Was war da denn los?

10. Januar 2013

Warum Tarantino Sklaverei und Holocaust vergleicht

titelt Susan Vahabzadeh in der Süddeutschen Zeitung (Schreiben die Autoren überhaupt wirklich selbst die Titel?), und daraus kann man doch nun wirklich was machen, sollte man meinen, denn Holocaust ist doch immer gut, aber … irgendwie hat sie’s trotzdem nicht getan. Ein ganz merkwürdiger Artikel ist dabei rausgekommen, den ich dreimal lesen musste, um wenigstens einigermaßen sicher zu sein, dass es nicht nur an mir liegt, dass ich nicht begreife, was sie uns mitzuteilen versucht.

Der Teaser kündigt den Artikel so an:

Holocaust-Vergleiche klingen für deutsche Ohren immer anstößig. „Django Unchained“-Regisseur Quentin Tarantino zieht trotzdem einen und bezeichnet die Sklaverei in Amerika als ebensolchen. Zwar kann er das ordentlich begründen – Kritik hagelt es trotzdem.

Quentin Tarantino hat also offenbar die Sklaverei in Amerika als Holocaust bezeichnet. Und kann das „ordentlich“ begründen, meint sie. Darauf wäre ich echt gespannt, denn ich sehe nicht, wie sich das ordentlich begründen ließe. Ein Vergleich, meinetwegen, vergleichen kann man alles, ob Gargamehl mit Hitler oder Garfield mit Captain America, irgendwas geht da immer, aber „als … bezeichnen“ ist kein Vergleich, sondern eine Gleichsetzung, und das kommt mir bei Holocaust und Sklaverei doch arg unsinnig vor, denn das eine ist die systematische Ausrottung eines bestimmten Volkes, das andere ist die Entrechtung und Einordnung als Eigentum. Beides ist schlimm, aber wenn ich die Wahl hätte, könnte ich mich schon sehr schnell sehr eindeutig entscheiden, dass ich viel lieber nur entrechtet als entrechtet und getötet werden möchte. Andere Menschen mögen das anders bewerten, aber wir können uns bestimmt zumindest darauf einigen, dass es einen großen Unterschied zwischen den beiden Dingen gibt. Große Gemeinsamkeiten gibt es natürlich – zum Beispiel, dass eine bestimmte Gruppe Menschen nicht mehr als Menschen behandelt wird -, aber auch feine Unterschiede – zum Beispiel, dass diese bestimmte Gruppe Menschen nicht gezielt vernichtet werden soll.

Den Rest des Beitrags lesen »


a propos perfide Rhetorik

22. September 2012

Frank Schirrmacher hat eine Rede gehalten und uns dabei erklärt, welche Niedertracht sich in den Feinheiten scheinbar gut gemeinter Worte verstecken kann. Das macht er außergewöhnlich subtil, und um die Mühe anzuerkennen, die er sich damit offenbar gegeben hat, will ich mal schauen, wie viele Niederträchtigkeiten ich in seiner Rede finden kann. Ihr alle seid natürlich herzlich dazu eingeladen, mitzumachen. Wenn ihr mögt, dürft ihr das Ganze auch gern in die Meta-meta-Ebene heben, indem ihr in meinem eigenen Text nach rhetorischen Gaunereien sucht.

Weil es eine Rede anlässlich der Verleihung der Josef-Neuberger-Medaille ist, beginnt Herr Schirrmacher mit einer Bemerkung zu Herrn Neuberger selbst:

Als emigrierter Jude gehörte er zu jener Gruppe der Verfolgten des Nationalsozialismus, die durch die pure Tatsache ihrer Rückkehr, was heute allzu leicht vergessen wird, diesem Land wieder eine moralische Chance gaben, eine Chance, die es in den Augen vieler so schnell nicht wieder verdient hatte.

Und hier, glaube ich, werdet ihr in meinem Text am ehesten fündig, denn hier bin ich mir selbst unsicher, ob ich Herrn Schirrmacher vielleicht zu Unrecht Niedertracht vorwerfe. Es ist nun einmal dünnes Eis, auf das man sich begibt, wenn man über dieses Thema redet. Aber ihr wisst ja, was Esel machen, wenn es ihnen zu wohl wird, also ans Werk:

Den Rest des Beitrags lesen »


Was gesagt werden muss (abschließende Aufzählung)

4. April 2012

Gar nichts.


Porno-Piraten und der Holocaust

7. Juli 2009

Drüben bei den Ruhrbaronen tobt mal wieder die Kinderpornographie-und-Tauss-waren-schon-schlimm-genug-aber-nun-auch-noch-Rechtsextremismus! – jetzt-sind-die-Piraten-wirklich-definitiv-endgültig-für-immer-echt-absolut-unwählbar-Diskussion, zu der ich auch den einen oder anderen Kommentar geschrieben habe. Mir ist deshalb danach, das ganze jetzt doch mal ausführlicher im eigenen Weblog zu betrachten.

