Vom Mutigsein

12. Februar 2017

„Lasst uns mutig sein“, beendet [Steinmeier] seine erste Rede als gewählter Präsident. „Dann ist mir um die Zukunft nicht bange.“

Wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, ist mir das mit dem Mutigsein sowieso schon nicht ganz klar, und gerade im Zusammenhang mit einer Bundespräsidentenwahl kommen mir derlei Formulierungen immer besonders absurd vor, weil ich jede solche als ein Fanal der Mutlosigkeit von allen Seiten empfinde, solange keine der Beteiligten es über sich bringt, diese immer noch übliche ehrfurchtsvolle Untertanenhaltung fallen zu lassen und über das unwürdige Spektakel so zu berichten, wie es angemessen wäre, nämlich weit hinten an unauffälliger Stelle, und möglichst spöttisch. Aber ich schätze, darüber können wir lange streiten, und ich bin gerade gar nicht so streitlustig, deswegen setze ich den Fokus dieses Posts mal woanders hin, wo wir mutmaßlich einen Konsens erreichen, nämlich darüber, dass Thorsten Denkler beim Verfassen seines Beitrags für die Süddeutsche Zeitung anscheinend der Mittextremismus soweit durchgegangen ist, dass er die Kontrolle über seine Denk- bzw. Schreibprozesse großteilig verloren hat. Von der oben zitierten Stelle leitet er nämlich über zu:

Wir [sic] schwer das manchen fällt, zeigt sich zwei Stunden zuvor, als Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Eröffnungsrede seinen Dank an den scheidenden Bundespräsidenten Joachim Gauck richtet. Sofort brandet spontaner Beifall auf. Irgendwann stehen alle. Alle, bis auf die Entsandten von AfD und Linken.

Und obwohl ich sicherlich äußerst unverdächtig bin, zu einer dieser beiden Gruppen besondere Sympathie zu hegen, regt sich in diesem Moment doch ein bisschen davon, und ich denke: Immerhin. Herr Gauck ist zwar sicher nicht der schlimmste Mensch der Welt, aber ich wüsste auch nicht, womit er stehenden Applaus verdient hätte, und ich finde, man entwertet diese besondere Beifallsbekundung, wenn man sie an so Leute wie Bundespräsidenten vergibt.

Herr Denkler sieht das anders, und zwar, wie ich finde, wirklich spektakulär originell anders:

Es war ist [sic] merkwürdiges Bild, wie sich da diese beiden Parteien am linken und rechten Rand des politischen Spektrums in der Abneigung zu Gauck vereint zeigen. Sie sind offenbar nicht mal mutig genug, sich aus purer Höflichkeit von den Plätzen zu erheben.

Alter.

Herr Denkler.

Ist es jetzt in Ihren Augen wirklich schon so weit, dass wir unter „mutig“ verstehen, sich so wie alle anderen zu verhalten, nicht aus der Reihe zu tanzen, sich „aus purer Höflichkeit“ dem Gruppenzwang zu beugen und Begeisterung zu heucheln für eine Sache, der man ablehnend bis feindlich gegenüber steht?

Ich will nicht unken, aber ich habe den Verdacht, dass das durchaus die Art Mut sein könnte, an die auch Herr Steinmeier in seiner Rede gedacht hat.

Aber ich hoffe, dass ich ihm Unrecht tue, und dass wir jedenfalls der derzeit doch eher nicht nur strahlend aussehenden Zukunft mit einer anderen Haltung entgegentreten, die meinetwegen nicht mal übermäßig mutig sein muss, aber doch bitte auch nicht so duckmäuserisch, angepasst, unkritisch und mitläuferisch wie manche – Ja, SZ, dich guck ich an! – es sich anscheinend wünschen. Ich würde jedenfalls ganz gerne in einer Gesellschaft leben, in der es als okay und manchmal geboten gilt, sitzen zu bleiben, auch wenn alle anderen stehen, und in der man aufrichtig sagt, wenn man Kasperkram für Kasperkram hält, und sich dafür entscheiden kann, ihn nicht mitzumachen, ohne dafür öffentlich als Feigling beschimpft zu werden.

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Bundespräsident Gauck ärgert sich

1. Mai 2013

Vielleicht ist es nicht allen von euch gegenwärtig, aber es gibt da so einen Typen, der jedes Jahr 199.000 Euro bekommt, von uns allen, zuzüglich 78.000 Euro Aufandsentschädigung, sowie eine kostenlose, dem Vernehmen nach ganz angenehme Wohnung, Personenschutz, ein luxuriöses Dienstfahrzeug, und so allerlei anderes Brimborium, und dafür … Ja, man weiß nicht genau, was er dafür eigentlich tut, aber er wird zu vielen wichtigen Veranstaltungen eingeladen, und hin und wieder sagt er mal was, und das wird dann von allen Medien immer sehr dankbar aufgegriffen und sehr ernst genommen. Er repräsentiert halt, ne? Den größten Teil davon bekommt er übrigens nicht nur, solange er dieses etwas merkwürdige Amt, von dem keiner genau weiß, wofür es da ist, innehat, sondern der Einfachheit halber sein Leben lang, weil … Ehre.

