und das nicht mitmache, wenn ich mich richtig erinnere. Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass ich den Mist noch mal lese, bevor ich ihn verlinke? Pah, da hab ich echt Besseres zu tun.

Was ich damals vernachlässigt habe, sind andere Gründe, warum ich diesen Sprüchen gerne leidenschaftlich widerspreche, und das möchte ich jetzt gerne einmal nachholen. Das sind nämlich diese hier:

  1. Es fängt schon mal mit dem unreflektierten Privileg an, das daraus spricht. Ja ich weiß, das spricht auch aus meiner Haltung. Wir können hier über viel streiten, aber nur ganz schlecht darüber, dass ich irrsinnig privilegiert bin. Bin ich nämlich. Und dass mir das immer komplett bewusst ist, behaupte ich auch ganz sicher nicht, ich bin ja nicht bescheuert. Da, seht ihr, da sieht mans sogar schon. Egal. Hier geht es nämlich um die Privilegien der anderen, und die sehen zum Beispiel so aus, dass sie keine Gründe sehen, nicht zu wählen, und die von anderen vorgebrachten Gründe gerne „Ausreden“ nennen. Nun ist es aber so, dass es Leute gibt, die zum Beispiel psychisch nicht besonders gesund sind und nicht die Kraft aufbringen, irgendwohin zu gehen und diesen blöden Zettel auszufüllen, oder Briefwahlunterlagen zu beantragen und sich dann durch den kleinen bürokratischen Albtraum zu kämpfen, der daraus folgt, fragt mich nicht nach Details, ich hab noch nie gewählt, ich kenn das nur grob vom Zuschauen, aber es sah anstrengend aus. Und es gibt Leute, die zwei Jobs haben, und Kinder groß ziehen und neben bei noch ihre Eltern pflegen, und so. ICH bin das nicht. Ich habe all diese Probleme nicht. Ich könnte wählen gehen, und das wäre ungefähr so aufwändig wie einzukaufen. Aber es gibt halt auch Leute, denen es anders geht, und wir haben das verdammt noch mal zu respektieren, insbesondere, weil man ja vielleicht über den grundsätzlichen Sinn der Beteiligung an diesem Ritual noch streiten kann, aber
  2. Es nervt einfach, dass der Akt des Ausfüllens dieser Zettelchen so oft zur ultimativen Heldentat des gesellschaftlichen Engagements hochgespielt wird, zur obersten Bürgerpflicht und zum einzigen Kriterium für die Berechtigung zur Teilhabe am politischen Diskurs oder so. Wenn du der Meinung bist, Leuten, die vielleicht jedes Jahr Hunderte oder Tausende Stunden opfern für soziales und politisches Engagement, für Umweltschutz oder sonstwas (Noch mal: Ganz sicher nicht ich. Ich rede nicht von mir selbst.) das Recht absprechen zu können, sich politisch zu äußern, weil sie anders als du ein paar Kreuze nicht gemalt haben, dann leg dich bitte gehackt und halt selbst die Fresse, wenn es um Politik geht, bis dus verstand hast, danke. Ich meine, ihr könnte das ja so sehen, dass Wählen irgendwie was Gutes ist, aber es ist doch nun wirklich unstreitig, dass es (für die einzelne Person) eine sehr kleine, sehr einfache und nicht besonders wirkungsvolle Möglichkeit ist. Ich verweise dazu auf den Link oben, der näher auf das scheinbare Paradoxon eingeht, dass natürlich die Wählenden insgesamt großen Einfluss haben, aber halt nicht als einzelne Personen.
  3. Leute, die sich an dieser Hochspielung beteiligen, erwecken damit oft (sicherlich unabsichtlich und nur implizit, aber schon) den Eindruck, dass die Wahl die einzige Möglichkeit ist. Indem sie so tun, als würden andere Formen von Engagement nicht zählen, unterstützen sie diese „Ich mach nix, aber einmal alle paar Jahre mal ich diesen Zettel voll, also bin ich voll engagiert“-Haltung und demotivieren andere, etwas zu tun, was wirklich etwas nützt, wie zum Beispiel Nazis mit Milchshakes zu bewerfen. DAS ist Antifaschismus, der mir schmeckt!
