Robuste Befragungstechniken

12. Mai 2015

Zu der aktuellen Serie Marvel’s Daredevil gibt es eigentlich gar nicht so viel zu sagen. Sie wäre (im Gegensatz zu dem Film, an dem echt nichts zu retten ist, soweit ich mich erinnere) trotz des ziemlich stumpfen Plots sehr sehenswert, wenn sie es nicht geschafft hätte, sich ausgerechnet die uninteressanteste und unsympathischste fiktionale Figur seit Monsters zu ihrem Protagonisten zu erwählen. Was schade ist, weil die anderen Charaktere eigentlich ausnahmslos echt gelungen sind, und weil ich den Darsteller Charlie Cox eigentlich sehr mag und seine Rolle deshalb schon echt gerne gut gefunden hätte.

Wirklich. Die zwei korrupten Polizisten haben mehr Charakter als der Arsch mit der Maske, und wer einen wehrlos am Boden liegenden Gegner noch ins Gesicht tritt, nur weil der ihn (zurecht) als dumm bezeichnet hat, der sollte wenigstens sonst irgendwie lustig sein, aber Daredevil hat den Unterhaltungswert einer Tasse lauwarmen Kamillentees und das unerträglich überhebliche Sendungsbewusstsein eines ADAC-Vertreters, und ich glaube, ich würde Geld bezahlen, um zu sehen, was Ramsay Snow mit ihm machen würde, wenn er ihn an sein Folterkreuz bekäme, womit wir beim eigentlichen Thema dieses Posts wären.

Ich. Kann. Nicht. Begreifen, wie man im Jahr 2015 noch eine Serie für ein dankbares Publikum ausstrahlen kann, die auf derart plumpe, unreflektierte, selbstverständliche Weise im unangreifbaren Bewusstsein der eigenen moralischen Überlegenheit Folter verherrlicht.

Wirklich. Ich kanns nicht begreifen. Daredevil ist tagsüber einer dieser unerträglichen Anwälte, mit denen uns die Popkultur seit Jahrzehnten quält, wohl in deutlicher Überschätzung der Coolness, die Arroganz und der Bewunderungswürdigkeit, die Rechthaben verleiht, und nachts foltert er halt Leute so lange, bis sie auf seine Fragen die Antworten geben, die er gerne hören möchte. Und perpetuiert damit diese widerliche und nach meiner Wahrnehmung nach wie vor grassierende Überzeugung, dass Folter eigentlich ein total guter Weg ist, an Informationen zu kommen, nur halt leider ein bisschen anrüchig, weil irgendwie nicht offiziell erlaubt.

Und weil ich es ziemlich unerträglich finde, dass einem das in jeder Episode unwidersprochen so beigebracht wird, würde ich gerne im Dienste meines eigenen Seelenfriedens hier gerne einmal widersprechen: Folter ist Mist. Und Folter ist nicht nur Mist, weil wir es irgendwie unschön finden, unsere Beamten damit zu beauftragen, Leute zu quälen, oder weil wir uns als Gesellschaft im Rahmen der notwendigen Abwägung der beteiligten Interessen entschieden haben, den Verlust an Zivilisiertheit und die Gefahr für Unschuldige höher zu bewerten als den Gewinn an kostbaren Informationen, der durch Folter zu erwarten steht. Folter ist (unter anderem auch) deshalb Mist, weil sie nicht funktioniert. Ja gut, der Artikel hinter dem Link beweist das natürlich nicht abschließend, und es fehlt nun mal an methodisch sauber durchgeführten Studien zu der Frage, aber es reicht ja schon, um festzuhalten, dass wir keine vernünftige Rechtfertigung haben, Leute zu foltern. Ganz egal, ob schuldig oder unschuldig, und ganz egal, ob wir dabei eine Uniform tragen, oder eine alberne Maske.

Und wer so hartnäckig und nachhaltig einem großen Publikum gegenüber den Eindruck erweckt, das wäre anders, und Folter wäre was total Gutes, wenn man sie nur verantwortungsvoll einsetzt, weil man anders halt nicht an die Führungskräfte hinter den kriminellen Handlangern auf der Straße rankommt, der trägt in meinen Augen zu einer Haltung bei, die unsere Gesellschaft krank macht, und die man wohl ohne unnötiges Melodrama als eine der größeren Bedrohungen für eine halbwegs angenehme Zukunft sehen darf. Und wenn die Leute, die das trotzdem tun, nicht von selbst aufhören, dann ist es in meinen Augen unsere Verantwortung, drüber zu reden, ihr Verhalten zu kritisieren, und ihnen ihren folterverherrlichenden Mist nicht abzukaufen.

Oder was meint ihr?


Diese stechenden Schmerzen

23. Juli 2010

Ich hatte mal wieder einen meiner komischen Rechthabereianfälle, und weil er noch nicht ganz abgeklungen ist, will ich euch davon berichten.

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Drüben in der Oase der Vernunft berichtet derautor von dem Film „Unthinkable“.

