Die Plausibilität ist logisch und von einer extrem hohen Stringenz

9. November 2017

A propos Wert und Sinn von Debatten: Das gemeinsame Interview mit einem Atheisten und einem Theisten (Ja, nach meiner Erfahrung immer Männer.) ist eine beliebte Form der Diskussion über Religion. Leider normalerweise keine besonders gute. Deshalb – na gut, und wegen des peinlichen Titels auch – ging ich schon mit einer gewissen Erwartungshaltung an das

Duell um Gott!

des „Melchior Magazin“.

Ich wurde nicht enttäuscht.

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Falsche Hoffnung ist falsch

1. November 2011

Heute ist der katholische Feiertag Allerheiligen, im Süden Deutschlands auch ein gesetzlicher Feiertag. Wir gedenken der Verstorbenen. Traditionell auch mit einem Gang auf den Friedhof. Dabei dürfen natürlich Tränen fließen. Aber Allerheiligen ist eigentlich ein Fest der Hoffnung. Der Hoffnung darauf, dass durch Jesus Christus der Tod besiegt ist.

So oder ähnlich kann man es zurzeit im öffentlich-rechtlichen Radio regelmäßig hören, wenn man den Fehler macht, öffentlich-rechtliches Radio zu hören.

Und ich könnte mir vorstellen, dass auch einige meiner atheistischen Leser nicht ganz verstehen, warum solche Sprüche in mir eine kalte Wut wecken. (Ich vermute, die christlichen Leser werden sich einbilden, es zu wissen. Zumindest die unsympathischen unter ihnen.) Es scheint doch eigentlich harmlos zu sein, wenn jemand sich eben besser fühlt, indem er glaubt, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern es danach weitergeht. Der Tod ist besiegt. Ist doch eine tolle Sache, oder? Warum soll man das nicht glauben?

Aus demselben Grund, aus dem man generell Sachen nicht nur glauben sollte, weil sie toll sind.

Der Tod ist nicht besiegt. Der Tod ist das Ende, das uns allen bevorsteht, und er ist endgültig. Wen immer wir durch den Tod verlieren, haben wir für immer verloren. Unwiderbringlich. Das ist nicht schön. Ich bin dagegen. Es ist trotzdem so.

Und wer glaubt, der Tod sei nicht endgültig, der stützt seine Entscheidungen auf eine falsche Wahrnehmung der Realität. Das wiederum führt zu falschen Entscheidungen, wenn man es ernst nimmt.

Wer glaubt, dass er demnächst fünf Millionen im Lotto gewinnen wird, fühlt sich dadurch wahrscheinlich besser. Es wird ihm ein enormer Trost sein, zu wissen, dass er sich um Geld keine Sorgen machen muss. Seine Angst vor Verarmung ist besiegt. Aber wenn er wirklich im Ernst mit dem Lottogewinn rechnet, kann er nicht gleichzeitig rationale Entscheidungen darüber treffen, wie er jetzt mit seinem Geld umgeht.

Wer weiß, dass dieses Leben unsere einzige Chance ist, und wer weiß, dass wir alle unsere Freunde und geliebten Menschen nach diesem Leben niemals mehr wiedersehen, der müsste eigentlich anders mit ihnen und diesem Leben umgehen als jemand, der glaubt, dass diese paar Jahrzehnte nur der Fußabtreter vor dem endlosen Orgasmus „Himmel“ sind.

Nun sind das seine Entscheidungen, die unter Umständen niemanden sonst betreffen. Aber gerade diese Menschen, die wir im Radio hören, beeinflussen mit ihrem Unsinn nicht nur ihre eigenen Entscheidungen. Sie versuchen, auch anderen ihre Lüge einzureden, und sie tun das – ob vorsätzlich oder fahrlässig – niederträchtigerweise an einem Punkt, an dem die meisten Menschen am verwundbarsten sind.

Wer andere Menschen anlügt, wer sie an ihrer empfindlichsten Stelle zu berühren versucht, um sie in seinen widerlichen kleinen Aberglauben zu zerren, wer ihnen falschen Trost anbietet, um im Gegenzug Unterwerfung vor seinem unsichtbaren Freund und dessen blödsinnigen Regeln zu fördern, der ist mir in diesem Moment so dermaßen zuwider, dass ich mich beinahe darauf freue, dass es mal jemand bei mir versucht.

Und dann gibt es natürlich noch Eltern, die ihren Kindern diesen Stuss einreden und sie damit für ihr ganzes Leben prägen. Und da versagt dann bei mir langsam wirklich jede Toleranz. Da verstehe ich dann nicht mehr, wie man an Dawkins berühmtem Zitat zweifeln kann, dass religiöse Indoktrination Kindesmisshandlung ist.

