Selbstgerechtigkeit, dein Name ist Journalismus

3. August 2019

Ich hab gerade gedacht, vielleicht guck ich doch noch mal in diesen ehemals bezahlbeschrankten Beitrag von Christian Deker und Carolin Fromm bei übermedien über Schularbeit zweier Journalist*innen rein, weil ich gerade Lust hatte, mich zu ärgern, und boy howdy, hat das gut geklappt. Die übermedientypisch nicht gegenderte Überschrift lautet:

Klassenarbeit: Was zwei Journalisten im Dialog mit Schülern erleben

Ist das eigentlich sehr cringy, wenn ich boy howdy sage? Ja, ne? Hmpf. Schade. Ich sag das so gern. Aber schon gut, ihr habt recht, ich hör auf.

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Die Süddeutsche Zeitung macht Carolin Emcke zum Horst

17. Februar 2019

oder so. Weiß nicht, wie viel sie selbst dazu beigetragen hat. Ich traue ihr einiges zu. Egal. Zur Sache:

Facebook macht Moral zum netten Accessoire

titelt die Süddeutsche Zeitung, und ich muss euch gleich jetzt enttäuschen: Es geht nicht um 1 neuen Profilbildeffekt, sondern um was ganz anderes.

In beschleunigten Zeiten, in denen Ereignisse medial verbreitet und kommentiert werden, bevor sie wirklich erlebt sind, ist die Entdeckung der Langsamkeit opportun.

Ja, nee, aus dem ersten Satz des Artikels kann man das natürlich noch nicht entnehmen, denn alle Artikel über Themen, die irgendwas mit Internet zu tun haben, müssen in deutschen Tageszeitungen immer gleich schwammig-labernörgelig anfangen, so will es das Gesetz, da kann bestimmt auch Frau Emcke nichts dafür.

Nicht immer ist die erste Intuition verlässlich, und nicht immer ist die erste Erregung angemessen. Allzu häufig erweist sich das Skandalisierte beim zweiten Blick als weniger skandalös.

Für Zeitungen ist das leider schwierig, weil die halt irgendwann Redaktionsschluss haben. Aber für den Rest von uns ist das womöglich ein guter Rat. Wollen wir also gemeinsam mal gucken gehen, ob sich das Skandalisierte beim zweiten Blick als weniger skandalös erweist?

Natürlich wollen wir das!

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Ich habe ja nichts gegen Journalistinnen, per se

9. September 2016

Die erfüllen eine wichtige Aufgabe, und wenn sie sie gut machen, können die Ergebnisse total schön und toll sein. Wie bei Bäckern, Ingenieurinnen und Juristen auch. (Ja, was? Es gibt tolle Schriftsätze und RICHTIG gute Gerichtsentscheidungen.)

Ich habe aber was gegen die verbreitete Überzeugung, sie wären inhärent was Besseres, Wichtigeres als diese anderen Berufe, die noch mal erheblich peinlicher wird, weil sie (nur teilweise in der Natur der Sache liegend) vorrangig von Journalisten verkündet wird.

Florian Aigner fällt mir als halbwegs aktuelles Beispiel ein. Kürzlich verkündete er, eine Zeitung sei keine Zahnbürste, und deshalb müsse man irgendwie sicherstellen, dass sie auch dann noch am Leben erhalten werde, wenn sie nicht mehr genug Kundinnen finde, die freiwillig dafür bezahlen wollten. Er schreibt nicht genau wie, aber irgendwie soll das dann wohl vom Staat erzwungen werden, weil wir Zeitungen so dringend brauchen. Wie auch Bananen, Fahrräder und Blumentöpfe, wie er selbst einräumt, aber aus voll guten Gründen, die er nicht so richtig dezidiert darlegt, sollen ihre Herstellerinnen trotzdem nicht denselben Gesetzmäßigkeiten unterliegen wie die anderen, denn „Der freie Markt ist nicht dafür geeignet, die passende, gesellschaftlich nötige Zahl von Zeitungen und Magazinen zu ermitteln„. Jo. Wenn er rausgefunden hat, wer besser dafür geeignet ist, und wie das dann läuft, informiert er uns gewiss. Egal. Ich wollte damit nur die Grundhaltung illustrieren, die ich kritisiere, und an die mich ein kleiner, via 6vor9 im Bildblog gefundener Post des DJV heute erinnert hat:

Der Deutsche Journalisten-Verband warnt alle Journalistinnen und Journalisten davor, sich auf Interviewvereinbarungen mit der deutschen Schauspielerin Martina Gedeck einzulassen

Und nun muss ich zugeben, dass mir das einerseits immer noch viel sympathischer ist als die Haltung von Herrn Aigner, weil der DJV immerhin nur Journalisten warnt und aufruft, statt Zwangsmaßnahmen zu fordern, aber dennoch finde ich das Ganze so massiv putzig, dass ich den Drang verspürte, es kurz zu kommentieren, und das geht ja weder bei 6vor9, noch auf der DJV-Seite.

