Wenn jemand schon „Kultur“ sagt

22. Juni 2013

Alle großen Fehler der Menschheitsgeschichte lassen sich auf die Vorstellung zurückführen, etwas könnte mehr wert sein, als jemand freiwillig dafür zu geben bereit ist.

So oder ähnlich habe ich es vor langer Zeit mal bei P.J. O’Rourke gelesen – ich finde das genaue Zitat leider nicht wieder -, und obwohl ich zugeben muss, dass Sätze, die mit „Alle“ beginnen, eine gewisse Anfangsvermutung der Übersteilheit gegen sich haben, und ich Leute verstehe, die das eine Deeptiy nennen, finde ich auch heute noch, dass da viel Wahres dran ist. Der Satz kommt mir immer besonders dann ins Gedächtnis, wenn ich Debatten über Kultursubventionen verfolge.

Ihr wisst ja, dass ich Voluntarist bin, und deshalb ein großes Problem mit Zwang habe. Ich verstehe aber trotzdem,wie jemand es für eine gute Idee halten kann, anderen zwangsweise was wegzunehmen, um Hungernde zu ernähren, um Kranke zu heilen, und um Bedürftigen zu helfen. Ich bin nicht in allen Fällen dafür, aber ich verstehe den Gedanken dahinter, und er ist mir nicht mal unbedingt unsympathisch.

Ich verstehe auch noch, wie jemand auf die Idee kommt, solche sehr wichtigen und schwer individualisierbaren Leistungen wie militärische Verteidigung, Polizei oder Feuerwehr über allgemein Zwangsbeiträge zu finanzieren, obwohl ich für dieses Konzept schon gleich viel weniger Sympathie erübrigen kann.

Was ich gar nicht verstehe, ist, wie jemand ohne das Gesicht zu verziehen vertreten kann, es wäre eine total tolle Idee, Menschen zu zwingen, Inglourious Basterds oder Kokowäh zu finanzieren. Ganz ehrlich, falls hier jemand mitliest, der das so sieht: Was zur Hölle stimmt nicht mit dir?

Kultur ist keine Ware.

Nee, natürlich nicht. Kultur ist ein abstraktes Konzept, das ungefähr die Gesamtheit dessen beschreibt, was von Menschen gestaltet wird. Aber ein Buch ist eine Ware, und eine CD ist eine Ware, und eine BlueRay ist eine Ware, und wenn jemand irgendwo ein einziges gutes Argument gefunden hat, das dafür spricht, den Handel mit diesen Waren mit Strafdrohungen einzugrenzen und die Produktion dieser Waren mit unter Strafdrohung eingetriebenem Geld zu fördern, dann wäre ich dieser Person maßlos dankbar, wenn sie es mit mir teilen würde. Alles, was ich finde, sind steindumme Sprüche wie

Auch in Deutschland ist die Film- und Kulturförderung unverzichtbar. Ohne Kulturförderung gäbe es hierzulande kein bedeutendes Filmfestival, keine Gelder für die Verleihung der Bundesfilmpreise und nur ein Bruchteil der Filme könnte produziert werden.

Möge Gott uns allen gnädig sein, wer hätte das gedacht? Wenn man nicht Geld, das Leute eigentlich lieber für was anderes ausgeben würden, in die Produktion von Filmen pumpen würde, dann würde weniger Geld für Filme ausgegeben. Das können wir natürlich nicht zulassen! Wo kämen wir denn da hin, wenn dieses Geld am Ende statt in „Black Death“ oder in „Operation Walküre“ in besseres Essen, Entwicklungshilfe, Schulen, Krankenhäuser oder meinetwegen einen tiefergelegten Corsa geflossen wäre? Man stelle sich nur mal vor, kein bedeutendes Filmfestival zu haben! Was wäre das für eine nationale Tragödie? Wie sollten wir uns denn dann gegenüber den anderen Nationen profilieren? Man müsste sich schämen, Deutscher zu sein! Und das nur, weil es den Bewohnern dieses Landes offenbar kein besonders hohes Anliegen ist, ein solches Filmfestival zu haben. Das können wir nicht hinnehmen, schließlich ist es uns, wie Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) sagt

in den letzten Jahren gelungen, Hollywood nach Deutschland zu holen.“ Gemeint sind US-Filmproduktionen wie „Inglourious Basterds“ oder „Operation Walküre“, die in Deutschland gedreht wurden, aktuell entsteht hier zudem George Clooney‘s „Monuments Men“.

Ja geil! Oder? Ich meine – endlich sind wir wieder wer! Wenn das kein Grund ist, Steuergeld für solche Filme auszugeben, wenn das kein Grund ist, Menschen die Freiheit zu nehmen, selbst zu entscheiden, wofür sie gerne bezahlen wollen, und wofür nicht, dann weiß ich auch nicht. Worauf sollte Herr Neumann denn dann noch stolz sein, und wir alle? Wertlos und leer wären unsere erbärmlichen Leben.

Oder man denke an Bücher! Man stelle sich nur vor, was los wäre, wenn Menschen in den deutschsprachigen Ländern selbst entscheiden dürften, zu welchem Preis sie Bücher an andere verkaufen. Das wäre eine Katastrophe, der Todesstoß für unsere Kultur, das wäre ein monumentaler Fehler, weilweilweil … Äh, na, also, weil … Ach, ist ja auch egal, jedenfalls wäre das eine Katastrophe! Man sieht ja, wie die Literatur in den Ländern ohne Buchpreisbindung darniederliegt.

