Hypothese als Diskussionsangebot

19. Februar 2019

Ich frage mich des Öfteren, wie es wohl in den Köpfen von Leuten die Jasper von Altenbockum aussieht, oder anderen Leuten, die wütend gegen sowas kämpfen wie gerechtere Sprache, oder vegane Ernährung, oder Feminismus, oder Gleichstellung homosexueller Partnerschaften, oder sowas halt. Die nicht nur faul und uneinsichtig sind (wie ich zu oft) sondern die wirklich aktiv und leidenschaftlich gegen Bemühungen um 1 bessere Gesellschaft arbeiten (wie ich hoffentlich etwas seltener). Ohne Argumente, und mit viel Blödsinn.

Ich stelle es mir ungefähr so vor, dass die sowas hören, und dann erkennen sie wie Herr von Altenbockum, dass es tatsächlich gute Gründe gibt, auch Nichtmänner sichtbar zu machen und zu berücksichtigen. Und dann denken oder vielleicht eher: spüren sie, dass das heißt, dass vieles, was sie selbst machen, nicht so gut ist. Und dass vieles, was sie früher gemacht und gesagt haben, nicht so gut war. Und das gefällt ihnen dann nicht, weil das ja heißt, dass sie sich und ihr Weltbild infrage stellen müssten. Und dann merken sie, dass sie ihre Position aber nicht so richtig sachlich-rational begründen können. Und das ist sehr unbequem, denn wer will gerne irrational sein, und im Unrecht, und so geht das doch nicht.

Und daher die Wut.

Ich weiß, man soll nicht psychologisieren, gerade wenn man wie ich keine Ahnung von Psychologie hat.

Aber dieses Modell, diese Erklärung scheint mir geradezu entgegenzuspringen aus Texten wie dem von Herrn von Altenbockum, und ähem gewisser KommentatorInnen im Internet.

Nun ist das natürlich auch 1 bekannter psychologischer Mechanismus, dass 1 oft die Erklärung, die die eigene Position bestätigt, geradezu entgegenspringt. Vielleicht sollte es mir zu denken geben, dass es mir so vorkommt, als wüssten die anderen Eigentümer schon, dass sie Unrecht haben.

Echt jetzt?

Deshalb schreibe ich das aber auch hier. Damit ihr mir sagen könnt, ob ihr auch den Eindruck habt oder vielleicht mehr drüber wisst oder sogar Studien kennt oder so.

Was meint ihr?


Der Ruf nach Gerechtigkeit

23. Juli 2013

Wenn irgendwo ein Philosoph zu Wort kommt, ist das für mich immer ein Grund, die Ohren zu spitzen, denn das ist nach meiner Erfahrung ein Garant für ganz großen Stuss, der sich hier in meinem verbitterten Häme- und Hassblog dankbar auseinander nehmen lässt. In Ermangelung von Freunden, Träumen oder anderen lohnenden Lebensinhalten setze ich mich dann mit dem Text des Philosophen hin und arbeite kleinlich und verbissen heraus, wo er sich unscharf ausgedrückt hat und wo ich mit ihm nicht einverstanden bin. Ich weiß mit den Stunden meines Lebens eh nichts Besseres anzufangen.

Klingt nach Spaß? Dann an mein Herz, verwandte Seele, lass uns hinter den Trennstrich verschwinden uns uns etwas Gemütlicheres anziehen … Den Rest des Beitrags lesen »


Die Aufgabe der Politik

1. Januar 2013

Ich habe jetzt zum ersten Mal diese Kolumne gelesen, die Jakob Augstein auf Spiegel.de schreibt, weil ich mir dachte: Warum nicht?

Es war eine gute Idee, denn meine Frage wurde umfassend beantwortet.

Warum werden die Reichen reicher und die Armen ärmer? Das ist eine Kinderfrage. Aber sie liegt am Grunde der Politik.