Zurzeit wird das merkwürdige Amt von jemandem ausgeübt … Nee, das ist nicht der richtige Ausdruck, aber „wird innegehabt“ ist auch eine doofe Formulierung, sagen wir vielleicht: besetzt, der zum Beispiel überhaupt nicht begreifen kann, was alle gegen sexuelle Belästigung haben und warum es unter Umständen nicht okay sein könnte, einer Frau zu sagen, dass sie dicke Tüten hat, aber ich will nicht unnötig weit ausholen, jedenfalls gibt es mindestens eine Sorte von Fehlverhalten, zu der dieser Typ, der in mancher Hinsicht also bekanntlich weniger moralisch ist, als man es vielleicht erwarten würde, dann aber doch eine klare Meinung hat: Steuerhinterziehung nämlich, also das Nichtherausrücken von Eigentum an die Organisation, der besagter Herr sein deutlich sechsstelliges lebenslanges Salär verdankt. Kann man ja in gewisser Weise auch verstehen. Ihr wisst schon. Ehre.

Wer Steuern hinterzieht, verhält sich verantwortungslos oder gar asozial

sagt dieser Typ also. Begriffe, mit denen man vielleicht auch jemandem bedenken könnte, der ihm nicht näher bekannten Frauen offensiv auf die Brüste glotzt und lüsterne Kommentare dazu … Aber ich schweife schon wieder ab, und das tut hier ja wirklich nichts zur Sache. Verantwortungslos oder gar asozial also, und ihr wisst, dass ich das anders sehe, und ich weiß, dass ihr das albern findet, deswegen lasst uns keine Zeit damit verschwenden, drüber zu reden, und uns lieber einem anderen Verhalten zuwenden, von dem ich vermute, dass wir uns darauf einigen können, es ebenfalls verantwortungslos oder gar asozial zu finden:

In unserem Land darf es in rechtlichen und moralischen Fragen nicht zweierlei Standards geben, einen für die Starken und einen für die Schwachen. Niemand darf selbst entscheiden, ob er Steuern zahlt oder nicht.

Verantwortungslos oder gar asozial ist es nämlich auch, öffentlich so zu tun, als dürfe in diesem Land jemand selbst entscheiden, ob er Steuern zahlt oder nicht. Ich will uns auch die Diskussion ersparen, ob es die doppelten Standards gibt, den Herr Gauck bemängelt. In gewisser Weise gibt es die gewiss, manchmal so, wie er meint, und manchmal anders, aber ansonsten erzählt er einfach Quatsch, wenn er fordert, zu prüfen,

ob nicht auch strengere Gesetze nötig sind, die aus einer fragwürdigen Handlung einen Straftatbestand machen

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich finde beim besten Willen keine Interpretation dieser Forderung, die nicht impliziert, Steuerhinterziehung sei derzeit noch kein Straftatbestand, sondern nur eine fragwürdige Handlung.

Dieses Gefühl gefährdet unsere Demokratie.

was in meinen Augen bekanntlich nicht notwendigerweise etwas Schlechtes ist, aber trotzdem: Herr Gauck, die Weigerung, Ihrem Arbeitgeber die von diesem festgelegten Summen zu zahlen, ist bereits strafbar, und zwar, falls Sie das interessiert, auch ganz ordentlich. Wer zum Beispiel eines anderen Kind entführt, mit Kindern handelt, einen anderen Menschen gegen dessen Willen mehrere Tage einsperrt, oder jemanden erpresst oder körperlich misshandelt, wird auf demselben Niveau bestraft wie jemand, der doch selbst entscheiden möchte, ob er Ihre Luxuslimousine, den Krieg in Afghanistan, Strafen für einvernehmlichen Sex oder das Gehalt von Bischof Marx bezahlt. Öffentlich so zu tun, als wäre es anders, gerade in einer besonderen Position wie der Ihren, finde ich ausgesprochen verantwortungslos.

Aber das ist bei Ihnen ja par for the course, wie man so sagt.


… uuuund wir haben einen Gewinner!

1. Juni 2012

Der hart umkämpfte Wanderpokal für die dümmste Äußerung zur Frage „Gehört der Islam zu Deutschland?“ geht heute an den CSU-Innenpolitiker Hans-Peter Uhl für seinen sensationallen Kommentar:

„Ich halte das, was Herr Gauck gesagt hat, für sehr klug. Nicht der Islam gehört zu Deutschland, sondern die Muslime, die hier auf Dauer leben. […] Der Islam bleibt für uns eine fremde Religion, dennoch sind die Muslime herzlich willkommen.“

Ich kann mir zwar gerade nicht vorstellen, wie das noch jemand toppen will, bin aber sicher, dass ich es bald erfahren werde.