Irrwege, Irrwege überall!

23. Januar 2018

Normalerweise kritisiere ich hier Religion, mache mich über Zeitungsartikel von ahnungslosen Journalist(inn)en lustig, stehe auf atheistischer Seite und gegen das übliche Verständnis von Religionsfreiheit. Aber

Und wer sich ein bisschen auskennt, die weiß, welche atheistische Seite man braucht, wenn man mal gegen die atheistische Seite agitieren will, oder zum Beispiel auch nur ein Verständnis dafür entwickeln, woher manche religiöse Menschen ihr Bild von dummdreisten, überheblichen, unanständigen und/oder sonstwie unerfreulichen Atheist(inn)en nehmen: das Blasphemieblog!

Da fand ich den Hinweis auf diesen merkwürdig betitelten Artikel im Tagesspiegel:

Ein Aufstand säkularer Fundamentalisten

In dem Artikel geht es um das Berliner Neutralitätsgesetz.

[Exkurs: Warum hat es sich eigentlich als völlig selbstverständlich eingebürgert, dass Leute, ob bloggende oder journalisierende oder wieauchimmerschreibende, Gesetze erwähnen, ohne sie zu verlinken oder auch nur korrekt zu bezeichnen? Ich mein, meine Güte, so viel Arbeit ist es doch nicht, und sogar wir Wirtschaftsjurist(inn)en haben im Studium ein paar Mal gehört, dass ein Blick ins Gesetz die Rechtsfindung enorm erleichtern kann. Exkurs Ende]

Der Tagesspiegel-Autor Malte Lehming findet es doof:

Berlins Neutralitätsgesetz ist verfassungswidrig. Es verbietet Lehrern sowie Beamten, die im Bereich der Rechtspflege, des Justizvollzugs oder der Polizei beschäftigt sind, das Tragen auffallender religiöser Symbole wie Kopftuch, Kreuz oder Kippa. Das verletzt das Recht auf Glaubens- und Bekenntnisfreiheit.

Und was soll ich sagen? Er hat Recht.

Malte Lehming findet auch die Leute doof, die das Gesetz verteidigen:

Ein Bündnis aus Religionskritikern, Islamkritikern, Humanisten, Feministinnen und Pädagogen setzt sich für die Beibehaltung des Neutralitätsgesetzes ein. Das wirkt wie eine Fundamentalisierung falsch verstandener Säkularität. […] Wie in einer Parallelgesellschaft kämpfen sie für den Fortbestand eines verfassungswidrigen Gesetzes. Sie stellen ihr eigenes Wertesystem über das unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Und was soll ich sagen? Er hat Recht. Auch wenn ich es natürlich anders formuliert hätte, und zum Beispiel nichts Falsches daran finde, das eigene Wertesystem über „unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung“ – pardon, falls ich so aussehe, als wäre mir ein bisschen schlecht, das ist nur, weil mir ein bisschen schlecht ist – zu stellen, sondern im Gegenteil in von mir gerade favorisierter und mir in spätestens zwei Jahren garantiert arg peinlicher Twitter-Lingo sagen würde: Knecht, wer was Anderes macht.

[unbedeutende Randbemerkung: Ich denke übrigens, dass man durchaus drüber diskutieren könnte, ob das Gesetz Kopftücher untersagt. Einschlägig wäre wohl

Lehrkräfte […] dürfen innerhalb des Dienstes keine sichtbaren religiösen oder weltanschaulichen Symbole, die für die Betrachterin oder den Betrachter eine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft demonstrieren, und keine auffallenden religiös oder weltanschaulich geprägten Kleidungsstücke tragen. Dies gilt nicht für die Erteilung von Religions- und Weltanschauungsunterricht.

Ein Kopftuch ist ein Kopftuch, und man kann das aus vielen Gründen tragen. Ja, gut, ich gebe zu, besonders gut haltbar finde ich die Position selbst nicht. Aber ich finde sie diskutabel, umso mehr, je weniger … äh, sagen wir: muslimisch die konkrete Kopfverhüllung aussieht. Lustig natürlich die Ausnahme zum Schluss: Der Staat muss schließlich neutral sein, außer da, wo er parteiisch sein will. Mhm… Randbemerkung Ende]

Entsprechend wenig halte ich von der Stellungnahme des humanistischen Pressedienstes hpd unter der Überschrift

Ein Journalist auf Irrwegen

Ein Artikel im Berliner Tagesspiegel stellt die Rechtslage in Sachen Berliner Neutralitätsgesetz nicht nur schief und verzerrt dar, sondern fällt auch durch einen Mangel an Kenntnis der Schulpraxis auf. Zudem beleidigt er die Mitglieder der Initiative „Pro Berliner Neutralitätsgesetz“ und unterstellt ihnen, ihr eigenes Wertesystem über das der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu stellen.

