Niemand hat die Absicht, einen Vergleich zu errichten.

29. April 2017

Ich war seit Jahren nicht mehr bei MediaMarkt. Deshalb müsstet ihr mir sagen, ob auf den Geräten dort immer noch diese blödsinnigen Beschriftungen kleben, die ein bisschen so aussehen, als würden sie informieren wollen und uns ermöglichen, die vielen verschiedenen Produkte miteinander zu vergleichen, die aber in Wahrheit genau dies nicht tun. Auf dem einen Kühlschrank steht „Fassungsvermögen 230 Liter, Türöffnungsalarm, Stromverbrauch maximal 120 Watt“, auf dem anderen steht „Stromverbrauch pro Jahr 164kWh, 28 Liter Gefrierfach, Biofresh-Zone“, und auf dem dritten meinetwegen noch „Luftschallemission maximal 40dB, freistehend, 37kg Gewicht“.

Ich fand das immer doppelt ärgerlich, weil es erstens rein sachlich so doof ist, und zweitens weil ich auch den Verdacht habe, dass es nicht nur der Unfähigkeit der verantwortlichen Personen geschuldet ist, sondern dass ich in irgendeiner Weise auch verschaukelt werde. Mag sein, dass ich der MediaMarkt-Führung da zu viel zutraue, aber so wars jedenfalls immer.

Daran musste ich gerade denken, als ich James Kirchiks Text über Donald Trump auf faz.net las. „Der Gelegenheitsfaschist“ heißt das gute Stück, und es enthält neben viel anderem Schmarrn und einigen sicherlich zutreffenden Beobachtungen den folgenden eigenartigen Absatz:

Natürlich will ich Eisenhower und Trump nicht miteinander vergleichen.

Und ihr könnt euch sicher vorstellen, was Herr Kirchik unmittelbar danach, also wirklich direkt, ohne was dazwischen, schreibt:

Eisenhower half, die westliche Zivilisation vor der Barbarei zu retten, und war Präsident einer erstklassigen Bildungseinrichtung (der Columbia University), bevor er zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, während Trump nur ein ordinärer Egomane ist, der sich einst vor dem Militärdienst drückte.

Und ich verstehe natürlich, wie er das meint, deswegen will es auch natürlich nicht weiter kommentieren. Es ist halt extrem albern, erst ausdrücklich zu schreiben, dass man etwas nicht tun will, und dann direkt im Anschluss doch genau das zu tun. Aber es kann auch großen Geistern mal passieren, hab ich gehört.

Was mich eigentlich stört, ist der Inhalt des Vergleichs, denn er ist völlig unsachlich und unfair.

Eisenhower hält er zugute, dass er Präsident einer Universität war (Ein guter? Ein schlechter? Wer weiß. Egal. Wir wollen ja eh nichts vergleichen.), während der Umstand, dass Trump ein großes privates Unternehmen geführt hat, völlig unter den Tisch fallen darf. Warum? Trump ist „nur ein ordinärer Egomane“. Hätte Herr Kirchik mehr Respekt für einen extraordinären Egomanen? Ist er qualifiziert, krankhafte Persönlichkeitsstörungen fernzudiagnostizieren?

Eisenhower „half, die westliche Zivilisation vor der Barbarei zu retten“. Hätten wirs noch ein bisschen großspuriger gehabt? Er war halt Soldat, und zu Endes des zweiten Weltkrieges General of the Army. Das kann man durchaus ambivalent bewerten, und es ist ja nun nicht so, dass es uns in dieser Welt an schwachsinniger Heldenverehrung für Leute mangelt, die die Tötung anderer Leute in mehr oder weniger großem Stil durchführen und oder organisieren, deswegen muss ich zwar zugeben, dass der Vergleich zu Trump, der „sich vor dem Militärdienst drückte“, zwar inhaltlich immerhin ein bisschen mehr Sinn ergibt als der andere, darf aber erklären, warum ich ihn trotzdem ganz und gar nicht in Ordnung finde: Erstens scheint das mit dem „drücken“ nicht ganz klar zu sein. Er wurde, wie ich das verstehe, wegen eines Fersensporns ausgemustert, auch wenn die Geschichte Trump-typisch ein bisschen … schwer zu konkretisieren scheint. Aber zweitens, jetzt mal ehrlich, wollen wir wirklich in eine Gesellschaft, in der wir den charakterlichen Wert von Leuten davon abhängig machen, dass sie mal für Geld auf andere geschossen haben?