Frau Gedeck fordert offenbar, dass man Zitate mit ihr abstimmt, die hervorgehoben z.B. in Überschriften verwendet werden sollen, und sie will auch bei der Auswahl der Bilder mitreden. Und der DJV meint:

„Wenn Journalisten zu Werbeträgern degradiert werden sollen, ist Boykott die einzig mögliche Antwort.“

Und ich finde halt… Also, ich finde natürlich, dass es jeder Journalistin bzw. überhaupt allen Menschen völlig freisteht, zu entscheiden, unter welchen Bedingungen sie bereit sind, Gespräche zu führen, oder nicht. Wenn jemand mit Frau Gedeck nicht reden will, soll ers gerne lassen. Aber die Empörung, die da aufwallt („zu Werbeträgern degradiert“), die finde ich erbärmlich, weil sie aus diesem oben dargestellten peinlich aufgeblähten Verständnis der eigenen konstitutiven Bedeutung für die Gesellschaft und die Würde des Menschen an sich oder so fließt. Herrgott, ihr interviewt eine SCHAUSPIELERIN! Das Produkt, das dabei rauskommt, ist Werbung, obs euch passt oder nicht, da könnt ihr euch eure staatstragende Verantwortungshysterie wirklich klemmen. Bei Politikerinnen können wir drüber reden, aber bei Schauspielern echt nicht.

Und außerdem wisst ihr als Journalisten ganz genau, wie zum Beispiel Gala, Bild und die aktuelle arbeiten, und wenn ihr dann trotzdem noch so tut, als wäre es eine völlig unbegreifliche Anmaßung von einer Interviewpartnerin, den Inhalt des veröffentlichten Produkts im Vorhinein möglichst genau kennen und mitbeeinflussen zu wollen, dann ist das eine Form von Heuchelei, für die sich jede Ingenieurin mit ein bisschen Selbstachtung schämen würde. Und ihr so?


Journalistin des Jahres

26. Februar 2016

Anja Reschke hat einen Preis gewonnen, weil sie gesagt hat, dass sie Rassismus doof findet, und aus diesem Anlass eine Rede gehalten, in der sie über die Unsicherheiten spricht, die ihr die Arbeit schwer machen und wegen derer sie auch nicht richtig weiß, wie es geht. Ich finde es einerseits als Faustregel immer ehrenwert, wenn Leute Schwächen und Zweifel eingestehen, und auch Frau Reschke macht auf mich einen immens sympathischen Eindruck, aber was sie schildert, und die Art, wie sie es schildert, kommt mir symptomatisch vor für diverse Probleme des Journalismus, darunter auch die, die sie beklagt. Frau Reschkes Rede illustriert sehr anschaulich und konkret, was mein Eindruck von der Selbstwahrnehmung vieler Journalisten ist, und warum ich mir da einige Verbesserungen wünsche.

Und, wie soll ich sagen, auch wenn ihre Schlussfolgerung mir vielversprechend erscheint (dazu dann mehr), finde ich den Weg dahin, und wie sie den schildert … doch arg erstaunlich, wegen dessen, was er meines Erachtens über Frau Reschkes Wahrnehmung ihrer Tätigkeit oder zumindest über Frau Reschkes Einschätzung der Wahrnehmung ihres Publikums verrät. Zum Beispiel schildert sie die sehr polarisierten Reaktionen auf ihren Kommentar damals, ihr wisst schon, und ist dann ganz verblüfft und erschrocken, dass manche Leute sie toll finden, und andere total doof, weil:

Ich bin kein Akteur, ich bin kein Politiker, ich hab nichts entschieden […]. Ich hab eigentlich nur berichtet – oder in diesem Fall: kommentiert.