Das Auferstehungs-Himmel-alles-wird-gut-Geseiere gibt uns falschen Trost und nimmt uns im Gegenzug die Chance, aufrichtig mit unserem Verlust umzugehen und uns unserer Trauer zu stellen. Es entmündigt uns, indem es uns von der Wirklichkeit abkoppelt, wie Religion das nun einmal ihrem Wesen nach immer macht. Und daher kommt die kalte Wut.


It was not death, for I stood up, And all the dead lie down

14. Mai 2011

Hin und wieder habe ich hier am Rande schon mal über den Tod gesprochen, und über das religiöse Konzept des ewigen Lebens, und warum ich es ziemlich scheußlich finde. Gerade vor Kurzem habe ich Haukules ein bisschen zu schroff gesagt, was ich davon halte, ohne es besonders gut zu begründen. Trotzdem hat es noch diesen Beitrag bei evangelisch.de gebraucht, damit ich endlich mal ein bisschen ausführlicher dazu Stellung beziehe. (Ich weiß, ihr konntet es sicher alle gar nicht abwarten.)

Es gibt viele Varianten vom Leben nach dem Tod: Es gibt die urchristliche, die ungefähr behauptet, wir alle hätten eine unsterbliche Seele, die Sitz unserer Persönlichkeit sei (oder so ähnlich) und die nach unserem Tod die Ewigkeit in Glückseligkeit oder Leid und Verzweiflung verbringen wird. Der Islam sieht das so ähnlich, wenn ich ihn richtig verstehe. Es gibt die Idee der Wiedergeburt, die sich zum Beispiel im Buddhismus findet, und behauptet, nach unserem Tod würden wir in anderer Form reinkarniert, in einem ewigen Zyklus. Es gibt esoterische Ideen, Geister, oder eben dieses vage Konzept, irgendwas von uns („Energie“ ist in der Esoterik ein beliebter Begriff.) würde zurückbleiben und mit dem Kosmos eins werden oder sonstwas Tolles veranstalten, wenn unser Körper zu zerfallen beginnt. Und natürlich gibt es eben auch Mischformen wie die von Onkel Tom bei evangelisch.de:

Ganz substanziell geht jede/r Gestorbene/r (so er/sie nicht im Raumschiff saß oder lag) in die Substanz der Erde ein – richtig ?? Wohin denn sonst ?

Und was passiert ihm/ihr danach, wenn nicht Verwesung, Ver-HUMUSung, Eingliederung in ewige Lebenserneuerung ? Nichts anderes kann Jesus Christus passiert sein !

Das bedeutet, dass ER heute in jedem/r von uns heute lebt ! Das bedeutet, dass keine unserer Körperzellen stirbt, sondern eingeht in die Substanz, die unsere Erde ist, unserer Kosmos war und unser/sein Himmelreich sein wird – und damit ewig weiter lebt ! 

Viele Atheisten, Ungläubige und Skeptiker (oder wie wir uns nennen wollen) haben dazu nicht mehr zu sagen als dass wir es nicht wissen und es nicht wissen können, bis wir es selbst erfahren haben. Das ist in gewisser Weise keine schlechte Antwort, denn sie hilft, Konflikte zu vermeiden und klingt außerdem sehr tolerant und offen.

Aber ich halte sie für falsch.

Wir wissen es. Wir verstehen noch nicht besonders gut, wie unser Gehirn funktioniert. Wir verstehen nicht besonders gut, was unsere Persönlichkeit ausmacht, und wir können vieles nicht vollständig erklären. Aber dennoch wissen wir ein paar Dinge, und die reichen schon aus, um die entscheidende Frage zu beantworten.

Wir wissen, dass für Gedanken, für eine Persönlichkeit, für einen Verstand, so etwas wie ein Gehirn erforderlich ist. Es muss vielleicht nicht so aussehen wie unseres, aber es funktioniert nicht ohne. Wir wissen, dass Veränderungen in unserem Gehirn sich auf unser Verhalten und unsere Persönlichkeit auswirken. Wenn Broca– und Wernicke-Areal beschädigt werden, leiden unsere Sprachfähigkeiten. Wenn das Corpus Callosum durchtrennt wird, das die beiden Gehirnhälften verbindet, zeigt sich im Verhalten, dass die beiden Hemisphären nicht mehr vernünftig miteinander kommunizieren. Manchmal kann man sogar zwei unterschiedliche Persönlichkeiten beobachten. Und so weiter. Alle bisherige Erkenntnis deutet darauf hin, dass unser Bewusstsein ein rein materielles Phänomen ist, wie alles andere auch. Meine Persönlichkeit, meine Gedanken, mein Verstand, ist eine Funktion meines Gehirns.

