„Beinahe“ zählt nur bei Hufeisen und Handgranaten

9. April 2011

Ich war erstaunt. Ich war verwirrt. Ich war völlig verunsichert und fassungslos.

Ich las ein Interview mit Sigmar Gabriel, in dem der Mann im Großen und Ganzen halbwegs vernünftige Sachen sagte. Natürlich kann man über Vieles streiten, und in manchen Fällen würde ich ihm nachdrücklich widersprechen, aber zumindest schien es eine Zeitlang so, als hätte er überhaupt nichts völlig Dämliches gesagt.

Natürlich hat er das nicht durchgehalten.

FAZ: Was ist schlimmer: Der nukleare GAU oder die Klimakatastrophe?

Gabriel: Die Atomkraft ist dauerhaft das größte Risiko, weil wir sie im Fall eines Unfalls nicht beherrschen. Was das bedeutet, erleben wir gerade in Japan. Den Klimawandel können wir immerhin berechnen und Schritt für Schritt bekämpfen. An den Klimazielen darf sich durch den Atomausstieg nichts ändern.

Boah… Also… Ich meine, bei allem Respekt vor den Sorgen von Kernkraftgegnern, gerade angesichts der Katastrophe in Japan: Welcher Begriff ist beleidigend genug, um die Behauptung zu beschreiben, ein Kernkraftwerk sei nicht beherrschbar, während wir das Klima unseres Planeten im Verhältnis ziemlich gut im Griff hätten? Hallo?

Das liegt jetzt wirklich nicht daran, dass ich die Dringlichkeit des Ausstiegs aus der Kernenergie nicht sehe, dass ich der SPD politisch fernstehe, oder dass ich Gabriel sowieso schon seit Langem nicht leiden kann. Diese Argumentation ist doch nun wirklich so dumm, dass es sich kaum noch in Worte fassen lässt.

Oder?


Von Kirchen und Dörfern, Teppichen und Füßen. Und Kernkraftwerken.

14. März 2011

Ich war früher einmal ein echter Fan der Kernenergie. Das lag ein bisschen daran, dass ich mich ausführlich mit dem Thema befasst hatte und die Argumente der Betreiber sehr einleuchtend fand. Es lag etwas mehr daran, dass ich damals noch ziemlich grenzenloses Vertrauen für Experten, Wissenschaftler, technische Systeme und große Konzerne empfand. Und es lag sehr, sehr viel daran, dass ich mich gerne mit den Vertretern der „Wenn ihr unser Leben nicht achtet, achten wir eure Gesetze nicht“-Fraktion streiten wollte, die ich bis heute als unerträglich selbstgerecht empfinde. Ich war damals natürlich kaum weniger selbstgerecht (Ein Schelm, wer jetzt Böses denkt!), aber das bisschen hat mir gereicht.

Ich bin heute immer noch davon überzeugt, dass es die richtige Entscheidung wäre, die bestehenden Kraftwerke weiter laufen zu lassen. Da aber der zweite oben genannte Grund inzwischen weitgehend weggefallen ist, ich den dritten etwas entspannter sehe und ich inzwischen ein bisschen was darüber gelernt habe, wie weit entfernt von allen marktwirtschaftlichen Prinzipien unsere Stromversorgung abläuft, würde ich mich heute aber nur noch zu den moderaten Unterstützern dieser Technologie zählen. Ich erkenne an, dass man mit guten Gründen Kernkraftwerke ablehnen kann.

Trotzdem war mein erster Gedanke in Bezug auf die drohende nukleare Katastrophe in Japan nicht Sorge um die potentiellen Opfer, sondern eher so ein prophylaktisch genervtes Stöhnen in Erwartung der hilf- argumenten- und nutzlosen Debatte, die dieses Ereignis hier in Deutschland entfesseln würde.

Ja, in Kernkraftwerken kann es bei geeigneten Rahmenbedingungen zu einer Kernschmelze kommen, und dabei können viele, viele Menschen sterben. Wer etwas anderes behauptet, ist entweder ein Lügner, schlecht informiert, oder sonst irgendwie neben der Spur, vielleicht auch alles davon. Das ist keine neue Information. Das ist keine Erkenntnis, die uns bisher beim Bau und der Planung von Kernkraftwerken fehlte. Sie ist der Grund, aus dem zum Beispiel das Kraftwerk Mülheim-Kärlich niemals ans Netz ging.  Inwiefern beeinflussen die Ereignisse in Japan, so furchtbar und traurig sie sein mögen, die Energiepolitik hier in Deutschland?