In dem neuen Politthriller „Unthinkable“ mit Samuel L. Jackson und Carrie-Anne Moss geht es um das „Ticking Bomb Scenario“. Was, wenn ein Terrorist Atombomben in westlichen Großstädten deponiert, wir ihn gefangengenommen haben und nur über ihn herausfinden können, wo die Bomben versteckt sind? Wie weit dürfen wir gehen, um an diese Information heranzukommen?

Es geht um die Frage, ob es in einer solchen Situation in Ordnung ist, den Täter zu foltern, oder seine Frau, oder seine Kinder. Ein vergleichbares Szenario wird ab und zu auch mal in den Kommentarspalten von Tageszeitungen ausgepackt, und oft -wie auch drüben beim Feuerbringer- lautet das Ergebnis: Ja, zur Not müssen wir eben foltern, denn die vielen Millionen Menschenleben sind wichtiger als unsere hehren Prinzipien.

Und wisst ihr, was mich dabei immer wieder maßlos ärgert? Genau das Gleiche wie drüben bei der ganzen Diskussion: Es wird einfach vorausgesetzt, dass Folter prima funktioniert und nur deshalb verboten ist, weil wir moralisch ein Problem damit haben. Befürworter – und oft genug auch Gegner – gehen einfach fröhlich davon aus, dass man mit Folter an die benötigten Informationen herankäme, auch wenn alle anderen Verhörtechniken versagen. Und niemand hält es für nötig, auch nur einen einzigen Beleg dafür anzubieten.

Ich weiß nicht, ob (und wenn, in welchen Situationen) Folter eine wirkungsvolle Möglichkeit ist, jemanden zu befragen. Sapere Aude hat drüben freundlicherweise einen Artikel verlinkt, der eher dagegen spricht. Es geht mir hier auch gar nicht um die Frage, ob man foltern darf, falls es der einzige Weg ist, Menschenleben zu retten. Ich kann mir Situationen vorstellen, in denen Folter ethisch vertretbar sein könnte. Es geht mir hier und jetzt nur um die Redlichkeit, sich an die wohlbegründeten Regeln der Beweislast zu halten: Wer eine Behauptung aufstellt, muss sie belegen.

Einen solchen Beleg sind die Befürworter von Folter meines Wissens bisher schuldig geblieben. In der Diskussion drüben gibt es jedenfalls keinen, obwohl ich mehrfach danach gefragt habe. Stattdessen bringen sie manchmal Scheinargumente vor, wie:

Die Erfolgschancen bei der Folter scheinen gering zu sein, wobei natürlich ein Forscher, der das Gegenteil behauptet, schlecht aussehen würde und auf weitere Forschungsgelder wohl verzichten müsste. Aber selbst, wenn nur die geringste Chance besteht, würde eine Bedrohung von Millionen durch eine Atombombe oder mehrere davon so ziemlich alles rechtfertigen.

Oder:

Was erwartest Du? Dass es irgendwo wissenschaftliche Studien über den Wirkungsgrad von Folter gegenüber anderen Befragungstechniken bei der Informationsgewinnung gibt? Dass sich unter geldnotleidende Studenten für solche Vergleichstests hergegeben haben?

Das erste Scheinargument tut so, als wäre es vernünftig und ausgewogen, nimmt aber in Wirklichkeit wieder die Annahme vorweg, dass Folter ein erfolgversprechendes Mittel ist, nach dem Motto: Wenn es um so viele Menschenleben geht, können wir es uns nicht erlauben, nur sinnvolle Methoden anzuwenden. Klar. Vielleicht versuchen wir auch, im Bibo-Kostüm den Sterbenden Schwan zu tanzen, um rauszukriegen, wo Bombe liegt. Könnte schließlich funktionieren, und es geht immerhin um eine Bedrohung von Millionen.

Und das zweite… Ach, naja, das seht ihr ja selbst. Wenn mir keine Möglichkeit einfällt, meine Behauptung zu testen, dann darf ich sie einfach als wahr unterstellen. Klar, mach ich dann in Zukunft auch immer so. Whoa.

Ganz ehrlich: Mich ärgert im Moment mehr aus Prinzip der schiere Unwillen, sich einer ehrlichen Debatte zu stellen. Aber wenn ich mal tief durchatme und bis zehn zähle, dann bleibt es dabei, dass ich diese Scheindiskussion für potenziell sehr schädlich halte. Denn das Bedrohungsszenario ist vielleicht unwahrscheinlich, aber es ist keineswegs völlig unrealistisch. Es kann durchaus sein, dass die USA, oder Großbritannien, oder sogar Deutschland irgendwann vor dieser oder einer ähnlichen Entscheidung steht. Im Fall Magnus Gäfgen ging es im Prinzip um die gleiche Frage, nur mit weniger Toten. Mir wäre es lieber, wenn derjenige, der dann die Entscheidung treffen muss, weiß, was er tut, statt einfach nur die Daumenschrauben auszupacken, weil ihm gerade nichts Besseres einfällt

Gerade deshalb halte ich es für überragend wichtig, dass wir uns mit diesem Thema auseinandersetzen und versuchen, eine rationale Entscheidung zu finden, oder zumindest eine vernünftige Grundlage für eine Entscheidung im Ernstfall vorzubereiten. Das gilt nicht nur hier, aber an diesem Beispiel ist es mir eben heute mal wieder aufgefallen: Auch wenn es schwerfällt, müssen wir uns daran gewöhnen, dass es auf schwierige Fragen meist keine leichten Antworten gibt. Und dass der Weg zur Wahrheit nicht über leichtfüßiges Rummeinen und leidenschaftliches Glauben führt, sondern über Forschung und Wissenschaft.


