an Größenwahn grenzende Arroganz

29. Oktober 2012

Ich habe zum Beispiel über den Game One Newspodcast davon erfahren: Apple hat die Preise für seine Apps erhöht, ohne mit den Leuten drüber zu reden, die diese Apps erstellen und mit Inhalten versorgen. Das ist einigermaßen dreist von Apple. Das ist schlechter Stil. Gar keine Frage. Es fällt mir besonders leicht, das zuzugeben, weil ich Apple nicht besonders mag, und weil dieses Nichtbesondersmögen sich durch den unsäglichen Hype um jedes neue leicht angepasste Produkt aus diesem Haus inzwischen in eine solide Antipathie entwickelt hat.

Dennoch gelingt es dem Spiegel (full disclosure: den ich noch weniger leiden kann) mühelos, die von Apple bereits ambitioniert angelegte Messlatte an Dreistigkeit und schlechtem Stil zu übertreffen. Was hält der Spiegel denn von Apples Preiserhöhung?

 Wir halten das für einen skandalösen Vorgang von grundsätzlicher Bedeutung.

Ahja. Fällt jemandem ein Beispiel für einen Artikel ein, der einen Vorgang als „skandalös“ bezeichnet und trotzdem noch lesenswert ist? Es gibt bestimmt welche. Ich weiß nur gerade keins. Um diese Einschätzung zu untermauern, legt das Sturmgeschütz der Demokratie (Na, kommt schon. Ihr habt nicht ernsthaft damit gerechnet, dass ich den ersten Spiegel-Post im Internet schreibe, in dem dieser Begriff nicht vorkommt, oder? So avantgardistisch bin ich dann auch wieder nicht.) mit einem Vergleich nach, der natürlich, wie sich das für ein seriöses, nur der Wahrheit und der Aufklärung verpflichtetes Medienunternehmen gehört, penibelst die realen Umstände abbildet und sich darauf beschränkt, sie ohne jede Verzerrung zu veranschaulichen:

Nehmen wir an, Sie, lieber Leser, verkaufen auf einem Dorfplatz Obst. Wie würden Sie reagieren, wenn eines Nachts der Marktbetreiber kurzerhand all Ihre Preisschilder ummalte? Hier werden aus 79 Cent vielleicht 89. Da aus 3,99 Euro 4,49. Alles jedenfalls wird teurer. Erklärungen gibt es keine. Stattdessen hält der Typ am nächsten Morgen die Hand auf: „Ich krieg‘ davon übrigens noch 30 Prozent.“

Und genau wie „auf einem Dorfplatz“ läuft es ja gewiss auch, wenn man als riesiger Verlagskonzern im Applestore eine App anbietet. Man steht da halt in seinem handgezimmerten Stand mit dem Tapeziertisch von Opa, kaut auf einem Strohhalm herum und wartet, malt liebevoll gestaltete Preisschilder, kassiert das Geld vom Kunden, und ist dann völlig verblüfft, wenn ohne Vorwarnung so ein „Typ“ vor einem steht und einem sagt, dass er eine Umsatzbeteiligung zu kriegen hat.

Ich persönlich hätte ja eher gedacht, dass der Store von Apple betrieben wird, und die Abwicklung der Zahlungen auch Apple organisiert, dass am Ende nur die Verlage ihren Anteil vom Umsatz bekommen. Ich wäre auch davon ausgegangen, dass dieser Anteil, und überhaupt das ganze Procedere, vorher haarklein in professionell abgefassten Verträgen festgehalten wird, den die Anwälte beider Seiten gründlich geprüft haben. Aber offenbar ist die Welt der Medien-Apps eine viel idyllischere, als ich bisher angenommen habe. Eben weil ich diesem peinlichen Irrtum aufgesessen bin, hätte ich bis gerade eben wahrscheinlich auch gesagt:

Was regt ihr euch auf, ihr nörgeligen Totholz-Medien? Apple gehört eben der Laden. Und wer dort seine Produkte verkaufen möchte, muss eben auch das Recht des Hausherrn akzeptieren, dass der die Preise festlegt.

Aber jetzt weiß ich es ja besser. Und für die anderen hat der Spiegel ein Gegenargument am Start, dem sich nun wirklich niemand verschließen kann:

Aber warum eigentlich? Was geht es Apple an, wieviel der SPIEGEL von seinen Lesern für die Lektüre seiner Inhalte verlangt? Wer gibt der Firma das Recht, den Preis zu bestimmen?