Zu viel Bissigkeit ist hier wahrscheinlich nicht angemessen, denn Frau Reschke meint es ja wirklich gut und sagt durchaus auch kluge Sachen, aber dieser Abschnitt ihrer Rede illustriert für mich, dass für sie die Welt wohl bis vor Kurzem noch so aussah, dass Journalisten durch ihre Tätigkeit nicht Akteure in Konflikten sind, keine Entscheidungen treffen, und – vielleicht etwas überspitzt – auch keiner Bewertung zugänglich, weil sie ja „eigentlich nur“ berichten. Oder halt kommentieren. Findet ihr diese beiläufige Verwischung des Unterschieds zwischen Bericht und Kommentar auch ein bisschen eigenartig? In einer spontanen Rede kann sowas leicht mal passieren, aber ich weiß nicht, wie spontan die war, und dies hier ist ja schon die -wenn auch nur leicht- redigierte Schriftfassung.

Mich stört aber vor allem, dass diese Äußerung von in meinen Augen fahrlässigem Verkennen der eigenen Verantwortung zeugt. Frau Reschke sagt das selber später noch mal, aber so, als wäre es neu, und das kann ja nun wirklich niemand im Ernst glauben: Wer öffentlich berichtet und kommentiert, ist Akteurin, beeinflusst das Geschehen, trifft Entscheidungen darüber, wie sie es tut, und setzt sich und ihren Kommentar damit einer öffentlichen Diskussion aus. Dass die natürlich nicht so grob beleidigend sein sollte, wie sie es gegenüber Frau Reschke teilweise war, müssen wir nicht diskutieren. Aber das Erstaunen ob der bloßen Tatsache, dass es Menschen aufregen und bewegen kann, wenn jemand „nur […] kommentiert“, kann ich nicht verstehen, und wenn ich es versuche, dann nur als bedenkliches Zeichen über den Stand der Reflexion über die eigene Verantwortung deuten.

Die einen sehen darin [in den Flüchtlingen] arme Seelen, denen man helfen muss, die man versorgen muss. Andere sehen in den Flüchtlingen gar die Lösung unseres demographischen Problems. Und wieder andere nehmen sie als „Invasoren“ wahr […]. Tja, sagen was ist. Was ist denn jetzt? Was sag ich denn jetzt? Was ist das Richtige?

Hier so ähnlich: Frau Reschke drückt Erstaunen, Verwirrung und meines Erachtens auch eine gewisse Empörung darüber aus, dass Leute einen Sachverhalt unterschiedlich bewerten und Fakten unterschiedlich einschätzen, und dass das ja ihre Aufgabe, wahrhaftig zu berichten, so fies erschwert. Ich weiß nicht, ob das in diesen isolierten Zitaten hinreichend rüberkommt, aber ich finde, in der ganzen Rede klingt immer so ein bisschen Larmoyanz mit. Wenn ihr mögt, folgt gerne dem Link und schaut, ob es an mir liegt, oder ob ihr sie auch findet. Und, ich schwöre: ganz ohne bösen Willen frage ich mich da: Wie hat sie sich das denn vor ihrer Epiphanie vorgestellt? Laufen da draußen Journalistinnen rum, die der Meinung sind, man könnte doch sinnvoll nur über Sachverhalte berichten, zu denen bereits ein gesicherter Konsens in der Bevölkerung besteht, zu denen es keine nennenswert abweichenden Meinungen gibt, und zu denen rundum für alle alles geklärt ist? Und alle Fragen, deren Antworten nicht auf den ersten Blick auf der Hand liegen, sind eben leider einer seriösen Berichterstattung nicht zugänglich, weil man ja berichten will, was ist, und das dann nun mal nicht geht, schade, aber was willste machen?

Ich will das gar nicht so polemisch formulieren, wie es klingt. Ich versuche nur wiederzugeben, was ich für die einzig sinnvolle Deutung des Hintergrundes von Frau Reschkes Fragen halte. Denn wenn man – wie ich es immer für offensichtlich hielt – gerade als die Grundlage der Existenzberechtigung von Journalismus deutet, dass schwierige Fragen bearbeitet werden müssen, dass Menschen Informationen brauchen über schwierige, umstrittene Themen, und jemanden, der oder die ihnen einen Überblick vermittelt, einordnet, Unklarheiten benennt, aber auch verfügbare Informationsquellen nutzt, um so weit wie möglich aufzuklären, dann kann man eigentlich nicht an dieser Aufgabe zweifeln, weil man vor einem umstrittenen Sachverhalt steht, über den Menschen öffentlich verschiedene Ansichten äußern.

