Da ist man mal ein paar Wochen weg

10. Juli 2016

Heieiei, Leute. Ich dachte ja, es ist nicht so schlimm, wenn ich eine Weile nicht so viel schreibe, und die wirklich treuen Leserinnen und Leser werden wissen, dass ich irgendwann schon zurück komme und sie erlöse. Aber jetzt muss ich doch sagen, dass ohne meinen leitenden und ordnenden Einfluss die öffentliche Meinung ziemlich aus dem Ruder gelaufen zu sein scheint. Ich kann mich deshalb nicht länger meiner Verantwortung entziehen und habe entschieden, mal wieder ein paar Worte fallen zu lassen, um die Dinge zurück in geordnete Bahnen … äh, was? Wie bitte? Zweistellig? Naja, aber wenn die dann ihren Freunden und ihrer Familie …? Nee? Na gut, also… Ach, jetzt hab ich mir aber schon was überlegt, jetzt schreib ichs auch, oder? Kann ja nicht schaden.

  1. Ausstieg Großbritanniens aus der EU. Ihr habt das schon richtig gelesen, ich meine das, worüber alle gesprochen haben. Ich weigere mich nur halsstarrig, es so zu nennen. Ich schreib ja auch nicht BrAngelina. Wer bin ich denn? Zur Sache: Ja gut, das war natürlich schade, aber ich fands andererseits nicht verblüffend, und war von den Reaktionen der anderen Seite eigentlich viel enttäuschter. Weil ich denke, sicher, es ist wahrscheinlich für Großbritannien nicht so richtig schlau, die EU zu verlassen, weil die Mitgliedschaft da natürlich verschiedene nicht zuletzt wirtschaftlich sehr relevante Vorteile hat, aber … Also man kanns halt auch übertreiben, oder? Es gibt ja nach meinem Informationsstand erwiesenermaßen Länder außerhalb der EU, in denen die Bevölkerung nicht darauf angewiesen ist, die eigenen Nachkommen zu verspeisen, um zumindest die ärgste Not zu lindern, und die schon eine ganze Weile keine Angriffskriege gegen Deutschland mehr geführt haben. Etwas ernsthafter: Ja, ich sehe natürlich auch, dass es einfach ein mieses Signal ist, dass jetzt so ein eigentlich ganz zivilisiertes Land aus so blödsinnigen Gründen, zu denen offenbar ganz maßgeblich auch schlichte Xenophobie gehört, dieses vielversprechende Projekt verlässt, aber erstens muss man doch auch sagen, dass an der EU wirklich ein paar Sachen nicht so gut geregelt sind, und dass es deshalb zweitens ein ganz interessantes Experiment ist, mal zu sehen, was passiert, wenn jemand rausgeht, weil das ja auch für die anderen Mitglieder anschaulich demonstrieren könnte, wie wertvoll das Ganze entweder ist, oder dass sie sich vielleicht doch noch mal überlegen sollten, wie sie es organisieren. Drittens finde ich so ganz prinzipiell, dass es jedem Club ganz gut tut, wenn ihm bewusst ist, dass seine Mitglieder ihn verlassen können. Und viertens … Ja, viertens:

Zum ersten Mal begrenzt eine Generation die Chancen der Nachfahren, statt sie zu erweitern.

Before the end of this year, the Brexit will be seen as the worst decision in the history of the UK.

I don’t think I’ve ever wanted magic more.

Den Vogel abgeschossen hat in meiner Wahrnehmung dieser Kommentar von Martin Walker, zu dem ihr meine Meinung praktischerweise auch gleich drüben bei Facebook lesen könnt, wenn ihr mögt. Aber der Wettstreit darum, wer die Protagonisten des Ausstiegs am nachdrücklichsten zu den schlimmsten Menschen der Welt erklären kann, ist auch spannend anzusehen.