Severian of the Guild

13. Juni 2009

Heute wird es mal wieder ein bisschen ernst, heute geht es um Folter und ihr Verbot. Ich weiß, dass ich mit dem Thema nicht ganz auf der Höhe der Zeit bin. Ich finde aber, darüber kann man immer mal reden, und weil mir ein bisschen philosophisch zumute ist, gehts jetzt los:

Es ist schon viel dazu geschrieben und gesagt worden, sowohl für Aufweichung des universellen Folterverbotes, als auch dagegen. Die herrschende Meinung ist aus guten Gründen dagegen. Ich erspare uns, das hier alles wiederzukäuen und gebe nur eine kurze Einleitung:

Für den Einsatz „robuster Verhörmaßnahmen“ wird – insbesondere im Kontext von Terrorismus und dem Kampf dagegen – gerne ins Feld geführt, dass unter Umständen Folter – trotz des Verstoßes gegen die Menschenrechte des Gefolterten – durch das Ziel gerechtfertigt sein könnte, das Leben vieler unschuldiger Menschen zu schützen, die ja schließlich auch ein Recht auf selbiges haben. Nicht ganz von der Hand zu weisen, finde ich. Man denke an den berühmten Fall Gäfgen. Da war das Opfer zwar schon tot, als dem Entführer Folter angedroht wurde, um es zu finden, aber das wusste niemand außer dem Täter. Man kann sich gut einen anders gelagerten Fall vorstellen, in dem es wirklich um ein Menschenleben geht.

Ein wichtiges Argumente gegen die Auflockerung des absoluten Verbots ist beispielsweise die Tatsache, dass Folter sich nicht mit unserem Verständnis eines Rechtsstaates und von Menschenrechten unter einen Hut bringen lässt. Überzeugend ist auch die These, dass Folter nicht verlässlich die Wahrheit hervorbringt, sondern tendenziell nur das, was der Folternde hören will bzw. sowieso zu wissen glaubt. Ich meine, da auch mal von einer Studie gehört zu haben, aber ich erinnere mich nicht genau. Wer will, kann das ganze Thema zum Beispiel hier oder hier ausführlicher nachlesen.

Ich möchte hier ein Argument hinzufügen, das ich in einer sehr empfehlenswerten mehrbändigen Geschichte von Gene Wolfe gefunden habe. Mir scheint, dass es in der öffentlichen Debatte ein bisschen zu kurz kommt. Es ist die oft übersehene Tatsache, dass zu jeder Verhörmaßnahme auch jemand gehört, der sie durchführt. Irgendein (z.B.) Geheimdienstbeamter, der durch den Rechtsstaat, dem er dient, gezwungen ist, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen.

Nur en passant: Dass die Vertreter der ehemaligen Bush-Regierung ernsthaft den Standpunkt vertreten, Waterboarding und vergleichbare Maßnahmen seien keine Folter, finde ich lächerlich. Es spielt in meinen Augen keine Rolle, ob jemand nun wirklich verletzt wird oder nicht. Entweder dienen diese Maßnahmen dazu, jemandem Informationen zu entlocken, indem sie sein Wohlbefinden beeinträchtigen, dann sind sie Folter; oder sie sind nutzlos, dann ist mir nicht ganz klar, warum sie eingesetzt werden. Wenn jemand schon der Meinung ist, solche Methoden würden seiner Sache dienen, sollte er wenigstens dazu stehen und sich nicht hinter Semantik verstecken.

Für mich war diese Geschichte von Wolfe auch insofern eine Schlüssel-Lektüre, als ich mir zuvor meiner Meinung zur Todesstrafe nie ganz sicher war. Natürlich ist sie irgendwie gruselig, aber wenn man mal darüber nachdenkt, ist es doch auch ziemlich furchtbar, jemanden für den Rest seines Lebens einzusperren. Sei dem, wie dem sei. In dem Folterer-Argument habe ich endlich die rationale Grundlage für mein mulmiges Gefühl gegenüber der Todesstrafe gefunden. Denn es ist egal, wie viele Automatismen man auch dazwischenschalten mag, wenn ein Mensch getötet wird, muss ein anderer Mensch die Tat vollbringen. Auch dies ist etwas, wozu meiner Meinung nach niemand in seinem Dienst für den Rechtsstaat gezwungen werden sollte.