Ich verstehe ja die Versuchung.

24. September 2015

Wir haben wahrscheinlich jeden Tag und ziemlich ununterbrochen diesen nagenden Verdacht, was Besseres zu sein. Dieses drängende Gefühl, dass die Welt so viel besser wäre, wenn mehr Leute so wären wie wir. Diesen zunehmend begründeten Eindruck, dass andere Menschen irgendwie … weniger sind als wir selbst. Schlechter. Minderwertig.

Nun leben wir in einer Gesellschaft, in der wir zu unserem ständigen Verdruss dieses Gefühl nicht so gut äußern können, weil sich in großen Teilen der Öffentlichkeit die Überzeugung durchgesetzt hat, alle Menschen seien ungefähr gleich viel wert, oder man solle das zumindest nicht offen sagen, wenn man es anders sehe.

Deswegen ist selbstverständlich die Freude groß, wenn wir nun doch wieder eine Gruppe ausgemacht haben, die man wieder ohne Missbilligung anderer als Untermenschen sehen und wüst beschimpfen darf, einfach weil sie dümmer, hässlicher, ärmer, weniger gebildet und natürlich auch weniger fleißig, eben offensichtlich rundum weniger sind als wir selbst. Schlechter. Minderwertig, halt.

Und mal ehrlich, wer könnte solche Ansichten missbilligen, solange es gegen Nazis geht?

Eben.

Und so passiert es dann zum Beispiel, dass man in ein ehemals irgendwie linkes und bedeutsames und, weiß nicht, im Großen und Ganzen menschenrechtlich orientiertes Magazin wie den Spiegel offenbar schreiben darf, dass es ganz gut so ist, dass solches Pack, das wahrscheinlich nicht mal über einen Schulabschluss verfügt, deshalb weniger gut die deutsche Sprache beherrscht als wir selbst und bestimmt auch nur ganz miese Jobs hat, wenn überhaupt, nicht nur ausgegrenzt und benachteiligt werden darf, sondern sogar muss, wenn wir die Zivilisation erhalten wollen, wie wir sie kennen.

Und … Ja, völlig klar. Leute, die Asylunterkünfte anzünden und Menschen wirklich angreifen und verletzen, sind kurzfristig die größere Bedrohung, und sogar diesseits körperlicher Gewalt ist die Gegenseite auch ausgesprochen eklig, aber …

Ich bin mir manchmal nicht mehr ganz sicher, was mir mehr Sorgen bereitet, und wofür ich mich mehr schäme.