Wir haben auch versucht, den anderen Ängsten zu begegnen und ihnen Fakten dagegenzustellen. […] es hilft nichts. Angst lässt sich nicht so leicht wegwischen.

Ähnliches Problem. Aus diesen Sätzen höre ich im Kontext der Rede wieder, wenn auch etwas anders, die Erwartungshaltung heraus, dass es ganz einfach zu sein habe. Die Entrüstung darüber, dass man doch jetzt versucht hat, den Leuten zu sagen, was sie denken sollen, und die es aber trotzdem nicht machen, und die Implikation, dass unter solchen Bedingungen doch niemand vernünftig arbeiten könne.

Und als kurzer Einwurf muss es sein, finde ich: Frau Reschke spricht mit dem „Wir“ wohl nur von der Panorama-Redaktion, aber trotzdem. Es ist ja nicht so, als hätten wir in den letzten Monaten eine gemeinsame Anstrengung aller Journalisten Deutschlands erlebt, den Ängsten mancher Leute Fakten entgegen zu stellen. Es gab genug, die eifrig das Gegenteil versucht haben. Ich muss keine Beispiele verlinken, oder? Manche von euch haben ja vielleicht gerade gegessen.

Es ist so ein Willkommen-im-Leben-Gefühl, das mich die ganze Zeit bei der Lektüre von Frau Reschkes Ansprache begleitet hat. So ein Eindruck, dass die Dinge, die sie beklagt, wirklich sehr schade sind, aber verbunden mit der Frage, ob das wirklich so verblüffend für sie ist, wie es klingt. Ein bisschen, als würde ein erwachsener Mensch einem ganz aufgeregt und voller Entsetzen berichten, dass er gar nicht aus eigner Kraft fliegen kann und deshalb über tausend Euro bezahlen muss, um nach Australien zu kommen. Oder so. Aber vielleicht tue ich ihr auch ganz Unrecht, vielleicht ist ihr das alles auch schon lange klar, und sie will nur Missverständnisse darüber ausräumen, wie ihr Beruf wahrgenommen wird, und was Leute von Journalisten erwarten. Nur dass eben für mich nicht so klingt, denn sie schildert ja explizit ihre eigene Verwirrung und Ratlosigkeit. Vielleicht will sie diese Ratlosigkeit nur offen legen, und Leute darüber informieren, dass Journalistinnen auch nicht viel mehr wissen (können) als sie selbst, und auch nicht viel mehr Einfluss haben. Aber andererseits hat sie doch oben drüber gestaunt, wie viel Einfluss sie auf die Diskussion genommen hat. Na gut. Ihr könnt ja für euch selbst entscheiden, wie ihr Frau Reschke versteht, und mir geht’s sowieso vorrangig ums Prinzip, weniger um die konkrete Person und ihre Meinung.

Mein Gedanke wenn ich diesen Preis nach Hause nehme, ist: Du sagst jetzt, was ist, und zwar, wie du es empfindest. Und du erklärst, warum du es so findest. Wir versuchen, herauszufinden, was ist, und wir versuchen, weiter diese Gesellschaft kritisch zu begleiten. Aber nicht so zu tun, als wüssten wir alles besser.

Und jetzt ganz unabhängig davon, wie Frau Reschke selbst bisher gedacht hat: Ist es nicht eigenartig, dass jemand das bei einer Preisverleihung für die Journalistin des Jahres für sagenswert hält, als Fazit eines langen eigenen Lernprozesses: Dass Journalistinnen versuchen sollten, die Wahrheit heraus zu finden, ehrlich zu berichten, aufrichtig ihre Position zu erklären?

