Ich würde nur kein ganzes schaffen.

5. März 2012

Zur Feier der gerade beschlossenen Urheberrechtsverbesserung (Ja, ich weiß, die Daten stimmen nicht ganz, aber es passt ansonsten so schön, und denen ist die Wahrheit ja auch egal.) hat Focus Online offenbar beschlossen, mal zu demonstrieren, wie schlimm es werden könnte, wenn es mal keine Qualitätsjournalisten mehr gibt, weil Google sie alle aufgefressen hat. Zu diesem Zweck hat die Redaktion eine Dame an die Tastatur gelassen, die offenbar wirklich keinerlei journalistischen oder moralischen Anspruch an ihre eigene Tätigkeit stellt und deshalb gleich in der Überschrift jeglichen Anschein von Sachlichkeit und Wahrhaftigkeit beseitigt:

Forscher fordern Tötung von Neugeborenen

Ganz recht. Klingt vielleicht erst mal komisch, aber genauso ist es. Eine Gruppe von Wissenschaftlern hat sich zusammen gefunden, und setzt sich in einem Artikel im Journal of Medical Ethics dafür ein, die verfemten kleinen Schreihälse endlich ein für alle Mal auszurotten und … Oh, nein, so ganz stimmt das nicht:

Eltern soll es erlaubt werden, ihr Baby umbringen zu lassen – dafür plädieren zwei Wissenschaftler

Ach, naja. Wer wird schon so kleinlich sein und darin einen Widerspruch zur Überschrift sehen? Klingt doch sonst auch viel weniger spannend. Und für die, die es noch nicht verstanden haben, fasst Frau Vonhoff zum Schluss ihres, hm, Textes noch einmal zusammen:

Mit solchen provokanten Aussagen wollen die beiden Forscher den Mord an Neugeborenen rechtfertigen

Ja, ganz Recht. Mord. Problem? Ich meine, ist ja nicht so, als ob Mord ein legaldefinierter Straftatbestand wäre, den eine Tötung nur bei Vorliegen ganz bestimmter Voraussetzungen erfüllt, und außerdem: Heimtücke, niedrige Beweggründe, Mordlust? Was sonst sollte Eltern dazu treiben, ihre eigenen Kinder töten zu wollen?

Hach… Nein, ich habe keine Lust mehr, mich mit Frau Vonhoff auseinanderzusetzen. Wenden wir uns doch stattdessen dem Artikel zu, um den es eigentlich geht, der ist nämlich ganz interessant, und im Gegenzug zu mach anderem Beitrag zu dem Thema recht sauber durchargumentiert. Außerdem interessiert mich, ob wir Christinas Kopf vielleicht noch zum Explodieren kriegen:

we argue that, when circumstances occur after birth such that they would have justified abortion, what we call after-birth abortion should be permissible.

There are two reasons which, taken together, justify this claim:

  1. The moral status of an infant is equivalent to that of a fetus, that is, neither can be considered a ‘person’ in a morally relevant sense.

  2. It is not possible to damage a newborn by preventing her from developing the potentiality to become a person in the morally relevant sense.

Ich bin nicht sicher, ob ich da so ganz zustimme, aber zumindest überlegenswert finde ich das durchaus. Es hätte ja eine gewisse systematische Konsequenz:

Merely being human is not in itself a reason for ascribing someone a right to life. Indeed, many humans are not considered subjects of a right to life: spare embryos where research on embryo stem cells is permitted, fetuses where abortion is permitted, criminals where capital punishment is legal.

Um fair zu sein: Letzteres ist natürlich ein eher dummes Beispiel. Wenn jemand zum Tode verurteilt wird, wird ihm damit nicht grundsätzlich das Recht auf Leben aberkannt, und außerdem ist die Begründung in diesem Fall natürlich eine völlig andere. Aber das ändert nichts an der Schlüssigkeit des Artikels insgesamt:

Our point here is that, although it is hard to exactly determine when a subject starts or ceases to be a ‘person’, a necessary condition for a subject to have a right to X is that she is harmed by a decision to deprive her of X. […]  in such cases we are talking about a person who is at least in the condition to value the different situation she would have found herself in if she had not been harmed. And such a condition depends on the level of her mental development, which in turn determines whether or not she is a ‘person’.

Da ist was dran. Und ich muss trotz vielleicht eher irrationalen Widerwillens eingestehen, dass ein Kind keinen stärkeren Schutz genießen sollte als ein Tier auf dem gleichen mentalen Stand. Das heißt natürlich nicht, dass Neugeborene völlig schutzlos sein sollten, denn auch einen Hund darf ich ja nicht einfach so umbringen. Ich muss ihn zumindest hinterher essen. Aber das erkennen auch die beiden Wissenschaftler an:

A consequence of this position is that the interests of actual people over-ride the interest of merely potential people to become actual ones. This does not mean that the interests of actual people always over-ride any right of future generations, as we should certainly consider the well-being of people who will inhabit the planet in the future.

Hm. Wie gesagt: Ich stimme den beiden nicht zu. Ich müsste wohl vorher ein bisschen mehr über die mentale Entwicklung von Kindern wissen. Aber ich denke andererseits auch nicht, dass wir diese Ideen zurückweisen sollten, einfach nur, weil sie uns instinktiv falsch vorkommen. Wir sind aus wohl offensichtlichen Gründen so eingerichtet, dass wir Neugeborene beschützen wollen, sie als Menschen empfinden, wie wir selbst es sind, und dass wir es für ein furchtbares Verbrechen halten, sie zu töten. Daraus folgt aber noch nicht, dass das richtig so ist.

[Nachtrag, 15:00 Uhr, 6. März 2012: Der Artikel ist auf der Seite des JME nicht mehr auffindbar. Über die Gründe können wir bis auf Weiteres nur spekulieren.

21:51: Und David hat ihn dankenswerterweise wiedergefunden. Ich habe die Links hier jetzt aktualisiert.]