Ziemlich rassistische Freunde

3. März 2019

Ja, also, ich hab jetzt Green Book gesehen.

Und darüber will ich mit euch reden, oder schreiben halt.

Weil das ein schwieriger Film ist. Fangen wir mit dem weniger schwierigen Teil an: Ich fand den nett. Hat größtenteils Spaß gemacht zuzusehen, und war handwerklich gut gemacht. Hab jetzt nicht gesehen, was ihn zum besten Film des Jahres macht, aber ja, würd ihn vielleicht empfehlen, wenn jemand solche Filme mag. Hab mich keine Minute gelangweilt, und das heißt schon was, wenn ich 130 Minuten auf eine Sache konzentriert irgendwo sitzen muss. Ist nämlich eigentlich nicht mein Ding.

Aber Green Book ist auch ein problematischer Film. Kennt ihr ihn überhaupt? Ich hab das einfach mal angenommen, aber vielleicht habt ihr ja noch gar nichts davon gehört. Kurzfassung (Jetzt und für alle Zeit übrigens der Hinweis, dass dieses Blog nicht spoilerfrei ist. Wenn wir hier über Geschichten reden, reden wir über Geschichten.): Ein reicher Oberklasse-Musiker heuert einen nicht so reichen Unterklasse-Fahrer an und lässt sich von ihm zu diversen Auftritten vor allem in den Südstaaten der USA fahren. Relevant wird das dadurch, dass der Film 1962 spielt und der Musiker Schwarz ist. Das Green Book ist ein Buch, in dem erklärt wird, wie und wo Schwarze Urlaub machen können, ohne Probleme zu kriegen. „Vacation Without Aggravation“. Und wie das in solchen Filmen immer geht, die beiden erleben diverse Abenteuer und sind am Ende Freunde.

Und ich glaube, in gewisser Hinsicht ist Green Book deshalb auch ein ganz schlimmer, ganz furchtbarer Film. Denn wie soll ich sagen? Ich kann das nicht mit Daten belegen, aber mein Gefühl tendiert dahin, dass diese Art Film mehr Schaden anrichtet, als sie Nutzen stiftet.

Ja, sicher. Green Book erinnert uns daran, wie schlimm das war, damals. Green Book zeigt uns, wie dieser tolle, geniale, sympathische (wenn auch nicht fehlerfreie) Pianist gedemütigt und misshandelt wird und kritisiert damit Rassismus.

Aber Green Book kritisiert Rassismus auf diese Art, wie diese Filme es in meiner Wahrnehmung immer machen: Als wäre er inzwischen erledigt. Er hinterlässt uns mit einem Gefühl von „Toll, dass wir nicht mehr in dieser Zeit leben und so aufgeklärt sind, dass Schwarze heute dieselben Toiletten benutzen und in denselben Restaurants essen dürfen wie Weiße! Ich bin so stolz auf mich, denn ich käme nie auf die Idee, zwei Gläser wegzuwerfen, weil Schwarze daraus getrunken haben, und ich hab auch noch nie jemanden zusammengeschlafen, weil er Schwarz war, so aufgeklärt und modern bin ich nämlich. Schön, dass wir den Mist hinter uns haben.“

Und dann ist natürlich auch diese Sache, dass durch all die Abenteuer, die die beiden erleben, immer wieder dasselbe Muster stattfindet: Der Schwarze Mann kommt in Schwierigkeiten, und der Weiße Mann rettet ihn dann. Manchmal hält der Schwarze Mann sich nicht an die Regeln, die der Weiße Mann ihm auferlegt hat, weil er nicht so besonders vernünftig ist. Aber keine Angst, der Weiße Mann rettet ihn trotzdem.