Und ist das nicht auch in seiner Nebulosität zweifelhaft? „Du sagst jetzt, was ist, und zwar, wie du es empfindest.“ Sicher, im Licht der Sätze drumrum kann man das für okay halten, aber trotzdem ist es doch nicht ganz geglückt, finde ich. Denn Journalisten sollten nicht einfach nur berichten, was sie empfinden. Sie sollen, ganz richtig, „versuchen, herauszufinden, was ist“. Und zwar nicht so, wie Frau Reschke es in dem anderen Zitat oben zum Beispiel vorgemacht hat: Einer sagt das, einer sagt was anderes, und der Dritte sagt schon wieder was anderes, puh, oah, wer soll sich denn da noch auskennen? Sondern wirklich herausfinden, was ist. Nicht nur tratschen, sondern berichten, informieren, einordnen. Nicht jammern, dass die Welt so kompliziert ist und die Leute ja eh nicht zuhören, sondern eigene Fehler eingestehen, darum kämpfen, es besser zu machen, sich und die eigene Rolle wirklich ernsthaft infrage stellen. Wenn ich davon irgendwo Anzeichen sähe, wäre ich sofort als Kunde gewonnen, und als treuer Leser/Zuschauer/Zuhörer. Aber bisher seh ich keine.

Was denkt ihr? Mich würde diesmal ganz besonders aufrichtig interessieren, ob ich unangemessen bissig bin und eigene Vorurteile in Frau Reschkes Worte lese, oder ob ihr auch erkennt, was meinen Kommentar ausgelöst hat. Bitte lasst es mich wissen!


Kommentar zum Altpapier vom 2. Januar, Teil 2

5. Januar 2014

Kennt jemand die sehr gelungene Serie Newsroom? Ich bin damit ziemlich spät dran und habe gerade erst die erste Staffel gesehen, und da gibt es eine Folge, in der die Protagonisten darüber diskutieren, ob sie über den Prozess gegen Casey Anthony und den Sexting-Skandal um Anthony Weiner berichten sollen. Sie halten es zwar nicht für Nachrichten und außerdem für geschmacklosen Seifenopernmist – völlig zu Recht, natürlich -, haben aber andererseits das Problem, das ihnen die Hälfte ihrer Zuschauer abhanden gekommen sind, seit der Prozess läuft und sie ihn ignorieren.

Das passt zeitlich zufällig gut zum zweiten Teil dieses Altpapierkommentars, in dem es um dieses Zitat aus Tobias Gillens Blog geht:

Ich ärgere mich über ein solches Verhalten. Es ist scheinheilig, weil es dabei rein umKlickgeilheit geht. Würde Schumacher keinen interessieren, würde es keine Liveticker, Eilmeldungen und zig überarbeitete Artikel zu ein und demselben Thema geben. Selbiges gilt für etliche Bilder-Strecken, die mit Nicht-Informationen und Archiv-Bildern vollgestopft wurden.

Und dazu habe ich schon wieder eine zur derzeitigen Tendenz passende nachdrückliche Sowohl-als-auch-aber-so-jedenfalls-nicht-ganz-Ansicht, die ich euch nicht vorenthalten will.

Würde Schumacher keinen interessieren, würde es keine Liveticker, Eilmeldungen und zig überarbeitete Artikel zu ein und demselben Thema geben.

Das ist natürlich der Satz, an dem mein Widerstand sich aufhängt. Weil ich nicht ganz einsehe, warum man Journalisten dafür kritisieren soll, dass sie berichten, was ihre Kunden interessiert. Das ist ihre Aufgabe. Wenn niemand Brötchen mögen würde, würden Bäcker keine backen, und wir alle wissen schließlich, dass Bäcker und Journalisten im Grunde den gleichen … Naja, also, ich habe jedenfalls prinzipiell kein Problem damit, wenn jemand die Interessen seiner Kunden zu bedienen versucht, denn anders geht es ja nicht.

Das gilt natürlich (Ich bedaure, das betonen zu müssen, bin aber fest davon überzeugt.) unabhängig davon, ob ich diese Interessen angenehm oder auch nur verständlich finde. Ich persönlich finde die Berichterstattung über und Reaktion auf Michael Schumachers Unfall und Gesundheitszustand sehr fürchterlich und geschmacklos. Die Einzelheiten interessieren mich nicht nur nicht, ich will sie aktiv nicht wissen.

Nun kann man natürlich sagen, dass Journalisten dieses Interesse andererseits durch ihre Berichterstattung schüren und fördern und in die falsche Richtung lenken, und durch bessere Berichterstattung zu einer Gesellschaft beitragen könnten.

