Die geheuchelte Gesellschaftskritik

19. August 2010

Nur mal so vorab: Diejenigen unter euch, denen es auf den Geist geht, dass ich hier dauernd an irgendwelchem Quatsch rummäkle, den ich bei faz.net gefunden habe, können mir das gerne sagen. Vielleicht lese ich dann in Zukunft öfter man SpOn oder bild.de oder eröffne ein eigenes fazBlog dafür. Egal, zur Sache:

Melanie Mühl hat drüben bei faz.net eine große Enthüllung für uns, die gewohnt übergeigt angekündigt wird:

Ist Patchwork wirklich das Familienmodell der Zukunft? Auf jeden Fall passt es in unsere Unverbindlichkeitswelt. Doch unsere Selbstverwirklichungsmanie fordert ihren Preis. Und den zahlen die Kinder.

Jeder Satz ein Hammerschlag, oder? Jeder Satz öffnet einem die Augen dafür, wie verkommen unsere Gesellschaft eigentlich ist. Jeder Satz eine Anklage. Wir leben in einer Unverbindlichkeitswelt. Wir leiden unter Selbstverwirklichungsmanie. Den Preis dafür zahlen *dramatischer Melodiebogen* die Kinder!!!!!!!

Nachdem man das gelesen hat, hängt man atemlos auf der Vorderkante seines Sitzes. Man weiß, dass man kurz davor steht, einen Blick zu erhaschen auf das Übel, an dem unsere Welt im Kern krankt: Die Patchworkfamilie. Und das gibt Frau Mühl dann auch vor, uns zu zeigen. Eigentlich sehen wir dabei aber nur das Übel, an dem Frau Mühl offenbar krankt: die Unfähigkeit sich vorzustellen, dass Menschen anders glücklich sein können, als sie es für richtig hält.

„Die Kinder sind die Opfer der Ich-Optimierung. Das beweisen ein paar einfache Tatsachen, die viele nicht wahrhaben wollen.“

Immer wieder gerne genommen: Betonen, dass man unbequeme Wahrheiten verkündet, weil das die eigene Botschaft natürlich ungemein aufwertet. Dann braucht man auch keine Belege und kann einfach so dahinbehaupten, es gebe eine grassierende Überzeugung, Scheidungen wären was Tolles für Kinder.

„Zum Beispiel, dass Scheidungskinder später beinahe doppelt so häufig geschieden werden wie Nicht-Scheidungskinder.“

Was man natürlich nur dann dramatisch findet, wenn man sowieso schon glaubt, dass Scheidungen prinzipiell schädlich sind. Mit etwas bösem Willen kann man das einen Zirkelschluss nennen.

„Dass sie stärker zu Depressionen und Schizophrenie neigen und häufiger kriminell werden.“

Und hier haben wir den einzigen Satz in Frau Mühls Artikel, der einem Argument nahekommt. Das kann man tatsächlich als Indiz dafür ansehen, dass Scheidungen Kindern schaden. Die These hält auch zumindest einer oberflächlichen Googlerecherche stand. Aber ist das eine große Erkenntnis? Kehren wir noch einmal zu Frau Mühls vorletztem Satz zurück: Tatsache, die viele nicht wahrhaben wollen. Gibt es irgendwo ernsthafte Zweifel daran, dass Kinder in aller Regel unter der Scheidung ihrer Eltern leiden? Und wo ist da der direkte Zusammenhang mit Patchwork-Familien?

„Scheidungskinder wachsen mit der Gewissheit auf, dass nichts von Bestand ist. In jedem Augenblick kann alles auf den Kopf gestellt werden. Das ist ein Schock. Mit ihm verlieren sie ihr Urvertrauen.“

Und ist das denn per se wirklich so schlimm? Ist es wirklich besser, wenn Kinder in der unstreitig falschen Überzeugung aufwachsen, irgendetwas wäre vollkommen zuverlässig und für die Ewigkeit?

Ich lehne mich da mangels Sachkunde vielleicht zu weit aus dem Fenster, aber immerhin bin ich in einer Familie aufgewachsen, in der die Eltern sich nicht haben scheiden lassen, obwohl ihre Beziehung vollkommen zerstört war, deshalb wage ich aus der eigenen und allgemeinen Lebenserfahrung heraus mal die These: Die entscheidende Frage für Kinder ist nicht, ob die Eltern sich trennen oder ob sie zusammen bleiben. Entscheidend ist, wie Eltern mit einander und mit ihren Kindern umgehen, ob in der Ehe oder in Trennung. Und am Rande: Zumindest ich habe auch ohne Scheidung relativ schnell mein Urvertrauen darin verloren, dass eine Familie mit Gewissheit von Bestand ist.

„Niemand bestreitet, dass man sein Glück auch in einer Patchworkfamilie finden kann. Sie ist nur nicht von vornherein die beste Lösung.“

Und nicht zum ersten Mal stellt sich mir die Frage: Was will Frau Mühl uns eigentlich sagen? Dass eine intakte Familie besser ist als eine zerrüttete? Dass Kinder ausgeglichener und besser aufwachsen, wenn sie nicht erleben, wie die Ehe ihrer Eltern zerbricht, und wenn sie sich nicht entscheiden müssen, ob sie ihren Vater oder ihre Mutter mehr lieben? Ach was!

„Die Patchworkfamilie zwingt die Kinder dazu, ihre Gefühle permanent einem Zeitplan zu unterwerfen. Das tut die Familie nicht.“

Das gilt natürlich nur, wenn man eine dysfunktionale Patchworkfamilie mit einer perfekten Standardfamilie vergleicht, in der kein Elternteil jemals das Haus verlässt. Und das ist wieder eines der zahlreichen fundamentalen Probleme dieses Artikels: Er stellt einen völlig unsinnigen, unfairen Vergleich an, um einen völlig trivialen und offensichtlichen Schluss daraus zu ziehen. Niemand heiratet mit der freudigen Erwartung, sich später scheiden zu lassen und dann eine Patchworkfamilie zu basteln, weil er glaubt, dass das für alle Beteiligten das Beste wäre. Die Position, gegen die Frau Mühl mutig und unbequem zu argumentieren vorgibt, ist ein Strohmann, und nicht einmal dem hat sie ernsthaft etwas entgegen zu setzen außer einer unschönen Mischung aus Halbwahrheiten, Vorurteilen und selbstgerechter Besserwisserei. Was genau schlägt sie vor? Was fordert sie? Was kritisiert sie?

Vielleicht findet ihr es heraus, ich konnte es jedenfalls nicht. Soweit ich es erkennen kann, lässt sich der Artikel in einem einzigen Satz zusammenfassen: Es wäre doch schön, wenn mehr Kinder in glücklichen und intakten Familien aufwachsen könnten, in denen sich alle noch richtig liebhaben.

Und woher bekämen wir solche Erkenntnisse, wenn nicht aus Leistungsschutzrechtswürdigen Qualitätsmedien?