Das Amtsgericht Wunsiedel hat ein Urteil gefällt, das richtig ist.

18. November 2016

Wie oft hat man die Chance, einen Blogbeitrag so zu beginnen? Na gut, grundsätzlich wohl jeden Tag, aber selten geht es um so ein brisantes Thema wie diesmal. Hoffe ich für das Amtsgericht Wunsiedel.

Das Urteil gegen einen fränkischen Metzger ist gefährlich

titelt die Süddeutsche Zeitung, und auch das kommt wahrscheinlich nicht so häufig vor, aber vielleicht wollt ihr ja jetzt auch irgendwann mal endlich erfahren, worum es eigentlich geht: Der Metzger hatte (mutmaßlich, es steht da nicht ausdrücklich) an der Tür seines Ladens ein Schild mit der Aufschrift „Asylanten müssen draußen bleiben“ aufgestellt, mit einem Bild eines Hundes daneben. Dafür wurde er zu einer Geldstrafe wegen Volksverhetzung verurteilt.

Ist das jetzt richtig oder gefährlich, oder beides? Lasst es uns rausfinden!

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Politische Verrohung

9. Oktober 2016

Es ist schon vier Tage her, dass ich entschied, lieber keinen Post über Heribert Prantls Kommentar

Eine Minderheit darf Deutschland nicht hässlich machen

zu schreiben. Aber wie das so geht, hat eine Verkettung von an sich nicht besonders erheblichen Ereignissen dazu geführt, dass ich diese Meinung geändert habe. Mal sehen, ob das eine erfreuliche Verkettung war, oder eher nicht so.

Prantl beginnt eigentlich gar nicht so unangenehm. Den etwas sonderbaren Titel wollen wir nicht überdeuten, wahrscheinlich hat Herr Prantl nur aus Unachtsamkeit den Begriff „hässlich“ gewählt, statt eines passenderen, der weniger im ästhetischen Raum spielt und klarer macht, dass es ihm um ein gewaltbereites, feindseliges Klima der politischen Debatte geht und nicht um seine persönlichen Vorstellungen von Schönheit. Wir können von jemandem in Herrn Prantls Position nicht erwarten, dass er sowas problematisiert. Deshalb halten wir uns mit der Analyse dieser Wortwahl nicht auf und freuen uns, dass er mit etwas immerhin Friedlichem beginnt, nämlich Überlegungen zu Lichterketten und zu seinem Bedauern, dass man davon zuletzt nicht mehr viele sieht.

Darauf schildert er knapp an konkreten Beispielen die unerfreuliche Situation:

Ein dunkelhäutiger Mann, der zum Gottesdienst ging, wurde mit Affenlauten begrüßt; die politischen Repräsentanten der Bundesrepublik mit „Hau ab“ und zotenhaften Beleidigungen. Der Dresdner Politikwissenschaftler Hans Vorländer sprach von der „hässlichen Fratze der Politikverachtung“. Die Frau des sächsischen Wirtschaftsministers brach angesichts der aggressiven Flegeleien in Tränen aus.

Auch bis dahin habe ich noch keine nennenswerten Einwände, bestenfalls so Kleinkram wie dass die Frau des sächsischen Wirtschaftsministers vielleicht nicht das nächstliegende Beispiel für eine Person gewesen wäre, die unter der ekligen Stimmung zu leiden hat.

Aber dann, wenn Herr Prantl dazu übergeht, uns sein Konzept gegen jene Stimmung vorzuschlagen, dann wird es schnell unerfreulich für mich. Denn was ihm einfällt, ist … joa… nicht unbedingt auf dem Niveau von Lichterketten.

Die bösartige Verächtlichmachung „des Systems“ – das ist die Demokratie – hat rasende Fortschritte gemacht. Der Pegida-Anführer wurde für seine Hasspredigten trotz seiner Vorstrafen bisher nur zu Geldstrafen verurteilt. Das ist nicht Spezialprävention, das ist nicht Generalprävention; das ist beinahe eine Ermunterung. Die Menschenwürde, von Hassbürgern getreten, braucht aber Hilfe, auch von den Strafgerichten.

