Waffen gegen Ideen

19. Januar 2015

Neil Gaiman hat für Chris Riddell sowas geschrieben. Ich denke, ihr solltet ruhig mal kurz rübergehen und euch das anschauen, weil es nicht nur sehr gefällig geschrieben, sondern auch echt nett gesetzt und illustriert ist.

Habt ihr schon? Nein? Okay, ich warte.

Jetzt? Na gut. Wenn ihr halt partout nicht von hier weg wollt, was solls, ich kann das ja verstehen, dann fasse ich es euch knapp zusammen. Aber ich empfehle wirklich, es direkt von ihm zu lesen. Im Ernst jetzt. Ja schon gut.

Er schreibt, dass im Kampf zwischen Ideen und Schusswaffen immer die Ideen gewinnen, weil man Ideen nicht zerstören kann, und weil sie unsichtbar sind, und immer wieder kommen.

Und … wie gesagt, echt gefällig geschrieben, und ein feiner Gedanke, und ich hoffe, dass es stimmt, aber … ich glaubs nicht. Oder anders: Ich denke, das ist eine irreführende Gegenüberstellung.

Es sind niemals, auch jetzt nicht, Waffen gegen Ideen. Es sind immer Ideen gegen Ideen, denn Waffen kämpfen nicht von alleine, sie werden von Leuten geführt, die ihre eigenen Ideen haben.

Nun kann es wohl sein, dass die richtigen Ideen auf lange Sicht gewinnen, und die doofen irgendwann aussterben. Ich hoffe das sehr. Aber ich bin nicht sicher, ob die Geschichte der Menschheit dafür besonders zwingende Belege liefert, und, wie man so sagt, auf lange Sicht sind wir ohnehin alle tot.

Warum ich das schreibe? Weil ich glaube, dass wir alle verpflichtet sind, nach Kräften für die guten Ideen zu kämpfen, oder vielleicht hier weniger missverständlich, aber dafür etwas langweiliger, gerade deshalb aber auch sogar treffender: zu arbeiten. Denn das müssen wir. Wenn wir das nicht tun, dann können die falschen Ideen gewinnen, weil sind einfacher sind, emotional eingängiger, weil sie weniger Hintergrundwissen und epistemologische Infrastruktur erfordern. Sie haben auch nicht den Nachteil, durch Wahrhaftigkeit und Anstand begrenzt zu sein.

Und außerdem sind sie erfahrungsgemäß oft die mit den Waffen.


Aufs Maul?

17. Januar 2015

Das Staatsoberhaupt des Vatikans kann offenbar ein paar Dinge nicht auseinanderhalten, und Rainer Hermann pflichtet ihm in der FAZ freudig bei. Das soll mir reichen, um selbst auch kurz und kompakt Stellung zu beziehen.

Viele Menschen ziehen über Religion her, das kann passieren, hat aber Grenzen

sagt der oberste Brückenbauer, was ja vieles heißen könnte, er erklärt aber auch gleich, was er damit meint:

Jede Religion habe eine Würde, über die man sich nicht lustig machen könne.

Naja. Doch. Und damit wäre dieser Teil auch komplett beantwortet. Wer mehr will, wird bei Recotard fündig, den ich euch übrigens auch generell und immer ans Herz legen würde, denn wer sein Blog nicht abonniert hat, dem entgeht was. Aber Franziskus (Ich würd ihn ja mit vollem Namen schreiben, aber ich habe den Eindruck, dass er das nicht will, und kenne den außerdem gar nicht.) hat damit immer noch nicht aufgehört:

Zur Veranschaulichung zog der Papst daraufhin Parallelen zu seiner Mutter.

Nein! Nein, nicht so! Anders! Anders!

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Je suis Muriel

11. Januar 2015

Ich schwöre, ich hab das Bild erst gesehen, nachdem ich den Titel schon geschrieben hatte.

Whoa. Diese Charlie-Hebdo-Geschichte ist für mich schon wieder so eine, bei der man nicht so richtig weiß, wen man zuerst und am heftigsten beschimpfen soll. Bei den Terroristen und den Antiislamisierungshonks ist das sicher noch am offensichtlichsten, aber auch die „Je suis Charlie“-Fraktion weckt in mir einen latenten Hass. Gut, der ist natürlich teilweise nicht gerechtfertigt und wächst aus meinem eigenen pathologischen Nonkonformismus, der mich immer ganz grantig gegen alles sein lässt, was ansonsten einhelliger Konsens ist, so richtig und vernünftig es auch sein mag. Aber nicht nur.

Es ist ja nicht schwer, das Elend zu illustrieren. Es gibt zahllose Beispiele. Ich habe jetzt gerade diese am bequemsten zur Hand:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/sz-karikaturen-zu-charlie-hebdo-man-ist-nicht-mehr-frei-1.2298209#7

Ist das nicht schrecklich? Wirklich jede einzelne davon? Ich meine, das ist sicher Geschmackssache, aber ich würde mich doch sehr wundern, wenn irgendjemand diese Karikaturen aufrichtig lustig oder auch nur geistreich fände, spätestens nachdem sie den „Es ist ja für eine gute Sache“-Bonus rausgerechnet hat. Dass es besser geht, will ich auch nicht verschweigen, das hat die Titanic mit ihrem Liveticker in eigener Sache geschafft, und dann gleich anschließend wieder gar nicht.

Und ich glaube, das ist aus ungefähr dem gleichen Grund so, aus dem Scheibenwischer so grässlich unangenehm anzuschauen war.

Humor wird (zumindest für mich) sehr peinlich und schmerzhaft, wenn man ihm anmerkt, dass er sich selbst schrecklich ernst nimmt. Wenn ihm aus jeder Faser das Miasma des Bewusstseins der eigenen zivilisationserhaltenden Bedeutung steigt und Augen und Nase mit seinem süßlich-fauligen Aerosol verklebt. Deshalb ist in meinen Augen der Titanic-Newsticker die bisher einzige humoristische Reaktion auf die Anschläge in Frankreich, mit der ich mich wohlfühle. Und deswegen regen mich solche wie da oben in der Süddeutschen Zeitung auf.

Humor, der den Humor verliert, ist erbärmlich. Und wenn professionellen Humoristen als Reaktion auf terroristische Gewalt regelmäßig nichts Besseres einfällt, während sie gleichzeitig immer wieder betonen, wie wichtig es ist, nicht den Humor zu verlieren, und alle Kommentatoren ihnen völlig unkritisch und unreflektiert zustimmen, dann haben die Terroristen gewonnen ist das meines Erachtens schon eher ein schlechtes Zeichen für den Zustand unseres öffentlichen Diskurses.

Oder was meint ihr?

[Disclosure: Ich schreibe weder für SZ, noch für Charlie Hebdo, Titanic oder deren Mitbewerberinnen, bin aber grundsätzlich voller Neid und Missgunst für alle, die im Gegensatz zu mir einen Weg gefunden haben, ihren Lebensunterhalt durchs Schreiben zu verdienen.]