1. Kinderpornographie: Fangen wir gleich mal mit dem großen Monsterthema an. Kinderpornographie ist natürlich widerwärtig und unerträglich. Dass die Piraten das auch so sehen, muss ich hier eigentlich nicht mal erwähnen.
Ich halte es für zweifelhaft, dass man hierzulande schon Strafverfolgung fürchten muss, wenn man aus Versehen oder sonstwie auf einer entsprechenden Seite landet und dann versäumt, den Cache zu löschen. Ich halte das sogar für gefährlich, denn wer soll sich ob solcher Risiken noch trauen, sich an die Polizei zu wenden, wenn er Kinderpornographie entdeckt? Andererseits ist versehentliche Wahrnehmung solcher Bilder  natürlich auch nach jetziger Rechtslage nicht strafbar, und eine Legalisierung des Konsums geht nun auch nicht. Vielleicht ist die Antwort hierauf wieder die viel beschworene Medien- oder vielleicht besser Nachrichtenkompetenz. Das Problem ist vielleicht gar nicht nur, dass strafrechtliche Ermittlungen stattfinden könnten, sondern auch, dass derjenige, gegen den ermittelt wird, für den Rest seines Lebens von einem Teil seiner Bekannten als Kinderschänder angesehen wird, auch wenn die Ermittlungen nichts ergeben. Wenn man den Leuten (also zunächst mal sich selbst und dann vielleicht noch ein paar anderen) beibringen könnte, die Unschuldsvermutung ernst zu nehmen und nicht gleich auf jedes BILD-Ausrufezeichen aufzuspringen, wäre da schon vieles einfacher.

2. “KiPo”, “Dokumentierter Kindesmissbrauch”: Ersteres ist aus meiner Sicht eine unschöne, aber akzeptable Abkürzung. Das zweite ist sicher auch nett gemeint, klingt aber dermaßen albern nach Euphemismus, dass man sich damit unweigerlich lächerlich macht. Und das Thema eignet sich einfach gar nicht zum Lachen.

3. Tauss: Schwieriger Punkt. An eine Prognose, wie clever es war, ihn aufzunehmen, wage ich mich mal gar nicht heran, das sehen wir ja nach der Bundestagswahl. Was den moralischen Teil angeht, verweise ich auf Punkt 1 und behaupte konsequent, dass wir ihn als unschuldig ansehen müssen, bis… Ihr wisst schon.

4. Thiesen: Da haben die Piraten also jemanden zum Ersatzrichter gewählt, der bezweifelt, dass der Holocaust so stattgefunden hat, wie es in den Geschichtsbüchern steht und meint, der Angriff auf Polen wäre gerechtfertigt gewesen. Ohje. Das war ganz bestimmt nicht clever. Andererseits hat er sich anscheinend deutlich gegen Fremdenfeindlichkeit ausgesprochen und auch betont, dass das Dritte Reich auf jeden Fall zu verurteilen ist und dass jeder einzelne Mensch, der verfolgt und getötet wurde, einer zu viel ist. Das ist natürlich ein bisschen wenig Material, um einen Menschen einzuschätzen. Klingt, als wäre er zwar nicht besonders gefährlich und vielleicht nicht mal unbedingt ein schlechter Mensch. Klingt aber auch, als hätte er ein ernsthaftes Problem mit der Realität, und das macht ihn zumindest zu einem schlechten Richter. Den hätte man nicht wählen dürfen, meine ich auch.

5. Die Piraten insgesamt: Ich finde es nicht besonders überzeugend, wegen Tauss (der noch nicht mal angeklagt wurde) und Thiesen (der ein ziemlich unbedeutendes Amt bekleidet) die Partei gleich unwählbar zu nennen. Für mich sind die Piraten nichts, weil ich schon gerne von jemandem politisch vertreten werde, dessen Einstellung ich nicht nur zu ein paar ausgesuchten Themen kenne, sondern zum Beispiel auch zum Steuerrecht, zur Außenpolitik, zur Umweltpolitik. Aber ich kann ganz gut akzeptieren, dass es Leute gibt, die sie wählen und bei ihnen mitarbeiten, und mit der Zeit wird das Programm ja vielleicht noch vervollständigt. Ich finde es jedenfalls ein bisschen armselig, jeden kleinen Fehltritt der Piraten gleich mit wildem Geschrei zu beantworten: “Da! Da! Ich hab’s euch ja gesagt! Die darf man nicht wählen!” Eigentlich sollte man vielleicht gar keine Partei wählen. Aber irgendwer muss uns ja regieren, und ich will das jedenfalls nicht machen.