Schon am Einstieg finde ich wieder diese Merkwürdigkeiten, die mir in letzter Zeit so oft auffallen, dass ich mich frage, ob es an mir liegt. Vielleicht könnt ihr es mir ja sagen. Bin ich zu schwer von Begriff? Stelle ich mich vielleicht sogar unnötig dumm, weil sich mir schon beim Titel „Im Zweifel links“ die Nackenhaare aufstellen? Falls ja, könnt ihr mir vielleicht erklären, warum das eine Kinderfrage ist, was das überhaupt heißen soll, und was er meint, wenn er schreibt, sie liege „am Grunde der Politik“. Falls es tatsächlich stimmt, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden, sehe ich nicht, wieso nur Kinder sich dafür interessieren sollten, woran das liegt. Und sicher, mir ist schon klar, dass er mit dem dritten Satz ausdrücken will, die Frage sei wichtig. Aber wieso liegt sie am Grunde? Was am Grunde von irgendwas liegt, zeichnet sich nicht unbedingt durch Bedeutung aus, es ist einfach versunken und nur mühselig wieder hinauf ans Tageslicht zu holen. Meint er das vielleicht? Hm.

Egal.

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Good at running to Washington

14. August 2012

Das Bundesland Hamburg beabsichtigt offenbar, einen Staatsvertrag mit drei islamischen Verbänden schließen, und während ich wohl prinzipiell nichts gegen diese Idee habe, auch wenn ich mir als islamischer Verband vielleicht zu schade wäre, mit so einer verkommenen Bande wie den Hamburger Politikern Verträge zu schließen, finde ich doch einiges in diesem FAZ-Bericht, den ich darüber gelesen habe, etwas sonderbar. Es geht ziemlich am Anfang schon los:

Danach sollen an staatlichen Schulen künftig auch muslimische Lehrer das Fach Religion unterrichten dürfen. Der Hamburger Religionsunterricht […] wird […] von der evangelische Kirche verantwortet. Das soll so bleiben

Da möchte man als Freund eines aufgeklärten Rechtsstaates doch schon gleich verzweifeln, oder nicht? An einer staatlichen Schule wird der Unterricht in einem Fach von einer Gemeinschaft bestritten, die ein bestimmtes Bekenntnis in Bezug auf dieses Fach vertritt. Es war bisher offenbar nicht erlaubt, dass jemand dieses Fach unterrichtet, der dieser Gemeinschaft nicht angehört. Jetzt soll Angehörigen einer einzigen von den zehntausend anderen Gemeinschaft ebenfalls gestattet werden, dieses Fach zu unterrichten, aber natürlich weiterhin unter der Ägide der ersten Gruppe.

Ehrlich jetzt. Ich weiß, dass meine Entrüstung vielleicht ein bisschen künstlich rüberkommt, weil wir alle schon lange wissen, dass Religionsunterricht in Deutschland nun mal von den christlichen Kirchen veranstaltet wird, aber ich habe mit dem Thema so selten Kontakt, dass es mich jedes Mal wieder wie ein Schlag trifft. Ich weiß, Schüler können sich weigern, an diesem Unterricht teilzunehmen, aber trotzdem: Wie doof ist denn das?

Man stelle sich vor, der Politikunterricht würde ausschließlich von der CDU organisiert und abgehalten, und ein Bundesland wollte es uns jetzt als großen Fortschritt verkaufen, dass in Zukunft auch Parteiangehörige der FDP unterrichten dürfen, wenn auch natürlich weiterhin verantwortet vom großen Koalitionspartner. Oder man stelle sich vor, Biologieunterricht dürfte ausschließlich von Lyssenkoisten erteilt … Ihr habt das Prinzip verstanden? Okay, bitte um Entschuldigung. Weiter.

Der Vertrag sieht außerdem vor, dass einige muslimische Feiertage […] künftig in Hamburg wie kirchliche Feiertage behandelt werden. Arbeitnehmer haben dann ein Recht auf einen freien Tag, müssen die Zeit aber nacharbeiten oder Urlaub nehmen.

Noch so’n Ding.

Ich muss zugeben, dass der Begriff „kirchliche Feiertage“ nicht so ganz eindeutig ist, aber ich wage erst einmal die Behauptung, dass das keine Gleichbehandlung ist. An den großen kirchlichen Feiertagen (Ostern, Pfingsten, Himmelfahrt, ihr wisst schon) müssen Arbeitnehmer nicht Urlaub nehmen oder nacharbeiten. Sie haben frei. Punkt. (Übrigens, wenn ich kurz zwischendurch auch noch mal den Libertären raus lassen darf: Sympathische Idee, einen Vertrag zu verhandeln, in dem man Dritten (hier: Arbeitgebern) Pflichten auferlegt, ohne diese auch nur zu beteiligen. Stay classy, Hamburg!) Lügt hier die FAZ? Oder hat  Hamburg die FAZ belogen, und die haben das einfach übernommen? Bin ich zu pingelig, und es sind eben die nichtgesetzlichen kirchlichen Feiertage gemeint? Macht es überhaupt einen Unterschied? Und warum nur einige muslimische Feiertage? Wenn es keine gesetzlichen Feiertage sind, warum nicht alle? Die christlichen Kirchen dürfen doch auch nicht nur einige ihrer Feiertage als nicht gesetzliche kirchliche Feiertage deklarieren, oder?