Und ganz egal, wie schlimm es jetzt wird, ganz egal, ob wir die EU für eine tolle Sache oder eher ein Ärgernis halten, ganz egal, ob wir demokratische Entscheidungen respektieren wollen oder nicht, einfach insgesamt ganz egal: So geht’s nicht. Das ist einfach schauderhafter Bullshit. Das ist einfach indiskutabel und ärgerlich. Wir reden über ein Land, das Sklaven gehandelt, ein weltumspannendes Imperium mit Gewalt und ihrer Androhung beherrscht hat, ein Land, das Kriege geführt und Hitler gegenüber eine Appeasement-Politik für eine gute Idee hielt, in einer Welt, in der jeden Tag Kinder verhungern, Millionen auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung sind, und … Ich muss nicht weiter schreiben, oder? Der Ausstieg aus der EU ist weder das Schlimmste, was Großbritannien je gemacht hat, noch ist er in der allgemeinen Verhältnismäßigkeit eine enorme Katastrophe. Und wer so was schreibt wie da oben, den kann ich nicht mehr ernst nehmen, und will ich auch gar nicht, weil ich meine Zeit gerne anders verschwende als mit dem Durchsteigen durch schwachsinnige Hyperbeln und Superlative und Panikmache.

  1. Roboter, ganz gleich ob von Tesla oder von der Polizei: Es ist halt einfach gerade eine Zeit, in der ich mich noch schwerer tue als sonst, meinen Respekt vorm Journalismus nicht insgesamt zu verlieren. Weil hier auch wieder so viel rumkrakeelt und clickgebaitet und mit Superlativen um sich geworfen wird, dass ich mich frage, ob unsere großen Veröffentlichungen vielleicht sogar bewusst nur noch kurzfristig Geld verdienen wollen und die Idee, ein langfristiges Geschäftsmodell auf dem Vertrauen ihrer Kundschaft aufzubauen, schon weitgehend aufgegeben haben. Weil doch letzten Endes die Fragen, die hier aufgeworfen werden, im Detail interessant sein mögen, insbesondere für die betroffenen Personen natürlich, aber doch weder fundamental noch neu sind. Eine Maschine übernimmt Aufgaben von Menschen, und manchmal verhält sie sich dabei so, wie die Menschen es sich gedacht haben, und manchmal nicht. Wer da ganz fundamental neue philosophische und juristische Probleme sieht, hat in meinen Augen ein sonderbares Verständnis von Philosophie und Jura. Aber abgesehen von der oberflächlichen Clickbait-Seite, die alles natürlich nicht besser macht, habe ich hier den Verdacht, dass es noch einen anderen Grund für die unangemessene Lautstärke der Äußerungen gibt: Den Kult, den unsere Gesellschaft meines Erachtens unvernünftigerweise um das Konzept von Schuld veranstaltet, ohne dieses überhaupt vernünftig zu Ende entwickelt zu haben. Denn ohne sie jetzt alle systematisch ausgewertet aufzählen zu wollen, habe ich den Eindruck, dass diese Frage die Schreibenden und Redenden an dem Thema besonders verwirrt. Wenn der Fahrer selbst gar nicht mehr fährt, wer ist denn dann schuld? Jemand muss doch Schuld haben? Wie soll das denn alles weiter gehen, wenn jetzt bald Dinge passieren, an denen wir niemandem die Schuld geben können? Und ich finde, dass das auf zwei Ebenen Blödsinn ist. Erstens, weil es wie gesagt nicht neu ist. Es passieren dauernd Sachen, an denen niemand in dem Sinne schuld ist. Tiere sind ein naheliegendes Beispiel, das nach meinem Eindruck sogar ganz gut übertragbar ist auf den aktuellen Stand von KI. Wenn jemandes Pferd einen Unfall verursacht, fragt ja auch niemand, ob jetzt das Pferd Schuld ist. Man guckt, ob jemand auf das Pferd hätte aufpassen müssen und ob der wiederum seine Pflichten schuldhaft verletzt hat, und so weiter. Zweitens ist das mit der Schuld in meinen Augen sowieso ein blödsinniges Konzept, von dem wir uns zumindest im metaphysischen Sinne dringend verabschieden sollten. Verantwortung kann und sollte man irgendwie zuordnen, und Pflichten muss man in einem funktionierenden Rechtssystem auch irgendwie statuieren, aber Schuld ist doch nur dafür da, dass Feuilleton-Autorinnen und -Autoren sich bedeutungsschwanger mit Anspielungen auf olle Philosophen was über Gehirnforschung und freien Willen zuraunen können. Pah. Und was ist denn eigentlich mit dieser Juraprofessorin los, die für den Guardian sagen darf: „we typically examine deadly force by the police in terms of an immediate threat to the officer or others. It’s not clear how we should apply that if the threat is to a robot„? Öh. Hm? Was ? Es ist für diese Rechtsexpertin unklar, ob tödliche Gewalt angemessen ist, wenn jemand eine Maschine bedroht? Sagt das nicht vor allem was Bedenkliches über ihren Status als Expertin aus?
  2. EM und Flaggen: Ich hab selten Gelegenheit, mit der Grünen Jugend einer Meinung zu sein, deswegen will ich diese weidlich nutzen, und weil Beate drüben in ihrem Blog meinen Kommentar nicht freischalten mochte, übernehme ich ihn einfach hier und finde, damit ist zum Thema Fußball und Nationalismus und so das Wesentliche gesagt.
    „Ja, aber nee. Anderen vorzuwerfen, sie würden die Welt ohne Komplexität sehen, und dann selber Fahnen für unproblematisch erklären und einfach behaupten, Fußball wäre ja nur die guten Dinge, und die schlechten wären halt keiner, das ist … in meinen Augen extrem unterkomplex.Natürlich sind Nationalfahnen problematisch, weil sie für Nationen stehen, und weil sie damit zwangsläufig mit Nationalismus assoziiert sind. Man kann sicher trotzdem entscheiden, dass man es manchmal lustig findet, eine zu schwenken. Ich persönlich finde das komisch, weil das Ding für so viel Scheußliches steht, aber meine Güte, Symbole sind ja nur welche, weil wir sie als solche sehen, und jedem sein Ding.Aber so wie hier gehts in meinen Augen echt nicht. Kritik an Fahnen und dem Nationalismus, der Turnieren wie der EM zwangsläufig inne wohnt, ist was sehr Berechtigtes, und gerade in der heutigen Zeit auch etwas Nötiges. Man muss sich deshalb nicht von allem abhalten lassen, was einem Spaß macht, aber die Kritiker so runterputzen muss und sollte man auch nicht.Find ich.“ Oder?