Deshalb wissen wir auch, dass mit dem Tod dieses Gehirns auch seine Funktion endet. Wenn mein Gehirn stirbt, sterbe ich. Ich finde gerade den passenden xkcd-Comic nicht, aber seine Metapher trifft es ganz gut für diejenigen, die fragen, wo wir nach unserem Tod hingehen: Wenn ich ein Haus aus Legobausteinen zerstöre, wo geht das Haus dann hin? Wenn ein Auto explodiert, wo geht es hin? Das Haus, genau wie das Auto, genau wie wir alle, ist eine bestimmte Konfiguration von Teilen. Wenn diese Konfiguration zerstört wird, existiert das Haus nicht mehr, genau wie das Auto, genau wie wir.

Ich gehe nicht so weit, zu behaupten, dass das gut so ist. Ich bin sogar vehement dagegen. Ich will nicht sterben. Aber da es nun einmal wahr ist, halte ich es für ziemlich wichtig, sich damit abzufinden. Wenn wir ewig leben, dann sind diese paar Jahre hier nicht wichtig. Wenn wir ewig leben, dann haben wir (buchstäblich) alle Zeit der Welt, um glücklich zu werden, Fehler zu korrigieren, geliebte Menschen wiederzusehen, nachzudenken, zu lernen, uns zu freuen und Gutes zu tun. Aber wir leben nicht ewig. Wir haben nur dieses eine kurze Leben, und gerade das macht es so wahnsinnig wichtig, das Beste daraus zu machen. Wir haben nur diese eine Chance, es richtig zu machen.

Verzeihen – JETZT ! Lieben – JETZT ! Mitleiden und helfen – JETZT ! Aufstehen und Kämpfen – JETZT !

Seht Ihr das auch so ?

Naja. So ähnlich.


Hier, hier, ich weiß was!

16. November 2010

Dies ist eigentlich nur ein viel zu langes Vorwort, das man genauso gut überspringen kann: Gerade habe ich eine Nonprophets-Episode gehört, in der Matt und Jeff sich lange und ausführlich streiten, weil Matt findet, dass es genausoviele Belege für wie gegen ein Leben nach dem Tod gibt, nämlich gar keine, während Jeff findet, dass durchaus Belege dagegen existieren. (Hinweis: Beide sind sich natürlich einig, dass es nicht rational zu rechtfertigen ist, an ein Leben nach dem Tod zu glauben.)

Es war sehr frustrierend, das zu hören, weil Jeff Recht hatte, aber keine guten Argumente, wohingegen Matt sehr schlüssig argumentiert hat, was aber nichts daran ändert, dass er sich irrt.

Ich hätte deshalb gerne eine Mail an die Nonprophets geschrieben, zumal Matt selten genug so daneben liegt, aber weil die fragliche Folge schon ein paar Jahre alt ist, käme ich mir dabei ziemlich doof vor, deswegen behellige ich nun stattdessen euch mit meinen Überlegungen dazu.

Dieser Artikel ist nicht dafür gedacht, Gläubige zu überzeugen. Falls ihr an ein Leben nach dem Tod glaubt, seid ihr natürlich trotzdem sehr herzlich eingeladen, zu kommentieren, und falls ich euch unvorstellbarerweise versehentlich überzeugen sollte, freue ich mich riesig, aber eigentlich geht es mir nur darum, in einer völlig nebensächlichen nerdigen skeptikerinternen Begriffs- und Methodenfrage Stellung zu beziehen.

Jetzt beginnt der eigentliche Inhalt dieses Beitrags: Natürlich kann man streng genommen nicht beweisen, dass es kein  Leben nach dem Tod gibt, genauso, wie es keine Beweise gegen die Existenz von Kobolden oder Fleckenzwegen geben kann. Die Abwesenheit von Belegen ist kein strikter Beleg für Abwesenheit, und wenn etwas nicht existiert, dann kann man für diese Nichtexistenz logischerweise auch keine direkten Belege finden.

Dennoch überspannt man die Anforderungen an eine rationale Beweisführung, wenn man daraus den Schluss zieht, es gäbe keine Belege für oder gegen solche übernatürlichen Behauptungen. In meinen Augen gibt es zwei Hauptgründe, aus denen ich Jeff zustimme, dass es Belege gibt, die gegen ein Leben nach dem Tod sprechen. Die Argumentation lässt sich übrigens sinngemäß auf so ziemlich jeden anderen übernatürlichen Stuss übertragen, finde ich.