Über die genaue Ausgestaltung des Religionsunterrichts muss allerdings weiterverhandelt werden, der Vertrag gibt dafür fünf Jahre Zeit.

Im Vergleich zu den anderen Sachen vielleicht eine Kleinigkeit, aber doch: Laut diesem FAZ-Artikel hat die Stadt Hamburg bereits fünf Jahre mit den Verbänden verhandelt. Und jetzt ist dabei ein Vertrag rausgekommen, der vorsieht, dass über einen der wichtigsten Kernpunkte „weiterverhandelt werden“ muss. Das mag jetzt in diesem Kontext leicht unpassend wirken, aber: Jesus Christus! Bloß gut, dass diese Leute nie in die Lage geraten werden, schnell wichtige Entscheidungen treffen zu müssen.

Hamburg will sich zudem dafür einsetzen, dass die muslimischen Verbände auch einen Sitz in den Rundfunkgremien erhalten. 

Gaahh! Warum? Was haben Vertreter religiöser Organisationen in Rundfunkgremien verloren? Sollten da nicht Leute sitzen, die was von Rundfunk verstehen? Zur Sicherheit: Ich habe nichts dagegen, dass religiöse Menschen solche Gremien bevölkern. Ich begreife bloß nicht, wie man auf die Idee kommt, jemand müsse da Mitglied sein, weil er einer bestimmten Religion angehört. Und was ist mit Juden, Scientologen, Hindus und Buddhisten, Skeptikern, Jedis und Zwölfgöttergläubigen?

Für den gemeinsamen Religionsunterricht an staatlichen Schulen ist festgelegt, dass sich die evangelische Kirche und die muslimischen Gemeinden gleichberechtigt die Verantwortungen für dieses Fach teilen.

Bäh… däh… äh… Was? Stand da nicht irgendwo anders, dass die evangelische Kirche den Unterricht verantwortet, und dass das so bleibt? Wie ist es denn jetzt richtig? Ich weiß es leider nicht, und konnte es auch nicht herausfinden. Auch in anderen Berichten habe ich dazu keine klare Auskunft gefunden.

Fassen wir zusammen: Die Stadt Hamburg will mit einigen muslimischen Verbänden einen Vertrag schließen, der Muslime zwar nicht fair behandelt, und bei weitem nicht so gut wie die evangelische Kirche, aber doch immerhin noch ein bisschen besser als alle übrigen Glaubensgemeinschaften, die nach wie vor gar keine Sonderrechte bekommen, und unsere Qualitätsjournalisten, die sich schon unbändig auf ihre eigenen blödsinnigen Sonderrechte freuen, kriegen es nicht gebacken, einen informativen oder wenigstens in sich konsistenten Artikel darüber zu verfassen.

Und das unter Umständen Traurigste an der ganzen Sache ist, dass wir alle wissen, worum die Diskussion sich drehen wird: Islamisierung! Christliche Tradition! Abendländische Werte! Sharia! wird die eine Seite rufen, und die andere Seite wird von Gleichberechtigung und Integration reden, und kaum jemand davon, dass hier mal wieder jemand die Staatsgewalt nutzt, um sich Privilegien zu verschaffen und dass es ganz egal ist, ob das Christen sind, Muslime, Scientologen, Männer, Frauen, Konzerne oder Verbraucher oder Presseverlage.

Es sind die Privilegien an sich, die unserer Gesellschaft schaden und den Rechtsstaat aushöhlen.