Eine Sache, die mir gerade einfällt, um das Problem dieses Films und meines Erachtens aller solcher Filme zu illustrieren, ist das mit dem frittierten Huhn. Der Fahrer kauft in einer Szene eine Tüte Kentucky Fried Chicken und ist dann ganz fassungslos, dass der Musiker kein Interesse daran hat, und es auch noch nie gegessen hat. Wo doch alle wissen, dass Schwarze frittiertes Huhn lieben! Und dann drängt er dem immer wieder ablehnenden Musiker das Huhn so lange auf bis der es nimmt, ganz vorsichtig mit spitzen Fingern, weil er kein Besteck hat, und zögerlich davon abbeißt, und natürlich schmeckt es ihm dann. Und das ist lustig. Und ein bisschen später sind sie dann in so 1 Südstaatenvilla, und der Gastgeber sagt sowas wie „Wir haben unsere Bediensteten gefragt, was unser Gast wohl gerne essen würde, und sie haben gesagt: Frittiertes Hühnchen!“ Und dann hebt er so eine Cloche (So heißen die, oder? Ich schlag das jetzt nicht nach, ich glaub an mich.), und darunter ist 1 Berg frittierter Hühnchenteile. Und der Pianist guckt 1 bisschen pikiert. Und das ist auch wieder lustig. Also. Soll es sein. Der Film spielt das als eine komische Szene. Der Film sagt: „Lach, Publikum, über diese absurde Sache, denn sie ist harmlos.“ Aber sie ist nicht harmlos.

Und dann perpetuiert er natürlich auch noch eine ganze Menge weiterer dummer Klischees, natürlich auch Klassismus, dadurch, dass der Musiker halt reich ist, und der Fahrer nicht.

Und, auch so 1 Sache, die mich bei solchen Filmen mit 1 schlechten Gefühl versieht: Am Ende geht es gut aus für den armen reichen berühmten genialen Konzertpianisten. Er darf zwar nicht in dem Restaurant für Weiße essen, aber dann tritt er da halt nicht auf und hat 1 tollen Abend in der Bar für Schwarze, und dann fahren sie nach Hause und feiern zusammen Weihnachten, und irgendwie ist egal, was mit den Schwarzen passiert, die keine reichen genialen Konzertpianisten sind. Einer von ihnen darf kurz stolz grinsen, als der Pianist dem Manager des Restaurants sagt, dass er nicht auftreten wird, und der Manager ihm wutentbrannt Beschimpfungen hinterherschreit, bis ein anderer Schwarzer Kellner ihn anstubst, um daran zu erinnern, dass sich das nicht gehört. Und das ist auch lustig. Da haben die Leute im Kino gelacht.

Und ich hab da stellenweise auch gegrinst oder gelacht, weil der Film das gut macht. Green Book ist handwerklich 1 guter Film. Aber das ist halt auch die Tücke, das macht ihn perfide.

Und vielleicht ist das jetzt auch klassistisch oder irgendwie doof von mir, aber ich nehme mich zumindest auch nicht völlig aus von dem Effekt: Ich glaube, die meisten Leute rezipieren diesen Film so, wie ich es oben dargestellt habe. Sie lachen und natürlich fühlen sie mit den Protagonisten (Männer na klar. Na gut, der Fahrer hat 1 Ehefrau, die zu Hause mit den Kindern auf ihn wartet. Mit viel gutem Willen kann man die auch als wichtige Rolle zählen, schätze ich.), aber sie sind auch erleichtert, dass das alles vorbei ist und nicht ihr Problem. Ich habe mich geschämt, während ich diesen Film gesehen habe, und besonders, während ich über ihn gelacht habe. Und ich hoffe, die anderen auch. Aber ich glaub eher nicht.

Was denkt ihr? Habt ihr Green Book gesehen? Wollt ihr noch? Habt ihr einfach trotzdem 1 Meinung? Immer raus damit!


Bonus-Content: Die Tribute von Panem

22. April 2012

Wenn wir bei überschaubare Relevanz erst einmal angefangen haben, investigativ zu arbeiten, dann gibt es kein Halten mehr, dann scheuen wir weder Kosten noch Mühen und kennen weder Freunde noch Verwandte, dann sehen wir uns auch einfach mal die Verfilmung von „The Hunger-Games“ an und sagen euch, was ihr davon zu halten habt.

Ursprünglich dachte ich, vielleicht mache ich ein Video draus, aber dann fand ich andererseits, da ich weder mich selbst noch Auszüge aus dem Film zeigen will, wäre das irgendwie umsonst, deshalb schreibe ich’s lieber auf. Geht auch schneller.

Der Film ist genau so wie das Buch. Das ist die Kurzfassung. Mehr brauch ihr eigentlich nicht. Falls ihr doch mehr wollt, müsst ihr damit leben, den einen oder anderen Spoiler aufzunehmen.