Es gäbe doch so vieles, was man an Trumps Charakter bemängeln kann. Vieles davon zählt Herr Kirchik doch sogar auf. Warum muss dann da dieser unfaire Quatsch stehen, der nicht nur keinen Sinn ergibt, sondern auch ganz klar ein Menschen- und Gesellschaftsbild verrät, das aus meiner Warte gar nicht so viel weniger bekloppt und „ordinär“ sein dürfte als das, worüber er sich erheben will. Und falls ihr euch jetzt fragt: Soweit ich das erkennen kann, hat Herr Kirchik auch nie eine Uniform getragen, oder überhaupt irgendwas anderes gemacht als für Geld zu schreiben. Aber dafür kämpft er ja jetzt in der FAZ für die westliche Zivilisation gegen die Barbarei. Macht ihn das nun besser als einen durchschnittlichen Universitätspräsidenten, oder schlechter, und welche Rolle spielt das alles überhaupt?

Weiß ich auch nicht. Müsstet ihr James Kirchik fragen. Und falls ihr eine Idee habt: Ihr wisst ja, wo die hingehört.


Thomas Mayer kriegt kein Hoch

10. April 2017

obwohl der Titel seiner … ist Kolumne das richtige Wort? … was anderes nahelegt:

Ein Hoch dem Liberalismus

titelt er, und im Teaser wird er sogar noch euphorischer:

Es gibt keine bessere Gesellschaftsordnung als den liberalen Rechtsstaat.

Wer so große Thesen in den Raum stellt, hat sicher auch große Argumente, denkt ihr jetzt, falls ihr Thomas Mayer noch nicht so gut kennt, denn schließlich findet ihr wie er selbst auch:

Das ist starker Tobak und bedarf der Begründung und empirischen Überprüfung.

Also, zumindest so grundsätzlich. Um die These wirklich zu begründen und empirisch zu überprüfen, fehlt in Herrn Mayers Kolumne dann doch die Zeit, oder der Platz, oder der Ehrgeiz, keine Ahnung. Stattdessen muss wie so oft die nächst beste Alternative zu einer Begründung herhalten: Die blanke Behauptung.

Unter all den konkurrierenden Gesellschaftsmodellen hat sich der liberale Rechtsstaat als das erfolgreichste Modell erwiesen.

Und es kommt sogar noch besser. Herr Mayer belässt es nicht bei dieser Behauptung, von der man ja immerhin noch annehmen könnte, er habe hierfür einen wahrhaft wunderbaren Beweis entdeckt, nur dass diese Kolumne hier zu schmal war, um ihn zu fassen. Er widerlegt sie uns, gleich im übernächsten Satz:

Da der liberale Rechtsstaat selbst keine eigenen Zwecke verfolgt oder Glücksvorstellungen hat, kann es in ihm nur Nothilfe für die Armen, aber niemals die Verwirklichung eines Konzepts der „sozialen Gerechtigkeit“ geben.

Wer diese kurze Beschreibung liest, kommt schon ohne großes Nachdenken nicht um die Erkenntnis herum, dass es diesen liberalen Rechtsstaat, den Thomas Mayer meint, nie gegeben hat. Dass er sich in irgendeiner Weise unter allen Gesellschaftsmodellen als der erfolgreichste erwiesen hat, können wir also getrost unter unmöglich abheften. Man muss sich schon entscheiden, ob man empirisch argumentieren oder ein abstraktes Ideal verkaufen will, das noch nie umgesetzt wurde.

Nun wäre Thomas Mayer aber nicht Thomas Mayer, wenn er sich damit zufrieden geben würde, die Intelligenz seiner Lesenden nur einmal pro Kolumne hart zu beleidigen.

