Von Gauck und Geistern, Urteilen und Freundschaft, Grass und Israelkritik

29. Mai 2012

Ich verstehe vieles nicht am Amt des Bundespräsidenten: Seine Daseinsberechtigung so wenig wie die beklagenswerte Angepasstheit mit der die Menschen, die es bekleiden, sich weigern, die Privilegien ihrer Position wenigstens halbwegs sinnvoll zu nutzen, indem sie hin und wieder mal etwas sagen, also so richtig, mit Inhalt, irgendwas, was nicht sowieso jeder denkt. Der eine oder andere soll ja damit gerechnet haben, dass Gauck so etwas tun würde, und falls ich es noch nicht gesagt habe, hole ich das jetzt gerne nach: Ihr seid niedlich.

Herr Gauck hat jetzt mal wieder was gesagt, und natürlich verstehe ich es nicht so ganz.

„Ohne Umfragen überzubewerten: Als Freund Israels besorgen mich die Ergebnisse dennoch“, antwortete Gauck der Zeitung „Haaretz“ vom Dienstag auf eine Frage nach dem sinkenden Ansehen Israels in Deutschland.

[…]

Aus den Abgründen seiner Geschichte kommt Deutschland eine einzigartige Verantwortung gegenüber Israel zu

[…]

wir Deutsche sollten uns besonders kritisch fragen: In welchem Geist urteilen wir über israelische Politik? Doch bitte nur im Geist der Freundschaft. Da ist durchaus auch Platz für Kritik, nicht aber für Vorurteil“, sagte der Bundespräsident.

Er meint das sicher gut, aber… Wo gehört denn in diesem Gedanken die Freundschaft hin?

Ich würde zunächst mal sowieso bezweifeln, dass Freundschaft mit einem Staat, oder allgemeiner: mit einer abstrakten Institution, überhaupt möglich ist. Was ist denn Freundschaft? Eine Beziehung auf Basis gegenseitiger Zuneigung. Dass ein Staat keine Zuneigung zu irgendwem empfinden kann, ist wohl unumstritten, und Zuneigung gegenüber einer juristischen Person ist doch auch irgendwie komisch. Ich kann die Arbeit und die Ziele einer Institution unterstützen oder nicht, und ich kann Organisationen für nützlich halten oder für schädlich, aber ist Freundschaft hier der richtige Begriff? Hat die Deutsche Bank Freunde? Bin ich mit Amazon befreundet, oder mit Sennheiser?

Ja, ihr mögt das kleinlich finden, und sogar mit Recht, aber andererseits: Wir reden hier nicht über die Bemerkung eines Schülersprechers, dem überraschend jemand ein Mikrophon ins Gesicht gehalten hat. Wir reden über ein Amt, das unseren Staat jährlich einen Millionenbetrag kostet und dessen einziger wesentlicher Output in mehr oder weniger geschliffenen Reden besteht. Da finde ich solche Kritik nicht unangemessen.

Und sogar wenn wir über die merkwürdige Formulierung hinwegsehen und zu Herrn Gaucks Gunsten annehmen, dass er einfach nur Wohlwollen oder eine konstruktive Grundeinstellung meinte: Wozu? Und warum? Und warum wir Deutsche?

Können wir als Konsens voraussetzen, dass eigentlich nirgends Platz für Vorurteile (im engeren Sinne) ist, und dass Kritik im Idealfall immer konstruktiv sein sollte, nicht nur bei Freunden? Können wir uns vielleicht sogar darauf einigen, dass jedes Verhalten gegenüber Israel, das für deutsche Staatsbürger unangemessen ist, für Franzosen und Polen und Kanadier auch keine gute Idee sein dürfte?

Ich meine: Was soll das Rumgeeiere? Wenn Günter Grass (um jemanden als Beispiel zu wählen, bei dem ich mich nicht meinerseits dem Vorwurf der Voreingenommenheit aussetze) das Handeln des israelischen Staates als unangessen beurteilt, dann steht es ihm zu, das zu kritisieren. Und wenn er damit Unrecht hat, dann steht es anderen Leuten zu, ihm das zu sagen. Was hat das alles mit Freundschaft zu tun, oder damit, dass das Dritte Reich (oder vielleicht besser: sehr viele Bürger dieses Reiches) ein grauenvolles Verbrechen begangen hat.

Meinetwegen kann die Bundesrepublik haftbar sein für den Schaden, den ihre Rechtsvorgänger angerichtet haben. Die Übertragbarkeit einer moralischen Schuld, ob auf nachfolgende Staaten oder Generationen, halte ich schon für abwegig, aber zumindest für Grass können wir ja sogar eine gewisse moralische Schuld direkt zuordnen. Dennoch ändert das in meinen Augen nichts daran, wie und ob er Kritik vorbringen darf.

Wer Israel kritisiert, weil er Antisemit ist, ist ein Arschloch (oder verhält sich zumindest in diesem Moment wie eins), und wer Israel aus vernünftigen Gründen kritisiert, ist keins (oder zumindest nicht deshalb). Die Sache ist doch einfach und offensichtlich. Warum muss man die Wasser mit historischer Schuld, Freundschaft und ganz besonderer Verantwortung von Bürgern bestimmter Staaten trüben?

Oder was meint ihr?