Ooooooh, I hate that rabbit!

15. April 2010

Hin und wieder hält faz.net es für angebracht, uns daran zu erinnern, dass sie eBooks doof finden. Weil sie ein anspruchsvolles Qualitätsmedium sind, argumentieren sie dabei differenziert und klug und wägen unter Berücksichtigung aller… Nein, halt, da bringe ich was durcheinander. Ich muss da gerade an ein echtes anderes anspruchsvolles Qualitätsmedium gedacht haben.

Was faz.net wirklich schreibt, klingt so:

„In einer Zeit, in der Kunst, Religion und moralische Ernsthaftigkeit im Westen aus der Mode gekommen sind, ist die Technik zum Opium des Volkes geworden.“

„Das Buch – das traditionelle Buch, ein richtiges Buch – ist […] die vollkommenste Errungenschaft in der langen Geschichte menschlicher Gestaltung[…]“

„Das E-Book steht für Billigkeit, Effizienz und fässerweise Informationen, die wir herunterstürzen, aber nicht Glas für Glas genießen können.“

„Elektronische Bücher kann man nicht in den Mülleimer schmeißen, doch verwirklichen sie nun das höchste Ideal der Wegwerfbewegung: den künstlerischen und menschlichen Wert der Objekte, mit denen wir umgehen, auf null zu reduzieren.“

„Und Bücher sind nicht nur nützlich, sondern auch schön. Nichts verleiht einem Zimmer so viel Wärme wie ein Bücherregal.“

Ich habe natürlich einiges weggelassen, aber meine Auswahl da oben gibt meiner Meinung nach Habitus und Grundhaltung des Artikels ziemlich umfassend wieder. Fällt euch auf, was diese Argumente da oben gemeinsam haben?

Richtig! Sie sind alle Bullshit. Ohne große Mühe könnte jede dieser Thesen da oben verwenden, um die Überlegenheit der Draisine gegenüber dem PKW zu belegen, oder die Vorzüge richtiger Briefe gegenüber E-Mails, oder die Zeitlosigkeit der Schreibmaschine.

Versteht mich nicht falsch, ich mag echte Bücher auch. Ich sehe auch, dass eBook-Reader für viele Leute gerade im Verhältnis zu ihrem Preis noch keine so überwältigenden Vorteile gegenüber ihren papierenen Gegenstücken bieten. Aber wer sich zu der Behauptung versteigt, das Buch sei nicht etwa nur eine, sondern schlichtweg die vollkommenste Errungenschaft menschlicher Gestaltung, und absolut nichts sei so ein fantastischer Dekorationsgegenstand wie ein Bücherregal, der muss sich vorhalten lassen, dass er wohl mal ein bisschen zu heiß gebadet wurde, und zwar nicht nur deshalb, weil es keinen Sinn ergibt, den Begriff „vollkommen“ steigern zu wollen.

Nebenbei: Hat eigentlich noch jemand das Gefühl, dass faz.net sich diesen Artikel von David Gelernter hat schreiben lassen, um hämisch rufen zu können: „Schaut mal, ihr blöden Nerds, die ihr uns nicht abonnieren wollt, weil ihr lieber Schwenzel und Niggemeier lest, sogar eure eigenen Leute finden Papier viel geiler als Bildschirm!“ Was qualifiziert denn sonst einen Professor für Computerwissenschaft zu einer Analyse des gestalterischen Wertes und der zukünftigen Marktchancen von Büchern?
(Ja, mir ist aufgefallen, dass es in dem Artikel vorgeblich gar nicht so sehr darum geht, echte Bücher über den grünen Klee zu loben und E-Reader zu dissen. Aber ich habe ihn gelesen, deshalb weiß ich es besser.)

Ich sympathisiere mit jedem Menschen, der sich keinen Kindle kauft, weil er lieber richtige Bücher in der Hand hält. Aber muss man denn deshalb gleich die gesamte Existenzberechtigung von eBook-Readern verneinen und das Buch zum Größten erklären, was die Menschheit je hervorgebracht hat? Nein, das muss man nicht. Das sollte man nicht einmal, weil man sich damit total lächerlich macht.

Taschenbücher kann man in der Wanne lesen, ohne Angst zu haben, dass 300 $ in Rauch auf gehen, wenn man sie mal fallen lässt. Taschenbücher kann man am Strand liegen lassen, während man schwimmen geht, ohne dass sie jemand klaut, und wenn doch, dann hält sich der finanzielle Schaden in Grenzen.
Reader kann man in nahezu jeder Position einhändig lesen. Sie sind (für mich) handlicher und leichter, unabhängig davon, wie dick das Gegenstück aus Papier wäre. Man kann mit ihnen jederzeit von unterwegs ein neues Buch kaufen oder einfach nur einen Auszug herunterladen, wenn man sich noch nicht sicher ist. Man kann sie einfach auf einen Tisch legen und muss sich nicht irgendwelche abenteuerlichen Konstruktionen ausdenken, damit sie nicht von selbst zuklappen, wenn man – wie ich – auch gerne mal beim Essen liest. Reader ermöglichen es, die enthaltenen Texte nach einzelnen Wörtern oder Sätzen zu durchsuchen, wenn man bestimmte Stellen noch einmal lesen möchte.
Mit großen, schweren Folianten kann man prima seine Wohnung dekorieren oder aufdringliche Vertreter in die Flucht schlagen. Zumindest letzteres geht allerdings mit hinreichend großen Readern auch.

So einfach wäre es gewesen: Es kommt wohl darauf an, was man vorhat. Ich zum Beispiel komme mit meinem Kindle wunderbar zurecht und möchte ihn nicht wieder hergeben. Alleine schon, weil ich damit Zeitungen lesen kann, ohne mich beim Umblättern immer wieder total zum Affen zu machen und beispielsweise im Zug mich selbst und meine Sitznachbarn permanent zu gefährden.

Der Artikel von Gelernter ist vom Niveau her ein Rant. Die können toll zu lesen sein, weil sie (fast) immer voller Leidenschaft und meistens auch noch lustig sind. Darunter leidet ihre Ausgewogenheit ein bisschen, aber das nimmt man in Kauf. Dieser hier schafft leider keins von beidem, weil er so tun will, als wäre er eine sachliche Analyse, und ist deshalb am Ende einfach nur dumm.