So, Spaß beiseite, jetzt noch mal im Ernst, obwohl ich es oben schon gesagt habe, zum Schluss noch mal: Wer anderen Menschen unter Gewaltandrohung Geld wegnimmt, und das dann ausgibt, um sicherzustellen, dass die Art Filme, die Art Bücher, die Art Musik produziert werden, die er gut findet, der kann diese Zwangsmaßnahme nicht mehr im Ernst als verhältnismäßig und erforderlich rechtfertigen, der ist in meinen Augen nicht besser als ein gewöhnlicher Räuber, und eigentlich sogar noch schlimmer, weil Räuber in der Regel nicht noch die Dummdreistigkeit haben, so zu tun, als kämpften sie für eine hehre Sache, wie es zum Beispiel die französische Außenhandelsministerin Nicole Bricq tut:

Wenn sie nicht schon morgen von einer dominierenden Kultur beherrscht werden wollen, müssen die Staaten ihre gesetzgeberischen Kompetenzen zu Gunsten ihrer Kunstschaffenden und ihrer Kulturindustrien erhalten

Ich tue diesem Statement keine Gewalt an, wenn ich es übersetze mit: „Ich glaube, dass die Filme, für die unsere Bürger ihr Geld ausgeben wollen, uns nicht gefallen würden, deswegen müssen wir sie zwingen, weiterhin die Filme zu bezahlen, die wir gut finden.“

Und ich kann – nee, das stimmt nicht, ich könnte, also anders: Ich will nicht ausdrücken, wie sehr mich diese Haltung anwidert. Unter anderem, weil ich befürchte, mich damit strafbar zu machen. Und ganz im Ernst: Dass wir einen Straßenräuber, der anderen ihr Geld wegnimmt, um sich damit Drogen zu kaufen, die er aufgrund seiner Abhängigkeit braucht, einsperren, während Leute wie Nicole Bricq oder Bernd Neumann hohe Achtung und großzügige Privilegien genießen, ist in meinen Augen eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.


Historisch gesehen gehört Innenminister Friedrich nicht zu Deutschland

7. März 2011

Es kommt selten genug vor, dass ich mit Herrn Wiefelspütz einer Meinung bin, deswegen will ich diese besondere Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen: Ja, die Äußerungen unseres neuen Innenministers sind meiner Wahrnehmung nach Blödsinn und Unfug, wenn auch vielleicht kein grober. Das wird auch nicht besser dadurch, dass sie zu dieser für viele schwer erkennbaren Art Blödsinn gehören, die rein tatsächlich betrachtet wahr ist. Herr Friedrich sagte:

„Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt.“

Sicher. Die Kultur in Deutschland wurde historisch kaum von islamischen Einflüssen geprägt und wesentlich stärker von säkularen, humanistischen und christlichen. (Was eine christlich-jüdisch-abendländische Kultur sein soll, weiß ich nicht, und halte den Begriff auch für dieselbe Art Blödsinn, aber das will ich jetzt nicht vertiefen.)

Das Problem ist nicht, dass Herr Friedrich das denkt, sondern, dass er meint, das sagen zu müssen. Mir fällt nämlich beim besten Willen nur ein Grund ein, aus dem ein erfahrener Politiker so etwas öffentlich sagen würde: Er möchte damit (ungefähr) zum Ausdruck bringen, dass der Islam sich kulturell unterordnen und anpassen soll, weil er hier eigentlich nichts zu suchen hat und sowieso froh sein sollte, dass wir ihn nicht einfach rauswerfen.

Und das ist nun einmal Blödsinn. Wir haben hierzulande Regeln in Form von Gesetzen. Und wir haben andere Regeln in Form von kulturellen Konventionen, die teilweise sinnvoll sind (Frauen dürfen selbst entscheiden, was sie anziehen und was nicht.), und teilweise weniger (Man sagt Gesundheit, nachdem jemand geniest hat.). An die Gesetze muss sich jeder halten, ob nun Christ, Jude, Abendländer oder Muslim. An die Konventionen sollte man sich halten, wenn sie sinnvoll sind, und wenn nicht, dann kann man es auch gerne lassen. Darüber kann man diskutieren, und es gibt ein paar muslimische Konventionen, die ich für ausgesprochen unerfreulich halte und gerne verschwinden sähe. Es gibt aber durchaus auch christlich-abenddingsgedöhnsige Konventionen, die ich blöd finde.

Um jetzt allmählich mal zum Punkt zu kommen: Man kann diskutieren, wer sich wie anpassen sollte und was gute Verhaltensweisen sind und was nicht, und so weiter. Aber ob etwas historisch gesehen zu Deutschland gehört, ist für diese Diskussion völlig egal. Deswegen hat es mich auch damals schon gestört, als unser Bundespräsident die entgegengesetzte Bemerkung machte, der Islam gehöre zu Deutschland. Seine Äußerung impliziert genau wie die von Herrn Friedrich, dass diese Frage eine Rolle spielt, obwohl sie in Wahrheit nur eine Sackgasse ist, ein Köder, ein roter Hering, eben Blödsinn und Unfug. Wenn auch vielleicht kein grober.