Nö, find ich nicht. Und der Beleidigungsvorwurf ist so nickelig und albern, dass ich richtig froh bin, diese Leute noch nie irgendwie unterstützt zu haben. Spätestens im zweiten Absatz beendet dann aber jeder Mensch die Lektüre, der noch ein bisschen Anspruch an selbige hat:

Anscheinend betrachtet der Autor die Stadt Berlin als Missionsgebiet, dem die abrahamitischen Religionen Christentum und Islam wieder Gottesfurcht beibringen sollen.

Gehts noch, hpd? Ich wäre geneigt, euch einmal zu demonstrieren, was eine Beleidigung ist, aber dann steh ich am Ende da wie Böhmermann.

Und so weit will ich meine gewohnte Position dann doch lieber nicht verlassen.

Irgendwo hab auch ich Grenzen.


Hellenisten, Nazis und Sowjets

28. Juli 2012

Einerseits lege ich ja Wert auf Abwechslung in meinen Themen, und auch wenn ich mich der offenkundigen Tatsache nicht verweigern kann, dass die antireligiösen Artikel hier mit großem Abstand am meisten Anklang finden, sehe ich andererseits gar keinen Anlass, mich nach dem zu richten, was meine Leser wollen. Aber wenn sich die religiösen Anlässe nun mal so häufen, dann hoffe ich auf das Verständnis der Leser, die vor allem wegen meiner originellen politischen Thesen oder meiner brillanten Belletristik mein Blog aufsuchen, und schreibe jetzt einfach noch mal im weiteren Sinne über Beschneidung, weil ich via Recotard ein Interview gefunden habe, in dem noch einer dieser Menschen spricht, in deren Kategorie ich gestern Herrn Spaemann eingeordnet habe und die vorgestern ein Kollege von mir sehr treffend und doch irgendwie freundlich als „anders als die anderen Kinder“ umschrieb, was ich alleine schon deshalb nicht als Beleidigung meinen kann, weil ich selbst mein ganzes Leben lang immer völlig anders war als die anderen Kinder.

Egal.

Es geht um ein Gespräch zwischen dem Physiker sowie antireligiösen Aktivisten Heinz Oberhummer auf der einen und dem Rabbiner Schlomo Hofmeister, das der Kurier dankenswerterweise moderiert und für uns aufgeschrieben hat.

Oberhummer steigt etwas unglücklich ein mit dem Argument der negativen Religionsfreiheit:

 Ein Beschnittener gehört automatisch zur Religion.

Da widerspricht der Rabbiner natürlich sofort, und zu Recht, denn natürlich werden auch viele Menschen aus säkularen Gründen beschnitten, und natürlich kann man auch als Beschnittener seine Religion frei wählen. Ich finde in der Tat auch, dass die negative Religionsfreiheit hier nichts zur Sache tut, aber vielleicht liegt das vor allem daran, dass ich sowieso Religionsfreiheit als eigenes Konzept abwegig finde, ob nun positiv oder negativ oder sonstwie.

Herr Oberhummer hat das womöglich eingesehen, oder wollte einfach nur nicht weiter auf diesem Punkt herumreiten und gab Herrn Hofmeister nun seine Gelegenheit, argumentativ daneben zu greifen, nachdem Oberhummer auf die Schmerzen der Kinder hingewiesen hatte:

Da sind Sie falsch informiert. Eine medizinische Beschneidung dauert 20 Minuten, eine jüdische acht Sekunden. […] Weil die europäischen Ärzte unsere Methode nicht kennen. Die Halbgötter in Weiß lassen sich nicht dazu herab, unsere traditionelle Methode anzuwenden.

Ist klar. Von all den vielen Ärzten, die Beschneidungen durchführen, ist noch keiner auf die Idee gekommen, sich mal anzuschauen, wie Juden sowas machen, und kein Mediziner der Welt hatte jemals den Ehrgeiz, sich durch einen peer-reviewten Artikel über die klare Überlegenheit der traditionellen Methode über die in Fachkreisen übliche hervorzutun.

Ja, ich weiß. Aber lasst uns beim Thema bleiben.

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So ist’s Recht

26. Juni 2012

Zu den Eigenheiten religiöser Gemeinschaften, die mir am meisten zuwider sind, gehört die manchmal atemberaubende Dreistigkeit, mit der sie sich für Verstöße gegen das nicht nur verfassungsrechtlich, sondern auch ethisch ziemlich evidente Gleichbehandlungsgebot einsetzen und Sonderrechte für sich reklamieren. Mit welcher Selbstverständlichkeit die Vertreter vieler Religionen davon ausgehen, dass Religionsfreiheit nicht nur die unbehinderte Wahl der Religion einschließen muss, sondern auch die Berechtigung, aus religiösen Gründen Dinge zu tun, die anderen verboten sind, verblüfft mich jedes Mal auf’s Neue. Das können wir zum Beispiel jetzt gerade sehr anschaulich daran beobachten, wie der Zentralrat der Juden in Deutschland sich für das Recht einsetzt, Kinder zu verstümmeln.