Und so allmählich fange ich doch an, mich zu fragen, ob das alles Zufall ist. Ob die vielen Kleinigkeiten nicht vielleicht doch eine Haltung verraten, die uns zu denken geben sollte. Herr Prantl will über Hass gegen Migranten schreiben, und über die Stimmung, die die AfD sich zunutze macht. Und was ihm dazu einfällt, ist (neben dem einen dunkelhäutigen Mann, den will ich nicht unterschlagen): Die Frau des sächsischen Ministerpräsidenten, die Verächtlichmachung „des Systems“, ein für Frau Merkel bestimmter Galgen, und dass diese Minderheit doch unser schönes Land nicht hässlich aussehen lassen soll. Was er nicht erwähnt: (Heute) brennende Flüchtlingsheime, physische Gewalt gegen Migrant(inn)en, die Bemühungen zum Beispiel der CSU als großer Mainstreampartei um Abwehr geflüchteter Menschen. Wenn man seinen Text liest, könnte man den Eindruck gewinnen, die AfD und die Gesinnung, für die sie steht, seien vor allem ein Problem für die Gefühlswelt und das Selbstbewusstsein unserer politischen Führungsriege. Die sind sicher auch schützenswert und auch Menschen, aber ich finde die Prioritäten merkwürdig gesetzt. Aber wie gesagt, vielleicht überinterpretiere ich da was. Weiter zu meinem Kernproblem:

Zwar schreibt Prantl am Anfang was von Lichterketten und friedlichem Protest und so, aber die Lösung, die er dann fordert, ist Gewalt. Wegsperren. Strafen. Und die Leute, die er für das Leid von Frau Merkel verantwortlich sieht, nennt er Hassbürger. Ja, gut, das ist ein kleines Spiel mit dem nicht ganz so pejorativen Begriff „Wutbürger“, schätze ich. Aber es ist trotzdem in meinen Augen eine unnötig persönliche Herabwürdigung von Leuten, und eine Tendenz die mich übrigens auch im Umgang mit Trump immer wieder nervös macht.

[Pardon, schon wieder kleiner Exkurs:] Was Trump und die AfD und solche Leute sagen, ist schlimm, und gefährlich, und widerlich. Keine Frage. Da gibt es sehr viel zu kritisieren. Hass gegen Migrant(inn)en, überhaupt gegen alles Fremde, und dabei auch Geringschätzung von Frauen, bei Trump ganz offensichtlich, und bei der AfD-Truppe auch oft, in Form von „unsere Frauen“, und in der Burka-Debatte, und so weiter. Aber viel zu oft wird nicht das kritisiert, oder zumindest nicht nur das, sondern es wird auch mit diesem ekligen Klassendünkel vermischt, mit einer Verachtung für Menschen, die sich nicht in die so bequem eingerichteten Rituale und Gepflogenheiten einfügen, und das wiederum rechtfertigt dann aus Sicht der Betroffenen das Gefühl, „die da oben“ wollten ja nur in Ruhe weiter ihre Kaviarhäppchen knabbern. Ich weiß gerade auch aufrichtig nicht, ob Trump plötzlich sogar für Republikaner offiziell inakzeptabel geworden ist, weil er Frauen verachtet (was ja nun wirklich nicht neu war), oder weil jetzt mal jeder hören konnte, wie er „Bitch“ und „fuck“ und „Pussy“ gesagt hat. Das finde ich schade, weil wir das meiner Meinung nach klar trennen sollten, aus vielen Gründen. Wenn wirs nicht tun, stärken wir nämlich dieses „Wir gegen die“-Weltbild dieser Leute, wir wiegen uns in unverdienter Selbstgerechtigkeit, und wir verwässern auch die Problematik von Sexismus und Fremdenhass und so weiter. Find ich. [Exkurs Ende. Und jetzt aber wirklich zum Kern der ganzen Sache.]

Nein, Schmähungen gehören nicht zur Meinungsfreiheit. Ja, das Wort „Volksverräter“ ist ein hetzendes und strafbares Wort.

