Isn’t life mysterious?

20. Juni 2011

Does the idea that there might be truth
Frighten you?
Does the idea that one afternoon
On Wiki-fucking-pedia might enlighten you
Frighten you?
Does the notion that there may not be a supernatural
So blow your hippy noodle
That you would rather just stand in the fog
Of your inability to Google?“

Tim Minchin hat diese Zeilen in seinem wunderbaren Beat-Poem „Storm“ (aus aktuellem Anlass ohne Link) zwar an eine Esoterikerin gerichtet, und ich habe keinen Grund anzunehmen, dass Tim Kreider es mit der esoterischen Szene hält, aber trotzdem ging mir diese Strophe nicht aus dem Kopf, während ich Kreiders Beitrag in der gestrigen New York Times las. Er heißt „In Praise of Not Knowing“, und darum geht es auch. Irgendwie:

Als Kreider 17 war, entdeckte er ein Musikstück des Komponisten Harry Partch, den außer ihm niemand kannte, und er war von diesem Stück ganz begeistert, und er erfreute sich nicht nur an der Musik selbst, sondern auch an dem Gefühl, dass Harry Partch nur ihm allein gehörte, und einem einzigen Freund, dem er von ihm erzählt hatte.

This was in the ’80s, a time when there was simply no way of learning much more about Harry Partch, at least not that I knew of. If I were a 17-year-old discovering Harry Partch today, I could Google him, and I’d immediately find the Harry Partch Information Center andCorporeal Meadows, where I’d learn all about his system of intonation with a 43-note octave and his instruments made of bamboo, jet-engine nose cones, artillery-shell casings and whiskey bottles, with names like the Gourd Tree, Boo II, Zymo-Xyl and Marimba Eroica.

Und außerdem hätte er die Möglichkeit gehabt, schreibt er, hunderte anderer Menschen kennenzulernen, die auch Fans von Harry Partch sind. Und das ist für Kreider ein Problem:

That proprietary sense that my friend and I had about Harry Partch, our sense of belonging to an exclusive club of cognoscenti, is why teenagers get so disgusted when everybody else in the world finds out about their favorite band. It’s fun being In the Know, but once everyone’s in it, there’s nothing to know anymore.

Und natürlich ist die Möglichkeit, Leute mit ähnlichen Interessen zu finden, nicht das einzige Gefährliche am Internet:

Instant accessibility leaves us oddly disappointed, bored, endlessly craving more. I’ve often had the experience of reading a science article that purported to explain some question I’d always wondered about, only to find myself getting distracted as soon as I started reading the explanation. […] Just knowing that there is an answer is somehow deflating.

Und ich denke, jetzt müsstet ihr verstehen, warum mich das auf ganz frappierende Weise an Minchins Text erinnert: Wir haben hier jemanden, der tatsächlich offen dazu steht, dass ihn die Idee stört, dass es Wahrheit gibt. Dem die Idee Unwohlsein bereitet, dass ein Nachmittag auf Wiki-fucking-pedia sich als erhellend erweisen könnte, und der gerne im Nebel seiner Unfähigkeit zu googlen verbleiben möchte. Jemanden, der sogar all die Menschen bedauert, die jetzt die Chance haben, mühelos auf das gesammelte Wissen der Menschheit zuzugreifen:

I hope kids are still finding some way, despite Google and Wikipedia, of not knowing things. Learning how to transform mere ignorance into mystery, simple not knowing into wonder, is a useful skill. Because it turns out that the most important things in this life — why the universe is here instead of not, what happens to us when we die, how the people we love really feel about us — are things we’re never going to know.

Es gibt so vieles, was mich an Kreiders Beitrag stört. Zuerst mal (um mit dem am wenigsten wichtigen anzufangen) ist mir nicht ganz klar, wie er den zuständigen NYT-Entscheider dazu bekommen hat, dieses lahme Rumgemeine zu veröffentlichen. Mir ist nach dem Lesen nicht so richtig klar, was er eigentlich fordert oder kritisiert, was er will, abgesehen davon, dass er meint, es wäre irgendwie gut, wenn man nicht alles weiß (als ob man die Wahl hätte). Aber das ist wirklich nur eine Kleinigkeit.

Die zweite Kleinigkeit ist, dass sein Schlusssatz natürlich nicht stimmt. Oder zumindest irreführend ist. Natürlich können wir niemals über irgendwas völlige Gewissheit haben. Wir wissen aber ziemlich genau, was mit uns passiert, wenn wir sterben, und die meisten von uns wissen auch verhältnismäßig gut, wie die Menschen, die wir lieben, in Bezug auf uns empfinden. Das mit dem Universum wissen wir wirklich noch nicht besonders gut, aber ich weiß nicht, wo Herr Kreider die Gewissheit hernehmen will, dass wir es niemals herausfinden können. Aber auch das spielt natürlich eigentlich keine große Rolle.

Die Hauptsache ist, dass ich einfach nicht begreifewie man eine solche Sehnsucht danach empfinden kann, etwas nicht zu können. Wie man auf die Idee kommt, es wäre irgendwie etwas Schlechtes, dass man in einem Zeitalter lebt, in dem die Menschen durch Entfernung kaum noch getrennt werden, und in dem Kommunikation so einfach ist wie niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Wie man ernsthaft nicht nur denken, sondern sogar in eine Zeitung schreiben kann, dass man sich aktiv weigern sollte, Dinge herauszufinden, um sich an Geheimnissen und Rätseln erfreuen zu können, das begreife ich nicht.

Ich will Herrn Kreider nicht Unrecht tun, aber wenn er es irgendwie schaffen könnte, seine Angst vor Informationen zumindest ein bisschen abzulegen, würde er vielleicht herausfinden, dass es noch jede Menge Geheimnisse und Rätsel gibt, und dass man immer besseren Zugang zu immer interessanteren Geheimnissen gewinnen kann, wenn man etwas über die Welt lernt, in der wir leben. Er würde wahrscheinlich erkennen, dass seine Sorge, uns könnten irgendwann die Geheimnisse ausgehen, ungefähr so sinnvoll ist, wie die Angst, vom Rand der Welt herunterzufallen.

Natürlich kann ich den ganzen Tag vor der Spüle in meiner Küche stehen und das Mysterium bestaunen, dass da Wasser aus dem Hahn kommt, wenn ich einen Hebel bewege. Und ich kann mir überlegen, dass das vielleicht daran liegt, dass irgendwo ein paar Heinzelmännchen im Keller stehen und unter okkulten Gesängen das Wasser zu mir rauf in die Wohnung zaubern. Und dann kann ich mich drüber freuen, dass es mir gelungen ist, meine Unwissenheit in ein Mysterium umzuwandeln.

Wenn ich dann aber voller Mitleid auf Leute herabblicke, die versuchen, den Ursprung unseres Universums zu erforschen, herauszufinden, was Zeit eigentlich ist, und ob sie irgendwann aufhören könnte, die die Funktion des menschlichen Gehirns und Bewusstseins untersuchen und die Zusammensetzung ferner Sterne analysieren, weil sie ja diesen schnellen Zugang zu Informationen nutzen, der uns so merkwürdig, gelangweilt, endlos nach mehr dürstend, zurücklässt, dann bin ich doch eigentlich ein ziemlich armer Mensch, oder?