Bitte vergib mir, Sascha!

15. Januar 2014

Oh Gott. Ohgottohgott.

Also, ich hab ja diesen Post über diesen Post von Sascha Lobo geschrieben. Und gesagt, dass ich den doof finde.

Jetzt fühle ich mich ein bisschen schlecht dafür. Irrationalerweise. Ich finde Lobos Artikel nämlich immer noch doof, ziemlich sogar, und das zurecht. Aber wenn ich ihn jetzt mal mit dieser Replik von Evgeny Morozov vergleiche, dann … steht er plötzlich doch ziemlich gut da. Das ist nicht überraschend, denn mit Herrn Morozov hatte ich mich hier schon mal befasst und dabei für mich erkannt, dass seine Schreib- und meine Denkweise auf sehr vielen Ebenen sehr inkompatibel sind, um es so diplomatisch zu formulieren, wie ich es in diesem Kontext noch hinkriege.

Aber überraschend oder nicht, ich fühle mich aus verschiedenen Gründen dazu getrieben, auf Morozovs Antwort an Lobo zu antworten. Trotzdem will ich, auch im Interesse meiner eigenen Zeit und Nerven, versuchen, das nicht in allzu epischer Länge zu tun. Mal sehen. Manche von euch haben ja wahrscheinlich in den letzten Tagen schon schmerzhafte Erfahrungen mit der Natur und Verlässlichkeit guter Vorsätze gemacht. Aber ich bin ein bisschen naiv, also mit besten Absichten ans Werk, wie lange kann das schon dauern?

Die NSA-Enthüllungen haben die Utopie des Internets als eines demokratischen Emanzipationsmediums zerstört.

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Fang den Pudding

14. Januar 2014

Es gibt so Sachen, die ich gerne kritisieren würde, weil sie irgendwie leer und doof und nicht in Ordnung sind, auf so eine vage Art, die sich an nichts Konkretem fest macht, mich aber gerade deshalb sehr verärgert, die sich aber natürlich gleichzeitig kraft eben dieser Eigenheit nur sehr schwer kritisieren lassen, weil sie kaum etwas Konkretes enthalten, das Angriffsfläche böte.

Ein Beispiel wäre Sascha Lobo, dessen Werk ich, seit ich es kenne, vage nicht okay finde, ohne dass sich jemals eine Gelegenheit ergeben hätte, das öffentlich bekannt zu machen, obwohl oder weil (Ich kanns echt nicht so richtig sagen.) er nie irgendwas geäußert hat, das ich wirklich als Beispiel dafür hernehmen könnte. Aber heute (zwei Tage zu spät) habe ich einen Artikel sonderbares Lamento von ihm auf faz.net gefunden, mit dem ich es mal versuchen will. Weniger, weil ich es für ein besonders dankbares Objekt von Kritik hielte, sondern weil ich es mal gesagt haben will, und gerne wüsste, wie es euch so dabei geht.

Thema ist natürlich die sensationell erschreckende Entdeckung, dass die Geheimdienste, deren Job darin besteht, uns heimlich zu überwachen, uns offenbar jahrelang heimlich überwacht haben, und das besonders erschütternde Detail, dass sie dabei nicht einmal vor der Nutzung des denkbar naheliegendsten Mittels überhaupt zurückgeschreckt sind, womit natürlich wirklich niemand rechnen konnte. Niemand hier im Sinne von: Jeder, außer Sascha Lobo, der gesamten Bundesregierung und dem deutschen Journalismus, die offenbar aus allen Wolken gefallen sind, als das bekannt wurde. Und weil dies offenbar eines dieser Themen ist, bei denen alle nur mit großen Scheinen zahlen wollen und niemand wechseln kann, schreibt Lobo:

Die Snowden-Enthüllungen haben die vierte Kränkung der Menschheit offenbart, die digitale Kränkung der Menschheit, der größte Irrtum des Netzzeitalters

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Taschentuch? (2)

8. April 2011

Ich habe gerade diesen Artikel in der NYT gelesen. Er heißt „Police Lesson: Social Network Tools Have 2 Edges„, und es geht darum, dass manche Polizisten in sozialen Netzwerken Dinge veröffentlichen, die in Zusammenhang mit ihrem Beruf nicht so gut ankommen.

Da ist zum Beispiel der Polizist, der bei Facebook als Beruf „human waste disposal“ eingetragen hatte, was sich besonders schlecht machte, nachdem er im Dienst jemanden erschießen musste. Oder jedenfalls erschoss, was weiß ich, ob es nötig war?