Wie gate der Gaucho?

17. Juli 2014

Eigentlich hat Anatol Stefanowitsch schon alles Nötige zum Thema gesagt, aber ich hätte dieses Blog nicht so genannt, wenn ich die Absicht gehabt hätte, nur das Nötige zu schreiben, deshalb sag ich auch noch was dazu:

Was mich an so gate-tauglichen Ereignissen am meisten stört, ich bleibe jetzt einfach mal beim konkreten Beispiel:

das ist oft gar nicht so sehr das Ereignis selbst.

Ich fände das Ganze gar nicht besonders erwähnenswert, wenn diese Herren diesen Tanz aufgeführt hätten, im Überschwang der Gefühle und getragen von der … ähm … naja, rassistischen, nationalistischen und auch sonst rundum widerwärtigen Grundstimmung, die bei so einer FIFA-WM offenbar herrschen muss, damit sie richtig Spaß macht, und dann hinterher, darauf angesprochen, sowas gesagt wie: „Joa, also, ohje, da haben Sie recht, das war echt daneben, und ich schäme mich auch ein bisschen dafür. Ich muss zugeben, da haben wir einen echt blöden Fehler gemacht. So sollte man echt nicht. Ehrlich. Tut mir leid.“ oder so. Damit käme ich gut klar. Menschen machen Fehler, ich auch, gerade, wenn wir unter emotional intensiven Umständen handeln.

Was mich an diesen Ereignissen am meisten stört, sind also nicht die Ereignisse an sich, sondern der Umgang damit in der Rückschau. Diese unfassbare Demonstration der völligen Abwesenheit nicht nur jeglichen Problembewusstseins, sondern jeglicher Bereitschaft, auch nur über die Möglichkeit nachzudenken, dass da irgendwo ein Problem sein könnte. Die nicht mehr begreifbare Dummdreistigkeit der Ausreden und die manchmal schon fast wieder bemitleidenswerte Hiflosigkeit der Beschwichtigungsversuche. Das ist der Teil, der mich wirklich aufregt, weil er demonstriert, wie kaputt unsere Gesellschaft ist, und dass es sich bei Vorfällen wie diesem albernen Gauchotanz eben nicht um ein Augenblicksversagen euphorisierter Sportler handelt, sondern um ein Symptom einer tief sitzenden Erkrankung unserer Systems.

Den Rest des Beitrags lesen »