Den Rest des Beitrags lesen »


Ein richtiger Kracher, hm?

13. Dezember 2010

Jesus!

Wow.

Gütiger Himmel.

Wortvogel, ich lese dein Blog gerne, und auch deinen Filmempfehlungen folge ich meistens, wenn es irgendwie passt. Nicht nur, aber auch deswegen haben Keoni und ich uns heute Abend Tickets für „Monsters“ gekauft, den du als „großes Kino“ bezeichnest, und als „richtig fett“.

Und wir sind uns einig, dass wir seit sehr, sehr langer Zeit keinen so uninteressanten Mist mehr ertragen mussten.

In „Monsters“ geht es um einen jungen Mann und eine junge Frau, die für Kinoverhältnisse eigentlich gar nicht mehr so jung sind und aus Mexiko in die USA reisen und dabei die „infizierte Zone“ durchqueren müssen, die so heißt, weil dort riesige polypenhafte außerirdische Monster leben, mit denen die US-Armee sich regelmäßige Scharmützel liefert.

Wie, denkt ihr jetzt vielleicht, das klingt doch gar nicht so schlecht, oder? Stimmt, tut es auch nicht. Ist es aber. Es handelt sich bei „Monsters“ keineswegs um einen Actionfilm, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern eher um ein Roadmovie, wie die Beschreibung auf der CineStar-Homepage auch völlig zu Recht meint. Die beiden Protagonisten und ihre Beziehung zueinander spielen die eigentliche Hauptrolle. Genau das ist auch das Problem, denn die beiden Protagonisten sind ungefähr so interessant und sympathisch wie zwei typische Wurstbrote (ohne Butter), und die Beziehung zwischen diesen beiden Stullen ist ziemlich genauso unterhaltsam und faszinierend in ihrer Entwicklung wie die zwischen meiner Wandfarbe und der Tapete, auf der sie trocknet.

Damit sind wir auch schon bei dem einzigen Punkt in der Kritik des Wortvogels, dem ich zustimmen kann: „Über weite Strecken gibt’s auch gar keine Dialoge, was dem Film dann sehr gut tut“

Das stimmt. Es tut dem Film immer unwahrscheinlich gut, wenn diese beiden unerträglichen Tröten aufhören, so Kopfschmerz verursachenden Stumpfsinn von sich zu geben wie:

„In diesen Häusern haben mal Leute gewohnt. Ich frage mich, wo die jetzt sind.“

Oder, als Beispiel für die sprühende Romantik, die sich zum Schluss erst richtig entfaltet:

„Was hast du morgen vor?“

„Keine Ahnung. Und du?“

„Keine Ahnung.“

Im Ernst, das geht die ganze Zeit so! Die Drehbuchautoren müssen ihre Dialoge von echten Gesprächen abgeschrieben haben, die sie im Bus oder in der Studiokantine belauscht haben. Ich war fortwährend versucht, mit Lebensmitteln nach der Leinwand zu werfen, und das ist eigentlich gar nicht meine Art. Wirklich.

„Wahnsinnig wenig Exposition“ meint der Wortvogel. Ja, na gut, das stimmt im Großen und Ganzen, weil die Dialoge in Monsters wie gesagt keine Information transportieren, sondern schiere, hochkonzentrierte Langeweile in lebensbedrohlicher Dosis.

Trotzdem schaffen es die Erzeuger dieses toxischen Abfalls, ein Stück so unerträglich peinlicher und am Ende auch noch völlig überflüssiger Exposition in ihrem Machwerk unterzubringen, dass es schon körperlich weh tut. Ihr müsst dazu zunächst wissen, dass, wann immer in Monsters irgendwo ein Fernseher zu sehen ist, er dieselben Bilder zeigt, nämlich eine unwahrscheinlich billig wirkende („Wirkt niemals billig“, sagt der Wortvogel. Er muss sich im Kinosaal geirrt haben. Ja. Das muss es sein.) CGI-Sequenz, in der eines der riesigen Cthulu-Monster sich vor schwarzem Nachthimmel mit der Armee prügelt. Darunter steht übrigens immer derselbe Bauchbindentext, der aber (in der deutschen Fassung, die wir gesehen haben) jedesmal anders übersetzt wird. Nur einmal sehen wir etwas anderes. Einmal, als die Protagonistin in ihrem Hotelzimmer auf dem Bett sitzt, läuft eine Dokumentation über Tiefseetiere, die mittels Biolumineszenz Weibchen anlocken und sich dann paaren, indem sie sich mit ihren Tentakeln berühren.