Und da ist was dran. Aber dafür muss jemand ihre Berichterstattung wahrnehmen, und das wiederum funktioniert nur, wenn diese Berichterstattung sich an den Interessen der Kunden orientiert statt an dem, was ich oder ihr oder die jeweilige Journalistin für interessant hält. (Und mal ehrlich, ist so vieles, was im Feuilleton der Zeit steht, objektiv gesehen berichtenswerter und interessanter als Michael Schumachers Rekonvaleszenz? Ich glaube kaum. Das ist jetzt kein TeaParty-Wir-hassen-Akademiker-und-ihre-Scheiß-Bildung-Genöle, sondern nur der Hinweis, dass so ein Konzept wie „objektiv berichtenswert und interessant“ schon ein sehr wackeliges, wenn nicht sogar komplett sinnloses Konstrukt ist.)

Und bei der Gelegenheit, kurzer Exkurs: Ist das nur meine Filterbubble, oder gibt es jeden Tag ein Dutzend „Lieber Journalismus, wir müssen reden“-Artikel, aber fast nie mal einen „Liebe Leser/Zuschauer/Zuhörer, wir müssen reden“-Artikel? Man wird doch wohl noch sagen dürfen (Hei, es tut weh, diesen Halbsatz zu schreiben, sogar im Scherz. So weh. Au. Aber was tut man nicht alles für den Kampf um die Wahrheit und das Gute und Schöne in der Welt?), dass die Verantwortung zumindest nicht nur bei den Redakteuren und Managern und Fotografen und freien Mitarbeitern von Bild, FAZ, Welt, BlitzIllu (Gibt es die? Ich traue mich nicht zu googlen.), Bunte und Kölner Stadtanzeiger liegt. Die liegt doch auch zu einem erheblichen Teil (Ich würde sagen: Zum bei Weitem größten.) bei den Menschen, die ihnen ihr Geld und ihre Aufmerksamkeit geben und von ihnen fordern, dass sie einen Liveticker über Anthony Weiners Penis oder Michael Schumachers Skiunfall einrichten: Es wäre rhetorisch vielleicht geschickt, zu sagen, dass „wir“ das sind, aber schreibe ich nicht, weil ich das nicht bin, soweit ich es vermeiden kann, und zum Glück ohne Heuchelei behaupten kann, dass das wirklich nicht meine Nachfrage ist, diese diese Maschinerie antreibt. Exkurs Ende

Aber bei aller moralischen Selbstüberhöhung -gönnt sie mir, ich habe sonst so selten Gelegenheit dazu- denke ich auch, dass die Berichterstattung nicht mal besonders viel Schaden anrichtet. Was die Journalisten noch mal ein bisschen mehr aus der Verantwortung nimmt. Denn dass Anthony Weiners Penis das Ende seiner politischen Karriere herbeigeführt hat (Hat er doch, oder? Ich traue mich nicht zu googlen.), ist ja nicht die Schuld der Journalisten, sondern die Schuld der Wähler und der ganzen bekloppten Gesellschaft, die meint, dass zwar jemand ein toller Präsident sein kann, der routinemäßig seine Wähler belügt, dass aber jemand als Politiker ungeeignet ist, der Interesse an Sex mit anderen Menschen als seiner Ehefrau hat. Ja gut, ein bisschen polemisch formuliert so, aber ich finds fair. Nicht die Verfügbarkeit von Informationen führt zum Schaden, sondern erst unser Umgang mit ihnen, und da schließe ich mich jetzt meinetwegen doch mal mit ein, weil wir darin alle noch viel viel besser werden müssen.

Was ich damit sagen will: Wir überschätzen Journalisten, und sie überschätzen sich selbst, wenn wir glauben, wenn sie glauben, dass sie Schuld daran sind, dass viele Menschen lesen wollen, wie Michael Schumachers Knochen heilen, oder wie der Strafprozess gegen Casey Anthony abgelaufen ist, und (was ja das eigentliche Problem ist) sich darüber Vorurteile bilden und sich an fremdem Leid und eigenem Hass aufgeilen. Das ist ein Problem, an dem wir alle arbeiten müssen, denn wir sind alle Mitglieder dieser Gesellschaft. Wir sind alle irgendjemandes Lehrer, Vater, Mutter, Bruder, Freund, Ärztin, und wir können alle daran arbeiten, dass wir anders miteinander umgehen, und mit den Informationen, die uns so reichlich zur Verfügung stehen und mit denen wir doch so beklagenswert wenig anfangen können.