Das Verlangen nach „sozialer Gerechtigkeit“ kommt aus der vorliberalen, hierarchisch organisierten Stammesgesellschaft.

schreibt er nun als nächstes, und, och, das ist mir eigentlich zu blöd, um mich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, deshalb sprechen wir lieber mal kurz über den nächsten Fehler, weil der in liberalen und libertären und anarchischen und sogar linken Kreisen sehr beliebt ist und meines Erachtens zu vielen großen Irrtümern und Missverständnissen unserer Zeit führt:

Ein Staat kann „soziale Gerechtigkeit“ nur dadurch herstellen, dass er die Freiheit seiner Staatsangehörigen einschränkt, wie dies in den Stammesgesellschaften der Fall war. Dies beginnt mit der Einschränkung der Eigentumsrechte

Die Stammesgesellschaften sind ja dafür bekannt, dass in ihnen durch progressive Steuersysteme, Mindestlohnvorgaben und Sonderrechte für Gewerkschaften und sonstige Arbeitnehmervertreter die Freiheit ihrer Mitglieder im Dienste der sogenannten sozialen Gerechtigkeit eingeschränkt wurde, ne? Aber das meine ich nicht mal, ich meine was anderes: Die ganz unauffällig selbstverständliche Einordnung von Eigentumsrechten in die Freiheit. Die nehmen wir gerne vor, weil Eigentum uns ja auch tatsächlich in unserem Alltag sehr selbstverständlich und naheliegend vorkommt. Dabei ist es das gar nicht, zumindest nicht so, wie wir es haben. Denn Eigentum ist ja erst mal ein Recht, das die Freiheit auch einschränkt, indem es einzelnen Personen zugesteht, andere von der Nutzung bestimmter Sachen auszuschließen. Das mag beim Körper der betroffenen Person noch konsensfähig sein, aber je weiter es sich davon entfernt, desto schwieriger wirds, denn dass eine Person Eigentum an einem Stück Land erwerben, dieses dann exklusiv nutzen und andere gewaltsam davon verjagen und auch sonst nach eigenem Ermessen damit verfahren kann, ist weder selbstverständlich, noch trägt es unbedingt zur Freiheit einer Gesellschaft bei. Zumindest müsste man über die genaue Ausgestaltung diskutieren. Etwas knapper formuliert: Eigentumsrechte muss eine Gesellschaft erst einmal gewähren, bevor sie sie einschränken kann, die kommen nicht einfach von selbst. Statt Einschränkung wäre hier deshalb der Begriff Gestaltung sinnvoller, find ich, und dann wird die Diskussion schon komplex, was wahrscheinlich der Grund ist, warum Herr Mayer das nicht so gemacht hat. Und so geht es weiter:

Keine andere Gesellschaftsform hat es bisher vermocht, ihren Mitgliedern ein vergleichbares Maß an individuellen Entfaltungsmöglichkeiten und wirtschaftlichem Wohlstand zu verschaffen [wie der liberale Rechtsstaat]. Dagegen sind alle Versuche, „soziale Gerechtigkeit“ in sozialistischen oder kommunistischen Staaten herzustellen, auf zum Teil furchtbare Weise gescheitert.

Das ist Quatsch. Wir können uns sicher darauf einigen, dass wir uns in der Betrachtung der Einfachheit halber auf die Staaten mit dem höchsten wirtschaftlichen Wohlstand konzentrieren können, denn wenn wir einen idealen liberalen Rechtsstaat etwa in Tuvalu vorfänden, wäre zwar meine These widerlegt, dass es den nicht gibt, aber Herr Mayers Idee, dass der maximalen Wohlstand garantiert, hätte dadurch auch nichts gewonnen. Blieben also so Länder wie die USA, Kanada, Japan, Deutschland, und so. Und in jedem dieser Staaten haben die Regierungen doch nun mal offenkundig eigene Zwecke und Glücksvorstellungen, die sie durch ihre Politik befördern wollen, und keiner dieser Staaten beschränkt sich in seiner Politik auf reine Nothilfe.

Und dass das kommunistische Russland eine brutale Gewaltherrschaft war, ist schon irgendwie richtig, aber dass das maßgeblich an dem Versuch lag, soziale Gerechtigkeit herzustellen, kann man je nach Neigung mindestens für petitio principii halten, in meinen Augen wäre auch „offenkundiger Unsinn“noch gut vertretbar.

Und falls ihr jetzt denkt: „Moment mal, Muriel, was machst du denn da? Sind schon wieder Gegenteilwochen? Du bist doch eigentlich immer für den liberalen Rechtsstaat, oder so, und gegen Sozialismus und soziale Gerechtigkeit? Was ist denn los mit dir?“ dann seid ihr wohl noch nicht so lange hier. Denn das stimmt zwar, aber gerade deshalb finde ich es ja wichtig, dass mit guten Argumenten und Überzeugungskraft dafür geworben wird, und nicht mit so einem gequirlten Quatsch, wie Herr Mayer ihn auf faz.net veröffentlichen darf.