Ja, der Preis für den Betrieb von Kernkraftwerken lässt sich in Menschenleben messen. Aber wir machen uns etwas vor, wenn wir glauben, dass das nicht auch für den Preis von Frühstückseiern, Turnschuhen, oder den elektronischen Geräten gilt, die ihr gerade benutzt, um diesen Beitrag zu lesen. Menschen sterben beim Bau von Häusern, sie sterben bei Unfällen in Kohlebergwerken, sie sterben bei Zugunglücken, und sie sterben in Krankenhäusern. Sie sterben auf alle möglichen Arten und an allen möglichen Orten, aber früher oder später sterben sie alle. Gleichzeitig verlängern und verschönern Frühstückseier, Turnschuhe, Laptops, Smartphones und Kernkraftwerke aber auch Menschenleben, und wir hoffen, dass dieser Aspekt überwiegt.

Die (etwas angestaubte) Erkenntnis, dass Menschen auch durch Unglücke in Kernkraftwerken sterben, ist also per se kein Grund, deren sofortige Abschaffung zu fordern. Sie ist ein Grund, systematisch und rational zu analysieren, ob es eine gute Idee ist, weiterhin Strom aus Kernenergie zu gewinnen. Was ich kürzlich zum Bau von Kirchen und Pyramiden schrob, gilt auch für Kernkraftwerke: Wir müssen Kosten und Nutzen abwägen, und wenn die Kosten den Nutzen überwiegen, dann sollten wir es lieber lassen. Ich habe den Eindruck, dass diese Abwägung bei der Entscheidung über den Einstieg in die Kernenergie nicht richtig stattgefunden hat, aber das ist kein Grund, bei der Entscheidung über den Ausstieg wieder darauf zu verzichten.

Wahrscheinlich können wir Lehren aus dem Unglück in Japan ziehen. Jetzt ist es dafür zu früh, denn noch wissen wir nicht einmal, wie die Sache ausgeht, geschweige denn, wie man sie hätte verhindern können und was genau falsch gelaufen ist. Vielleicht ziehen wir zum Schluss die Lehre, dass wir keine Kernkraftwerke mehr betreiben sollten. Oder zumindest keine mit Siedewasserreaktoren, bei denen die Gefahr einer Kernschmelze meines Wissens erheblich höher ist. Vielleicht sind Druckwasserreaktoren in Ordnung. Vielleicht ziehen wir auch nur die Lehre, dass man in erdbeben- und tsunamigefährdeten Gebieten keine Kernkraftwerke bauen sollte, und dass in einem glücklicherweise sturzlangweiligen Land wie Deutschland weiterhin der Nutzen überwiegt.

Vor allem aber sollten wir endlich eine Lehre ziehen, nicht nur in Bezug auf Kernenergie: Wut und Angst sind genauso schlechte Ratgeber wie Technikeuphorie und der unreflektierte Rechtfertigungsdrang, der jetzt von manchen Kernkraftapologeten Besitz ergreift (Auch hier denken wieder nur Schelme Böses.).

kleiner Exkurs: Was ist das eigentlich für ein blöder Spruch, man dürfe nicht auf dem Rücken der Opfer Wahlkampf betreiben? Warum wollen immer irgendwelche Leute gerade die wichtigsten Themen aus dem Wahlkampf ausklammern? Was für ein Demokratieverständnis haben die denn? Exkurs zu Ende

Das menschliche Gehirn ist nicht besonders gut darin, in Wahrscheinlichkeiten und Risiken zu denken. Deshalb kommen uns Flugzeuge wahnsinnig gefährlich vor, deshalb ist Glücksspiel immer noch ein echt einträgliches Geschäft, und deshalb sind wir auch nicht in der Lage, die Risiken bestimmter Technologien intuitiv einzuschätzen. Und besonders schwer fällt uns diese Einschätzung angesichts erschütternd großer Zahlen, wie bei einem Flugzeugabsturz, einem Lottogewinn oder eben einer Kernschmelze.

Ich gebe nicht vor, die Antwort zu kennen. Aber ich fände es schön, wenn wir uns wenigstens auf einen vernünftigen Weg einigen könnten, sie zu finden. Jetzt gerade sind wir davon nämlich sehr, sehr weit entfernt.

Nachtrag: Den bisher ersten vernünftigen Blogpost zu diesem Thema habe ich gerade beim überhaupt äußerst lesenswerten Filterblog gelesen, dessen Autor übrigens aus meiner ehemaligen Heimat stammt. Und wer sich für technische Einzelheiten interessiert, findet diese sehr schön in diesem Artikel der New York Times erklärt.

Späterer Nachtrag:  Das Antibürokratieteam verweist auch diesen interessanten Blogpost, der sich ganz gut mit meinem Kenntnisstand deckt, auch wenn ich den Wahrheitsgehalt natürlich nicht bis ins Letzte beurteilen kann: Why I am not worried about Japan’s nuclear reactors