Kommentar zum Altpapier vom 2. Januar, Teil 1

3. Januar 2014

Ja nee, keine Sorge, das wird jetzt keine regelmäßige Serie. Mir ist bloß kein besserer Titel eingefallen, unter dem ich mich mit den Themen des gestrigen Altpapiers auseinandersetzen könnte, was ich wollte, was klar ist, weil ersichtlich, dass ich es zu tun plane, was ja nicht der Fall wäre, wenn ich es nicht wollte, wie ihr euch sicher denken könnt, insbesondere wenn ihr mich schon ein bisschen kennt, was ich annehme, weil doll viel Fluktuation gibt es erfahrungsgemäß unter meinen Lesern nicht, was einerseits schade ist, weil ein nicht ganz rational erklärbarer Ehrgeiz mich wünschen lässt, ich hätte mehr, was echt keinen Sinn ergibt, weil man ja zugeben muss, dass meine Leser und Kommentatoren, auch wenn sie nicht so viele sind, doch größtenteils sehr angenehme Zeitgenossen sind, mit denen sich gut reden lässt, was ich sehr zu schätzen weiß, weshalb es eigentlich echt keinen Sinn ergibt, sich drüber zu ärgern, was aber eigentlich auch egal ist, weshalb wir jetzt

zur Sache kommen:

Greenwald hat in seiner Rede eine Grenze überschritten, als er ‚wir‘ sagte statt ‚ihr‘. Er hat sich mit den anwesenden Hackern gemein gemacht, mit den Aktivisten und Bürgerrechtlern. Er sieht sich als einer von ihnen.

schreiben Kai Biermann und Patrick Beuth für die Zeit über den Eröffnungsvortrag Glenn Greenwalds zum Kongress des CCC in Hamburg.

Und da sind natürlich schon so ein paar Schlüsselformulierungen drin, die mich zu ganz polemischem Widerspruch reizen. „eine Grenze überschritten“, etwa, oder „sich […] gemein gemacht“, oder „die Zeit“.

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Der Appell gegen Journalismus

30. Oktober 2013

Die Presse ist „die Vierte Gewalt“? Journalismus ist „ein Beruf wie das Bäckerhandwerk“? Journalismus wird es immer geben, denn er ist unverzichtbar für die Demokratie? Falsch. Auch die Abschaffung der Sklaverei galt vor gar nicht so langer Zeit noch als Utopie. Und auch wenn die Sklaverei aus unserer Welt keineswegs ganz verschwunden ist, so wäre es heutzutage für einen aufgeklärten, demokratischen Staat doch undenkbar, die Sklaverei zu tolerieren oder gar zu propagieren.

Doch genau das tut Deutschland mit dem Journalismus: Es toleriert, ja fördert diese moderne Sklaverei (international „write slavery“ genannt). Das neu geschaffene Leistungsschutzrecht, das angeblich den geschätzt 85.000 deutschen Journalisten nutzen sollte, trägt die Handschrift der Verleger und ihrer LobbyistInnen. Ein deutscher Sonderweg. Selbst Russland rudert zurück. Die arabischen Länder und China haben schon vor Jahren die Ächtung und Bestrafung der freien Presse eingeführt. Die USA und Grobritannien sind im Begriff, es ihnen nachzutun.

Das System Journalismus ist Ausbeutung und zugleich Fortschreibung der traditionell gewachsenen Ungleichheit zwischen Papierzeitungen und Online-Content.  Das System Journalismus degradiert Autoren zur käuflichen Berufsgruppe und verletzt die Menschenwürde von Männern und Frauen – auch die der sogenannt „freiwilligen“ Journalisten.

Darum fordern wir von Politik und Gesellschaft:

  • Eine Gesetzesänderung, die der Deregulierung von Journalismus (online wie offline) schnellstmöglich Einhalt gebietet und die Journalisten schützt.
  • Prävention in Deutschland und in den Herkunftsländern, sowie Hilfen zum Ausstieg für Frauen im Journalismus. Und Schutz vor Abschiebung von Zeuginnen sowie deren Aufenthaltsrecht.
  • Aufklärung über die Folgen von Zeitungskauf bereits in den Schulen etc.
  • Ächtung und, wenn nötig, auch Bestrafung der Leser; also der Zeitungskäufer, ohne die dieser Menschenmarkt nicht existieren würde.
  • Maßnahmen, die kurzfristig zur Eindämmung und langfristig zur Abschaffung des Systems Journalismus führen.

Ein menschenwürdiges Leben ist denkbar.