This land is your land

24. April 2012

Dem einen oder anderen mag aufgefallen sein, dass ich politisch ziemlich weit in die liberale Ecke gehöre. Sogar mit den Ideen Ayn Rands habe ich eine gewisse Sympathie bekundet, auch wenn Objektivismus natürlich Blödsinn ist. Ich könnte insofern dem folgenden Video zu Voluntaryismus ziemlich vorbehaltlos zustimmen, wenn da nicht ein Problem wäre, das auch ich immer noch als größten Schwachpunkt in meiner eigenen Philosophie sehe: Das Privateigentum.

Das Video lehrt uns, dass Eigentum nur auf zwei Arten erworben werden kann: Durch ursprüngliche Aneignung („original appropriation“) und durch freiwillige Übertragung. Mit letzterem werden wohl sogar die eher links tendierenden Leser kein Problem haben, aber ersteres ist natürlich viel leichter gesagt als wirklich geklärt. Ursprüngliche Aneigung. Was soll das sein, und wie soll das gehen?

Die Verteilung von Eigentum war schon immer der Kritikpunkt der Linken, den ich am besten verstehen konnte. Wer heute viel und wenig hat, steht sicherlich auch in einer gewissen Beziehung zu Leistungen, denn viele haben ihren Reichtum in jedem denkbaren Sinne verdient. Aber zu einem großen Teil ist Reichtum in unserer Gesellschaft einfach historischem Zufall zu verdanken. Wessen Vorfahren reich waren, der ist es immer noch, wenn er sich nicht zu dumm anstellt, und ob seine Vorfahren den Reichtum nun anständig erworben oder zusammengeraubt haben (*Räusper*britisches Königshaus*Hust*), spielt kaum eine Rolle.

Das ist in der Tat schwer zu rechtfertigen, aber auch ohne sich in die Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft zu vertiefen, ist das mit dem Eigentum von Anfang an problematisch.

Man stelle sich den Beginn der menschlichen Gesellschaft vor. Einzelne Urzeitler ziehen über endlose Steppen und Wälder, und irgendwann wirft jemand sich zu Boden krallt sich in die Erde und ruft: „Meins!“

Ist es das schon? Gehört ihm jetzt der Boden? Wie viel davon? So viel, wie er tragen kann, so viel, wie er sehen kann, oder so viel, wie er mit Gewalt verteidigen kann? De facto wissen wir, welche Alternative zur Geltung kam, aber hier reden wir ja darüber, was die ethisch richtige Methode zur Zumessung von Eigentum wäre.

Was ist Eigentum überhaupt? Das Recht, eine Sache exklusiv zu nutzen und andere von ihrer Nutzung auszuschließen. Das Recht, über eine Sache zu verfügen. Eigentum ist also nicht einfach nur ein Ausdruck von Freiheit. Es ist das Recht, die Freiheit anderer einzuschränken. Hier darfst du nichts pflanzen. Den Rasen nicht betreten. Finger weg.

Und diesem Problem stehe ich derzeit noch ziemlich ratlos gegenüber. Wem gehört Land? Wem gehören Bodenschätze, wem gehört das Wasser und die Luft? Wem gehört mein Auto, wem gehört meine Kleidung, und wem gehört mein Körper?

Na gut, dass jeder Eigentum an seinem eigenen Körper hat, finde ich noch einigermaßen selbstverständlich, aber da hört es dann auch schon langsam auf. Die einzig vernünftige Methode, die mir spontan einfällt, wäre eine freiwillige Einigung aller Menschen, aber wenn ich mir das mal in der praktischen Umsetzung vorstelle, kommen mir doch schon wieder Zweifel an der Kategorie „vernünftig“. (Mit Eigentum an anderen empfindungsfähigen Lebewesen will ich mal gar nicht anfangen, da kommen noch ganz andere Problem dazu.)

Das ist übrigens kein exklusives Problem einer liberalen Vorstellung von Politik. Ich finde auch keine Methode, wie Eigentum sich mittels staatlichen Zwangs vernünftig zuteilen lässt, und das kommunistische Modell ist erstens auch auf Produktionsmittel beschränkt und damit unvollständig, und zweitens ist die Zuweisung von Eigentum zum Staat per se in meinen Augen keine bessere Lösung als die Zuweisung zu Angela Merkel oder Bill Gates. Das Problem ist so offensichtlich, dass jede Menge Gedanken dazu herumschwirren, aber ich kenne bisher keinen wirklich hilfreichen.