Oder der Polizist, der bei eBay ein Video verkaufte, indem er lasziv seine Uniform auszog und dann masturbierte.

Oder der Polizist, der bei MySpace seine Stimmung als „devious“ beschrieb und auf Facebook erwähnte, dass er sich „Training Day“ ansah, „to brush up on proper police procedure“.

Dabei interessiert mich weniger die Frage, was diese Leute dazu gebracht hat, sich so dumm anzustellen. Ich kann mir das nämlich sehr gut vorstellen (Na gut, den zweiten Fall nicht so, aber jeder Jeck ist anders.), weil mir klar ist, dass Polizisten genau wie Soldaten, Staatsanwälte, Bundeskanzler und Minister, genau wie wir alle, keine hoheitliche-Aufgaben-Erfüllungs-Automaten sind, sondern Menschen mit Freunden, Freizeit, und einem mehr oder weniger und besser oder schlechter ausgeprägten Sinn für Humor.

Mich interessiert auch nicht so sehr, inwieweit der Arbeitgeber das Recht von Mitarbeitern beschneiden darf, sich öffentlich zu äußern. Das ist eigentlich eine ganz spannende Frage, aber nicht heute.

Mit geht es, wie ihr dem Nebensatz oben wahrscheinlich schon entnommen habt, um die Frage, wie unreif eine Gesellschaft ist, in der es eine Zeitungsschlagzeile wert ist, dass ein Polizist bei Facebook seinen Beruf mit „human waste disposal“ angibt. Ja, und?

Wenn er das wirklich so sieht, ist das natürlich inakzeptabel, aber wenn wir uns mal kurz bewusst machen, welche Aufgaben Polizisten zu erfüllen haben, und wie viele von ihnen es gibt, dann dürfte uns sofort klar werden, dass eine erhebliche Anzahl von ihnen abends, wenn sie nach Hause kommen, ihre Arbeit genau so beschreiben würden. Einige von ihnen vielleicht sogar nicht ganz zu Unrecht. Das ist nicht in Ordnung, und wenn sich das in ihrem dienstlichen Verhalten irgendwie ausdrückt, gehören sie diszipliniert, aber es ist nicht unbedingt Breaking News, oder?

Darüber hinaus befasst der NYT-Artikel sich auch ausschließlich mit dem Thema, dass manche Polizisten so etwas schreiben, dass das schlecht aussieht, und dass die Behörden deshalb nach Wegen suchen, es zu unterbinden. Das ist einerseits sicherlich ein pragmatischer Ansatz, denn unsere Gesellschaft ist nun mal so unreif, wie sie ist, aber andererseits kommt es mir doch reichlich verdreht vor.

Wenn jemand solchen Unfug schreibt, ohne es ernst zu meinen, gibt es eigentlich kein Problem. Polizisten müssen keine guten Komiker sein. Wenn jemand solchen Unfug aber im Ernst schreibt, dann ist die Statusmeldung auf Facebook nicht das Problem, sondern die Tatsache, dass da ein Polizist andere Menschen als Abfall empfindet, und seine Aufgabe darin sieht, sie zu entsorgen. In diesem Fall sollten wir dankbar sein, dass er das öffentlich schreibt, und unsere Ressourcen darauf verwenden, seine Meinung zu ändern oder ihn aus seiner Position zu entfernen, statt darauf, ihn davon abzuhalten, zu sagen, was er denkt.

Ja. Ähm. Was wollte ich eigentlich sagen? Ich schätze, mein Gedankengang war ungefähr der gleiche, der mich immer beim Lesen dieser aufgeregten „Das Internet nimmt uns unsere Privatsphäre und verführt unsere Kinder, peinliche Bilder zu veröffentlichen“-Artikel befällt: Meine Güte, wie lange dauert es eigentlich noch, bis unsere Gesellschaft sich daran gewöhnt hat, dass das Internet unsere Kommunikation verändert (Eigentlich so ein Spruch, den ich in seiner Pomposität überhaupt nicht leiden kann, der hier aber nun einmal hingehört.) und dass Äußerungen auch dann privater Natur sein können, wenn jeder sie lesen darf?

So. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das jetzt irgendwie Sinn ergibt, oder ob es nur ein „Ich verstehe die ganze Aufregung nicht“-Post geworden ist. Was meint ihr?