Letter to my future self

30. November 2011

Lieber Muriel,

Erinnerst du dich noch an mich? Ich hoffe, denn ich vermute, dass es dir nicht weniger als mir auf den Geist geht, von wildfremden Leuten behelligt zu werden, die dir persönliche Fragen stellen und sich aufführen, als wären sie schon deine besten Freunde. Oder gibt es inzwischen echt gute Spamfilter? Das wäre so cool. (Dass die Menschheit inzwischen soweit sein könnte, dass du keinen Spamfilter mehr brauchst, kann ich mir wohl aus dem Kopf schlagen.)

Ich weiß nicht, ob wir beste Freunde sind. Ich kenne dich schließlich gar nicht.
Was machst du so? Du bist jetzt fast 50, also hast du wahrscheinlich deinen Weg ziemlich endgültig gewählt.
Hast du dir deinen Traum erfüllt und lebst von deinen Geschichten? Oder hast du ihn begraben? Schreibst du überhaupt noch? Hast du in einem anderen Teil deines Lebens etwas Großes geschafft, oder bist du gescheitert?
Hast du genug Geld, zu wenig, oder zu viel? Denkst du überhaupt noch über Geld nach, oder hast du schon eingesehen, dass das gar nicht so wichtig ist?
Macht dir deine Arbeit Spaß, oder sitzt du irgendwo an einem unbedeutenden Schreibtisch in einem Großraumbüro mit Leuten, die du nicht leiden kannst?
Mach dir nichts draus, und denk dran, dass jeder Schreibtisch genau so bedeutend ist, wie du ihn machst, und dass die Leute vielleicht auch gar nicht so schlimm sind, wenn du ihnen nur eine echte Chance… Naja. Den zweiten Teil vergiss vielleicht eher, das glaube ich nicht mal selbst.
Beruflicher Erfolg ist ja auch nicht alles. Hast du wohl Kinder? Falls ja, hoffentlich eine Tochter. Magst du sie? Hast du Haustiere?
Ärgerst du dich noch über die Dummheit anderer, oder hast du schon gelernt, dich vorbehaltlos darüber zu freuen? Wäre wahrscheinlich hilfreich, wenn du Kinder hast.

Vielleicht findest du es ein bisschen sonderbar, dass ich jetzt so viele Fragen gestellt habe, aber du noch fast gar nichts über mich weißt. Oder fast gar nichts mehr. Vielleicht möchtest du auch gerne wissen, was mich gerade so beschäftigt. Vielleicht auch nicht. In dem Fall kannst du jetzt aufhören zu lesen. Aber dann frage ich mich, warum du überhaupt erst angefangen hast. Also: Vor zwanzig Jahren am 30. 11. 2011 hast du gerade ein QM-Audit nebst angeschlossener Präqualifikation begleitet. Natürlich war dir der Ausgang wichtig, aber du warst sehr zuversichtlich, dass alles gut geht, deswegen warst du relativ entspannt. Was die sonstige Zukunft deiner Haupterwerbsquelle angeht, bist du nicht ganz so zuversichtlich, aber wer kann das heutzutage schon noch sein, langfristig gesehen? Viel mehr hat dich beschäftigt, was deine Leser wohl von deiner aktuellen Kurzgeschichte halten (Das war die 6. Episode von Yours to keep. Die, in der Daniel den Ring zum ersten Mal abnimmt.). Ob du das wohl jetzt merkwürdig findest, wie du damals deine Prioritäten gesetzt hast? Hm. Vielleicht ärgerst du dich ja sogar, dass du dich überhaupt mit dem anderen Blödsinn abgegeben hast, statt dich auf das zu konzentrieren, was dir am wichtigsten ist. Du weißt das schon. Ich finde es erst noch mehr oder weniger schmerzhaft heraus.

Deine Dissertation ist zwar schon abgegeben, aber du weißt noch nicht genau, ob du noch was dran ändern musst. Sie liegt jetzt seit bald vier Monaten bei deinen Prüfern, und du hast noch keine Antwort bekommen. Eigentlich ist dir das aber auch nur insofern wichtig, als du dich ein bisschen davor fürchtest, sie noch einmal überarbeiten zu müssen. Zum gefühlt neunzehnten Mal.

Du freust dich darauf, demnächst eine Woche frei zu nehmen, um endlich Nimmermehr so zu überarbeiten, wie du es mit deiner Lektorin besprochen hast, damit du noch einmal versuchen kannst, es Verlagen und Agenturen anzubieten. Wird Nimmermehr dein erster Erfolg, oder dein erster ganz großer Rückschlag? Vielleicht auch nur so eine Mittelding, das irgendwie geht, dich aber auch nicht richtig weiterbringt? Auch das weißt du schon. Ich beneide dich manchmal ein bisschen.

Andererseits… Wie fühlt sich das an, mit fast 50? Erinnerst du dich noch an die Zeit, als dir im Normalzustand absolut nichts wehtat? Als du noch keine chronischen Krankheiten hattest und dir deshalb um solchen Unsinn wie deinen Beruf oder dein Blog Gedanken machen konntest? Oder ist die Medizin schon so weit, dass es dir sogar besser geht als mir?

Was ist überhaupt aus der Welt geworden, in der du lebst? Ist die Aufklärung vorangeschritten, oder hat die Dunkelheit wieder Boden gewonnen? Haben sie endlich die versprochenen Jetpacks geliefert? Hat die Gentechnologie völlig neue Möglichkeiten eröffnet, oder ist ein Ende von Altern, Krebs und Erbkrankheiten immer noch in so weiter Ferne wie heute? Haben Spezialisten Karl Lagerfelds Kopf auf einen Jockeykörper transplantiert? Waren Menschen auf dem Mars, oder vielleicht sogar auf anderen Planeten? Ist Apple endlich tot, und hat die Unterhaltungsindustrie schon eingesehen, dass sie ihr Geschäftsmodell nicht rettet, indem sie ihre Kunden triezt und ihnen den Genuss ihrer Produkte vergällt?

Jetzt habe ich schon wieder angefangen, Fragen zu stellen.

Mir fällt aber auch nicht mehr viel ein, was ich noch über mich erzählen könnte. Weißt du noch, wie sehr du Keoni geliebt hast und wie sehr ich mich freue, sie zu haben? Ich hoffe, das geht dir immer noch so. Das ist wichtig. Aber das muss ich dir so oder so wohl nicht erzählen.

Mach’s gut, Muriel. Schade, dass ich dich niemals kennenlernen werde. Wenn du hier bist, bin ich schon lange weg.