Und jetzt höre ich mal auf damit, so zu tun, als wäre ich auf Seiten des Spiegels und vollziehe einen rasanten Wechsel im Tonfall, einfach weil ich nicht mehr kann: Ich wüsste gerne, ob die Spiegel-Redaktion wirklich so unfassbar selbstgerecht ist, und ob sie diese unerschütterliche Überzeugung von der eigenen Sonderrolle und der eigenen tragenden Bedeutung für den Fortbestand der Welt, wie wir sie kennen, ehrlich empfindet, oder ob es sich hier nur um einen Versuch handelt, die Leser zu verschaukeln.

Warum eigentlich? Wer gibt der Firma das Recht? Spiegel, geht’s noch? Weil ihr das so mit denen vereinbart habt! Der Vertrag, den ihr unterschrieben habt, gibt der Firma das Recht. Ihr erwartet doch nicht im Ernst, dass wir euch abkaufen, ihr wüsstet das nicht?

Natürlich nicht. Denn darum geht es euch nicht. Ihr wisst ganz genau, was in eurem Vertrag steht, und ihr wisst auch ganz genau, dass ihr den nicht kündigen werdet, weil ihr glaubt, auf Apple angewiesen zu sein. Euch geht es um was ganz anderes, und für die, die es nicht schon von Weitem kommen gesehen haben, geht die alte Leier dann schließlich auch explizit wieder los:

Medienhäuser produzieren nun mal keine Schrauben oder Angry-Birds-Fortsetzungen. Sie liefern Informationen, Zusammenhänge, Nachrichten.

Genau. Klar, ihr seht generell schon ein, dass jeder in seinem eigenen Laden entscheiden darf, welche Preise er für den Kram nimmt, den er verkauft. Ihr seht schon ein, dass Verträge generell bindend sein sollen, und dass man nun mal das Hausrecht anderer achten muss. Generell hier im Sinne von: für alle anderen. Nicht für euch. Ihr seid viel zu wichtig und eure Produkte viel zu kostbar, als dass ihr euch um solchen lästigen Kleinkram kümmern müsstet:

Sie sind ein relevanter Baustein jeder funktionierenden Demokratie.

Genau. Und was wäre denn das schon für eine funktionierende Demokratie, in der Medienhäuser sich an dieselben Regeln halten müssen wir alle anderen? Schließlich ist

ihr Grundkapital […] ihre Glaubwürdigkeit, die sich wiederum aus Unabhängigkeit speist. Auch der ökonomischen.

Genau. Auch der ökonomischen! Die ökonomische Unabhängigkeit ist ganz wichtig. Deshalb sind die Medienhäuser Deutschlands auch gerade nachdrücklich dabei, sich ökonomisch unabhängiger zu machen, indem sie sich durch das geplante Leistungsschutzrecht in eine Abhängigkeit von der Umverteilungsmaschinerie des Staates begeben. Ähm. Ach naja, wer wird da so kleinlich sein? Ökonomische Unabhängigkeit ist natürlich wichtig, aber was kann schon schief gehen, wenn die gesamte Medienlandschaft sich vom Staat abhängig macht? Was sollte der schon tun, um diese Abhängigkeit zu missbrauchen? Eben.

Wie? Was Unabhängigkeit jetzt damit zu tun hat, dass Apple nicht selbst entscheiden darf, zu welchem Preis sie ihre Apps verkaufen? Ja, dazu kommt der Spiegel jetzt. „Unabhängigkeit“ ist hier nämlich nicht im Sinne von „Unabhängigkeit“ gemeint, sondern im Sinne von „anderen vorschreiben dürfen, was sie zu tun haben“, oder wie der Spiegel es formuliert:

Auch der ökonomischen, den eigenen Preis in der gewünschten Höhe festzulegen – und nicht in von Apple vorgegebenen Schritten.

Als wäre der Spiegel irgendwie verpflichtet, sich von Apple vorgeben zu lassen, in welchen Schritten er seinen Preis festlegt. Ist er nämlich nicht. Es steht dem Spiegel völlig frei, seinen Preis festzulegen, wie immer er das gerne möchte. Das bezweifelt niemand. Auch der Spiegel weiß das eigentlich. Aber es gefällt dem Spiegel nicht, dass er mit den Konsequenzen leben muss, namentlich, dass dann manche Leute einfach keine Lust mehr haben, zu diesen Preisen Geschäfte mit ihm zu machen. Apple zum Beispiel.