Und – ich verspreche, das ist das letzte Mal, das ich das mache – jetzt allmählich verdichten sich doch nun wirklich die Indizien, dass an Herrn Prantls Perspektive einfach was verzerrt ist. Wir alle müssen nur Facebook oder Twitter aufmachen und finden dann ganz leicht explizite Aufforderungen, Konzentrationslager wieder zu eröffnen, und ihm fällt als Beispiel „Volksverräter“ ein? Das verrät doch auch was über ihn und seine Prioritäten, oder meint ihr nicht?

Und denkt er im Ernst, die Ressourcen der Polizei und der Strafgerichte wären sinnvoll eingesetzt, wenn jede Formulierung auf dem Niveau von „Volksverräter“ verfolgt würde? Das ist sein Vorschlag in dem Artikel, den er einleitet mit

Es stimmt nicht, dass gegen die politische Verrohung kein Kraut gewachsen ist.

?

Und das ist anscheinend auch alles, was ihm einfällt. Den Abschluss seines Artikels bildet ein Aufruf an den Gesetzgeber, Beleidigungen auch dann zu verfolgen, wenn niemand Beleidigtes Strafantrag stellt, und die sowohl inhaltlich als auch stilistisch missglückte Dam-dam-daaah-Wendung

Es gab schon eine Weimarer Republik. Eine Dresdner Republik muss ihr nicht folgen.

Das finde ich traurig. Ich bin kein Fan von Herrn Prantl, aber sogar von ihm hätte ich bessere Ideen erhofft als die Forderung nach mehr und härteren Strafen für Leute, deren Meinung er inakzeptabel findet. Das heißt nicht, dass ich finde, es sollte gar keine Grenzen geben. Wenn jemand klar und ernsthaft zu Straftaten aufruft zum Beispiel, wie das zurzeit ja gar nicht so selten vorkommt, finde ich es überhaupt nicht abwegig, dass dagegen auch die staatlichen Organe vorgehen. Aber was Herr Prantl fordert – „Die einschlägigen Paragrafen heißen: Beleidigung, üble Nachrede, Verunglimpfung des Staats, Volksverhetzung“ -, das ist erbärmlich. Ich habe ja bekanntlich sowieso mein Problem mit dem Straftatbestand der Beleidigung, insbesondere gegenüber abstrakten Konzepten wie dem Staat, aber im Ernst zu glauben, eine ganze politische Strömung mit ihrer eigenen Ideologie könnte man einfach wegstrafen, finde ich ziemlich unfassbar. Ja, sicher, ich kann jemandem so lange jedes Mal aufs Maul hauen, wenn er was sagt, was mir nicht gefällt, bis er sich das nicht mehr traut. Aber das wird ihn weder davon abhalten, es weiterhin zu denken, noch davon, es weiterhin zu sagen, wenn ich es nicht höre. Wenn ich das erreichen will, muss ich ihn wirklich überzeugen. Das ist natürlich schwerer, und es lässt sich nicht einfach verordnen, sondern erfordert viel Anstrengung sowohl von Medien wie dem, für das Herr Prantl arbeitet, als auch von Politikerinnen, als auch von uns allen. Aber kann irgendjemand im Ernst glauben, dass es einen anderen Weg gibt? Kann irgendjemand im Ernst glauben, dass eine Partei, die bereits mit deutlich zweistelligen Wahlergebnissen in Landesparlamente eingezogen ist, sich noch sinnvoll mit den Mitteln des Strafrechts bekämpfen lässt? Insbesondere, wenn die Unterdrückung durch die herrschende Klasse zu den Erfolgskonzepten ihrer Propaganda gehört? Insbesondere, wenn wir bedenken, wie gut die gewaltsame Unterdrückung nicht genehmer Meinungen sich in anderen Situationen in diesem und anderen Ländern bewährt hat?