Ihr dürft jetzt raten, was wir gegen Ende des Films zu sehen bekommen. Ja, ganz richtig, zwei Cthulu-Monster, die ihre Tentakel aneinander reiben und dabei leuchten. Und jetzt dürft ihr raten, wofür das gut ist und was das mit dem Plot zu tun hat. Wieder richtig: Für nichts, und gar nichts, weil es keinen gibt. Ganz genau.

So, und jetzt noch einmal für alle, bei denen die Botschaft noch nicht angekommen ist:

Monsters: NICHT sehen. KEINE Tickets kaufen. GROßRÄUMIG ausweichen.

Was muss man für ein Mensch sein, um so ein Drehbuch zu lesen und zu denken: „Wow, ja, das ist es, daraus machen wir einen Kinofilm!“? Wie umfassend muss man die Achtung vor sich, vor anderen Menschen und vor dem eigenen Beruf verloren haben, um einem Publikum sowas zuzumuten und auch noch Geld dafür zu nehmen? Und warum zischen und klappern die Tentakel der Monster eigentlich? Welchen Sinn ergibt denn das? Und warum-

Wie? Was? Ich könnte jetzt auch so langsam aufhören? Ihr habt verstanden?

Na gut.

Dann schimpfe ich jetzt noch eine Weile still vor mich hin, bis ich mich ausreichend beruhigt habe, um einschlafen zu können.

Kann aber noch eine Weile dauern.

Hatte ich schon gesagt, dass ihr euch Monsters lieber nicht…? Ja? Ach so.

Na gut…


Hot Dogs für die Welt

5. Januar 2010

Vorgestern waren wir im Kino, um uns „Wo die wilden Kerle wohnen“ anzusehen. Es war ungewohnt, um halb drei Nachmittags ein Kino zu besuchen, aber darum geht es hier nicht. Es war ein schöner Film, wenn auch nicht so fantastisch, wie Lukas Heinser offenbar fand, aber auch darum geht es hier nicht.

Es geht darum, wie traurig es doch ist, dass man in deutschen Kinos nichts Brauchbares zu essen bekommt. Und meistens nicht mal ein leckeres Getränk. Es gibt Cola und Lift und Wasser, das furchtbar nach Pappbecher schmeckt. Die Snacks beschränken sich auf Popcorn – immer nur süßes -, Vanilleeis in allen erdenklichen Formen, diese Nachos mit Käse- oder Salsadip, und einfallslosen Süßkram wie Schokoriegel und Gummitierchen.

Ich erwarte ja gar kein Galadinner, nicht einmal Schoßtabletts oder Menükarten – obwohl das eigentlich schon mal ganz nett wäre.
Warum gibt es nicht wenigstens einen einzigen langweiligen Burger, oder Pizza, oder Sushi vielleicht? Das will mir einfach nicht einleuchten. Kinofilme laufen doch nun einmal meistens zur Abendessenzeit, und mit dem Essen und Trinken verdienen die Kinos doch das eigentliche Geld.

Es kann auch nicht daran liegen, dass die Kinos Sorge haben, man würde ihre kostbare Einrichtung vollschmaddern. Dann würden sie ja keine Salsa- und Käsedipschälchen ausgeben, die mit Berg über den Rand gefüllt sind. Die sind gefährlicher als jede Pizza. Und wenn man nicht gerade an Burger King-Burger denkt, sondern eher in McDonald’s-Dimensionen, dann sind die doch auch harmlos.

Eine halbwegs löbliche Ausnahme sind übrigens die UCI-Kinos, zumindest die, die ich kenne. Da gibt es wenigstens Hot Dogs und Ben&Jerry’s-Eis. Und Brezeln . Und eine solide Auswahl an Heißgetränken. Aber das ist auch noch nicht die Lösung.

Kommt schon, Leute, wie schwer kann das sein? Tut was gegen den Hunger in der Welt!