Restebloggen (104)

22. August 2014

Jawoll. Völlig obsolete Links zu Themen, die ungefähr zur gleichen Zeit aktuell waren wie Windows XP? Bittesehr:

  1. Mag. theol. Michael Gurtner, der uns zuletzt im Kontext der Erbschuld begegnet ist, erklärt uns heute, wann der Mensch seine Seele erhält:
  2. Transparent auf einer Demonstration gegen rechte Studentenverbindungen: Werft die Purschen zu Poden!
  3. Felix Schwenzel schildert das kleine PR-Desaster der brandeins: Wenn wir also viele Männer im Magazin haben, dann ist das ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.
  4. +++Völkermod: Programmiererin löscht Turianer aus Mass Effect+++
  5. Heute ist Recotard-Tag bei überschaubare Relevanz, aber er hats eben auch verdient: Der Tag geht, der Moraltheologe kommt: Der katholische Moraltheologe und Mitbegründer der sogenannten „Spiritual Care“, Gerhard Höver, sagte dazu: „Sterbebegleitung ist Vertrauenssache.”
  6. Österreich ist ja, nach eigener Aussage, die Heimat großer Söhne – so groß, dass für große Töchter neben ihnen kaum noch Platz ist. Aber nicht nur das – es ist auch das Land der Berge, das Land am Strome, das Land der Äcker, das Land der Dome – und das Land der Hämmer. Und einen besonders großen Hammer haben 650 Expert/innen für die psycholinguistische Verarbeitung männlicher Pronomen und Personenbezeichnungen, äh, nein, für die, äh, nein, für die Struktur und Bedeutung der deutschen Gegenwartssprache – nein, ich fange noch mal an.
  7. Geschäftsidee: Kalorienreduzierte Song-of-Ice-and-Fire-Merchandising-Artikel unter dem Markennamen „Lord of Light“.

Auf des toten Mannes Kiste

5. April 2012

Und dann habe ich dank Felix Schwenzel ein Interview mit dem Piraten Christopher Lauer gelesen. Felix sieht die Gefahr, zum Lauer-Fan zu werden, und ich verstehe das einerseits, weil Lauer wirklich eminent sympathisch rüberkommt, und das ganze Interview sich so gefällig liest, dass man beinahe wieder anfangen möchte, n-tv zu mögen. Andererseits sehe ich die Gefahr bei mir selbst derzeit gar nicht. Das hat einerseits eher irrationale Gründe:

Der Zyniker in mir kauft Lauer sein unkonventionelles Gehabe nicht ab und stört sich daran, dass jemand permanent in der Öffentlichkeit auf unheimlich sympathische Weise verkündet, dass es in der Politik nicht darum gehen sollte, in der Öffentlichkeit sympathisch zu wirken, und dass eine Partei forwährend durch alle Kanäle in die Welt bläst, dass Parteien nicht permanent ihre leeren Worthülsen durch alle Kanäle in die Welt blasen sollten. Ich weiß wenig über die Piraten und irre mich deshalb vielleicht, aber es kommt mir so vor, als hätten die vor lauter Begeisterung darüber, wie unkonventionell, unideologisch und inhaltsorientiert sie doch sind, noch keine ausreichende Gelegenheit gefunden, irgendwelche inhaltlichen Positionen zu entwickeln. Solltet ihr das besser wissen, belehrt mich bitte.

Und dieses Problem führt uns nahtlos zu den eher rationalen Gründen:

Ich habe keine Ahnung, wofür die Piraten stehen, und die paar inhaltlichen Äußerungen, die ich von den immer immens sympathischen und liebenswert unkonventionellen Vertretern der Piraten höre, gefallen mir eigentlich nie. Nehmen wir mal die Selbstbeschreibung von Christopher Lauer aus dem Interview:

Ich sage seit der Bundestagswahl, dass es sich bei der Piratenpartei um eine sozialliberale Partei handelt. Sozial im Sinne von: Wir leben in einer Gesellschaft, wo wir uns umeinander kümmern müssen, sonst funktioniert es halt nicht. Und liberal im Sinne von: Wir brauchen eine Partei, die sich für Bürgerrechte einsetzt, die sich dafür einsetzt, dass wir in einer freiheitlichen Demokratie leben, in der der Staat eben nicht alle Bürger überwacht, sondern die von Vertrauen geprägt ist, Vertrauen des Staates in seine Bürger. Das ist ja schon mal ein klares Profil.