Wie gesagt, es kann und sollte wahrscheinlich durchaus irgendwo Grenzen geben, und insbesondere außerhalb strafrechtlicher Sanktionen sollten wir alle gründlich darüber nachdenken, welche Äußerungen wir von anderen akzeptieren. Mit Gewalt gegen Leute vorzugehen, die unseren Staat und seine Funktionäre mehr oder weniger beleidigen, das halte ich für eine unangemessene Reaktion, die vielleicht sogar eher geeignet ist, das Feuer noch weiter anzufachen.

Und was denkt ihr?


Suizid aus Angst vor dem Tod

21. August 2016

Zu den kleinen Ärgernissen, die meinen Alltag begleiten, gehört es, regelmäßig  die Seite Zettels Raum als Referrer in meiner Blogstatistik zu sehen. Warum Ärgernis? Och naja. Zettels Raum ist so ein Blog, das in gewissen Kreisen als Oase der Vernunft gelobt wurde und in den früher von mir öfter mal frequentierten liberalen Blogs hohes Ansehen genoss. Ich konnte das nie richtig nachfühlen, denn mir war es erstens zu konservativ-überheblicher-alter-weißer-Mann, und zweitens, äh, ja. Ich verbinde also von vornherein nichts Gutes mit Zettels Raum und habe den Eindruck, dass es seit dem Tod des Begründers nicht unbedingt besser geworden ist. Trotzdem klicke ich manchmal auf den Referrer-Link, ihr kennt mich ja, und nun fand ich da doch tatsächlich einen Beitrag zu meinem aktuell liebsten Pet Peeve.

Nix wie ran also.

Auf seinem Facebook-Profil postete WELT-Autor Alan Posener kürzlich ein Bild von einer Frau in einem Ganzkörper-Schwimmanzug, das um 1900 aufgenommen sein mag, zusammen mit dem Kommentar „Am besten nachträglich verbieten, was Oma da getragen hat“.

Andreas Döding fährt nun fort, uns zu erklären, warum die beabsichtigte Parallele zum Burka-Verbot schief ist: Weil nämlich damals eine Frau, die ähnlich entkleidet schwimmen gegangen wäre, wie es heute üblich ist, sich Sanktionen ausgesetzt hätte.

wäre damals eine Frau bekleidet mit einem heutigen Bikini in einer öffentlichen Badeanstalt aufgetaucht, wäre sie zweifellos von der Sittenpolizei verhaftet worden.

Das Problem ist also:

Der anything-goes-Liberalismus, für den sich Posener immer wieder stark macht, hat eine zentrale Voraussetzung, nämlich daß er auf prinzipieller Gegenseitigkeit beruht.

Und da muss ich schon sagen, frage ich mich kurz, ob Herr Döding uns verschaukeln will. Weil…

NEIN! Nein, verdammt noch mal, hat er nicht. Also, oder genauer: Ich hab keine Ahnung, wofür Herr Posener sich stark macht, ich kenne ihn nicht, aber wenn ich Liberalismus ernst nehme, dann setze ich eben gerade NICHT (rpt. NICHT) Gegenseitigkeit voraus. Liberalismus heißt, eben NICHT diesem bescheuerten Argument zu folgen „Wenn man in Mekka keine Kirche bauen darf, warum soll man dann in München eine Moschee bauen dürfen?“, sondern darauf zu vertrauen, dass gelebte Freiheit nicht nur das angenehmere, sondern langfristig auch das erfolgreichere, das einzig nachhaltig funktionierende Modell einer kooperativen Gesellschaft ist. Gelebter Liberalismus heißt natürlich nicht, einfach buchstäblich alles hinzunehmen, auch klar, aber wenn ich diese Haltung nur gegenüber anderen Positionen einnehme, die der meinen prinzipiell entsprechen, dann gehört da nicht viel Liberalismus dazu. Hitler kam auch gut mit anderen Nazis klar, also, prinzipiell.

Daß also, um im Beispiel zu bleiben, die Trägerin eines Burkinis (und ihre männliche Begleitung) einer Bikiniträgerin mit der gleichen Toleranz und Offenheit begegnet wie das umgekehrt der Fall sein mag.