Falls ihr noch nicht davon gehört habt: Das Landgericht Köln hat kürzlich entschieden, dass die religiöse Beschneidung von Jungen als Körperverletzung strafbar ist, „da sie die körperliche Unversehrtheit und das Selbstbestimmungsrecht des Kindes verletzten. Etwas anderes sei es, wenn eine Beschneidung medizinisch geboten sei, etwa aufgrund einer Vorhautverengung.

[Wer’s wissen will: Der Arzt wurde trotzdem freigesprochen, weil er nicht wissen konnte, dass er eine Straftat begeht. So absurd es klingen mag, aus meiner Sicht eine richtige Entscheidung.]

Man kann jetzt Misanthrop sein und sich darüber ärgern, dass wir tatsächlich erst im Jahre 2012 auf die Idee kommen, dass es nicht in Ordnung ist, Menschen ohne deren Zustimmung (Die Kinder sind in dem Alter, in dem die Beschneidung durchgeführt wird, noch nicht zustimmungsfähig.) Teile ihres Körpers abzuschneiden. Aber man kann sich auch freuen, dass wir hier einen weiteren Schritt in die richtige Richtung getan haben, die Vorzugsbehandlung religiöser Handlungen zurückzuführen und sie denselben Maßstäben zu unterwerfen, die auch sonst für alle Menschen gelten. Und natürlich hoffen, dass andere Gerichte, idealerweise nicht nur in Deutschland, sich dem LG Köln anschließen.

Und natürlich darf man dabei ein bisschen Verachtung übrig haben für den Präsidenten des Zentralrats Dieter Graumann, der dazu meinte:

Diese Rechtsprechung ist ein unerhörter und unsensibler Akt. Die Beschneidung von neugeborenen Jungen ist fester Bestandteil der jüdischen Religion und wird seit Jahrtausenden weltweit praktiziert.

und den Gesetzgeber aufforderte, „die Religionsfreiheit vor Angriffen zu schützen„.

Ich weiß, dass jeder denkende Leser es schon beim ersten Mal verstanden hat, aber ich halte es dennoch für lohnend, es noch einmal auszuschreiben:

In der Vorstellung von Herrn Graumann ist das Verbot der Verstümmelung von Kleinkindern ein unerhörter und unsensibler Angriff auf seine Religionsfreiheit.

Könnte man mal erwähnen, wenn das nächste Mal jemand fragt, woher der oft kritisierte atheistische Missionierungseifer kommt.


Code

8. Januar 2012

These people are good, honest, smart, not bat shit crazy people, so why the fuck are they saying bat shit crazy stuff to me?

sagt Penn Jillette, und er vermutet, dass die Leute in einem Code sprechen, den er nur nicht versteht. Das ist eine lustige Idee, aber ich glaube das nicht. Ich denke, dass Menschen generell in der Lage sind, zu einer bestimmten Sache völlig bekloppten Mist zu sagen, und trotzdem ansonsten völlig normal zu funktionieren. Compartmentalization. Für mich immer wieder bemerkenswert.

Unser heutiges Beispiel ist die Rabbinerin Elisa Klapheck, die bei faz.net wirklich eine ganz besondere Dose bat shit crazy stuff aufgemacht hat. Ich kann von ihr natürlich nicht guten Gewissens behaupten, dass sie eine gute, anständige, kluge, nicht völlig bekloppte Person wäre, aber ich unterstelle es ihr einfach mal wohlwollend. Und trotzdem sagt sie zuerst

Die Schuld des Verbrechers ist eine andere als die finanzielle Schuld oder die Schuld gegen Gott. 

was einerseits durchaus Sinn ergibt, andererseits aber…. sagen wir: keine große Erkenntnis ist. Wenn ich jemanden totschlage, ist das was anderes, als wenn ich mir Geld von ihm leihe. Wow, Danke, Frau Rabbinerin. Und dann vergisst sie diese Unterscheidung für das restliche Interview wieder und wirft die verschiedenen Konzepte fröhlich durcheinander, und wenn sie schon mal dabei ist, vermischt sie das Ganze noch mit einer dieser bat shit crazy abenteuerlichen Ideen von Ethik und Mitmenschlichkeit, die Religionen uns andrehen wollen:

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Damit es nicht heißt, ich würde immer nur über Christen schimpfen

16. Februar 2011

Und außerdem, weil ich selbst und viele meiner Bekannten dem Vorurteil frönen, Rabbiner wären eigentlich immer sehr humorvolle, kluge, endlos sympathische Charaktere, und weil Vorurteile meistens keine so gute Sache sind, setze ich mich heute mal mit diesem offenen Brief von Rabbi Adam Jacobs an die atheistische Gemeinschaft auseinander. Ich bin ja immerhin gewissermaßen auch angesprochen.

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