Vielleicht ist es sogar die pragmatischste und beste Lösung, die nun einmal bestehenden Eigentumsverhältnisse einfach zu lassen wie sie sind und von da aus aber mit einem gerechten System (also nur noch freiwilliger Veräußerung) zu arbeiten. Wenn jede Verteilung irgendwie willkürlich ist, kann man sich die Mühe der Umverteilung ja sparen und die Leute einfach machen lassen. Nur ein Schelm könnte auf die Idee kommen, dass mir das auch deshalb ganz plausibel erscheint, weil ich im Verhältnis zur überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung dieses Planeten eine sehr großzügige Portion Wohlstand abbekommen habe.

Wie seht ihr das? Kennt ihr einen Ansatz, den ihr für praktikabel haltet? Kennt ihr eine Denkerin, die eine gute Lösung gefunden hat oder habt ihr sonst irgendwas zu meiner eigenen Einfallslosigkeit beizutragen?

Nur zu. Die Kommentarspalte ist nach unten offen.


Einfach nur, um TakeFive zu ärgern

27. September 2011

Ziemlich wörtliche Wiedergabe eines Gesprächs zwischen mir und einem Christen:

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Best served cold

29. Juli 2011

Ich hab’s ja nicht so mit den großen Emotionen, aber wenn ich dazu neigte, hin und wieder schockiert zu sein, dann wäre ich es nach der Lektüre dieses Kommentars in der New York Times vielleicht gewesen.

 Justice? Vengeance? You need both

Moment, was? Beides? Zugleich?

Für mich sind das Gegensätze. Aber wir wollen nicht vorschnell urteilen. Wir wollen nicht intolerant sein. Lassen wir ihn erkläen, was er meint:

Norway does not allow for capital punishment, and the longest prison sentence a killer can usually receive there is 21 years. A country of such otherwise good fortune and peaceful intention is now unprepared — legally and morally —to deal with such a monstrous atrocity.

[…]

Americans have spent several recent weeks in a vengeful fury over the acquittal of Casey Anthony, who partied for an entire month while her 2-year-old daughter, Caylee, was supposedly missing but might have actually been murdered — by Ms. Anthony. 

[…]

The inadequacy of legal justice is one thing, its outright failure is quite another. But in both cases the attraction of a nonlegal alternative is a powerful one. Are these vengeful feelings morally appropriate? The answer is yes[…]“

Äh… Nein. Ich will mich mal unnötig starker Worte enthalten, aber was Herr Rosenbaum da schreibt, ist falsch. Er verwischt den Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Rache, den zwischen Schadenersatz und Strafe, und wenn er schon mal dabei ist, auch noch den zwischen verständlicher emotionale Reaktion und gesellschaftlich akzeptablem Verhalten.

Und falls jemand spitzfindig sein will: Ja, er spricht nur von den Gefühlen, und an denen ist moralisch in der Tat nichts auszusetzen. Die sind moralisch vollkommen neutral. Aber das ist nicht, was er meint. Ich bin nicht ganz sicher, was genau er meint. Vielleicht weiß er das nicht einmal selbst. Aber es scheint nichts Gutes zu sein, und seine Argumentation ist passend dazu plump und unaufrichtig:

Seeing someone receive his just deserts often feels righteous and richly deserved, and yet society regards vengeance as primitive and barbaric.

Ich nenne diese nervige kleine Spielerei „die Magie der Konjunktionen“, und wer sie benutzt, hat schon mal eine Menge Minuspunkte auf meiner Sympathieskala gesammelt. „and yet“? Wieso denn „and yet“? Herr Rosenbaum will damit ausdrücken, dass da ein Widerspruch steckt, aber in dem, was er geschrieben hat, steckt keiner. Erstens setzt er sein angestrebtes Ergebnis (nämlich, dass Gerechtigkeit und Rache im Prinzip austauschbare Begriffe sind) schon voraus, um diesen scheinbaren Widerspruch aufzubauen. Zweitens tut er so, als könne etwas, das sich gut anfühlt, nicht primitiv und barbarisch sein. Ich muss nicht erklären, was an dieser Prämisse nicht stimmt, oder?

John Foreman, the [murdered] boy’s father, now faces the prospect of bumping into his son’s murderer in their small town. On learning of Mr. Woodmansee’s impending parole, Mr. Foreman said, “If this man is released anywhere in my vicinity, or if I can find him after the fact, I do intend to kill this man.”

