Behindert ist man nicht…

23. April 2010

Zu meinen Lieblingsblogs gehören auch zwei, die sich – mal mehr, mal weniger – regelmäßig mit dem Thema Hörbehinderung befassen. Einer der Mitarbeiter in dem Unternehmen, für das ich arbeite, ist selbst hörbehindert. Und ich habe mal eine Folge House, M.D. gesehen, in der es um das Thema ging. Damit endet die vollständige Aufzählung meiner Berührungspunkte mit dem Thema Hörbehinderung. Ich verstehe also wirklich nicht viel davon. Unter anderem deshalb habe ich lange damit gewartet, etwas darüber zu schreiben, aber jetzt mache ich es doch. Ich freue mich über jeden Widerspruch, der mich weiterbringt.

Ich verstehe diese Idee nicht, dass Taubheit oder Schwerhörigkeit nicht als Behinderung angesehen werden, sondern als Zugehörigkeitsmerkmal einer „ethnischen Minderheit“. Sicher, es ist erst einmal eine gute Sache, sich von einer Behinderung nicht runterziehen zu lassen. Körperliche Fähigkeiten sagen nichts über den Wert eines Menschen aus, und ob man nun taub, blind oder einbeinig ist, man kann trotzdem hervorragend sein in was auch immer man eben tut.

Bedenklich wird das aber für mich, wenn man sich Möglichkeiten widersetzt, eine Behinderung zu überwinden und diese Möglichkeiten im Ernstfall auch bei seinen Kindern ablehnt. Das ist auch der Grund, warum ich gerade jetzt diesen Beitrag schreibe. Bei Charlotta habe ich vorgestern von „Matthias“ gelesen, einem hörbehinderten Kind, dem ein Arzt ein so genanntes Cochleaimplantat (CI) empfohlen hatte. Der Spruch des Arztes, dem Kind würde so ein „lebenswertes Leben“ ermöglicht, ist natürlich so dumm, dass man es gar nicht weiter erklären muss, und außerdem darf man sich dieses Implantat nicht so vorstellen, dass es wie ein Zauber alle Hörprobleme löst. Es bringt tatsächlich sogar eine ganze Menge eigener Probleme mit sich. Wer der Meinung ist, dass das Implantat deshalb seine Lebensqualität nicht verbessern würde, der muss das natürlich für sich selbst entscheiden, und ich werde mir nicht anmaßen, ihm zu widersprechen.

Besonders zu denken gibt mir, dass ich den Eindruck gewonnen habe, dass Träger solcher Implantate teilweise quasi als Verräter an der Gemeinschaft der Hörbehinderten gesehen werden, weil sie sich sozusagen dem Druck der hörenden Gesellschaft beugen und sich anpassen. Bei aller Sympathie für die Idee, dass man sich von einer Behinderung nicht unterkriegen lassen darf und trotzdem ein herrliches Leben haben kann, bin ich doch der Meinung, dass man sich der Tatsache stellen muss, dass Gehörlosigkeit eine Einschränkung ist. Es fehlt ein Sinn, den andere Menschen haben. Ein Sinn, dessen Vorhandensein unsere Gesellschaft größtenteils voraussetzt und dessen Fehlen es erschwert, sich in unserer Welt zurechtzufinden.

Ich kenne einen Menschen, dem beide Beine fehlen. Er lebt ein sehr erfülltes Leben und hat einen Beruf im technischen Außendienst, er ist Sportler in einer Nationalmannschaft, und wenn man ihn nicht näher kennt, merkt man gar nicht, dass er eine Behinderung hat. Er geht auf zwei Prothesen. Die haben natürlich auch Nachteile. Sie scheuern am Stumpf, sie müssen gewartet und repariert werden, und manchmal stürzt er damit. Wenn er sich deshalb entschieden hätte, lieber darauf zu verzichten, würde ihm wahrscheinlich einiges verloren gehen, aber ich könnte es verstehen. Wenn er aber auf die Prothesen verzichten würde, weil er sich nicht als behindert ansieht, sondern als Teil einer Ethnie ohne Beine, wenn er sich wie Matthias‘ Eltern bei seinen Kindern „freuen“ würde, wenn sie auch ohne Beine geboren werden (Ich weiß, jetzt ist mein Beispiel nur noch Quatsch, aber vielleicht versteht ihr trotzdem, worauf ich hinaus will.), dann kann ich nicht anders als das sehr, sehr falsch zu finden. Was meint ihr?