Nein, nein, nein! Ich kann gar nicht oft und deutlich genug betonen, wie weit daneben ich das finde. Meine Toleranz und Offenheit sollte NICHT davon abhängen, ob andere mir die gleiche entgegenbringen. Nur weil jemand mich für meine Kleidung verachtet, ist es nicht plötzlich okay, das dieser anderen Person gegenüber genauso zu machen. Eine liberale Haltung äußert sich NICHT (rpt. NICHT) darin, dass ich Offenheit mit Offenheit und Intoleranz mit Intoleranz begegne, sondern dass ich mich stets für eine offene, tolerante Haltung der Gesellschaft einsetze, und zwar unabhängig davon, ob die von der Mehrheit abweichende Meinung oder Verhaltensweise zu meiner passt, oder nicht. Bekannte Verfechter des Liberalismus sollen sich sogar zu der Ansicht haben hinreißen lassen, eine liberale Haltung zeige sich überhaupt erst wirklich gegenüber denen, die ich im Unrecht wähne. So wird beispielsweise Voltaire das geflügelte – und zugegebenermaßen etwas abgenutzte – Wort zugeschrieben „Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie nur sagen dürfen, solange sie auf Gegenseitigkeit beruht“, oder so ähnlich.

Das Konservative bedrängt und verdrängt auf lange Sicht das Liberale, wenn man es zuläßt.

Und spätestens jetzt wisst ihr, worauf ich mit dem Titel dieses Beitrags anspiele: Herr Döding fürchtet eine Gesellschaft, in der Leute nicht mehr anziehen dürfen, was sie wollen, und schlägt zur Vorbeugung vor, man möge doch den Leuten bestimmte Kleider verbieten.

Der Liberale zieht sich, wenn  ihm etwas unangenehm wird, tendenziell ins Private zurück, überläßt damit jedoch den Illiberalen das Feld. 

Nein, nein, nein! Hier hat Herr Döding noch mal explizit aufgeschrieben, wo er Liberalismus missverstanden hat: Liberalismus ist nicht Gleichgültigkeit. Ist nicht Rückzug und Akzeptanz insbesondere illiberaler Bedingungen in der Gesellschaft. Liberalismus ist das nachdrückliche Eintreten für eine liberale Gesellschaft, GERADE dann, wenn es unangenehm wird. Er zeichnet sich dabei dadurch aus, dass er dafür das mildest mögliche Mittel bevorzugt, also in der Regel gute Argumente, Vorbilder, gutes Beispiel und einfach den Erfolg und Wohlstand, den freie Gesellschaften erfahrungsgemäß erzeugen. Aber er schreckt auch vor der Konfrontation nicht zurück, wenn sie nötig wird, um die Freiheit zu schützen.

Konkreter: Nach meinem Verständnis darf eine liberal eingestellte Person eine Burka kritisieren, insbesondere wenn sie aus schlechten Gründen getragen wird, wie religiöse Vorschriften sie nun einmal darstellen. Dennoch wird sie aber die Burkaträgerin verteidigen, wenn jemand ihr ihre bevorzugte Kleidung gewaltsam streitig zu machen versucht, genauso wie sie einen Bikiniträger verteidigen wird, wenn er wegen seiner freizügigeren Garderobe Schutz vor anderen braucht.

Kann man gesellschaftlichen Liberalismus „verordnen“, indem man Verbote, etwa von Burkinis, erläßt? Nein, verordnen kann man ihn so nicht, aber man kann ihn, vermutlich nur auf diese Weise, schützen.

Und jetzt, wo ich noch mal drüber nachdenke, bin ich wirklich nicht mehr sicher, ob das ernst gemeint sein kann. Gesellschaftlicher Liberalismus lässt sich vermutlich nur schützen, indem wir Leute bestrafen, die sich nicht liberal genug kleiden.

Wow.

Gott, wäre das peinlich, wenn Herr Döding nur einen satirischen Beitrag geschrieben hätte und ich ihm auf den Leim gegangen wäre. Ich müsste mich so schämen.

Aber ich wäre andererseits so maßlos erleichtert.