Zuallererst: Können wir uns darauf einigen, dass das überhaupt kein Profil ist, erst recht kein klares? (s. Punkt 1) Welche Partei würde denn wohl nicht zustimmen, wenn man sie fragt, ob die Menschen sich umeinander kümmern müssen und ob es besser wäre, wenn der Staat nicht alle seine Bürger überwachte?

Und zweitens: Natürlich gefällt mir erstens schon der Teil „sozial“ nicht. Das liegt nicht daran, dass wir uns nicht umeinander kümmern sollten, sondern dass ich mir ziemlich sicher bin, dass Lauer eigentlich meint: „[…] einer Gesellschaft, wo wir die Bürger zwingen müssen, dem Staat ihr Geld zu geben, damit er sich um sie kümmert“. Er hat das etwas freundlicher formuliert, aber so muss er es gemeint haben, denn sonst bräuchte er den Zusatz „sozial“ nicht, denn das Soziale wäre dann keine politische Frage, sondern eine private Entscheidung des einzelnen Bürgers.

Im zweiten Teil finde ich auch sein Verständnis von „liberal“ etwas abwegig. „liberal“ ist ein Staat, der „eben nicht alle Bürger überwacht“, sondern ihnen vertraut? Nein. Nennt mich einen Fundamentalisten, aber schon die bloße Forderung, dass der Staat „Vertrauen in seine Bürger“ haben soll, hat etwas Antiliberales.   Diese Formulierung impliziert nämlich, dass dieses Vertrauen erforderlich wäre, damit der Staat seine Bürger nicht überwacht, was Blödsinn ist, weil ein Staat seinen Bürgern von mir aus gerne misstrauen darf, das gibt ihm trotzdem nicht das Recht, sie alle permanent zu überwachen. Ein liberaler Staat braucht kein Vertrauen. Er tut, was er unbedingt muss, und alles andere lässt er bleiben. Vertrauen hat aus meiner Sicht in politischen Fragen nichts zu suchen.

Und schließlich kommt noch hinzu, dass mir persönlich nun ausgerechnet die Überwachung wirklich überhaupt gar nicht wichtig ist. Überwachung empfinde ich als den so ziemlich geringsten Eingriff in meine Freiheit, den der Staat sich herausnimmt. Ich wäre gerne bereit, permanent überwacht zu werden, wenn der Staat mich ansonsten in Ruhe ließe und nur da eingriffe, wo es erforderlich ist, um die Rechte seiner Bürger zu schützen. Noch besser wäre natürlich keins von beidem, aber wenn ich mich zwischen aktiver Gängelei und Überwachung entscheiden muss, dann nehme ich die Überwachung, ohne auch nur nachdenken zu müssen. (Ja, ich weiß natürlich, dass die Überwachungsgegner die Gefahr eben darin sehen, dass die Überwachung die Macht des Staates erweitert und letzten Endes in härtere Eingriffe in Grundrechte mündet, aber für mich sind das zwei verschiedene Fragen.)

Insofern geht es mir mit den Piraten so ähnlich wie mit Donuts. Ich stehe total auf diese kringelige Form und muss immer ganz glücklich grinsen, wenn ich so einen süßen Teigring sehe, mit Zuckerguss verziert, und vielleicht noch mit diesem putzigen bunten Krümeln obendrauf. Ich finde Donuts enorm sympathisch, und ich mag die Idee von Donuts. Ein Donut ist so ziemlich das netteste Gebäck, das ich mir vorstellen kann. Aber er schmeckt trotzdem nicht, enthält viel zu viel Fett und Zucker, und in seiner Mitte hat er ein großes Loch.