Man kann sich gar nicht so viel verhüllen, wie man … äh … Naja.

2. Juli 2014

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat nun also entschieden: Das Verbot von gesichtsverhüllenden Kleidern in Frankreich verstößt nicht gegen die Europäische Menschenrechtskonvention. Das ist jetzt eher so mittelüberraschend, klar, und ihr kennt meine Position in der Sache ja ohnehin schon, aber ich finde trotzdem, dass man über die Begründung mal ein bisschen nachdenken darf, und sich fragen, wer sämtlichen für dieses Ergebnis verantwortlichen womöglich in ihrer Kindheit weh getan haben mag, oder so, dass aus ihnen solche Menschen geworden sind.

the Court accepted that the barrier raised against others by a veil concealing the face in public could undermine the notion of “living together”. In that connection, it indicated that it took into account the State’s submission that the face played a significant role in social interaction. The Court was also able to understand the view that individuals might not wish to see, in places open to all, practices or attitudes which would fundamentally call into question the possibility of open interpersonal relationships, which, by virtue of an established consensus, formed an indispensable element of community life within the society in question. The Court was therefore able to accept that the barrier raised against others by a veil concealing the face was perceived by the respondent State as breaching the right of others to live in a space ofsocialisation which made living together easier.

Das ist laut der Pressemitteilung des EGMR die tragende Erwägung.

Zusammengefasst auf Deutsch: Frankreichs Vertreter meinten, dass die Franzosen eben einen Anspruch darauf haben, die Gesichter anderer Menschen zu sehen, und nicht wünschen, an öffentlichen Orten Praktiken oder Haltungen zu sehen, die die Möglickeit zwischenmenschlicher Beziehungen fundamental infrage stellen, und weil Burkas das tun, halten nicht nur das französische Parlament und die französische Regierung es für legitim, Leute zu bestrafen, die anderen lieber nicht ihr Gesicht zeigen möchten. (Und darüber hinaus will Frankreich natürlich die armen Frauen nur vor Unterdrückung beschützen und befreien, indem es sie zwingt, sich so anzuziehen, wie die Franzosen das für richtig halten, und sie sonst bestraft. Isjaklar, ne?)

Mir fällt nicht viel ein, was ich noch sagen könnte, um die unfassbar dummdreiste Anmaßung und widerliche Heuchelei in dieser Haltung angemessen zu kommentieren oder zu verdeutlichen. Diese Begründung spricht für sich selbst. Oder vielmehr gegen sich selbst. Und ich schäme mich, Teil der Gesellschaft zu sein, die sie gerade offiziell für akzeptabel befunden hat.Schämt sich jemand mit? Und noch wichtiger: Weiß jemand, wo man online vernünftige Burkas bestellen kann? Die Auswahl bei Amazon kommt mir nicht ganz zufriedenstellend vor.


Welche Leistung noch mal? (3)

11. Dezember 2012

Na gut, denkt vielleicht die eine oder andere von euch, beim Thema Leistungsschutzrecht ist die deutsche Presse also ein bisschen daneben, aber das kann man ja verstehen, schließlich geht es um deren Existenz. Aber ansonsten ist die Berichterstattung doch eigentlich schon gut gemacht.

Hm. Na gut, ich weiß, das denkt bestimmt niemand von euch im Ernst, aber es schien mir gerade eben noch ein ganz brauchbarer Aufmacher zu sein.

Egal.

Heute habe ich auf faz.net diesen Bericht mit der ulkigen Überschrift „Frigide Durchgeknallts Familienwerte“ gesehen und dachte mir, dass dieser Titel sogar für die FAZ reichlich eigenartig ist. Ich machte mich deshalb daran, zu ermitteln, worum es geht, und der Untertitel offenbar wie so oft schon die ganze Misere der Autorin:

Es sind keine Sittenwächter alter Schule, die in Frankreich gegen das Adoptionsrecht für Homosexuelle protestieren. Das Bündnis von Franzosen, die allen Kindern ihre Maman und ihren Papa sichern wollen, hat Präsident Hollande auf dem falschen Fuß erwischt.

Man muss nicht wie ich bereits ein ziemlich abgeschlossenes Urteil über die FAZ gefällt haben, um da die Voreingenommenheit herauszuhören, oder? Keine Sittenwächter alter Schule, sondern einfach nur Franzosen, die allen Kindern ihre Mama und ihren Papa sichern wollen. Ach so…

Aber wer weiß? Vielleicht hat Michaela Wiegel ja im Rest des Berichts noch ein bisschen Ausgewogenheit und Sachlichkeit gefunden. Das hier ist schließlich keine Glosse oder ein reiner Meinungstext.

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Und was ist mit Batman?

12. April 2011

Nul ne peut, dans l’espace public, porter une tenue destinée à dissimuler son visage.
[Niemand darf im öffentlichen Raum Kleidung tragen, die dazu bestimmt ist, sein Gesicht zu verbergen.]

Einen Tag zu spät bin ich dran, aber ich möchte die Gelegenheit diesmal dennoch nicht ungenutzt verstreichen lassen, darauf hinzuweisen, dass seit gestern in einem weiteren mehr oder weniger aufgeklärten fortschrittlichen Rechtsstaat mitten in Europa das Tragen von Burkas und Nikabs strafbar ist. Frankreich konnte im Oktober 2010 nicht mehr an sich halten und meinte, seinen Bürgern vorschreiben zu müssen, wie sie sich zu kleiden haben. Das Gesetz ist am 11. April 2011, anscheinend unter moderaten Protesten muslimischer Frauen, in Kraft getreten. Ich finde das beschämend, und ich hoffe inständig, dass der EGMR diese Farce nicht mitspielt.

(Für die, die es interessiert: Das Gesetz enthält eine Ausnahme für rechtlich vorgeschriebene oder zumindest gestattete Kleidungsstücke (wie Motorradhelme), gesundheitlich oder zur Ausübung eines Berufs erforderliche (wie Schutzmasken bei Ärzten) und noch ein paar andere Sonderfälle wie Sportbekleidung oder traditionelle künstlerische Darbietungen. Batmans Maske wäre also wohl ein Grenzfall, denn soweit ich weiß, entfaltet zumindest sein aktueller Batsuit eine gewisse Schutz- und Panzerwirkung.)

Anlässlich dieser neuen Selbstentblößung Frankreichs möchte ich kurz auf die üblicherweise vorgebrachten Argumente für dieses Verbot eingehen und erklären, warum ich nichts davon halte. Die Reihenfolge ist willkürlich und hat nichts zu sagen.

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