Lehrers Kind und Müllers Prinzipien

31. März 2017

Deutschland kann nicht für alle und alles offen sein.

schreibt Reinhard Müller. Für ihn gibt es Grenzen, die niemals überschritten werden, und die kann er auch ganz klar formulieren:

Archaische, frauen- und kinderfeindliche Praktiken haben hier keinen Platz.

Er führt das natürlich noch weiter aus:

Die Vorstellung, über Körper und Schicksal von Kindern könne aufgrund von Religion oder Tradition beliebig verfügt werden, mag weit verbreitet sein. Sie spricht aber jedem Rechtsstaat hohn.

Verständlich, dass er das so sieht. Schließlich hat er Rechtswissenschaften studiert. Und er steht zu seinen Prinzipien, zu denen gehört, dass ein Staat seine öffentliche Ordnung und die für ihn geltenden Werte konsequent durchzusetzen hat, denn

Die Verachtung, die dem Westen entgegenschlägt, hat schließlich ihre Gründe. Einer lautet: Relativismus und Selbstaufgabe.

Er erkennt zwar an:

Elternrecht und Religionsfreiheit gehören auch zu diesen wichtigen Grundrechten –

gibt aber zu bedenken:

sie müssen im Zweifelsfall abgewogen werden mit den unveräußerlichen Rechten des Kindes.

Und wenn man so eine achtbare, zwar konservative, aber doch letzten Endes anerkennenswert humanistisch rechtsstaatliche Einstellung hat, dann folgt daraus natürlich ganz zwanglos:

Die körperliche Unversehrtheit des einzelnen Kindes muss hinter der Unantastbarkeit der deutsch-jüdischen Symbiose zurückstehen.

Und da muss man doch einfach sagen, das ist eine Stärke der Konservativen, die man auch bewundern kann, wenn man keiner von ihnen ist: Sie stehen halt wie ein moralisch gefestigter Fels in der Brandung des zeitgeistigen Relativismus‘. Und davon sollten wir uns alle mal eine Scheibe abschneiden.


Lange keine Nazis mehr in Schutz genommen

30. März 2017

Also wirds mal wieder Zeit. Ans Werk:

„Die AfD bereitet uns wirklich Sorgen“

darf der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, der FAZ erzählen, und ich dachte schon, na fein, da habe ich doch mal einen Punkt, in dem ich mit dem Zentralrat mal komplett übereinstimmen darf.

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Eine einfache Kosten-Nutzen-Abwägung

24. Dezember 2016

[Eine leider notwendige Vorbemerkung: (Nein, wirklich. Niemand bedauert das mehr als ich:) Einige von euch haben heute Nachmittag bereits eine … nicht veröffentlichungsreife Version dieses Beitrags gesehen, weil der dumme Muriel in der dummen WordPress-App den dummen falschen Button gedrückt hat. Bitte vergesst alles und tut so, als wäre das nie passiert, okay? Ich mach das auch so.]

Es ist gut, an Gott zu glauben

darf Thomas Mayer für seine Kategorie Mayers Weltwirtschaft in die FAZ schreiben und verrät uns:

Der christliche Glaube zahlt sich aus. Das zeigt eine einfache Kosten-Nutzen-Abwägung.

Ich konnte es erst selbst nicht fassen und rechnete die ganze Zeit noch mit, weiß nicht, einer überraschenden Wendung oder so, aber die kam nicht: Die FAZ hat Pascals Wette entdeckt. Donnerwetter.

Und weil ich mir für mich keinen schöneren Weihnachtsbeitrag vorstellen kann, als kleinliches Genörgel an einem gut gemeinten kleinen Post zum allgemeinen Wohlergehen, und weil nach all dem schweren politischen Diskurs eventuell ein bisschen leichte Unterhaltung ganz gut tut, will ich mit euch einmal kurz Herr Mayers Ausführungen durchgehen, wenn ihr mögt.

