Opfer

19. Juli 2016

Nun hab ich mich gerade auf die Seite der Grünen Jugend gestellt, und als hätte ich damit eine Tür geöffnet, kommt gleich die nächste Gelegenheit für ein sonderbares Bündnis: Ich bin einer Meinung mit Renate Künast und Jakob Augstein.

Hm.

Na gut.

Nee, eigentlich nicht. Aber ich bin zumindest irgendwie vage bei ihnen in einer Streitfrage. Ihr werdet mitbekommen haben, dass da ein mutmaßlich verwirrter junger Mann in einem Zug Leute angegriffen hat und von Polizeibeamten erschossen wurde. Ihr werdet mutmaßlich auch mitbekommen haben, dass Renate Künast dazu was getwittert hat:

Nun habe ich mal gelernt, dass das schon rein von der Sache her gar keine besonders kluge Frage ist, weil (ungefähr, ich bin nun wirklich kein Experte) es einfach nicht realistisch ist für so ganz normal ausgebildete Polizistinnen, jemanden angriffsunfähig zu schießen. Erstens gibt es gar nicht so viele Stellen am menschlichen Körper, auf die man im Rahmen des realistisch Möglichen zielen kann, um jemanden zuverlässig nicht zu töten, und zweitens gibt es ja sogar bei gut geschulten Leuten wie SEK-Beamten (die hier anscheinend diejenigen welchen waren, wenn ich das richtig verstehe) eine erhebliche Unsicherheit, wo man einen sich in Bewegung befindenden Angreifer in einer Stresssituation trifft. Aber ich mag mich da dann doch wieder täuschen, und muss zumindest sagen, dass ich auch nach Lektüre der ursprünglichen Meldung darüber nachdachte, warum eigentlich unsere Polizei nicht besser darauf vorbereitet ist, eine doch eher konventionell bewaffnete Person außer Gefecht zu setzen, ohne sie gleich zu töten, und ob das wirklich nicht möglich gewesen wäre. Andererseits hätte ich als Polizist sicher auch eine Grenze dafür, wie viel ich zu riskieren bereit bin, um jemanden zu retten, der mich gerade mit einer Axt angreift, aber jedenfalls soll es darum hier gar nicht gehen, sondern vielmehr um die Reaktionen, zum Beispiel von dem Generalsekretär der CSU (natürlich…) Andreas Scheuer:

oder Bayerns Justizminister Bausback, der offenbar Künast zum Rücktritt aufgefordert hat.

Und da finde ich, ohne mich jetzt von der Krawalligkeit der beiden anstecken lassen zu wollen, dass es unabhängig von der Sinnhaftigkeit von Künasts ursprünglicher Frage andersherum ist. Wer so verantwortungsvolle Positionen im Staat besetzt wie Scheuer und Bausback und es per se schon ganz grundsätzlich unanständig findet, auch die Rechte von Straftätern zu beachten und vielleicht ein bisschen darauf zu achten, dass wir sie nicht unnötig töten, der sitzt falsch und ist eine Schande für das System, das er repräsentiert. Jakob Augstein hat dazu – unglücklicherweise nebst dummem Gelaber von „Netzmeute“ – halbwegs treffend geschrieben:

Nach jedem tödlichen Waffeneinsatz muss die Frage gestellt werden, ob Ausbildung und Ausrüstung der Polizei ausreichen, um möglicherweise gefährlichen Verdächtigen mit nicht tödlicher Gewalt zu begegnen.

Auch ein mutmaßlicher Täter, der noch die Waffe in der Hand hält, ist nur ein mutmaßlicher Täter, ein Tatverdächtiger. Er ist noch nicht verurteilt, nicht einmal angeklagt.

Halbwegs, weil es ja gar nicht so besonders darauf ankommt, ob Täter oder Tatverdächtiger. Wir erschießen nun mal nicht Leute, wenn es sich noch irgendwie vermeiden lässt, das sollte in unserer Gesellschaft doch nun wirklich unverhandelbarer Konsens sein, oder wie?

Und nachdem wir das geklärt hätten, noch eine sehr schöne kleine Bemerkung zu einer Sache, die mich auch immer ein bisschen irritiert:

Ich denke, damit wäre dann wirklich alles Nötige zur Sache gesagt. Oder?


Die Aufgabe der Politik

1. Januar 2013

Ich habe jetzt zum ersten Mal diese Kolumne gelesen, die Jakob Augstein auf Spiegel.de schreibt, weil ich mir dachte: Warum nicht?

Es war eine gute Idee, denn meine Frage wurde umfassend beantwortet.

Warum werden die Reichen reicher und die Armen ärmer? Das ist eine Kinderfrage. Aber sie liegt am Grunde der Politik.

Schon am Einstieg finde ich wieder diese Merkwürdigkeiten, die mir in letzter Zeit so oft auffallen, dass ich mich frage, ob es an mir liegt. Vielleicht könnt ihr es mir ja sagen. Bin ich zu schwer von Begriff? Stelle ich mich vielleicht sogar unnötig dumm, weil sich mir schon beim Titel „Im Zweifel links“ die Nackenhaare aufstellen? Falls ja, könnt ihr mir vielleicht erklären, warum das eine Kinderfrage ist, was das überhaupt heißen soll, und was er meint, wenn er schreibt, sie liege „am Grunde der Politik“. Falls es tatsächlich stimmt, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden, sehe ich nicht, wieso nur Kinder sich dafür interessieren sollten, woran das liegt. Und sicher, mir ist schon klar, dass er mit dem dritten Satz ausdrücken will, die Frage sei wichtig. Aber wieso liegt sie am Grunde? Was am Grunde von irgendwas liegt, zeichnet sich nicht unbedingt durch Bedeutung aus, es ist einfach versunken und nur mühselig wieder hinauf ans Tageslicht zu holen. Meint er das vielleicht? Hm.

Egal.

Den Rest des Beitrags lesen »