Erstens wird die Abwesenheit von Belegen irgendwann doch zum Beleg für Abwesenheit, nämlich dann, wenn ich vernünftigerweise Belege erwarten müsste, wenn eine Behauptung zutrifft. Beispiel: Wenn mir ein Bekannter sagt, er hätte eine Katze in seiner Wohnung, spricht erst einmal nichts dagegen, ihm das zu glauben. (Weil ich Leute kenne, die Katzen halten, weil ich schon mehrere Katzen gesehen habe und die Existenz von Katzen mit unseren naturwissenschaftlichen Erkenntnissen vereinbar ist, im Gegensatz zu allen übernatürlichen Behauptungen, aber das nur der Vollständigkeit halber.) Wenn ich dann in seine Wohnung komme und weder Futter, noch Wasser, noch eine Toilette für die Katze sehe, und auch keine Katzenhaare, dann werde ich vielleicht skeptisch. Natürlich könnte er das alles samt Katze noch in einem Raum haben, in dem ich noch nicht war. Wenn ich aber seine ganze Wohnung durchsucht und immer noch keine Indizien für die Anwesenheit seiner Katze gefunden habe, dann kommt vielleicht irgendwann der Zeitpunkt, an dem ich seine Behauptung für widerlegt halte, dass er eine Katze in seiner Wohnung hat. Ich habe dann ganz, ganz streng genommen keinen Beweis gegen die Existenz seiner Katze, aber ich fände es abwegig, in diesem Fall zu behaupten, ich hätte weder dafür noch dagegen irgendwelche Belege. Je nachdem, über welche Form von Leben nach dem Tod wir reden, ist dieses Argument das schwächere von beiden, oder sogar völlig nutzlos. Es gibt nämlich Formen, bei denen wir keine Belege erwarten dürften. Dazu gehört nach meinem Verständnis zum Beispiel das islamische Paradies, weil kein Informationsfluss von den Seligen zurück zu den Lebendigen stattfindet. Viele Reinkarnationsbehauptungen hingegen lassen sich nach meinem Verständnis mit diesem Argument erschüttern.

Zweitens – und das ist die Hauptsache – können wir die beiden Thesen nicht isoliert betrachten, sondern müssen sie im Kontext des Standes der Wissenschaft sehen. Wir haben keine vollständige Theorie, wie unser Bewusstsein und unser Gehirn funktionieren, aber wir haben ein grundlegendes Verständnis, und wir wissen bestimmte Dinge, wie zum Beispiel, dass unser Bewusstsein aus der Wechselwirkung der Zellen unseres Gehirns entsteht. Zahlreiche empirische Erkenntnisse unterstützen diese Annahme. Zum Beispiel wissen wir, dass Eingriffe (ob durch Operation oder Unfall) in das Gehirn unser Bewusstsein verändern, und dass Prozesse unseres Bewusstseins sich auch in physischen Veränderungen des Gehirns wiederspiegeln. Wir wissen darüber hinaus, das mit dem Tod unseres Körpers sämtliche Prozesse im Gehirn enden, keinerlei Aktivität mehr stattfindet und die Zellen sehr schnell beginnen, zu zerfallen. All das sind in meinen Augen starke Indizien dafür, dass unser Bewusstsein eine Funktion unseres Gehirns ist und endet, wenn unser Gehirn seinen Funktionen einstellt.

Ich behaupte nicht, dass damit eindeutig bewiesen wäre, dass es kein Leben nach dem Tod gibt. Ich behaupte nur, dass alles, was wir bisher herausgefunden haben, dagegen spricht, dass ein Bewusstsein ohne ein Gehirn existieren kann, oder dass unser Bewusstsein von einer nichtkörperlichen Komponente beeinflusst wird.

Im Gegenzug bin ich übrigens auch bereit, zuzugestehen, dass es einige (sehr schwache) Indizien gibt, die in die andere Richtung deuten könnten. Die berühmten Nahtoderfahrungen zum Beispiel, oder bestimmte Berichte über angebliche Erinnerungen an frühere Leben. Allerdings lassen die sich meines Wissens alle sehr gut durch rein physische Prozesse (und teilweise auch durch schlichte Betrugsabsicht) erklären.

Meiner Meinung nach ließe sich der derzeitige Stand deshalb am ehesten so beschreiben: Es gibt wenige sehr, sehr schwache Indizien für ein Leben nach dem Tod. Und es gibt sehr, sehr starke Indizien dafür, dass alles, was uns ausmacht, mit dem Tod unseres Körpers endet.