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Berthold Kohler hat es nicht verstanden

20. August 2016

und ich hatte ja gesagt, wir machen das dann so lange noch weiter. Und Jungejunge, es kommt mir prinzipiell auch wirklich nötig vor. Was zurzeit an Meinung für veröffentlichungstauglich gehalten wird, gruselt mich, und ich muss mich bewusst dran erinnern, dass das nicht zwingend ein Trend sein muss, und dass schon immer viel Quatsch durch die öffentliche Debatte kroch, aber ein bisschen besorgt darf man doch wohl sein, wenn Leute sich nicht schämen, so was zu schreiben, und die faz sich nicht schämt, sowas zu drucken:

Gerade wegen der Symbolträchtigkeit der Burka muss der Staat gegen sie vorgehen, bis an die Grenzen des vom Grundgesetz Erlaubten.

Schon diese Formulierung lässt nichts Gutes über die Gesinnung des Verfassers ahnen. Wir hören und lesen die in verschiedenen Varianten zurzeit oft, wenn Herr de Maiziére zum Beispiel meint, ein komplettes Verhüllungsverbot sei nicht ratsam, weil das BVerfG es nicht akzeptieren würde.

Was ich damit meine? Naja. Innenminister und Bundestagsabgeordnete sind Leute, die in diesem Land dafür da sind, Gesetze zu machen und auszuführen und ihre Einhaltung zu überwachen und die letzten Endes die ganze Staatsmacht in der Hand halten. Und Berthold Kohler ist immerhin ein Herausgeber einer der größten und national wie international angesehensten deutschen Tageszeitungen. Wenn solche Leute so klar zu erkennen geben, dass sie Grundrechte nicht ihrem Wesensgehalt nach verstehen und akzeptieren, sondern nur als lästige Einschränkungen ihres Handlungsspielraums verstehen, die man so weit wie irgend möglich ausschöpfen und umgehen sollte, dann ist das ein Problem, oder findet ihr nicht?

Und auch ein Problem sind natürlich die abenteuerlich irrationalen Verrenkungen, die die Befürworter eines Verschleierungsverbotes in ihrer Argumentation anstellen. Ich muss zwar zugeben, dass ich mir gar nicht sicher bin, ob ich es nicht vielleicht doch ein bisschen vorziehe, dass sie es noch für nötig halten, ihren xenophoben Mist zumindest noch ein bisschen schamhaft zu, hihi, verhüllen und hinter albernen Scheingründen zu verstecken, aber peinlich ist es andererseits doch.

Die Erregung über den Schleier selbst wird verstärkt durch eine abermals als Zurückweichen wahrgenommene Reaktion in der Politik, die sich häufig so präsentiert: Persönlich bin ich natürlich gegen die Ganzkörperverhüllung – aber machen kann man dagegen nichts.

Noch so ein Zeichen einer besorgniserregenden Geisteshaltung: Man kann nichts dagegen machen, wenn man es nicht verbieten kann. Das sind die zwei Alternativen, die Herr Kohler kennt: Entweder, man kann Leute bestrafen, wenn sie eine Sache tun, die einem nicht gefällt, oder man kann nichts dagegen machen. Dazwischen gibts nichts.

Und wenn nationalistische Populisten versuchen, ihre Anhänger davon zu überzeugen, dass die Stärke einer Gesellschaft sich darin zeigt, dass sie allen, die sich nicht an ihre Gepflogenheiten halten, auch mal richtig einen in die Fresse gibt, dann ist die Antwort der faz nicht etwa, zu erklären, was der Sinn hinter Freiheitsgrundrechten ist und dass die AfD und Pegida und all ihre großen und kleinen Freunde lügen und Panik verbreiten und Hysterie zu sähen versuchen, wo wir Besonnenheit und Vernunft bräuchten, sondern dann ist die Antwort die Forderung nach einem Exempel. Man könnte enttäuscht sein, wenn man Erwartungen gehabt hätte.

Die Burka wird damit zum neuen Symbol für einen schon an seinen Grenzen allzu offenen und machtlos erscheinenden Staat, dessen Repräsentanten den Bürgern predigen, der Einzug von Migranten (mit mitunter befremdlichen Sitten) müsse in einer liberalen Gesellschaft eben hingenommen werden als der Preis der ansonsten segensreichen Globalisierung.