 Der Fall zeigt noch einmal anschaulich, wie die dominierenden Anbieter im Onlinegeschäft heute ihre Marktmacht durchsetzen

Und das ist für den Spiegel natürlich nicht hinnehmbar. Wie kann es jemand wagen, die eigene Marktmacht gegen die Unabhängigkeit des Spiegels durchzusetzen, wo doch der Spiegel so gerne seine Macht gegen die Unabhängigkeit anderer durchsetzen würde? Frechheit.

Wie Apple, Google oder Facebook inzwischen mit einer an Größenwahn grenzenden Arroganz versuchen, die Rahmenbedingungen im Mediengeschäft zu bestimmen

ist dem Spiegel ein sehr schmerzhafter Dorn im Auge, weil es ihn davon abhält, mit einer an Größenwahn grenzenden Arroganz selbst die Rahmenbedingungen im Mediengeschäft zu bestimmen. Unverschämtheit!

Der Konflikt spitzte sich in jüngster Zeit zu: Weil Google etwa aktuell in Frankreich fürchten muss, dass es für die Anzeige von Nachrichten-Snippets Gebühren zahlen soll, droht es kurzerhand damit, man könne französische Medien ja auch einfach abknipsen.

Und das ist doch nun wirklich nicht zu fassen, oder? Bloß weil die Verlagshäuser in Ausübung ihrer ökonomischen Unabhängigkeit Google mithilfe der Staatsmacht zwingen wollen, etwas dafür zu bezahlen, wenn Google ihnen Kunden zuleitet, erdreistet Google sich, ihnen zu drohen, damit aufzuhören. Das wäre ja noch schöner, wenn Leute einfach aufhören dürften, eine Leistung für mich zu erbringen, bloß weil ich Geld dafür von ihnen verlange!

Und bevor ihr jetzt lacht und euch freut, dass nur die nörgeligen Totholz-Medien der Hybris von Google und Apple zum Opfer fallen: Es steht wie immer die Zukunft unserer ganzen Zivilisation auf dem Spiel, denn

Opfer sind nicht nur die Verlage. Opfer sind vor allem die Leser. Opfer ist jene Gesellschaft, auf deren Freiheit sich die Konzerne so gern berufen.

Und natürlich die Kinder. Und die Katzenbabys. Für jede nicht mit dem Spiegel abgesprochene Preiserhöhung im Apple-Store muss nämlich irgendwo ein niedliches kleines Katzenbaby sterben. Und das können wir doch nun wirklich nicht zulassen, oder?


Ich weiß auch noch nicht, worum es hier gleich gehen wird, aber wir merken das dann schon. Auf jeden Fall wird es ziemlich lang.

10. Mai 2011

madove (Schon wieder. Das muss für Unbeteiligte so aussehen, als wäre ich total dicke mit ihr, dabei sind wir in Wahrheit als fast Libertärer und Quasi-Kommunistin natürliche Feinde, und ich zumindest warte nur auf eine Chance… Naja, egal, für einen Klammereinschub ist das hier jetzt auch wirklich schon lang genug, oder?) hat mich letztens auf die Idee gebracht, mir mal den Podcast „Heiter scheitern“ anzuhören, der mir schon länger irgendwie ein Begriff ist, mit dem ich mich aber noch nie näher befasst hatte. Nach eigener Auskunft handelt es sich dabei um ein queeres Stößchen aus den Zonen der Unbewohnbarkeit.

Naja. Der Begriff „Stößchen“ macht mich krank, das war also erst mal abschreckend. Ich meine das auch nicht nur so umgangssprachlich. Dieser Ausruf verursacht mir wirklich körperliches Unwohlsein. Trotzdem beschloss ich dann nach kurzem Stöbern durch das Angebot, mal in den Cast „homophob über die Blümchenwiese“ reinzuhören, und weil ich ein bisschen manisch veranlagt bin, habe ich wenig später den zweiten Teil ebenfalls noch angehört. Es geht dort so ungefähr um die Frage, welche Medien warum wie und unter welchen Umständen für Kinder geeignet sind, natürlich mit dem Schwerpunkt auf Genderfragen und, naja, Homophobie.

Wie soll ich sagen, es hat mir gefallen. Es geht nämlich um ein Thema, über das ich auch viel nachdenke.

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