Ich werde in dem gesamten Artikel keine einzige Bemerkung zu ihrem Äußeren machen. Ehrenwort.

23. Juni 2011

Ich fühle mich im Wesentlichen aus zwei Gründen verpflichtet, zur causa Koch-Mehrin Stellung nehmen, obwohl eigentlich alles dazu gesagt ist: Erstens, weil ich damals bei der Guttenberg-Sache daneben lag und erst viel zu spät die Tragweite der Angelegenheit richtig erkannt habe. Und zweitens, weil ich im allerallerweitesten Sinne ein FDP-Sympathisant bin. Um diese beiden Fehler ausgzugleichen, möchte ich diese Gelegenheit nutzen, völlig hemmungslos überzureagieren.

Zur Sache: Ich nehme das alles nicht ganz so schwer wie Anatol Stefanowitsch, aber das liegt nicht daran, dass ich ihm irgendwo inhaltlich widersprechen würde, sondern wohl eher daran, dass mein Bezug zur universitären Arbeit ein völlig anderer ist. Trotzdem werden auch mir diverse Körperflüssigkeiten flockig, wenn eine exponierte erfahrene Politikerin es nicht nur nicht auf Reihe bekommt, trotz nur wenige Monate zurückliegenden idealtypischen Vorbilds, wie man es nicht machen sollte, vernünftig auf den Plagiatsvorwurf zu reagieren, sondern sogar noch die atemberaubende Unverschämtheit findet, anderen Leuten ihre eigene Faulheit, Unehrlichkeit, Rückgratlosigkeit und Dummheit vorzuwerfen:

Zur guten wissenschaftlichen Praxis gehört es, in einer Doktorarbeit ordentlich zu zitieren.

Zur guten wissenschaftlichen Praxis gehört es aber sicher auch, eine vorgelegte Arbeit ordentlich zu prüfen.

[…]

Der Promotionsausschuss hat mir im Jahr 2000 in voller Kenntnis aller eklatanten Schwächen meiner Arbeit den Doktortitel verliehen.

Heute sieht der Promotionsausschuss das anders.

Diese Entscheidung bedauere ich außerordentlich […] Ich werde prüfen lassen, ob sie rechtswidrig ist.

Sogar wenn man mal völlig außen vor lässt, dass eine derartige Unfähigkeit, mit eigenen Fehlern angemessen umzugehen, von einem bedauerlich unterentwickelten Gefühl zeugt für Anstand und Respekt vor der Öffentlichkeit, für die man tätig zu sein vorgibt, und nur den pragmatisch-eigennützigen Aspekt berücksichtigt, ist das immer noch eine erbärmlich ungeschickte Reaktion.

Wie enthoben jeglicher Realität muss man eigentlich sein, um heute immer noch nicht begriffen zu haben, wie man damit umgehen sollte, wenn man öffentlich berechtigt eines nachweisbaren Fehlverhaltens beschuldigt wird?

Man kann es in jedem Ratgeber nachlesen, jeder Spin-Doctor und jeder PR-Berater wird es einem bestätigen, und die Medien sind buchstäblich voll von negativen und positiven Beispielen: Man gesteht den Fehler ein, man bittet um Verzeihung, man bedauert ihn, und man zieht irgendwelche Konsequenzen, die nicht mal besonders dramatisch sein müssen. Wenn man nicht gerade mehrere Kinder vergewaltigt hat (und für manche von uns sogar dann) ist die Sache damit erledigt, und man kann sich vor lauter Respekts- und Hochachtungsbekundungen gar nicht mehr retten.

Frau Koch-Mehrin hat es stattdessen vorgezogen, anderen Leuten die Schuld zu geben, ihr eigenes Versagen abzustreiten und und sich vom Europäischen Parlament in den Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie entsenden zu lassen. Und dazu würde ich nun gerne doch noch mal Herrn Stefanowitsch zitieren:

Nur, falls es jemand immer noch nicht verstanden hat: Deutschland wird im Forschungsausschuss des Europaparlaments durch eine überführte wissenschaftliche Betrügerin repräsentiert.

[…]

Aber (und wenn ich die Bibel zitiere, dann ist die Lage wirklich ernst) wer den Wind sät, muss Sturm ernten — einen andauernden, unablässigen, unnachgiebigen Shitstorm, der nicht zu blasen aufhört, bis ihr wenigstens so tut, als ob ihr die Verantwortung für euer Handeln übernehmt.

Hihi, er hat „blasen“ gesagt… Verzeihung. Wo waren wir? Ach ja.

Dies ist mein kleiner Beitrag zu besagtem Shitstorm. Nicht, dass er helfen wird, aber ich fühle mich zumindest besser deshalb. Und das ist doch auch schon mal was.

Nachtrag, 27. Juni 2011: Frau Koch-Mehrin hat gestern, am 26. Juni, auf ihre Position in dem Ausschuss verzichtet. Hätte nicht erwartet, dass sie auf mich hört, und bin jetzt entsprechend angenehm überrascht.


Ha! Jetzt haben wir ihn!

17. Februar 2011

Sicher könnt ihr es jetzt schon kaum erwarten, endlich zu erfahren, was ich über Guttenbergs Dissertation denke. Tja, gute Nachrichten: Ich werd’s euch jetzt verraten.

  1. Als jemand, der gerade selbst eine Dissertation geschrieben hatschreibtgeschrieben hatschreibtgeschrieben hatschreibt was auch immer, wünsche ich ihm natürlich die Pest an den Hals, und die Pocken, und Mumps, und Krebs, und ein Leben lang schlechten Sex. Ich bin selbst unanständig faul, und sicher finden sich in meiner Arbeit auch haufenweise Fehler und schlechte Zitierungen, aber wer mehrere Seiten von anderen einfach kopiert, ohne sie als Zitate zu kennzeichnen, und dann trotzdem damit durchkommt und summa cum laude abschneidet, der gehört nicht nur bestraft, sondern sollte fürderhin gezwungen sein, irgendeinen schändlichen Titel zu seinem Namen zu führen wie „Möchtegerndoktor“ oder „Rrrrrraubkopierrrerr“, oder sowas. Ich habe Jahre darauf verwendet, dieses blöde Ding auf ehrliche Weise fertig zu stellen, und ich missgönne einfach jedem sein Glück, der das nicht nötig hatte.
    Irgendeine kleine Strafe verdient übrigens jeder, der summa cum laude abschneidet, ganz egal, wie er das angestellt hat.
  2. Als jemand, der Herrn Guttenberg einfach nicht besonders leiden kann, empfinde ich eine gewisse verhaltene Schadenfreude darüber, dass er beim Schummeln erwischt wurde. Alleine schon für die Mitgliedschaft in der CSU gehört er bestraft, und seine Äußerungen damals zu von der Leyens lustigem Netzsperrentheater machen den Sack zu. Guttenberg hätte es sogar dann verdient, als Plagiator dazustehen, wenn er keine wäre. Immer drauf!
  3. Als Staatsbürger ist mir die Sache piepegal. Hat er eben bei der Zitation geschlampt oder gemogelt. Hat er eben seine Fähigkeit zum vertieften wissenschaftlichen Arbeit nicht unter Beweis gestellt. Hat er es eben auf Nachfrage nicht sofort zugegeben.
    Was davon soll ihn als Minister oder Bundeskanzler disqualifizieren?
    Ich kann kaum sagen, wie es mir auf den Geist geht, dass die Leute immer völlig entsetzt reagieren, wenn sich herausstellt, dass Politiker Menschen sind wie wir alle.
    Den Ersten, der jetzt seinen Rücktritt fordert, bezeichne ich schon mal prophylaktisch unbekannterweise als bornierten Wichtigtuer, und für die, die ihm nachfolgen, lasse ich mir beizeiten auch noch was einfallen.
  4. Und als ganz Unbeteiligter finde ich die Sache einfach rundum unbegreiflich, zum Mitoffenemmunddastehenundstaunen. Was hat er sich denn dabei bloß gedacht? Ich meine, es sind ja nur ein paar Seiten von 475. Es ist nicht so, als hätte er es ohne die geklauten Textstellen nicht geschafft. Es ist mutmaßlich nicht mal so, dass seine Note gelitten hätte. Es ist garantiert nicht so, dass es einen nennenswerten Aufwand bedeutet hätte, die Sache regelkonform zu machen. Ein paar Stunden wären großzügig geschätzt. Was war da denn los?
    Man weiß es nicht.

Nachtrag, 21. Februar 2011: Nachdem wir wohl so allmählich anfangen können, es als Tatsache zu betrachten, dass mit der Dissertation erheblich mehr nicht stimmt, als ersten berichten zu entnehmen war, wird es Zeit, dass ich auch meine Meinung neu ordne: Rätselhaft ist jetzt natürlich gar nichts mehr, offenbar wurde da ganz hundsgewöhnlich geschummelt. Und Rücktrittsforderungen halte ich zwar auch angesichts der beharrlichen Weigerung von Herrn Guttenberg, zur Wahrheitsfindung beizutragen, nicht unbedingt für geboten, aber ich ziehe die These zurück, dass man dafür beschimpft gehört, sie zu erheben.

Wir dürfen gespannt sein, was noch kommt. Vielleicht sind seine Kinder ja auch nicht von ihm. Oder so.


Luftschlager

16. Dezember 2009

Unser cooler Baron Verteidigungsminister hat ein bisschen Ärger wegen eines kleinen Luftschlags. Das kuschelige kleine Blog „überschaubare Relevanz“, das, wenn es groß ist, auch mal so investigativ werden will wie Der Postillon oder Spiegel Online, wollte hierzu ein Interview mit Herrn von und zu Guttenberg. Dieser erklärte sich jedoch nicht dazu bereit, vielleicht auch, weil ihn niemand gefragt hat, deshalb haben wir uns einfach eins ausgedacht:

[picapp align=“none“ wrap=“false“ link=“term=Guttenberg&iid=7395348″ src=“c/6/7/1/Pressure_Builds_on_f1ca.jpg?adImageId=8386040&imageId=7395348″ width=“500″ height=“366″ /]

üR: Herr von und zu Guttenberg – Oder darf ich einfach Wilhelm sagen? – wir sind verwirrt. Wie ist es denn nun zu dem Angriff auf die Tanklaster in Afghanistan gekommen, und wer trägt die Verantwortung dafür?
Guttenberg: Waah! Nennen Sie mich bloß nicht Wilhelm, sonst geht diese unselige Wikipedia-Debatte von vorne los. Ich kann das nicht mehr hören. Sylvester ist doch nett.
üR: Wie Sie wollen.
Guttenberg: …
üR: Äh, und die andere Frage?
Guttenberg, sich räuspernd: Wieso, welche andere Frage?
üR, leicht ungeduldig: Wer trägt die Verantwortung für den Tod mehrerer Zivilisten bei dem Angriff auf einen Tanklastzug in Afghanistan, den Sie selbst inzwischen auch als militärisch nicht angemessen bezeichnet haben?
Guttenberg: Ach so, ja, die Frage, natürlich. Verzeihen Sie bitte, die hatte ich ganz vergessen. Ein sehr peinlicher Fehler, insbesondere, weil man es als Versuch auffassen könnte, diese eher unangenehme Frage zu umgehen, und ich versichere Ihnen, dass mir nichts ferner läge.
üR: …
Guttenberg: …
üR: Herr von und zu Guttenberg, ich schreie gleich.
Guttenberg: Sylvester. Wieso?
üR, schreiend: Weil Sie die Frage immer noch nicht beantwortet haben!
Guttenberg: Ach ja. Wie lautete… [erschrocken:] Schon gut, schon gut, setzten Sie sich bitte wieder hin. Also, die Frage: Ich kann Ihnen versichern, dass ich mich in meiner Funktion als Verteidigungsminister hier zu 100% vor meine Soldaten Stelle. Unsere Männer – und Frauen – in Afghanistan tun in vorbildlicher Weise ihre Pflicht und verdienen dafür unsere volle Unterstützung. Ich bewundere diese Menschen, die ihre Pflicht erfüllen, für ihr Vaterland und für die hilfsbedürftige afghanische Bevölkerung, und dabei bereit sind, ihre eigene Sicherheit und Gesundheit aufs Spiel zu setzen.
üR, mit zuckendem rechtem Augenlied und pochender Schläfenader: Und wer träg nun die Verantwortung?
Guttenberg: Wie ich schon sagte, ich stelle mich da vor meine Leute. Als Minister nehme ich selbstverständlich die Offiziere in Schutz, die hier schwierigste Entscheidungen in Sekundenbruchteilen zu treffen haben. Schuld ist alleine Oberst Klein.
üR: [Betretenes, leicht ungläubiges Schweigen]
Guttenberg: Also was denn jetzt, stellen Sie mir noch eine Frage oder was?
üR: Natürlich, Verzeihung. [Kramt einen böse zerknitterten Notizzettel aus der Hosentasche] Äh… Naja… Also, Oberst Klein ist an allem Schuld?
Guttenberg: Genau.
üR: Ganz alleine?
Guttenberg: Jup.
üR: Oberst Klein hat also einfach kraft eigener Herrlichkeit seine Einsatzregeln ignoriert und unter Missachtung des Bundestagsmandats mit frei erfundenen Gründen (”Troops in contact”) einen Luftangriff angefordert, um ein paar Taliban zu töten, wobei er billigend in Kauf genommen hat, dass unschuldige Menschen sterben?
Guttenberg: Ich schätze, so muss das gewesen sein.
üR: Oh. Na gut. Und was passiert dann jetzt mit dem?
Guttenberg: Gar nichts, wieso?
üR: Keine Sanktion?
Guttenberg: Nein. Das gehört sich nicht.
üR: [Lacht ein bisschen verstört.] Ach so, klar, dumm von mir. Und warum schätzen Sie, müssten Sie das nicht wissen?
Guttenberg: Naja, ich habe von der ganzen Sache natürlich keine Ahnung.
üR: Wie jetzt?
Guttenberg: Na, sehen Sie… Äh… Da gibt’s doch diesen… Hier, wie heißt das? Sie wissen schon… Untersuchungsdings, oder so. Da bin ich aber nicht drin, und sonst weiß ich nur, was halt in der Zeitung steht. Also, in der, die ich lese.
üR: Sie könnten ja versuchen, es rauszufinden. Wäre doch eine nette Geste, einfach mal zu schauen, was in ihrem Ministerium so läuft, wenn Sie eh schon mal da sind, oder?
Guttenberg: Was? Wieso?
üR, sich nach der versteckten Kamera umsehend: Weil… Sie der Verteidigungsminister sind?
Guttenberg: Ja, und? Soll das jetzt heißen, ich wäre für alles verantwortlich, was in meinem Ministerium passiert, oder was? Meinen Sie nicht, dass ich Besseres zu tun habe? Haben Sie eigentlich eine Ahnung, worum man sich da alles kümmern muss? Allein mein Styling – aber davon verstehen Sie ja offensichtlich nichts. Verteidigungsminister, pah! Soll sich doch der Seehofer drum kümmern. Mir doch egal. Das wär ja noch schöner! Hätten die wohl gerne, gemeines Pack, Bauerngesindel… [Verlässt unter weiterem, unverständlichen Gegrummel grußlos die Redaktionsräume]