Man kann sich auch anstellen

21. Juli 2009

In letzter Zeit werde ich immer wieder auf den Analogkäse-Skandal angesprochen. Meistens im Tonfall völliger Entrüstung und mit einem Subtext in Richtung von „Jetzt ist es endgültig aus mit unserer Zivilisation“. Auch wenn das alles schon wieder eine Weile her ist, hat meine Irritation über die schiere unreflektierte Repetitivität (Ist das ein Wort?) vieler Äußerungen hierzu ein Niveau erreicht, das einen Blogeintrag erfordert. Folgendes ist mir aufgefallen:

  1. Wenn man den meisten ahnungslosen Käse-Agitatoren zuhört, gewinnt man den Eindruck, das Zeug würde in Saurons Finsterer Festung aus Blausäure, Schwefel und Ziegendung angemischt, bevor dann jeder Ork nochmal reinspucken darf, und wäre im besten Falle total unverdaulich, wahrscheinlich sogar hochgiftig. Man darf die Kirche im Dorf lassen. Analog-Käse wird meines Wissens aus Fett, Eiweiß und Stärke hergestellt. Wahrscheinlich gibt’s auch mal Farb- und Geschmacksstoffe, aber die stören uns doch sonst auch nicht. Man darf es doof finden, dass er nicht aus der Kuh kommt, aber eklig oder gesundheitsschädlich ist daran gar nichts. Wenn ich den Satz noch mal lese, frage ich mich übrigens sowieso, ob ich das mit dem Aus-der-Kuh-Kommen nicht viel ekliger finde.
  2. Keiner will’s gewusst haben. Ich kann das jetzt nicht belegen, aber gefühlt findet diese Es-gibt-keine-echten-Lebensmittel-mehr-Hysterie jedes Jahr statt. Und wem so unglaublich wichtig ist, was in seinem Essen steckt, der kann doch wohl die Angaben auf der Packung mal lesen, da steht das nämlich in der Regel drauf, wenn auch ziemlich klein gedruckt. Interessiert bloß normalerweise niemanden. Wie unehrlich muss man sich selbst gegenüber denn sein, wenn man überrascht sein will, dass Scheibletten und Krebsfleischimitat gar nicht „echt“ sind, was immer das heißt?
  3. Nochmal: Man darf sich gerne ärgern, dass man sich getäuscht hat. Natürlich ist es auch nicht anständig, den Eindruck zu erwecken, es würde Honig verkauft, wenn es nur Zuckerwasser ist. Aber wenn wir den Unterschied nicht schmecken und der Kram auch nicht gesundheitsschädlich ist – wofür ich bisher noch kein Indiz gefunden habe -, wo ist dann der Schaden?
  4. Besonders putzig finde ich’s, wenn jemand mit einer Zigarette in der linken und einem Long Island Iced Tea in der rechten Hand sich über Formfleisch entrüstet und sagt, so einen Dreck wolle er seinem Körper nicht antun.