Bevor ihr fragt oder am Ende noch den Link klicken müsst: Nein, das ist alles noch Herr Kohlers Text in der faz. Ich bin nicht versehentlich in den Tab mit der Pegida-Page gerutscht. Das ist die Perspektive eines der Herausgeber der faz. Dass Nichtdeutsche dieses Land betreten und sich hier anders verhalten als die Ureinwohner, ist der „Preis“ der Globalisierung; ist also ein reiner Nachteil, ein Schaden für dieses Land. Ja, ich weiß, er verkauft das nicht als eigene Meinung, sondern als was die Repräsentanten des Staates den Bürgern „predigen“, aber ich muss ja nicht jeden noch so platten Kniff mitmachen, mit dem Leute ihre xenophobe und rassistische Haltung zu externalisieren versuchen.

Doch immer weniger Deutsche sind bereit, diese Behauptung zu akzeptieren.

Und ich würde mich zu ihnen zählen. Aber so meint er das natürlich nicht.

Wenn, was alle beteuern, Integration das Gebot des Jahrhunderts zur Bewältigung der größten Herausforderung seit der Wiedervereinigung ist, die Vollverschleierung aber hinderlich für die Integration (Merkel), dann muss der Staat gerade bei einem symbolträchtigen Thema wie der Burka bis an die Grenzen dessen gehen, was das Grundgesetz erlaubt.

Genau. Weil der Staat natürlich bei allem, was hinderlich für die Integration ist, bis an die Grenzen gehen muss, zumindest, nachdem Leute wie Herr Kohler und die AfD und die CDU/CSU es mühsam zu „einem symbolträchtigen Thema“ hochgeschrieben haben. Und wo liegen diese Grenzen? fragt ihr euch jetzt vielleicht. Keine Angst, Herr Kohler hat eine Antwort, auch wenn er sie, wer weiß warum, nicht ganz direkt aussprechen mag:

„Eine Funktion“ hat das Zeigen des Gesichts in westlichen Gesellschaften freilich nicht nur vor Gericht, in der Schule und in der Radarfalle. In Frankreich gilt daher ein allgemeines Verschleierungsverbot.

Welche Funktion das ist, und ob alles, was eine Funktion hat, auch gleich unter Strafe erzwungen werden muss, verrät er uns nicht. Dafür hat er aber zum Schluss noch eine andere voll gute Idee, die er mit uns teilen wollte, denn mal ehrlich, was ist schon ein Verschleierungsverbot bei einem so symbolträchtigen Thema? Mit Spatzen auf Kanonen geschossen wäre das. Herr Kohler hat größere Geschütze im Angebot:

Doch kann man mit Bußgeldern der Burka Herr werden? Ganz sicher vor ihr und der Geisteshaltung, für die sie steht, ist man nur, wenn man sie nicht ins Land lässt.

Dazu fällt mir nichts mehr ein, womit ich mir nicht selbst ein Bußgeld einhandeln könnte. Deshalb möchte ich schweigen.

Und ihr so?


Zwei Beiträge zum Preis von einem oder das kleinste Restebloggen der Welt, oder wie ihr halt gerne wollt.

8. August 2016
  1. Football

Donald Trump sagt ja nun eine Menge schlechtes Zeug. Gerade deshalb sind die verzweifelten Versuche der Medien, ihn um jeden Preis schlecht dastehen zu lassen, manchmal ein bisschen beschämend mitanzusehen. Irgendwer hat kürzlich auf Twitter sehr treffend gesagt, dass unser ganzes System des politischen Diskurses nur auf Skandale und Lapsus ausgerichtet ist, statt auf Inhalte, aber ich finde den Tweet nicht wieder, weil Twitter halt. Aber darum soll es hier sowieso eigentlich gar nicht gehen, sondern um einen anderen Aspekt der ganzen Sache, den ich schon lange faszinierend finde, aber diesmal ganz besonders.

In den Wahlkämpfen um die US-amerikanische Präsidentschaft geht es ja des Öfteren mal explizit darum, wer wohl das Format hat, mit der enormen Verantwortung umzugehen, über den Einsatz nuklearer Waffen entscheiden zu dürfen. Der berühmte Anruf mitten in der Nacht, ihr kennt das. Diesmal war es Hilary Clinton, die meinte, damit etwas erreichen zu können:

„Stellt ihn euch im Oval Office vor, konfrontiert mit einer echten Krise“, rief Hillary Clinton vorige Woche bei ihrer Parteitagsrede. „Wir können einem Mann, den man mit einem Tweet provozieren kann, nicht unsere Nuklearwaffen anvertrauen.“