Such statements of unvarnished revenge make many uncomfortable. But how different is revenge from justice, really?

Wahrscheinlich wollt ihr das gar nicht so genau wissen, aber das ist die Stelle, an der mir zum ersten Mal beim Lesen der New York Times richtig schlecht wurde. Rosenbaum sagt es nicht ausdrücklich. Er arbeitet mit dieser perfiden Fragetechnik, die zum Beispiel auch unser nationales Organ der Niedertracht gerne nutzt. Aber für mich ist offensichtlich, dass er hier erstens Totschlag aus Rache gutheißt, und dass er zweitens behauptet, es gäbe keinen Unterschied zwischen Rache und Gerechtigkeit.

Seid ruhig ehrlich: Bin ich überempfindlich, oder ist das so widerwärtig, wie es mir vorkommt?

Justice requires that no less than an eye can be taken in retaliation for a lost eye, but no more than an eye either.

Okay. Jetzt kann ich nicht mehr. Ich wollte eigentlich noch mehr über diesen Artikel reden, aber jetzt höre ich doch lieber auf. Es ist zu billig, die Defizite in einem Text aufzuzeigen, der ernsthaft „Auge um Auge“ als den ultimativen Maßstab von Gerechtigkeit propagiert. Überlassen wir also Thane Rosenbaum der Würdelosigkeit seines moralischen Analphabetismus und wenden wir uns stattdessen kurz dem Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Rache zu.

Das Thema ist natürlich komplex, und Gerechtigkeit ist einer dieser Begriffe, denen so ziemlich die ganze Menschheit seit ihrem Anbeginn nachjagt, ohne ihrer jemals ganz habhaft zu werden. Ich bitte deshalb um Nachsicht, falls es mir nicht ganz gelingen sollte, die Sache umfassend zu klären.

Gerechtigkeit strebt nach einem idealen Ausgleich zwischen den Interessen und Freiheitsrechten der einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft. Das Ziel eines rationalen Strafrechts ist nicht Rache, ist nicht die Befriedigung des Blutdurstes der Zuschauer. Ein gerechtes, rationales Strafrecht dient dazu, die Gesellschaft und ihre einzelnen Mitglieder zu schützen. Es erreicht dieses Ziel auf mehreren Wegen. Es hält Menschen davon ab, Straftaten zu begehen, indem es unerfreuliche Konsequenzen bereithält. Es schützt die Gesellschaft vor Straftätern, indem es sie einsperrt. Es resozialisiert Straftäter, indem es ihnen erstens verdeutlicht, dass die Gesellschaft es nicht hinnimmt, wenn man ihre Regeln bricht, und indem es sie zweitens lehrt, wie man sich an diese Regeln hält und warum das für alle eine gute Sache ist. (Ja, ich schildere hier einen utopischen Idealfall. Ich weiß.)

Rache ist etwas völlig anderes. Rache dient der Befriedigung eines irrationalen Verlangens. Wenn ich Schmerzen empfinde, dann werde ich wütend, und ich will jemandem dafür wehtun. Rache fragt eben nicht nach Gerechtigkeit, Rache fragt nicht nach Schuldfähigkeit, nach mildernden Umständen oder nach dem Sinn. Rache ist Wut und Hass und Blutdurst, sie ist blind und taub und egoistisch, und wehe denen, die das zur Grundlage ihrer Vorstellung von Gerechtigkeit machen wollen.

Ich weiß nicht, was mit Thane Rosenbaum und Menschen wie ihm los ist, die den Unterschied zwischen diesen beiden Konzepten nicht erkennen. Ich weiß nicht, was die Verantwortlichen bei der New York Times bewegt hat, einen solch unerträglichen Unfug zu veröffentlichen. Ich hätte gehofft, dass die Menschheit schon ein bisschen weiter ist. Und ich hoffe inständig, dass wir klug genug sind, nicht auf die Stimme des Blutdurstes zu hören, sondern auf Gutmenschen wie diese:

Wir stehen vor einer Wahl. Wir können das Geschehene nicht ungeschehen machen. Aber wir können uns entscheiden, was es mit uns als Gesellschaft und als Einzelnen macht.
(der norwegische Kronprinz Haakon)

[W]ir werden nie unsere Werte aufgeben. Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit.
(der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg)