Überaus verwerflich

6. Januar 2014

Unser neuer Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe weiß, offenbar, dass es Menschen gibt, die sich den Tod wünschen, und die nicht in der Lage sind, sich diesen Wunsch selbst zu erfüllen. Menschen, die so leiden, dass sie ihrem Leben ein Ende machen wollen, deren Zustand ihnen aber nicht erlaubt, diese Entscheidung ohne fremde Hilfe für sich selbst zu vollziehen.

Er weiß offensichtlich auch, dass manche dieser Menschen keine Hilfe von ihren Angehörigen und geliebten Menschen in Anspruch nehmen wollen oder können. Das kann sein, weil sie niemanden (mehr) haben, der ihnen diese Gunst erweisen kann oder will, oder weil sie es niemandem der ihnen nahe steht, zumuten wollen, sie zu töten. Menschen, die deshalb darauf angewiesen sind, oder es einfach nur vorziehen, dass es jemand Fremdes tut. Menschen, die Gründe haben, die wir gut oder schlecht finden können, die aber jedenfalls ihre sind. Und nicht unsere. Weil es nicht unser Leben ist.

Hermann Gröhe weiß das. Ihm ist klar, in welch einer verzweifelten Situation diese Menschen sich befinden, und was es für sie bedeutet, dass ihnen diese letzte Entscheidung verwehrt bleibt, dass sie ihr Leid nicht beenden können und Opfer ihrer eigenen Umstände bleiben müssen.

Wenn er es nicht wüsste, dann würde er ja keinen Sinn darin sehen, den Menschen, die diesen Bedarf decken wollen, Strafe anzudrohen.

Warum? Hat er der Rheinischen Post gesagt:

Wer aber die Selbsttötung propagiert, als Ausdruck der Freiheit des Menschen geradezu verklärt, der versündigt sich an der Wertschätzung des menschlichen Lebens in allen seinen Phasen.

Das ist seine Begründung, so wie sie RP online zitiert.

Die Wertschätzung des Lebens in allen seinen Phasen ist das Rechtsgut, das er gerne strafbewehrt verteidigt sehen möchte. Man muss das wohl so verstehen, dass ihm egal ist, wie die Menschen, denen das jeweilige Leben gehört, es schätzen, ob sie ihr Leben wertschätzen, wie sie dieser Wertschätzung Ausdruck verleihen möchten, und wie sie sein Ende gestalten möchten. Egal, oder zumindest nicht so wichtig.

Hermann Gröhe ist sich anscheinend nicht nur selbst der wichtigste Maßstab, er möchte, wenn ich ihn richtig verstehe, auch gerne der entscheidende Maßstab für alle anderen sein. Seine Wertschätzung des menschlichen Lebens entscheidet darüber, wie andere mit ihrem Leben umgehen dürfen, wie sie es beenden dürfen, und vor allem natürlich wie nicht.

Er maßt sich das Recht an, Menschen dafür zu bestrafen, dass sie den Willen anderer Menschen vollziehen. Er möchte gerne Leute bestraft sehen, die niemandem etwas angetan haben, die im Gegenteil anderen Hilfe bieten, die sie sonst offenbar nirgendwo gefunden haben, einfach weil sie damit gegen seine Vorstellungen davon handeln, wie man das menschliche Leben wertzuschätzen hat.

Zumindest halte ich das für die einzige sinnvolle Deutung der Zitate, die RP online von ihm wiedergibt.

Aber vielleicht seht ihr das ja anders, oder ihr seht es auch so, findet es aber nicht so entsetzlich widerlich wie ich. Würde mich interessieren. Dafür ist das Kommentarfeld da.

Was meint ihr?