Sie hat damit unzweifelhaft recht. Aber andererseits hat sie nur einen Ausschnitt davon, denn ganz umfassend richtig müsste man doch unzweifelhaft sagen: Wir können überhaupt keiner einzelnen Person eine solche Entscheidungsbefugnis anvertrauen. Der Spiegel schildert in dem zitierten Artikel den Ablauf so:

Man kann sich das etwa so vorstellen: Der Präsident erfährt von einem Angriff […]In einem solchen Fall bleiben ihm für einen präventiven Gegenschlag mit einem oder mehreren der 925 nuklearen Sprengköpfe der USA höchstenfalls zwölf Minuten: So lange würden z.B. russische U-Boot-Atomwaffen brauchen, um amerikanisches Festland zu erreichen, heißt es. Aus Zeitgründen wurde die Entscheidungskette also dramatisch verkürzt: Der US-Kongress, der eine Kriegserklärung sonst absegnen muss, wird nicht mehr eingeschaltet.Der Präsident wird sofort mit dem Generalstab verbunden, der seine Befehle weitergibt an die Einsatzkräfte. Er berät sich mit den Militärs, allen voran dem Verteidigungsminister, doch alle sind ihm unterstellt: „Sobald der Präsident einen Angriff befohlen hat, gibt es kein Veto mehr“, sagte der Nuklearexperte Franklin Miller, der 31 Jahre lang für die US-Regierung gearbeitet hat, der „New York Times“. „Nur der Präsident hat die Autorität.“

Und eine kurze oberflächliche Recherche vermittelt mir den Eindruck, dass das ungefähr so stimmt. (Und, das tut hier nicht so viel zur Sache, aber findet noch jemand, dass „präventiver Gegenschlag“ ein merkwürdiges Konzept ist?)

Und jetzt mal ganz unabhängig davon, ob diese Person nun George Bush, Barack Obama, Hilary Clinton, Donald Trump oder Muriel Silberstreif heißt: Das ist doch eine evident unvernünftige Regelung. Das gehört doch dringend überarbeitet. Ich würde behaupten, dass es auch früher schon ein blödsinniges System war, als der Kalte Krieg noch der Kalte Krieg war, aber heute geht das doch nun wirklich eindeutig nicht so.

Menschen sind generell sehr fehleranfällig, und natürlich gibt es kein System, das uns zuverlässig davor schützt. Aber einer einzelnen Person, die wie wir alle jederzeit aus den verschiedensten Gründen zeitweise mal nicht in der Lage sein kann, klar zu denken, eine so gewaltige Verantwortung zuzutrauen, ist einfach schwachsinnig. Man kann sicherlich darauf hoffen, dass die ausführenden Personen von der Trägerin des Koffers über den Verteidigungsminister zu den Soldaten eventuell die Befehle eines erkennbar geistig beeinträchtigten Präsidenten verweigern würden, aber gerade wenn das unsere Hoffnung sein soll, wäre es doch fein, dafür ein System einzurichten, das diesen Leuten Richtlinien an die Hand gibt, oder Wasweißich, sowas wie einen Richtervorbehalt? Womöglich gibt es sogar eins, das aber auch irgendwie geheim ist, aber das ist dann ja aus offensichtlichen Gründen auch keine Antwort. Man müsste mehr über die (streng geheimen) Einzelheiten wissen, um einen sinnvollen konkreten Vorschlag zu machen, aber „Diese eine Person hat die Entscheidung in der Hand, ob die Welt untergeht, und niemand darf ihr da reinreden“ hielte ich nicht mal für eine gute Idee, wenn ich selbst diese Person wäre. Oder was meint ihr?

2. Homöopathie

Die FAZ hat sich mal wieder gedacht, dass Berichterstattung nicht ausgewogen sein kann, wenn man nicht beide Seiten gezeigt hat:

„Eine zusammenfassende Betrachtung klinischer Forschungsdaten belegt hinreichend einen therapeutischen Nutzen (effectiveness) der homöopathischen Behandlung. Die Ergebnisse zahlreicher placebokontrollierter Studien sowie Experimente aus der Grundlagenforschung sprechen darüber hinaus für eine spezifische Wirkung (efficacy) potenzierter Arzneimittel.“ Laut WissHom gebe es eine Vielzahl von positiven randomisierten klinischen Studien, die eine Überlegenheit der Homöopathie gegenüber Placebos zeigten, „auch wenn nur die methodisch hochwertigen placebokontrollierten Studien zur individualisierten Homöopathie herausgegriffen werden, zeigt sich ein positives Ergebnis“.