[Nachtrag: Schau an. Die Oase der Vernunft hat zwar offenbar keine Lust, sich mit mir auseinanderzusetzen, hat mich aber inzwischen aus ihrer Blogroll entfernt, wenn ich das richtig sehe. Joa. Na gut. Ein Ärgernis weniger.]


Because who cares if it’s voluntary, right?

20. Januar 2016

 

What if I’d babysit for you?

Or as some would call it, „kidnapping“

I guess what this world really needs is more euphemisms for the use of violence.

[via wirres.net]


Die Sache mit dem Tanzverbot

3. April 2015

ist doch eigentlich ganz einfach.

Sagt mir jemand: „Du, heute ist für mich ein trauriger Tag, da ist mir echt nicht nach Frohsinn, ich sitz heute nachdenklich rum und brauch ein bisschen Ruhe“, dann verschone ich diese Person mit eventuell geplantem Frohsinn, soweit es mir irgendwie möglich ist und nehme Rücksicht, so gut ich kann. Ein ostentativer unnötiger Verstoß gegen diesen Wunsch wäre unhöflich und gemein.

Sagt mir hingegen jemand: „Du, heute ist für mich ein trauriger Tag, da ist mir echt nicht nach Frohsinn, ich sitz heute nachdenklich rum und brauch ein bisschen Ruhe, deswegen hab ich da diesen Typen mit Schlagstock und Schusswaffe, der dafür sorgt, dass du die Füße stillhältst, und außerdem bist du hässlich und dumm und ein unkultivierter Banause„, dann frage ich (soweit es mir gefahrlos möglich ist) diese Person, ob sie ein Rad ab hat und zeige ihr den Varoufakis-Finger. Ein ostentativer und unnötiger Verstoß gegen ihren Wunsch ist die angemessene Reaktion.

Oder nicht?


Unzucht

13. November 2014

Bis zum 31. Mai 1994 (Ja, wirklich.) waren homosexuelle Handlungen unter Männern in der Bundesrepublik Deutschland durch § 175 StGB unter Strafe gestellt, wenn auch unter zunehmend engeren Voraussetzungen. In der Zeit bis zur Streichung der unseligen Norm wurden natürlich auch tatsächlich Männer denunziert, festgenommen, angeklagt, verurteilt und bestraft, für einvernehmliche sexuelle Handlungen mit anderen Männern.

Ich finde, darüber kann man mal einen Moment nachdenken. Ich brauche immer ein paar Sekunden, um mir bewusst zu machen, dass das tatsächlich so war, bis vor Kurzem. Und dann ärgere ich mich umso mehr über diese … sonderbaren Menschen, die ernsthaft bestreiten, dass homosexuelle Menschen in unserer Gesellschaft unfair behandelt werden, und frage mich, wie man funktionieren muss, um Dinge zu schreiben wie:

Ist sich das knutschende schwule Paar in der U-Bahn eigentlich bewusst, wie viel Toleranz es seinen Mitreisenden abverlangt?

(Als ernstgemeinter Diskussionsbeitrag auf der Website eines gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Mediums, übrigens. Ich sag nur.)

2012 hat der Berliner Senat unter Führung der SPD im Bundesrat einen Antrag auf Rehabilitierung der Opfer durchgesetzt, die aufgrund § 175 StGB verurteilt wurden. Wünschenswert wäre natürlich, wie Professor Klaus Gräditz ganz richtig der SZ sagte,  ein allgemeines „Rehabilitierungsgesetz für das Sittlichkeitsstrafrecht“, das auch die Menschen freispreche, die beispielsweise wegen Kuppelei bestraft wurden. Aber bis heute ist nichts weiter geschehen. Es wird diskutiert, ob und wie es ginge, und teilweise wirkt es auch, als wolle man nicht recht.

Das sagt in meinen Augen nicht nur etwas über die Einstellung unserer Gesellschaft zu Homosexualität, Sexualität und diesem überhaupt ja rundum recht scheußlichen Konzept der Sittlichkeit, sondern auch über das Selbstverständnis unseres Staates, und ist in meinen Augen – Hämmer und Nägel, ihr kennt das – ein ganz gutes Beispiel dafür, warum ich auch das einigermaßen scheußlich finde.