Das finde ich übrigens nicht schön. Ich bin emphatisch dagegen, dass das so ist. Aber meine Meinung hat leider keinen Einfluss auf die Wirklichkeit.


Quasireligiöses Gedankenkonvolut

11. November 2010

Ich führe gerade wieder eine längliche Diskussion über Religion, ausgehend von meiner These, dass ich die strikte Trennung von Staat und Religion für einen Fehler hielte, wenn die Behauptungen einer Religion wahr wären. Die Diskussion hat uns bisher nicht sehr weit gebracht, aber immerhin hat sie mich zu weiteren Überlegungen inspiriert:

Ich finde es sonderbar, dass religiöse Menschen sich (in der Regel) im Alltag nicht viel anders verhalten als areligiöse Menschen, obwohl ihre Weltsicht auf völlig unterschiedliche Annahmen stützt.

Wenn ich eine Religion als wahr akzeptieren würde, würde das mein gesamtes Weltbild umwerfen und meine Prioritäten vollkommen umstellen. Ich möchte das gerne am Beispiel des Lebens nach dem Tod illustrieren, weil es erstens für mich wahrscheinlich der wichtigste Aspekt einer Religion wäre, und zweitens, weil es meines Wissens auf fast alle bedeutenden Religionen mutatis mutandis passt.

Der Glaube an ein Leben nach dem Tod, würde für mich den Wert dieses Lebens drastisch verändern. Es wäre dann nicht mehr meine einzige Chance und alles, was ich habe, sondern nur noch eine Art Filter, der die Leute aussortiert, die keine ewige Glückseligkeit verdient haben.

Wenn ich der Meinung wäre, dass man einen Menschen lediglich in das nächste Leben verfrachtet, wenn man ihn tötet, würde die Bewertung der Tat plötzlich vor allem davon abhängen, was das Opfer dort erwartet. Warum sollte jemand dafür bestraft werden, dass er einem anderen in den Himmel geholfen hat? Und umgekehrt: Welche Strafe könnte jemals ausreichen für einen Menschen, der einem anderen die Chance genommen hat, ewiger Qual in der Hölle zu entgehen?

Die Todesstrafe wäre plötzlich, je nach der Religion des Delinquenten, endlos viel härter oder endlos viel milder als eine lebenslange Freiheitsstrafe. Für manche wäre sie in gewisser Weise überhaupt keine Strafe, sondern eher eine Belohnung.

Trotzdem stimmen die meisten Gläubigen erstaunlicherweise mit uns Atheisten überein, dass Mord eine sehr, sehr schlimme Sache ist, und auch ansonsten sind wir uns in den Grundzügen unserer moralischen Urteile doch überraschend oft einig.

Ich vermute, dass das im Wesentlichen an zwei Gründen liegt: Erstens habe ich den Eindruck, dass viele nominell religiöse Menschen gar nicht so richtig ernsthaft glauben. Sie finden es zwar irgendwie gut, sich Christen zu nennen und Gottesdienste zu besuchen, aber im Grund ihres Herzens können sie nicht anders, als die Realität zu akzeptieren, die sie Tag für Tag erleben.

Zweitens – und das ist wahrscheinlich der wirklich entscheidende Punkt – habe ich in meinem Gedankenexperiment für mich eine ziemlich ungewöhnliche Variante von Religiosität gewählt: Ich habe unterstellt, dass ich zwar die Tatsachenbehauptungen einer Religion akzeptiere, aber nicht die zugehörigen Werturteile. Ich würde also zum Beispiel glauben, dass Gott die Welt erschaffen hat, und dass er uns nach dem Tod belohnt oder bestraft, aber er wäre trotzdem nicht die Grundlage meiner Moral.

Wenn ich die moralischen Gebote mitakzeptieren würde, wäre alles wieder einigermaßen im Lot: Ich würde dann zwar glauben, dass der Tod (für Christen) gar keine so schlimme Sache ist, aber ich würde Mord trotzdem für furchtbar halten, weil Gott ja gesagt hat, dass wir nicht töten sollen.

Ich halte das für eine ganz interessante Beobachtung: Praktisch niemand glaubt an einen Gott, mit dessen moralischem Urteil er nicht einverstanden ist. Ein Gläubiger würde wahrscheinlich sagen, dass das nur beweist, dass man Gott nicht erkennen kann, ohne auch sofort einzusehen, dass er gut und gerecht ist. Ich sehe darin eher ein weiteres Indiz dafür, dass Religion ein Produkt der menschlichen Vorstellungskraft ist. Oder etwas pointierter: „You can safely assume that you’ve created God in your own image when it turns out that God hates all the same people you do.“