Und ich will sogleich zugeben, dass ich mich zeitlich damit überfordert fühle, im Einzelnen darzulegen, wo jeweils die Probleme dieser zahlreichen Studien im Einzelnen liegen und warum sie in ihrer Gesamtheit diesen Schluss nicht zulassen. Knapp zusammengefasst findet ihr dazu hier zum Beispiel ein bisschen was, und hier ein bisschen was mehr. Aber ich finde, es reicht schon, zu wissen, was Homöopathie ist. Und ich erlebe immer wieder erstaunlich oft Leute, die das nicht wissen. Die glauben, dass homöopathische Mittel sich dadurch auszeichnen, dass sie halt sanft sind, oder natürlich, oder sowas.

Homöopathie ist aber was Anderes. Sie basiert knapp zusammengefasst auf zwei Ideen:

a) Was bei Gesunden eine Krankheit auslöst, heilt ebendiese bei Kranken.

b) Je mehr ein Wirkstoff verdünnt wird, desto wirksamer wird er.

Und beide Prinzipien verstoßen gegen so ziemlich alles, was Medizin, Chemie und Physik über das Funktionieren unserer Welt wissen. Auch Homöopathen haben kein tragfähiges Modell zu bieten, das erklärt, wie das sein könnte. Sie glauben es einfach. Ohne guten Grund. Und wenn man sie fragt, dann antworten sie sowas wie Frau Bajic auf ihrer Homepage:

Man kann sich die Wirkung von homöopathischen Heilmitteln vorstellen, als käme der Person eine Nachricht zu, die sie befähigt ihre Selbstheilungskräfte optimal einzusetzen.

Und so funktioniert Wissenschaft nun mal nicht. Ich kann mir nicht einfach irgendeinen Kokolores frei ausdenken und dann fröhlich loslaufen und Experimente an kranken Menschen ausführen. Ich brauche zunächst mal eine Grundlage, eine Basis für die Annahme, dass da sowas wie eine medizinische Wirkung sein könnte. Solange das fehlt, sind Studien Zeitverschwendung. Trotzdem haben wir sie im Fall von Homöopathie in großer Zahl durchgeführt, und wenn man die Datenlage betrachtet, zeigt sie wenig überraschend keinen Beleg für eine über den Placebo-Effekt hinausgehende Wirkung. Wenn nun die FAZ trotzdem jemanden unkommentiert etwas anderes behaupten lässt, und zwar eine Person, auf deren Homepage wir den atemberaubend dreisten Hinweis finden:

Homöopathie hilft bei allen Krankheiten, die keiner chirurgischen oder intensivmedizinischen Behandlung bedürfen. Ein sorgfältig ausgewähltes homöopathisches Arzneimittel heilt schnell, sanft, sicher, nebenwirkungsfrei und dauerhaft auch schwere, akute und chronische Erkrankungen, wie Migräne, Neurodermitis, Asthma bronchiale, Colitis, Rheumatismus u.v.a., für die sonst nur Linderung, aber keine Heilung möglich ist. Dies gilt auch für akute Krankheiten bakterieller oder viraler Natur. Solange der Organismus zu einer Reaktion auf die Arznei fähig ist, kann ein homöopathisches Mittel heilen.

dann ist das in meinen Augen verantwortungslos, weil diese Sätze schon zeigen, dass Frau Bajic offenbar entweder nicht in der Lage oder nicht bereit ist, den Stand der Forschung in dieser Sache aufrichtig darzustellen. Sie ist damit eher keine geeignete Repräsentantin einer satisfaktionsfähigen Position in einer öffentlichen Debatte. Es gibt Fragen, bei denen nicht zwei Seiten mehr oder weniger gleichauf um die Wahrheit streiten, und wenn ein Medium dann aber suggeriert, es wäre doch so, dann täuscht es seine Kundinnen und Kunden. Ich stelle doch auch nicht gleichberechtigt einen Gastbeitrag von einem Staatsanwalt, der erklärt, dass Ladendiebstahl strafbar ist, neben den von einem Ladendieb, der erfreut berichtet, dass er jetzt schon fünfmal nicht erwischt wurde und die Praxis deshalb echt empfehlen kann. Oder wie seht ihr das?