  4. Und aus dem gleichen Grund ist es einfach unanständig, Leute zu dissen, die nicht wählen. Es gibt ja sogar Erfahrungsberichte von Leuten, die gar nicht wählen dürfen (mangels Staatsbürgerschaft zum Beispiel hallo nationalistisches Dreckseuropa und -deutschland aus dem gleich folgenden Punkt 5!) und trotzdem dauernd doof angemacht werden, weil sies nicht tun. Wir könne ja durchaus drüber reden, dass wir alle eine gewisse Verpflichtung haben, was für andere Menschen zu tun, soweit es uns möglich ist, aber warum sollen nicht alle für sich entscheiden können, wie sie das tun, warum dissen wir Leute fürs Nichtwählen, aber zum Beispiel nicht oder zumindest viel weniger dafür, dass sie nicht widersprechen, wenn andere misogyne Witze machen, um ein völlig willkürliches Beispiel rauszusuchen. Ja ich weiß, dafür werden Leute auch gedisst, aber es ist VIEL weniger in der Mehrheitsgesellschaft angekommen. Wer halt nicht wählt, muss sich dafür nicht rechtfertigen, und es steht uns nicht zu, dafür über sie zu urteilen, und die Entscheidung, nicht zu wählen, kann völlig okay sein, find ich.
  5. Durch die Wahl validiere ich ein kleines bisschen sowieso schon das System. Das ist Mist. Und es wird schlimmer durch all diese Aufrufe, die jetzt gerade zum Beispiel die EU sonstwie hochjubeln und betonen, wie toll das ist, dass wir in diesem weltoffenen, freien Europa mit viel sozialer Sicherheit und Dings leben könne, und dass wir durch die Wahl dafür sorgen sollen, dass es so bleibt. Hier wie oben: Wer das sagt, mag bitte erst mal nachgucken, was Frontex ist, wie die europäische Flüchtlingspolitik aussieht, und wie die EU Rassismus und überhaupt so ziemlich alle ismen perpetuiert und fördert und überhaupt in vieler Hinsicht ein widerliches Monstrum ist, und dann vielleicht wiederkommen und auf einer vernünftigen Ebene drüber diskutieren, ob wir an einer Wahl teilnehmen sollten, oder vielleicht doch lieber den ganzen Mist einfach anzünden ja ich bin ein bisschen sauer warum?
  6. Bestimmt fallen mir noch ganz viele gute Gründe ein, wenn ich noch weiter drüber nachdenken würde, aber ich kann ja schlecht so tun, als würde ich aus voll rationalen Gründen im Sinne einer optimalen Kosten-Nutzen-Abwägung meines Zeitmanagements nicht wählen gehen und dann Stunden für so einen honkigen Blogpost raushauen, den eh niemand liest, deshalb ist hier jetzt Feierabend, und ihr könnt ja in den Kommentaren noch ganz viele weitere Argumente aufzählen, warum ich Recht habe, dafür ist die Kommentarspalte ja schließlich da. Schönen Sonntag, und danke für eure Unterstützung, ich weiß das echt zu schätzen!
  7. Ach so, Nachtrag, jetzt ist mir doch noch was eingefallen: Besonders gerne mag ich natürlich die Variante „Leute, geht wählen, egal was!“, manchmal sogar noch mit dem ausdrücklichen Zusatz „Auch wenns die AfD ist!“, und … Also erstens natürlich die allgemein damit verbreitete Wurstigkeit, die Implikation „Wenn du wählst, reicht das, damit hast du was für die Gesellschaft getan, mir doch egal, wen du damit untersützt, mach dir darum keine Gedanken, du hast keinerlei Verantwortung für irgendwas, solange du die formalen Anforderungen erfüllst, indem du die kleinen Kreise bemalst!“, und natürlich konkret, weil NEIN, wenns die AfD ist, geh bitte nicht wählen, dann bleib zu Hause und mach dir eine schöne große Tasse Zyankali warm.

Populisten! Populisten überall!