Ich denke, dass es völlig selbstverständlich sein sollte, dass Menschen, die evident ohne vernünftigen Grund eingesperrt oder sonstwie benachteiligt wurden, nicht nur rehabilitiert gehören, sondern auch entschädigt, und darüberhinaus sollte man vorbehaltlich der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit von Strafen auch über Konsequenzen für die Täter nachdenken, und wenn man dabei halt zu dem Ergebnis käme, dass man nicht mehr tun sollte, als ihre Taten zumindest einmal deutlich als Unrecht zu bezeichnen, dann wäre das doch immer noch mehr, als unser Staat bisher zustande gebracht hat.

Man stelle sich im Vergleich einmal vor, es wären nicht Polizisten, Richter und Abgeordnete gewesen, die andere Menschen zu Unrecht misshandelt, beschimpft und eingesperrt hätten, sondern die Mitglieder irgendeiner anderen Organisation. Würden wir denen dann mehrere Jahre zugestehen, in denen sie drüber beraten, ob sie es irgendwie mit sich vereinbaren können, zumindest offiziell zuzugestehen, dass ihre Opfer damals es eigentlich vielleicht nicht so richtig verdient hatten? Himmel, sogar die römisch-katholische Kirche scheint nicht schlechter drin zu sein, mit eigenem vergangenem Unrecht umzugehen als unser gerade in den letzten Tagen gerne mit Stolz so bezeichneter Rechtsstaat.

Und ich finde, auch darüber kann man mal einen Moment nachdenken.


Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen

11. November 2014

Liebe Kinder, ihr kennt das ja gar nicht, weil ihr in einer Zeit lebt, in der jeder überall hin fahren darf, wo er will, und die Menschen frei sind, aber früher, da war das mal anders.

Da gab es noch Grenzen.

Da wurde man kontrolliert, wenn man die überqueren wollte, das war vielleicht ein Quatsch, und bestimmte Sachen durfte man nicht mitnehmen. Wenn einer zufällig auf der einen Seite wohnte, dann hatte der keine Wahl, dann musste der da bleiben. Man konnte diese Grenze nicht so einfach überqueren, sondern nur unter ganz bestimmten Bedingungen, und die Leute da waren überhaupt nicht frei. Ganz komisch war das. Zum Glück ist es jetzt vorbei. Aber als es die Grenze noch gab, da war da ein hoher Zaun, und Stacheldraht, und Hunde, und sowas, und bewaffnete Menschen patrouillierten da, und wenn man Pech hatte, konnte man beim Versuch, die Grenze zu überqueren, sogar erschossen werden.

Die Leute, die in dem Land hinter der Grenze lebten, wurden ständig überwacht, und wenn sie es für angemessen hielt, dann konnte die Regierung sie einfach irgendwohin entführen lassen, ohne ordentliches Gerichtsverfahren, einfach so, und da wurden sie dann manchmal sogar gefoltert. Hin und wieder hat die Regierung sogar Leute töten lassen, einfach so, auch ohne Gerichtsverfahren, oft sogar Leute, die gar nichts getan hatten. Das war allgemein bekannt, aber es wurde hingenommen, wohl aus Angst oder aus der Überzeugung, dass es sein muss, um das System zu schützen. Für die Sicherheit.

Damals wurden Leute aus allen möglichen Gründen eingesperrt und bestraft, die uns heute lächerlich vorkommen. Zum Beispiel konnte man bestraft werden, wenn man was Falsches sagte oder schrieb, wenn man die falschen Bücher hatte, oder die falschen Bilder auf dem Computer, sogar manche Comics waren strafbar. Es war auch verboten, leidenden Menschen, die sterben wollten, aber ihr Leben nicht selbst beenden konnten, zu helfen. Man konnte sogar dafür bestraft werden, dass man die falschen Pflanzen im Garten züchtete, oder bei sich trug.

Zum Glück ist das jetzt alles vorbei. 2014 war eine komische Zeit.