19. Mai 2014

Kathrin Haimerl hat sich für die SZ auf eine Spurensuche begeben, weil sie denkt, dass wir uns doch alle bestimmt dauernd fragen, wo eigentlich diese komischen Euroskeptiker alle herkommen, und dabei hat sie etwas ganz und gar Verblüffendes festgestellt: Es gibt unter deren Anhängern solche, die gar nicht richtig artikulieren können, was eigentlich ihr Problem ist, wenn man ihnen ein Mikrofon ins Gesicht hält!

Deren Anhänger sollten wissen, was Euroskepsis heißt. Oder? Nachgefragt bei den Rentnerinnen. „Was mir nicht gefällt – hier weiß keiner, was gespielt wird. Mein Geld ist kaputt. Und was die da, was die immer so erzählen …“ Wer sind die? „Na, die halt. Die Merkel und so.“ Die Dame, grüner Lodenmantel, schwarzer Hut, zieht empört davon. Die andere sagt: „Ich sehe nicht ein, dass die Deutschen so lange zahlen müssen, bis zum Ende … ein Rettungsschirm nach dem anderen …“ Musste sie persönlich schon mal was bezahlen? „Ich habe für zwei Mark einen Euro Rente bekommen. So sieht’s aus.“

Ja. Und das finde ich schon ein bisschen unanständig. Jetzt nicht, weil ich besondere Sympathien für die AfD hätte, oder für Rentnerinnen, oder für Leute, die politische Veranstaltungen besuchen, oder sich als Anhänger irgendeiner Partei … also, ihr wisst schon. Sondern weil Frau Haimerl diese Zitate bringt, um gezielt die AfD und ihre Anhänger als Populisten und deren Opfer darzustellen, zum Beispiel erkennbar an der darauf folgenden Bildunterschrift:

Populismus in Europa Das sind die Europaskeptiker

Dieses Ansinnen ist in meinen Augen so lächerlich, dass ich kaum weiß, wie ich es erläutern soll. Vielleicht so: Wir wissen doch sicher alle ungefähr, was ich herausfände, wenn ich eine Wahlkampfveranstaltung von SPD, CDU, Grünen oder Linken besuchte, mir dort Renterinnen herauspickte und sie fragte, warum sie die EU total super finden, und was sie ihnen persönlich gebracht hat, oder? Genau. Die würden natürlich alle sofort druckreif und sachlich einwandfrei nicht nur die Funktionsweise der EU und ihrer Organe erklären, sondern auch auf Euro und Cent beziffern können, was das ganze Projekt der Bundesrepublik allgemein und ihnen im Speziellen bringt. Meint ihr auch, oder?

Und das ist, jetzt wieder im Ernst, das Problem. Frau Haimerl impliziert, es gäbe auf der einen Seite die populistische AfD, die ihre Anhänger blendet, statt sie zu informieren, weshalb die alle in Wahrheit keine Ahnung haben, warum sie eigentlich gegen die EU sind, sondern nur dumpfes Ressentiment, und auf der anderen Seite die anderen Parteien, die für die EU sind, und keine Populisten, und deren Anhänger wohlinformiert die Wahrheit erkennen und deshalb die EU für die wunderbare Sache halten, die sie so offenkundig ist.

Damit verschleiert sie das eigentliche Problem, nämlich, dass die Anhänger aller Parteien die EU nicht verstehen, und dass niemand, einschließlich der informationsmächtigen SZ, eigentlich genau sagen kann, was sie bringt und was sie kostet, und dass so ziemlich alle ihre Position nur zufällig innehaben, weil irgendjemand ihnen mal gesagt hat, so sei das eben.

Und sogar wenn man sich, wie offenbar Frau Haimerl für die SZ, zutraut zu wissen, dass die eine Gruppe eben zufällig recht hat, und die andere nicht, dann stünde es einem als Organ der vierten Gewalt ganz gut an, das mit Argumenten und Tatsachen zu belegen, statt mit impliziten Unterstellungen, die auf beide Seiten gleichermaßen zutreffen, was man aber verschleiert, indem man sie nur gegen die eine erhebt und so tut, als sei die andere damit schon mal im Vorsprung. Man könnte ja schließlich als ein solches Organ seine Aufgabe darin sehen, seine Zielgruppe zu informieren und einen konstruktiven Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung zu leisten.

Oder was meint ihr?